Haus des Anstoßes
Und was hat das jetzt mit meinem Haus zu tun?
Tante Ingrid, die gerade schon ein Glas Gewürzgurken und ein Stück Gouda aus dem Kühlschrank gefischt hatte, drehte sich um.
Naja, wie denn? In meinem kleinen Zimmer, wo ich normalerweise schlafe, ist gerade Baustelle alles voll Handwerker! Und jetzt ist auch noch mein Sohn mit Frau und drei Enkelkindern da! Kein Platz zum Schlafen. Also habe ich gedacht: Ich komm einfach hierher, schlaf eine Nacht auf deinem Sofa, fahr morgen wieder rüber, kläre das mit dem Bauleiter, und dann wird alles wieder gut!
***
Jule wurde unsanft aus ihrem schönen Traum gerissen unten im Haus knallte irgendwas ganz laut. Mit klopfendem Herzen setzte sie sich im Bett auf und horchte
Was war das denn? flüsterte sie in die Dunkelheit ihres Schlafzimmers im Obergeschoss.
Sonst nichts. Kein ungewöhnliches Knarzen, nur das Ticken der Wanduhr, das sie früher immer beruhigte und jetzt richtig unheimlich wirkte
Wahrscheinlich ist ein Ast runtergekracht aufs Vordach, dachte sie, oder das alte Bücherregal ist kollabiert. Das Haus ist ja auch nicht mehr das Neueste. Ich schau morgen nach.
Sie legte sich wieder hin, wollte gerade wieder einschlafen, als es unten erneut klopfte. Diesmal nicht so laut, dafür viel beunruhigender. Schsch. Schsch. Da unten lief jemand rum. Und es war definitiv nicht die Katze.
Jule war wie erstarrt vor Angst. Das war kein Traum. Einbrecher. In ihrem Haus. Und das wäre noch das Harmloseste! Lieber gar nicht drüber nachdenken, wer es sonst sein könnte
Panisch sprang sie aus dem Bett. Der Boden war kalt unter den Füßen, aber sie schwitzte vor Aufregung. Ihr Blick fiel auf den Nachttisch, auf dem eine schwere, etwas altmodische Messinglampe mit dickem Glas stand. Ein solides Teil jetzt müsste sie nur mit dem ersten Schlag treffen
Jule packte die Lampe und schlich sich fast kriechend zur Schlafzimmertür.
Sie öffnete die Tür einen winzigen Spalt. Im Flur oben war es finster, aber durch das Fenster ganz oben schien das Licht der Straßenlaterne und warf gruselige Schatten an die Wand. Die Schritte unten hatten aufgehört. Der Eindringling oder die Eindringlinge standen direkt an der Treppe, Richtung Küche.
Jule pirschte sich auf Zehenspitzen nach unten.
Sie drückte sich fest an die Wand, holte tief Luft und versuchte sich an die Selbstverteidigungskursstunden zu erinnern, die sie mal besucht hatte, aber nie wirklich weitergemacht hatte. Jetzt oder nie.
Mit der Lampe erhoben stürmte sie nach vorn.
Ich zeig dir gleich! schrie sie und zielte auf die dunkle Gestalt, die mit dem Rücken zu ihr am Fuß der Treppe stand.
Die Gestalt konnte gar nicht reagieren.
Aber Jule verfehlte zum Glück.
Und zwar Gott sei Dank!
Denn vor ihr stand nicht jemand mit Brecheisen, sondern Tante Ingrid.
Wie erstarrt blieb Jule mit erhobenen Armen stehen, dann fanden ihre Muskeln zurück in die Realität und sie griff nach dem Lichtschalter.
Tante Ingrid?
Ingrid klammerte sich an ihren Stoffbeutel, starrte Jule an, die in einer albernen Schlafanzughose und T-Shirt vor ihr stand.
Julie! Ach du meine Güte! Ingrid griff sich ans Handgelenk, als müsste sie nach dem Puls tasten. Mir schlägt das Herz bis zum Hals, Mädchen! Beinahe hättest du mich erschlagen
Jule atmete so tief aus wie seit ihrem Abi nicht mehr.
Ingrid, ich dachte, hier brechen Leute ein! Warum erschreckst du mich so? Mein ganzes Leben ist mir durch den Kopf gegangen auf dem Weg nach unten!
Sie stellte die Lampe, deren Fuß sich gelöst hatte, auf die Stufe.
Dir ist es durch den Kopf gegangen? Stell dir mal vor, du hättest wirklich getroffen zitterte Ingrid vor sich hin.
Aber wie bist du überhaupt reingekommen?
Ingrid fiel wieder ein, dass jetzt sie sich erklären musste, nicht etwa Jule jetzt besser zurechtzustutzen.
Entschuldigung, mein Schatz, wollte dich gar nicht wecken. Ich dachte, du schläfst tief und fest. Bin ganz leise gekommen
Leise? hakte Jule nach. Das waren richtige Kanonenschläge!
Ach, das war nur die Garderobe, die ich umgeschmissen hab. Und dann hab ich einen Platz für meine Taschen gesucht
Taschen? Jule schaute in den Flur, wo mehrere Einkaufstüten standen. Aber warum tauchst du denn nachts um drei in MEINEM Haus auf?
Na, ich hab ja nicht eingebrochen! Ich bin doch einfach nur zu Besuch hier.
Zu Besuch? Du hast noch Schlüssel? Es dämmerte Jule.
Ups, jetzt war die Überraschung aufgeflogen.
Naja, so richtig Ich hab neulich beim Ausmisten einen Schlüsselbund gefunden, einfach vergessen gehabt!
Jule lehnte sich an die Wand. Lachen oder weinen?
Okay sagte sie trocken. Du hast also noch einen Schlüssel gefunden. Aber warum kommst du um drei Uhr nachts? Und sagst mir nicht mal vorher Bescheid? Du weißt doch, wie sehr ich dunkle Häuser hasse, wenn ich alleine bin.
Tante Ingrid inspizierte währenddessen das Wohnzimmer und lugte durch jede Tür.
Ui, wie ordentlich du hier alles hast! Richtig schick. Ich bin nur gekommen, weil bei mir zu Hause Chaos herrscht.
Was für ein Chaos? fragte Jule.
Ingrid wanderte in die Küche, schaltete kein Licht an, sondern öffnete routiniert den Kühlschrank. Das Licht drin ließ ihre Silhouette ganz komisch wirken.
Du, der Anton ist einfach mit Frau und den Kindern eingezogen! Mit Sack und Pack!
Und was hat das jetzt mit meinem Haus zu tun?
Ingrid, die gerade eine Gurkenglas und Käse in der Hand hatte, drehte sich um.
Was soll ich denn machen? In dem kleinen Zimmer, wo ich immer schlafe, wird renoviert! Und mein Sohn, Schwiegertochter und Enkel brauchen Platz! Da dachte ich, ich penne eben hier, fahre morgen selbst zurück und dann kümmer ich mich um alles easy!
Manchmal hätte Jule sie doch lieber mit der Lampe getroffen.
Ingrid Nicht böse gemeint, aber rein rechtlich gehört das Haus jetzt MIR.
Ingrid verdrückte den Käse, stellte das Gurkenglas zurück und schaute erwartungsvoll zu Jule.
Und du willst mich jetzt etwa nicht reinlassen? In das Haus, das ich dir quasi zum Schnäppchen überlassen habe?
Das klang fast so, als hätte sie es geschenkt und wäre eine große Wohltäterin.
Ich lass dich ja rein, Ingrid, gab Jule klein bei, weil sie viel zu müde war für Diskussionen, und rauswerfen konnte sie Ingrid ja auch nicht mitten in der Nacht. Aber das ist wirklich das erste und letzte Mal. Eine Nacht und morgen gehst du wieder.
Sie bereitete die untere Schlafcouch vor, die sie extra mal für Gäste gekauft hatte, aber bisher war nie jemand wirklich geblieben.
Am nächsten Morgen wühlte Ingrid direkt in jeder Schublade, als hätte sie nie das Haus verlassen.
Ach, was ist das denn? Du hast dir ja einen Mixer gekauft! Meinen alten hattest du ja mal übernommen, aber der konnte doch noch was. Sachen schätzt du wirklich gar nicht.
Gegen Mittag, als Jule schon dachte, Ingrid würde gleich wieder losfahren, blieb sie einfach da.
Julie! Du bist echt ein Schatz, dass du mich nicht rausgeworfen hast! Ich hab da so drüber nachgedacht
Was jetzt wieder?
Was denn?
So ne Renovierung dauert ja immer. Die Handwerker wollten bis Mittwoch fertig sein, aber das ist schon das dritte Mal, dass die den Termin verschieben. Anton bleibt wohl länger und sie brauchen halt Platz!
Aber ich hab meine eigenen Pläne… erwiderte Jule.
Wie störe ich die denn? Ich schlaf weiter auf der Couch, bin leise wie ein Mäuschen du merkst mich gar nicht!
Ich merke dich schon! entfuhr es Jule.
Hab ich denn etwas falsch gemacht? fragte Ingrid mit beleidigtem Ton.
Jule konnte halt einfach nicht knallhart nein sagen. Schon gar nicht zur Verwandtschaft. Und außerdem, es war ja nur für ein paar Tage… und sie hatte das Haus so lange bewohnt.
Okay, flüsterte Jule, Aber wirklich nur bis Mittwoch und bitte keine weiteren Gäste.
Bis Mittwoch! Ehrenwort!
Mittwoch kam.
Ingrids Baustelle war immer noch nicht fertig.
Eine weitere Woche verging.
Jule stellte fest, dass ihr Haus sich inzwischen wie ein Hotelzimmer anfühlte, in dem sie nur dann in die Küche durfte, wenn Ingrid dort fertig war.
Und sie durfte das Hotel sogar selber putzen.
Julie, hast du noch Handtücher? Die hier sind schon wieder frisch dreckig. Könntest du die mal schnell durchwaschen?
Jule war fix und fertig. Sie wollte eigentlich einfach nur ihr Zeug waschen, in Ruhe essen und mal ungestört im eigenen Zimmer sein. Also fing sie an, ihr Schlafzimmer abzuschließen was Ingrid sofort mit Empörung kommentierte.
Hast du etwa Angst vor mir? Wie soll ich das denn verstehen?
Ich will einfach mal allein sein
Weil ich dich nerve?
Ja!
Aber Jule sprach:
Nein, natürlich nicht.
Mit den Tagen verstrichen noch zwei Wochen. Anton und Familie reisten ab, haben gefühlt die halbe Tiefkühltruhe leer gemacht, und Jule dachte: Jetzt reichts aber.
Ingrid, kannst du heute wieder bei dir schlafen?
Ja, Julie!
Aber dann
Ich bräuchte die Schlüssel bitte zurück, bevor du gehst.
Wozu denn?
Die gehören mir. Du hast mir das Haus verkauft. Es ist jetzt meines. Ich möchte, dass nur ich die Schlüssel habe.
Willst du mich etwa rausschmeißen? Ingrid sah aus wie der berühmte Kater aus dem Trickfilm, der sofort auf Mitleid setzt.
Bei allem Respekt, du bist hier zu Gast. Gäste kriegen keinen Schlüssel.
Ach, Julie, ich hab doch so viele Jahre in diesem Haus gelebt. Ich kenn jeden Winkel
Ich versteh dich, aber ändern kann ich nichts. Du hast es verkauft, nicht verschenkt
Na und? Zu Besuch kannst du mich doch immer lassen! Ich bleibe ja nicht für immer
Ingrid, du bist jetzt zwei Wochen hier gewesen, hast meinen Kühlschrank leergeräumt, auf meinem Sofa geschlafen, und willst den Schlüssel nicht abgeben! Das ist ein bisschen viel Action für einen Besuch!
Wir könnten doch hier einfach zusammen leben säuselte sie.
Kommt gar nicht in Frage! rief Jule.
Da wurde Ingrid richtig sauer, zog den Schlüssel aus der Jackentasche.
Hier! warf sie ihn ihr rüber. Nimm ihn. Ich setze keinen Fuß mehr über diese Schwelle!
Tschüss, Ingrid.
Das Signal war nicht zu übersehen. Sachen packen und abfahren.
Schon verstanden. Ruf mich nicht mehr an. Wer mich nicht sehen will, muss mich auch nicht hören! grantelte Ingrid.
Wie du meinst.
Friedlich auseinanderzugehen war unmöglich. Ingrid schimpfte, bis sie im Taxi saß. Aber nachdem sie weg war, atmete Jule einfach nur erleichtert auf. Und keinen einzigen Moment hatte sie ein schlechtes Gewissen.





