Oh, wer ist das denn? stutzte Anneliese, als sie die Küche ihrer Freundin betrat.
Dort, unter dem warmen Licht der Deckenlampe, stand in der Ecke bei dem kleinen Küchenschrank ein leicht ergrauter Mann, etwa vierzig Jahre alt, schüchtern und zurückhaltend. Er schnitt fachmännisch und erstaunlich geschickt frischen Dill mit Hildegards großem Messer klein.
Anneliese, das ist Rüdiger. Rüdiger, das ist Anneliese, murmelte Hildegard verlegen. Hier hast du den Zucker. Komm, gehen wir.
Sie drückte Anneliese die Dose mit Zuckerkristallen in die Hand und schob sie eilig aus der Küche, in den Flur.
Sehr erfreut! rief Anneliese mit einem letzten Blick auf den Neuen über die Schulter, versuchte, ihn schnell von oben bis unten zu mustern.
Doch auch beim zweiten Hinsehen wirkte Rüdiger wenig beeindruckend. Keine einzige Kleinigkeit konnte Anneliese erklären, wie es Rüdiger geschafft hatte, so schnell in Hildegards Haushalt inklusive ihrer Schürze mit den bunten Berliner Pfannkuchen einzuziehen.
Rüdiger, ich bin gleich wieder da! rief Hildegard Richtung Küche und zog die Tür hinter sich zu.
Kaum standen sie im Flur, packte Anneliese sie am Arm:
Jetzt red schon!
Was soll ich denn erzählen? versuchte Hildegard sich zu drücken. Ach komm, gehen wir rüber.
Die beiden Freundinnen verließen die Wohnung, überquerten den engen Hausflur und verschwanden in Annelieses gemütlicher Zwei-Zimmer-Wohnung nebenan.
Bei Anneliese roch es nach Zimt und teurem Dior-Parfum. Alles, angefangen beim schneeweißen Hocker am Eingang, verriet die liebevolle Sorgfalt, mit der sie ihre Wohnung behandelte.
Ganz anders als bei mir, dachte Hildegard mit einem Anflug von Wehmut und erinnerte sich an ihre halbfertigen Tapeten im Flur.
Nun erzähl schon! forderte Anneliese noch einmal, während sie den Zucker in ihre Rührschüssel gab, den Schneebesen schwang und erwartungsvoll zu ihr sah.
Was ist denn mit deinem Johann? versuchte Hildegard abzulenken.
Der sitzt im Stadtrat, der kommt heute spät. Na los!
Weißt du, ich hab ihn einfach auf dem Markt gesehen. Und mitgenommen…
Wie bitte? Anneliese runzelte misstrauisch die Stirn.
Schau, er stand da am Marktstand, Mantel, ordentliches Aussehen, aber trotzdem verloren. Ich frage: Was kostet der Dill? Da sagt er: darf ich ihn Ihnen schenken? Ich frage: Wieso das? Er meint: Ich habe mir vorgenommen, die Frau, die auf mich mit traurigen Augen zukommt, die bekommt meinen Dill geschenkt. Nehmen Sie ihn, ich habe ihn selbst gezogen.
Und du?
Ich habe ihn einfach genommen. Wollte schon gehen, dann frage ich: wieso denken Sie, ich hätte traurige Augen? Gar nicht! Da schaut er mich so ruhig an… und dann nimmt er meine Tasche und läuft neben mir her.
Und du? Anneliese vergaß den Schneebesen in der Hand und kratzte sich damit an der Stirn.
Ich bin einfach gelaufen, war still und dachte nach. Er wirkte so verloren … Da dachte ich: soll er eben mitkommen.
Das gibts doch nicht! Einen wildfremden Mann nimmst du einfach mit in die Wohnung? Hast du deine Wertgegenstände wenigstens versteckt?
Anneliese! Hildegard wurde wütend. Quatsch doch nicht so. Rüdiger ist übrigens Radiologe!
Hast du seine Papiere gesehen?
Hör mal, du hast mir doch selbst damals… Hildegard verzog enttäuscht das Gesicht von der Avocado erzählt…
Welche Avocado? Anneliese war nun ganz verwirrt.
Hildegard erinnerte sich an jenen Abend in dieser Küche zurück…
Vor ihr lag eine Avocado, aufgeschnitten in feinen Streifen, das Grün im Farbverlauf von satt bis zart am Kern.
Hildegard hatte nie das Talent, eine gute Avocado auszusuchen. Im Supermarkt drehte sie jedes glänzende, dunkelgrüne Exemplar in der Hand, prüfte die leichte Nachgiebigkeit, drückte sacht auf die Schale. Sie legte die einen zurück, nahm andere, Minuten wurden zu Stunden, und doch blieb es ein Rätsel, die perfekte Avocado zu erkennen.
Manchmal glaubte sie, es geschafft zu haben, und brachte ihre Beute glücklich nach Hause. Doch meistens glitt das Messer in das Fruchtfleisch wie in eine rohe Kartoffel zäh, widerspenstig. Der Geschmack war dann entsprechend. In solchen Fällen ließ sie die unreife Frucht auf dem Tisch nachreifen, bis sie einige Tage später durchaus genießbar war.
Doch an jenem Tag lag eben eine perfekte Avocado vor ihr ausgesucht von Anneliese, die darin eindeutig mehr Glück hatte. Hildegard nahm vorsichtig ein Stück, legte es auf die Zunge. Diese Avocado musste man gar nicht kauen, sie schmolz sanft im Mund, das feine nussige Aroma breitete sich wie eine Welle aus.
Du hast damals gesagt, das sieht und fühlt man nicht immer auf den ersten Blick. Man muss fühlen, ob eine gut ist, erklärte Hildegard, zurück in der Gegenwart.
Aber was hat die Avocado mit Männern zu tun?
Bei dir läuft es doch auch immer glücklich. Wie mit den Avocados … Bei mir nicht, senkte Hildegard den Blick.
Und hast du … Rüdiger gefühlt? Anneliese musste nach seinem Namen überlegen und wunderte sich über dessen Unscheinbarkeit.
Neben ihm war plötzlich Ruhe, obwohl überall Markttrubel herrschte. Und da dachte ich: was, wenn das auch mal reicht, wenn jemand einfach … gewöhnlich ist?
Aha… Na gut. Geh mal lieber, sonst fehlt er dir noch.
Anneliese bugsierte sie samt Zuckerdose hinaus, drückte ihr dabei einen festen Händedruck, horchte an der Tür und hörte das leise Zuklappen der Nebentür. Stille.
Na dann. Man weiß ja nie …, dachte sie und vertiefte sich wieder in ihre Tortencreme.
Hildegard kehrte zurück in ihren Flur. Da stand Rüdiger, immer noch in ihrer Schürze mit den Berlinern, oben auf dem Hocker und presste ein Stück Tapete an die Wand.
Entschuldige, ich habe die Rolle in der Küche gefunden, als ich nach der Dildose gesucht habe. Der Kleister war auch da. Da dachte ich … ist das in Ordnung? fragte er unsicher und schwankte auf dem wackeligen Hocker.
Hildegard sprang, flink wie ein Luchs, zu ihm hin, griff seine fremden Beine. Unter der Jeans spürte sie die Knie: fest, angewinkelt wie eine Avocado unter harter Haut. Und sie dachte erstaunt: Mein eigenes.
Rüdiger bewegte sich nicht, vielleicht aus Angst, das noch feuchte Tapetenstück würde nicht halten. Vielleicht auch, weil er keinen Zauber verscheuchen wollte, der gerade in der Luft hing.
Endlich nahm er die Hände von der Wand und strich Hildegard vorsichtig übers Haar.
Magst du Avocado? fragte sie plötzlich, die Augen geschlossen.
Sehr! antwortete Rüdiger ehrlich, obwohl er eigentlich noch nie eine probiert hatte.
In diesem Moment spürten beide, wie ein warmer, noch feuchter Tapetenstreifen sich leise über sie legte. Oder war es einfach nur Glück…
Manchmal erkennt man das Wertvolle eben nicht gleich ob beim Avocadoeinkauf oder im Leben. Heute habe ich verstanden: Wahres Glück kommt oft unscheinbar daher, und manchmal muss man es einfach in Ruhe auf sich wirken lassen.



