Egor und das Warten auf Mama – Wie ein kleiner Junge, eine Erzieherin und ein Kater füreinander Familie werden

Mama ist immer noch nicht da. Alle anderen Kinder wurden schon von ihren Eltern abgeholt, nur ich sitze noch hier. Ich, Egon, spiele leise mit dem kleinen Auto in der Ecke des Gruppenraums. Die Erzieherin, Frau Marianne Schulze, blickt ungeduldig auf die große Uhr an der Wand. Ich seufze tief, schaue erst in das schwarze Fenster, dann zur Tür.

Frau Schulze, ich habe heute Mittag einen großen Hund am Zaun gesehen, sage ich leise zu ihr. Bestimmt ist der immer noch da. Vielleicht traut sich Mama ja nicht rein, weil sie Angst hat vor dem Hund. Gehen wir hin und vertreiben ihn?

Ach, Egon, da ist doch kein Hund. Stell dir nicht so etwas vor. Ich rufe jetzt deine Mutter noch einmal an, antwortet sie streng.

Frau Schulze nimmt ihr Handy, wählt wieder die Nummer meiner Mama, niemand geht ran. Ihre Stirn liegt in Falten, sie sieht nervös auf die Uhr.

Irgendetwas ist passiert, denkt sie wohl. So etwas ist sonst nie vorgekommen. Egons Mutter ist immer zuverlässig und liebt ihren Sohn. Sie würde wenigstens anrufen, wenn sie sich verspätet.

Egon, wir ziehen uns an. Du kommst mit zu mir nach Hause, sagt Frau Schulze nach einer Weile entschlossen.

Und Mama? frage ich ängstlich. Was wenn sie kommt und wir nicht mehr hier sind?

Wir hinterlassen ihr eine Nachricht, Egon. Ich schreibe meinen Namen, meine Adresse und meine Nummer auf einen Zettel. Sie findet uns dann. Es ist schon spät, und mein Kater hat sicher Hunger.

Sie haben einen Kater? frage ich erfreut. Einen echten? Darf ich mit ihm spielen?

Natürlich, komm jetzt!

Als ich mit Frau Schulze ihre gemütliche Wohnung betrete, ist es schön warm und es riecht nach Apfelkuchen. Ein großer, dicker, roter Kater liegt auf dem Sofa und lässt sich genüsslich von mir kraulen, während ich meine Neugier kaum zügeln kann. Nach einer heißen Tasse Tee schlafe ich schnell ein.

Frau Schulze trägt mich vorsichtig in ein Bett und verschwindet mit dem Handy in die Küche. Lange redet sie mit jemandem am Telefon mit der Polizei, dann mit der Notaufnahme.

Nach einer Ewigkeit kehrt sie blass ins Zimmer zurück. Ich sitze schon weinend auf der Bettkante.

Wo ist meine Mama? frage ich schluchzend. Ich will heim, zu ihr. Sie weint bestimmt auch zuhause. Mein Bett weint auch. Meine Spielsachen vermissen mich. Bitte, Frau Schulze, gehen wir heim. Ich will zu Mama.

Egon, mein Junge, sagt Frau Schulze leise und setzt sich zu mir. Bitte weine nicht. Deine Mama kann heute nicht kommen, sie ist verhindert. Aber du bist jetzt bei mir und dem Kater. Wir mögen dich sehr.

Doch, Mama wartet auf mich! Ohne mich kann ich nicht schlafen , weine ich weiter und frage dann leise: Frau Schulze ist Mama vielleicht auf den Himmel geflogen?

Nein, Egon, deine Mama ist nicht auf den Himmel geflogen. Keine Sorge. Warum fragst du das?

Mein Papa ist auf den Himmel geflogen. Und meine Oma auch. Sie schauen von oben auf mich, und wenn ich brav bin, freuen sie sich. Ich habe Angst, dass Mama auch noch wegfliegt.

Behutsam nimmt mich Frau Schulze in den Arm. Ich verstecke mein Gesicht an ihrer Schulter.

Deine Mama ist stark und wird wieder gesund, flüstert sie. Morgen besuchen wir sie im Krankenhaus. Sie war heute in einem Unfall verwickelt und ist krank geworden.

So wie ich letztens? Hat sie Halsschmerzen? frage ich besorgt.

Ja, vielleicht ein bisschen. Und ihr Arm tut weh. Aber sie wird wieder gesund. Und dann gehst du wieder mit nach Hause.

Ich bringe ihr Milch mit Honig, das hilft! Dürfen wir ihr Milch mitbringen? frage ich hoffnungsvoll.

Natürlich bringen wir das, Egon. Jetzt Augen zu ich erzähle dir eine Geschichte.

Nach einer Weile frage ich: Frau Schulze, warum wohnen Sie eigentlich alleine?

Sie wird plötzlich ganz still. Früher hatte ich einen Mann und einen Sohn Sie sind ins Schrebergartenhaus gefahren, ich blieb zum Aufräumen daheim. Dann passierte ein Unfall. Jetzt sind sie auf dem Himmel. Ich wohne nun mit Kater Max alleine. Es tut mir so leid, dass ich nicht dabei war vielleicht wären wir dann alle noch zusammen.

Sie sind auf den Himmel geflogen?

Ja, Egon, seufzt sie.

Weinen Sie nicht, Frau Schulze! Sie schauen auch auf Sie runter und freuen sich, wenn Sie lachen so sagt Mama das immer. Wir beide weinen jetzt nicht mehr, ja? Dann sind sie alle glücklich da oben.

Frau Schulze wischt sich die Tränen ab, umarmt mich und drückt mir einen Kuss auf das Haar.

Wir müssen früh raus morgen, Egon. Kannst du noch ein bisschen bei mir wohnen? Bis deine Mama wieder gesund ist? Max und ich haben dich gern bei uns.

Einverstanden! Ich helfe auch im Haushalt. Ich kann schon das Geschirr spülen. Darf ich Sie Oma nennen? Aber nur hier, nicht im Kindergarten.

Natürlich, Egon. Schlaf gut.

Frau Schulze sitzt noch lange am Fenster, sieht in den Nachthimmel und wischt sich immer wieder eine Träne aus dem Gesicht. Ich schlafe tief und fest in ihrem Bett, und Max der Kater schnurrt bei meinen Füßen.

Viele Jahre später:
Ich, Egon, wache früh auf, recke mich und hüpfe aus dem Bett. Der Duft von frischen Pflaumenkuchen zieht aus der Küche.

Oma, warum bist du denn schon so früh wach? frage ich und drücke Frau Schulze einen Kuss auf die Wange.

Ach, konnte nicht mehr schlafen. Da dachte ich, back ich euch einen Kuchen, damit ihr, du und deine Mama, was Schönes habt zum Frühstück. Euch eine Freude machen und mir selbst auch. Setz dich, ich gieße dir Milch ein. Schlafen kann ich später noch das Leben ist zum Da-Sein da!

Lydia FalkensteinGerade klingelt es an der Haustür. Meine Mama steht draußen gesund, mit einem fröhlichen Lächeln, und nimmt mich fest in den Arm. Ihr Gips ist längst ab, sie riecht noch immer nach Lavendel und Umarmungen.

Na, ihr Zwei?, fragt sie und zwinkert Oma Schulze zu. Gibts schon Frühstück oder darf ich noch helfen?

Wir lachen gleichzeitig und decken zusammen den Tisch. Max springt auf seinen Lieblingsplatz und beäugt das Treiben zufrieden. Draußen scheint die Sonne auf den kleinen Balkon, wo Blumen blühen, die ich mit Oma gepflanzt habe.

Ich halte kurz inne, sehe meine Mama und Oma Schulze an. So unterschiedlich sie sind, aber zusammen leuchten sie besonders hell. Genau wie der Himmel voller guter Gedanken, auf den wir manchmal blicken, wenn wir jemanden vermissen.

An diesem Morgen ist alles da: Liebe, Wärme, Geschichten und der Duft von frischem Kuchen. Ich wünsche mir, dass es nie mehr anders ist. Doch selbst, wenn das Leben wieder einmal alles durcheinanderwirbelt, weiß ich jetzt: Es gibt immer Menschen, die einen auffangen wie ein kuscheliges Sofa an einem Regentag, oder wie ein Kater, der schnurrend leise Trost spendet.

Ich lächle und schließe fest meine Hand um die von Mama und Oma. Während wir gemeinsam frühstücken, spüre ich: Hier ist Zuhause. Genau hier.

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Homy
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