LASS MICH GEHEN, BITTE
Ich fahre nirgendwohin… murmelte die Frau leise. Das ist mein Zuhause und ich werde es nicht verlassen. In ihrer Stimme schwebten unausgesprochene Tränen.
Mama, sprach ich. Du verstehst doch, dass ich nicht für dich sorgen kann… Du musst das doch einsehen.
Ich war traurig, weil ich sah, wie sehr meine Mutter litt und sich sorgte. Sie saß auf dem altmodischen, durchgesessenen Sofa im Wohnzimmer ihres Häuschens in meinem Heimatdorf.
Alles ist in Ordnung, ich komme alleine zurecht, du musst dich nicht um mich kümmern, sagte sie störrisch. Lasst mich einfach.
Aber ich wusste, dass es nicht stimmen konnte. Sie hatte einen Schlaganfall erlitten. Meine Mutter, Elfriede Schulze, war schon zuvor oft krank gewesen. Ich erinnere mich noch gut, wie ich mir damals monatelang unbezahlten Urlaub nehmen musste, als sie sich das Bein gebrochen hatte, um für sie da zu sein. Obwohl sie damals tapfer war, konnte sie anfangs keinen Schritt ohne meine Hilfe tun.
Erst in letzter Zeit verdiente ich so gut, dass ich für den Sommer große Renovierungspläne für das alte Haus gemacht hatte, damit es Mama gemütlich hat. Doch dann kam der Schlaganfall. Nun machte der Umbau keinen Sinn mehr ich musste sie nach München holen.
Claudia packt gleich deine Sachen, sagte ich und nickte meiner Frau zu. Sag ihr einfach, wenn du etwas brauchst.
Elfriede schwieg weiter, starrte nur aus dem Fenster hinaus, wo der sanfte Herbstwind die vergilbten Blätter der alten Linden forttrug, die sie schon ein Leben lang sah. Mit der gesunden linken Hand hielt sie fest die rechte, die nun nutzlos auf ihrem Schoß lag.
Claudia kramte im Schrank, fragte immer wieder, was sie mitnehmen sollte. Aber meine Mutter schaute nur hinaus. Mit ihren Gedanken war sie ganz woanders, weit entfernt von der Schwiegertochter, den alten Kitteln und der zerbrochenen Lesebrille.
Elfriede Schulze war in einem kleinen bayerischen Dorf geboren und dort ganze achtundsechzig Jahre geblieben. Sie war immer Näherin gewesen, zuerst im hiesigen Schneideratelier, das vor Jahren geschlossen wurde, weil immer mehr Leute fortzogen.
Danach arbeitete sie von zu Hause aus. Doch Aufträge wurden immer seltener, also kümmerte sie sich mit Hingabe um Haus und Garten, investierte all ihre Kraft darin. Nun konnte sie sich beim besten Willen nicht vorstellen, alles einfach zurückzulassen und in eine große, fremde Wohnung nach München zu ziehen
Jonas, sie isst schon wieder nichts, seufzte Claudia, als sie mit dem vollen Teller aus der Küche kam. Ich halte das nicht mehr aus. Mir fehlt einfach die Kraft…
Ich sah erst sie an, dann den unangetasteten Teller, schüttelte den Kopf, atmete schwer durch und betrat Mamas Zimmer.
Elfriede saß auf dem Sofa und blickte aus dem Fenster, ohne auch nur zu blinzeln. Die grauen, matten Augen starrten hinaus. Die gesunde Hand lag auf der anderen und umschloss sie, als wolle sie sie zum Leben erwecken.
Das Zimmer war voller Gymnastikgeräte, überall lagen kleine Handexpander, auf dem Nachttisch eine Stapelung von Medikamenten. Hätte ich nicht drauf bestanden, hätte sie davon gar nichts angefasst.
Mama?
Keine Reaktion.
Mama?
Jonas? kam es leise und schwer verständlich.
Seit dem Schlaganfall konnte sie fast nicht mehr sprechen, alles klang verwaschen und undeutlich. Es ging mittlerweile zwar besser, aber manches war weiterhin kaum zu verstehen.
Warum hast du wieder nichts gegessen? Claudia hat sich solche Mühe gemacht. Seit Tagen isst du so gut wie nichts.
Ich hab keinen Appetit, mein Sohn, flüsterte Mama heiser und wandte sich langsam zu mir. Wirklich nicht. Zwing mich bitte nicht…
Mama… Was möchtest du dann? Sag es mir einfach…
Ich setzte mich zu ihr, sie griff nach meiner Hand.
Du weißt, was ich will, Jonas. Ich will nach Hause. Ich habe Angst, es nie wiederzusehen.
Ich seufzte und schüttelte den Kopf.
Du weißt doch, ich arbeite jetzt täglich, Claudia ist ständig bei Ärzten. Jetzt im Winter wieder raus aufs Land… Lass es uns bis zum Frühling aufschieben. Sie nickte, ich lächelte, und ging hinaus.
Nicht, dass es dann zu spät ist, Junge… Nicht, dass es zu spät ist.
…
Es tut mir leid, die IVF hat wieder nicht geklappt, sagte die Ärztin traurig und nahm ihre Brille ab, während sie Claudia ansah.
Claudia schnappte nach Luft und vergrub das Gesicht in ihren Händen.
Aber warum? Wieso klappt es bei anderen? Sie sagten doch, nach dem ersten Mal sei es ganz normal. Vierzig Prozent werden beim ersten Mal schwanger. Das ist jetzt der dritte Versuch! Warum?
Ich schwieg, hielt Claudias Hand fest. Ich war angespannt. Im anderen Flügel der Klinik wartete Elfriede gerade auf ihre Massage es wurde Zeit, sie abzuholen.
Hören Sie, begann die Ärztin leise. Ich verstehe das. Für Sie ist ein Kind ein Herzenswunsch, aber Sie setzen sich unter enormen Druck. Ihr Körper…
Natürlich bin ich unter Druck! Ich arbeite von zu Hause, damit wir die teure Behandlung bezahlen können! Ich schlucke ständig Medikamente, bringe meinen Körper an die Grenze, kümmere mich um deine Mutter… Sie isst nicht, nimmt ihre Medizin nicht! Ja, ich will ein Kind, vielleicht kümmert sich mein Mann dann auch mal um mich statt nur um seine Mutter!
Claudia brach ab, erschrak über ihre eigenen Worte, schnappte ihre Tasche und stürmte aus dem Zimmer.
Entschuldigen Sie, murmelte ich.
Das macht nichts, winkte die Ärztin ab. So was passiert bei dem Druck öfter.
Ich ging leise hinterher. Claudia saß auf der Wartebank, weinte still in ihre Hände. Ihr ganzer Körper bebte, die Augen waren rot und geschwollen. Als sie mich ansah, schluchzte sie nur.
Es tut mir leid… Wirklich. Ich wollte nichts über deine Mutter sagen. Ich bin einfach müde. Müde davon, jemanden langsam sterben zu sehen. Müde, immer nur einen Strich auf dem Test zu sehen und wahnsinnig viel Geld auszugeben für nichts. Ich kann einfach nicht mehr…
Wenn ich könnte, würde ich alles tun, um euch beiden zu helfen, aber manches steht nicht in meiner Macht…
Ich weiß, lächelte sie durch die Tränen.
Eine Weile saßen wir schweigend da, hielten uns an den Händen. Dann sprang Claudia auf, richtete den Kragen, lächelte tapfer.
Los. Deine Mutter wartet bestimmt. Sie hasst Krankenhäuser, wird wieder tagelang davon niedergeschlagen sein.
…
Bei Ihrer Mutter tut sich kaum noch Fortschritt, sagte der alte Hausarzt, Herr Dr. Baumgart, zu mir, nachdem ich ihn auf dem Gang gebeten hatte, ehrlich zu sein.
Wir gingen ein paar Meter zur Seite, damit meine Mutter nichts hörte. Claudia blieb bei ihr.
Verstehen Sie… Als Sie zu mir kamen, war ich sicher, dass sie es schafft. Nach einem Schlaganfall ist die Chance gering, aber Ihre Mutter hat nie geraucht, kaum Vorerkrankungen. Eigentlich lief alles für sie.
Aber… Es tut sich nichts. Ich merke es ja selbst.
Ich glaube, sie will einfach nicht mehr. Sie hat aufgegeben. Ihr Blick… die Lebensfreude fehlt. Es ist, als hätte sie ihren Lebenswillen verloren…
Ich schwieg. Auch ich hatte das längst gesehen. Mama war fünfzehn Kilo abgemagert, man erkannte sie kaum wieder. Sie hockte stundenlang einfach nur am Fenster. Keine Bücher mehr, kein Fernsehen, kein Wort. Sie starrte nur hinaus.
Nach einem Schlaganfall können manche Bereiche im Gehirn Veränderungen hervorrufen, setzte Dr. Baumgart leise hinzu. Aber das schien bei Ihrer Mutter anfangs gar nicht der Fall zu sein.
Es liegt an etwas anderem, sagte ich leise.
…
Jonas, Claudias Stimme am Telefon war zitternd, kannst du die Dienstreise absagen? Elfriede… Es geht ihr gar nicht gut. Ich habe Angst… Vielleicht reicht die Zeit nicht mehr…
Ihr fiel es sichtlich schwer, das auszusprechen. Sie wusste, wie sehr ich an Mama hing. Und auch sie selbst sah mit schwerem Herzen dabei zu, wie meine Mutter, fast wie erstarrt, nur noch auf dem Sofa lag.
Früher hatte sie noch aus dem Fenster gesehen, oder Musik gehört auf dem alten Plattenspieler, der einst Papas war, ein Musiklehrer. Doch jetzt lag sie nur da, ohne zu sprechen oder zu essen. Nur Milch trank sie noch, obwohl sie früher immer schimpfte, das schmeckt nicht wie zu Hause auf dem Land. Jetzt trank sie sie…
Ich war am selben Abend da, blieb die ganze Nacht an Mamas Bett.
Du weißt, was ich will. Du hast es mir versprochen.
Ich nickte. Ja, ich hatte es versprochen. Am nächsten Tag fuhren wir ins Dorf. Auf einen Arzt wollte sie nicht mehr hören.
Keine Klinik mehr. Nur noch nach Hause.
März war es, und die Wege zum Glück gerade nicht zu matschig, sodass wir mit dem Auto direkt bis ans Haus kamen. Ich half Mama vorsichtig in den Rollstuhl.
Ringsum taute der Schnee, der Frühling kämpfte sich durch. Die alten Obstbäume beugten sich träge im Wind, und die Sonne war schon spürbar kräftiger.
Stundenlang saß sie draußen im Hof, und zum ersten Mal seit langem lächelte sie wieder. Sie atmete tief die klare Luft ein, sah in den Himmel und Tränen flossen über ihr lächelndes Gesicht. Tränen des Glücks
Sie war endlich wieder daheim. Schaute auf ihr schiefes kleines Haus, badete im goldenen Licht, lauschte den Stimmen der Natur, spürte die Kühle des schmelzenden Schnees…
Abends aß sie sogar etwas und saß noch eine Weile draußen. Das Lächeln blieb auf ihren Lippen. In der Nacht schlief sie friedlich ein. Das Lächeln blieb sie war glücklich gegangen.
Claudia und ich nahmen uns frei, um alles zu regeln, das Haus zu sichten, Mamas Wünsche zu erfüllen. Und ehrlich ich wollte einfach da sein, diese Luft atmen, wie früher. Ich war seit Jahren nicht mehr länger als zwei Tage hier gewesen.
Kurz vor der Rückfahrt nach München ging es Claudia plötzlich nicht gut. Sie eilte zur Toilette, kam blass zurück und hielt einen Schwangerschaftstest in der Hand. Sie hatte sie immer dabei aber nie war das Ergebnis positiv. Jetzt zwei Streifen!
Das war sie… Deine Mama…, schluchzte Claudia, während sie mich fassungslos ansah.
Ich blickte zum blauen, wolkenlosen Himmel und schloss sie fest in die Arme. Ja, ein Geschenk meiner Mutter das letzte und das wertvollste.
Das Leben hat mir gezeigt: Manchmal muss man loslassen, um zu bekommen, worauf man hofft. Man kann nicht alles kontrollieren aber man kann einander beistehen, vergeben und sich zurückbesinnen auf das, was wirklich zählt: Heimat, Liebe und das Glück im Kleinen.





