Lass mich bitte gehen — Ich werde nirgendwohin fahren… – flüsterte die Frau leise. – Das ist mein Zuhause, und ich verlasse es nicht. — In ihrer Stimme klangen ungeweinte Tränen. — Mama, – sagte der Mann. – Du verstehst doch, dass ich dich nicht pflegen kann… Du musst das doch einsehen. Alexej war traurig. Er sah, dass seine Mutter litt und sich große Sorgen machte. Sie saß auf dem alten, durchgesessenen Sofa ihres Bauernhauses in ihrem Heimatdorf. — Es ist schon gut, ich komme allein zurecht, du musst dich nicht um mich kümmern, – entgegnete die Frau stur. – Lasst mich. Doch Alexej wusste, dass sie es nicht schaffen würde. Es war ein Schlaganfall gewesen. Frau Svetlana Petrowna war schon öfter krank gewesen. Er erinnerte sich gut daran, wie er für mehrere Monate Urlaub nehmen musste, um sich nach ihrem Beinbruch um sie zu kümmern. Auch damals tat sie tapfer, aber anfangs konnte sie keinen Schritt ohne ihn machen. Alexej hatte in letzter Zeit gut verdient und im Sommer geplant, das alte Haus zu renovieren, damit seine Mutter es bequemer hatte. Doch jetzt, nach dem Schlaganfall, hatte eine Renovierung keinen Sinn mehr – er musste seine Mutter in die Stadt holen. — Marina packt deine Sachen, – nickte Alexej seiner Frau zu. – Sag ihr, falls du noch etwas brauchst. Svetlana Petrowna schwieg weiter und schaute aus dem Fenster, wo ein leichter Herbstwind die gelben Blätter der uralten Bäume davontrug, die sie ihr ganzes Leben lang gesehen hatte. Ihre funktionierende rechte Hand umklammerte fest die gelähmte linke. Marina wühlte im Kleiderschrank und fragte immer wieder ihre Schwiegermutter, was sie mitnehmen solle. Doch die Schwiegermutter schaute nur schweigend aus dem Fenster. Es schien, als wären ihre Gedanken weit weg von der Schwiegertochter, alten Kittelschürzen und kaputten Brillen. Svetlana Petrowna war in einem kleinen, mittlerweile verwaisten Dorf geboren und hatte dort ihre gesamten achtundsechzig Jahre gelebt. Ihr Leben lang arbeitete sie als Schneiderin, erst in einem Atelier, das geschlossen wurde, als zu wenig Dorfbewohner übrig waren. Danach arbeitete sie zu Hause, doch mit der Zeit wurde die Arbeit weniger, also widmete sie sich ganz dem Garten und dem Haushalt – das steckte ihre ganze Seele. Den Gedanken, ihre Scholle und ihr Haus zu verlassen und in eine große, ihr fremde Stadtwohnung zu ziehen, konnte sie kaum aushalten… … — Alex, sie isst wieder nichts, – seufzte Marina, als sie in die Küche kam und den Teller auf den Tisch stellte. – Ich kann nicht mehr. Mir fehlt die Kraft … Alexej sah seine Frau an, dann auf den unberührten Teller und schüttelte den Kopf. Er seufzte schwer und ging zu seiner Mutter ins Zimmer. Svetlana Petrowna saß auf dem Sofa und starrte aus dem Fenster. Es schien, als würde sie nicht einmal blinzeln. Ihre grauen, stumpf gewordenen Augen waren in die Ferne gerichtet, die gesunde Hand lag auf der gelähmten und versuchte, sie zum Leben zu erwecken. Das Zimmer war voll mit Trainingsgeräten, überall lagen Expander, auf dem Nachttisch stapelten sich Tablettenpackungen. Wenn Alexej sie nicht immer wieder ermutigt hätte, hätte sie all das gar nicht angerührt. — Mama? Svetlana Petrowna reagierte nicht. — Mama? — Mein Junge? – hauchte die Frau leise und undeutlich. Nach dem Schlaganfall konnte sie kaum noch sprechen, die Worte klangen gedrückt und unscharf. Es war besser geworden, aber oft wusste man immer noch nicht, was sie meinte. — Warum hast du wieder nichts gegessen? Marina gibt sich solche Mühe. Seit Tagen hast du kaum etwas angerührt. — Ich will nicht, mein Junge, – antwortete Svetlana Petrowna leise. Sie wandte sich langsam Alexej zu. – Wirklich nicht, zwing mich nicht. — Mama… Was willst du denn? Sag es einfach … Alexej setzte sich zu seiner Mutter, sie nahm seine Hand. — Du weißt, was ich will, Alleschka. Ich will nach Hause. Ich habe Angst, dass ich es nicht mehr sehe. Der Mann seufzte und schüttelte den Kopf. — Du weißt doch, dass ich jeden Tag arbeite und Marina dauernd zum Arzt muss. Es ist Winter, die Straßen … Lass uns bis zum Frühling warten. Die Frau nickte, Alexej lächelte und ging. — Hoffentlich ist es dann nicht zu spät, mein Sohn … Hoffentlich ist es nicht zu spät. … — Es tut mir leid, das IVF hat wieder nicht geklappt, – sagte die Ärztin traurig, legte die Brille ab und blickte die junge Frau an. Marina schnappte nach Luft und verbarg das Gesicht in den Händen: — Aber wie kann das sein? Bei anderen klappt es doch auch! Sie sagten, beim ersten Mal klappt es nur bei vierzig Prozent. Aber das ist der dritte Versuch – und wieder nichts! Wieso? Alexej saß schweigend und hielt die Hand seiner Frau. Er war nervös. Im anderen Trakt der Klinik war Svetlana Petrowna gerade bei der Massage – bald musste sie abgeholt werden. — Hören Sie, – begann die Ärztin leise. – Ich verstehe Sie. Schwangerschaft ist Ihr großer Traum, aber Sie setzen sich so unter Druck, sind ständig im Stress. Der Körper schafft das nicht… — Natürlich bin ich im Stress! Ich muss zu Hause arbeiten, um das teure IVF zu bezahlen! Lauf ständig zu Terminen, nehme Medikamente, die mich kaputt machen, pflege die Schwiegermutter und halte ihre Launen aus. Sie isst nicht, nimmt die Tabletten nicht! Ja, ich will ein Kind – vielleicht kümmert sich dann mein Mann nicht nur um seine Mutter, sondern auch um mich! Marina verstummte, als ihr klar wurde, was sie gesagt hatte. Sie griff ihre Tasche und verließ den Raum. — Entschuldigung, – murmelte Alexej. — Kein Problem, – winkte die Ärztin ab. – Ich habe noch ganz andere Hysterien erlebt. Das ist in Ordnung. Alexej verließ leise den Raum, folgte seiner Frau. Sie saß draußen auf der Bank und weinte in die Hände. Ihre Augen waren verweint und rot, als sie zu ihm aufblickte. — Verzeih mir … Es tut mir leid … Ich wollte wirklich nichts gegen deine Mutter sagen. Ich bin einfach nur erschöpft. Ich kann nicht mehr mit ansehen, wie jemand stirbt. Immer nur ein Strich auf dem Test und das Geld immer wieder loswerden für die nächste Behandlung. Ich kann einfach nicht mehr … — Wenn ich könnte, würde ich alles tun, um euch beide glücklich zu machen, aber das liegt nicht in meiner Macht … — Ich weiß, – lächelte Marina unter Tränen. – Ich weiß. Ein paar Minuten saßen sie schweigend Händchen haltend da, dann sprang Marina auf, zupfte den Hemdkragen zurecht und lächelte. — Komm, Svetlana Petrowna ist sicher fertig. Sie mag keine Krankenhäuser. Danach ist sie immer tagelang bedrückt. … — Bei Ihrer Mutter macht die Genesung kaum Fortschritte, – erklärte der kleine, grauhaarige Arzt mit runden Brillengläsern, mit leiser Stimme, als Alexej ihn bat, über Mom zu sprechen. Sie gingen ein paar Schritte zur Seite, damit Svetlana Petrowna nichts hören konnte. Marina blieb bei ihr. – Verstehen Sie … Als Sie mit ihr kamen, war ich sicher, dass sie sich erholen kann. Klar, die Chancen nach einem Schlaganfall sind nicht hoch, aber Ihre Mutter hatte keine schlechten Angewohnheiten oder chronischen Erkrankungen. Sie hatte alle Chancen. — Aber… Nichts passiert. Das sehe ich doch selbst. — Ich habe das Gefühl, sie will es nicht. Sie hat aufgegeben. In ihren Augen fehlt das Feuer … Es ist, als wollte sie gar nicht mehr leben … Alexej schwieg. Er hatte es auch gesehen. Svetlana Petrowna hatte fünfzehn Kilo abgenommen, sie war kaum wiederzuerkennen. Sie saß ständig am Fenster, las nicht, sah kein Fernsehen, sprach mit niemandem. Sie schaute nur aus dem Fenster. — Bei Menschen nach Schlaganfällen kann das Verhalten sich ändern, – fügte der alte Arzt leise hinzu. – Aber so massiv sollte das bei Ihrer Mutter eigentlich nicht auftreten. Beim ersten Termin fiel mir nichts dergleichen auf. — Ich denke, das liegt an etwas anderem, – sagte Alexej leise. … — Alex, – sagte Marina am Telefon, – kannst du deine Dienstreise verschieben? Es geht Svetlana Petrowna sehr schlecht. Ich habe Angst, dass du es nicht rechtzeitig schaffst … Es fiel ihr schwer, das zu sagen. Sie wusste, wie viel die Mutter ihrem Mann bedeutete. Auch ihr selbst bereitete es Kummer, die Schwiegermutter beinahe reglos auf dem Sofa liegen zu sehen. Früher schaute sie oft aus dem Fenster, hörte ab und zu Musik von den alten Platten des Vaters – er war Musiklehrer gewesen. Jetzt aber lag Svetlana Petrowna einfach da, blickte ins Nichts und sagte kein Wort. Seit Tagen hatte sie fast nichts gegessen. Nur Milch trank sie. Früher hatte sie gesagt, die Milch in der Stadt sei nicht wie im Dorf. Aber nun trank sie sie … Alexej kam noch am selben Abend und eilte zu seiner Mutter. Die ganze Nacht wachte er an ihrem Bett. — Du weißt, was ich will. Du hast es mir versprochen. Alexej nickte. Ja, das hatte er versprochen. Am nächsten Tag fuhren sie ins Dorf. Vom Arzt wollte Svetlana Petrowna nichts wissen. — Ich will nicht ins Krankenhaus. Nach Hause. Es war März, aber die Straßen waren noch befahrbar, sie kamen bis ans Haus. Alexej öffnete die Autotür und half seiner Mutter in den Rollstuhl. Das Tauwetter war da, der Schnee schmolz, die Erde kam wieder zum Vorschein. Die Bäume wiegten sich im leichten Wind, und die Sonne wärmte schon ein wenig. Stundenlang saß Svetlana Petrowna draußen im Hof, endlich lächelte sie. Sie atmete tief durch, schaute in den Himmel und weinte – Tränen des Glücks … Endlich war sie daheim. Sie schaute auf ihr windschiefes Häuschen, die warme Sonne, hörte die Natur, spürte die kühle Schneeluft … Abends aß Svetlana Petrowna und saß vor dem Schlafen noch lange draußen. Das Lächeln wich nicht mehr aus ihrem Gesicht. In der Nacht starb sie. Mit eben diesem Lächeln. Sie ging glücklich … Alexej und Marina nahmen sich frei, um Svetlana Petrowna zu beerdigen und alles zu erledigen: das Haus ausräumen, entscheiden, was damit geschehen sollte. Ehrlich gesagt, wollte Alexej einfach dortbleiben, den klaren Landduft genießen. Jahre war er nicht länger als zwei Tage dort gewesen. Vor der Rückfahrt wurde Marina plötzlich übel. Im Bad musste sie sich übergeben. Als sie zurückkam, hatte sie große Augen und hielt einen Schwangerschaftstest in der Hand – sie hatte sie oft dabei, aber sie waren immer negativ. Jetzt zeigten sich zwei Streifen. Zwei! — Das war sie, deine Mutter … Svetlana Petrowna hat uns geholfen … wisperte Marina unter Tränen. Alexej blickte nach oben in den blauen, wolkenlosen Himmel, nickte und umarmte seine Frau fest. Ja, das war das Geschenk seiner Mutter. Ihr letztes und wertvollstes …

LASS MICH GEHEN, BITTE

Ich fahre nirgendwohin… murmelte die Frau leise. Das ist mein Zuhause und ich werde es nicht verlassen. In ihrer Stimme schwebten unausgesprochene Tränen.

Mama, sprach ich. Du verstehst doch, dass ich nicht für dich sorgen kann… Du musst das doch einsehen.

Ich war traurig, weil ich sah, wie sehr meine Mutter litt und sich sorgte. Sie saß auf dem altmodischen, durchgesessenen Sofa im Wohnzimmer ihres Häuschens in meinem Heimatdorf.

Alles ist in Ordnung, ich komme alleine zurecht, du musst dich nicht um mich kümmern, sagte sie störrisch. Lasst mich einfach.

Aber ich wusste, dass es nicht stimmen konnte. Sie hatte einen Schlaganfall erlitten. Meine Mutter, Elfriede Schulze, war schon zuvor oft krank gewesen. Ich erinnere mich noch gut, wie ich mir damals monatelang unbezahlten Urlaub nehmen musste, als sie sich das Bein gebrochen hatte, um für sie da zu sein. Obwohl sie damals tapfer war, konnte sie anfangs keinen Schritt ohne meine Hilfe tun.

Erst in letzter Zeit verdiente ich so gut, dass ich für den Sommer große Renovierungspläne für das alte Haus gemacht hatte, damit es Mama gemütlich hat. Doch dann kam der Schlaganfall. Nun machte der Umbau keinen Sinn mehr ich musste sie nach München holen.

Claudia packt gleich deine Sachen, sagte ich und nickte meiner Frau zu. Sag ihr einfach, wenn du etwas brauchst.

Elfriede schwieg weiter, starrte nur aus dem Fenster hinaus, wo der sanfte Herbstwind die vergilbten Blätter der alten Linden forttrug, die sie schon ein Leben lang sah. Mit der gesunden linken Hand hielt sie fest die rechte, die nun nutzlos auf ihrem Schoß lag.

Claudia kramte im Schrank, fragte immer wieder, was sie mitnehmen sollte. Aber meine Mutter schaute nur hinaus. Mit ihren Gedanken war sie ganz woanders, weit entfernt von der Schwiegertochter, den alten Kitteln und der zerbrochenen Lesebrille.

Elfriede Schulze war in einem kleinen bayerischen Dorf geboren und dort ganze achtundsechzig Jahre geblieben. Sie war immer Näherin gewesen, zuerst im hiesigen Schneideratelier, das vor Jahren geschlossen wurde, weil immer mehr Leute fortzogen.

Danach arbeitete sie von zu Hause aus. Doch Aufträge wurden immer seltener, also kümmerte sie sich mit Hingabe um Haus und Garten, investierte all ihre Kraft darin. Nun konnte sie sich beim besten Willen nicht vorstellen, alles einfach zurückzulassen und in eine große, fremde Wohnung nach München zu ziehen

Jonas, sie isst schon wieder nichts, seufzte Claudia, als sie mit dem vollen Teller aus der Küche kam. Ich halte das nicht mehr aus. Mir fehlt einfach die Kraft…

Ich sah erst sie an, dann den unangetasteten Teller, schüttelte den Kopf, atmete schwer durch und betrat Mamas Zimmer.

Elfriede saß auf dem Sofa und blickte aus dem Fenster, ohne auch nur zu blinzeln. Die grauen, matten Augen starrten hinaus. Die gesunde Hand lag auf der anderen und umschloss sie, als wolle sie sie zum Leben erwecken.

Das Zimmer war voller Gymnastikgeräte, überall lagen kleine Handexpander, auf dem Nachttisch eine Stapelung von Medikamenten. Hätte ich nicht drauf bestanden, hätte sie davon gar nichts angefasst.

Mama?

Keine Reaktion.

Mama?

Jonas? kam es leise und schwer verständlich.

Seit dem Schlaganfall konnte sie fast nicht mehr sprechen, alles klang verwaschen und undeutlich. Es ging mittlerweile zwar besser, aber manches war weiterhin kaum zu verstehen.

Warum hast du wieder nichts gegessen? Claudia hat sich solche Mühe gemacht. Seit Tagen isst du so gut wie nichts.

Ich hab keinen Appetit, mein Sohn, flüsterte Mama heiser und wandte sich langsam zu mir. Wirklich nicht. Zwing mich bitte nicht…

Mama… Was möchtest du dann? Sag es mir einfach…

Ich setzte mich zu ihr, sie griff nach meiner Hand.

Du weißt, was ich will, Jonas. Ich will nach Hause. Ich habe Angst, es nie wiederzusehen.

Ich seufzte und schüttelte den Kopf.

Du weißt doch, ich arbeite jetzt täglich, Claudia ist ständig bei Ärzten. Jetzt im Winter wieder raus aufs Land… Lass es uns bis zum Frühling aufschieben. Sie nickte, ich lächelte, und ging hinaus.

Nicht, dass es dann zu spät ist, Junge… Nicht, dass es zu spät ist.

Es tut mir leid, die IVF hat wieder nicht geklappt, sagte die Ärztin traurig und nahm ihre Brille ab, während sie Claudia ansah.

Claudia schnappte nach Luft und vergrub das Gesicht in ihren Händen.

Aber warum? Wieso klappt es bei anderen? Sie sagten doch, nach dem ersten Mal sei es ganz normal. Vierzig Prozent werden beim ersten Mal schwanger. Das ist jetzt der dritte Versuch! Warum?

Ich schwieg, hielt Claudias Hand fest. Ich war angespannt. Im anderen Flügel der Klinik wartete Elfriede gerade auf ihre Massage es wurde Zeit, sie abzuholen.

Hören Sie, begann die Ärztin leise. Ich verstehe das. Für Sie ist ein Kind ein Herzenswunsch, aber Sie setzen sich unter enormen Druck. Ihr Körper…

Natürlich bin ich unter Druck! Ich arbeite von zu Hause, damit wir die teure Behandlung bezahlen können! Ich schlucke ständig Medikamente, bringe meinen Körper an die Grenze, kümmere mich um deine Mutter… Sie isst nicht, nimmt ihre Medizin nicht! Ja, ich will ein Kind, vielleicht kümmert sich mein Mann dann auch mal um mich statt nur um seine Mutter!

Claudia brach ab, erschrak über ihre eigenen Worte, schnappte ihre Tasche und stürmte aus dem Zimmer.

Entschuldigen Sie, murmelte ich.

Das macht nichts, winkte die Ärztin ab. So was passiert bei dem Druck öfter.

Ich ging leise hinterher. Claudia saß auf der Wartebank, weinte still in ihre Hände. Ihr ganzer Körper bebte, die Augen waren rot und geschwollen. Als sie mich ansah, schluchzte sie nur.

Es tut mir leid… Wirklich. Ich wollte nichts über deine Mutter sagen. Ich bin einfach müde. Müde davon, jemanden langsam sterben zu sehen. Müde, immer nur einen Strich auf dem Test zu sehen und wahnsinnig viel Geld auszugeben für nichts. Ich kann einfach nicht mehr…

Wenn ich könnte, würde ich alles tun, um euch beiden zu helfen, aber manches steht nicht in meiner Macht…

Ich weiß, lächelte sie durch die Tränen.

Eine Weile saßen wir schweigend da, hielten uns an den Händen. Dann sprang Claudia auf, richtete den Kragen, lächelte tapfer.

Los. Deine Mutter wartet bestimmt. Sie hasst Krankenhäuser, wird wieder tagelang davon niedergeschlagen sein.

Bei Ihrer Mutter tut sich kaum noch Fortschritt, sagte der alte Hausarzt, Herr Dr. Baumgart, zu mir, nachdem ich ihn auf dem Gang gebeten hatte, ehrlich zu sein.

Wir gingen ein paar Meter zur Seite, damit meine Mutter nichts hörte. Claudia blieb bei ihr.

Verstehen Sie… Als Sie zu mir kamen, war ich sicher, dass sie es schafft. Nach einem Schlaganfall ist die Chance gering, aber Ihre Mutter hat nie geraucht, kaum Vorerkrankungen. Eigentlich lief alles für sie.

Aber… Es tut sich nichts. Ich merke es ja selbst.

Ich glaube, sie will einfach nicht mehr. Sie hat aufgegeben. Ihr Blick… die Lebensfreude fehlt. Es ist, als hätte sie ihren Lebenswillen verloren…

Ich schwieg. Auch ich hatte das längst gesehen. Mama war fünfzehn Kilo abgemagert, man erkannte sie kaum wieder. Sie hockte stundenlang einfach nur am Fenster. Keine Bücher mehr, kein Fernsehen, kein Wort. Sie starrte nur hinaus.

Nach einem Schlaganfall können manche Bereiche im Gehirn Veränderungen hervorrufen, setzte Dr. Baumgart leise hinzu. Aber das schien bei Ihrer Mutter anfangs gar nicht der Fall zu sein.

Es liegt an etwas anderem, sagte ich leise.

Jonas, Claudias Stimme am Telefon war zitternd, kannst du die Dienstreise absagen? Elfriede… Es geht ihr gar nicht gut. Ich habe Angst… Vielleicht reicht die Zeit nicht mehr…

Ihr fiel es sichtlich schwer, das auszusprechen. Sie wusste, wie sehr ich an Mama hing. Und auch sie selbst sah mit schwerem Herzen dabei zu, wie meine Mutter, fast wie erstarrt, nur noch auf dem Sofa lag.

Früher hatte sie noch aus dem Fenster gesehen, oder Musik gehört auf dem alten Plattenspieler, der einst Papas war, ein Musiklehrer. Doch jetzt lag sie nur da, ohne zu sprechen oder zu essen. Nur Milch trank sie noch, obwohl sie früher immer schimpfte, das schmeckt nicht wie zu Hause auf dem Land. Jetzt trank sie sie…

Ich war am selben Abend da, blieb die ganze Nacht an Mamas Bett.

Du weißt, was ich will. Du hast es mir versprochen.

Ich nickte. Ja, ich hatte es versprochen. Am nächsten Tag fuhren wir ins Dorf. Auf einen Arzt wollte sie nicht mehr hören.

Keine Klinik mehr. Nur noch nach Hause.

März war es, und die Wege zum Glück gerade nicht zu matschig, sodass wir mit dem Auto direkt bis ans Haus kamen. Ich half Mama vorsichtig in den Rollstuhl.

Ringsum taute der Schnee, der Frühling kämpfte sich durch. Die alten Obstbäume beugten sich träge im Wind, und die Sonne war schon spürbar kräftiger.

Stundenlang saß sie draußen im Hof, und zum ersten Mal seit langem lächelte sie wieder. Sie atmete tief die klare Luft ein, sah in den Himmel und Tränen flossen über ihr lächelndes Gesicht. Tränen des Glücks

Sie war endlich wieder daheim. Schaute auf ihr schiefes kleines Haus, badete im goldenen Licht, lauschte den Stimmen der Natur, spürte die Kühle des schmelzenden Schnees…

Abends aß sie sogar etwas und saß noch eine Weile draußen. Das Lächeln blieb auf ihren Lippen. In der Nacht schlief sie friedlich ein. Das Lächeln blieb sie war glücklich gegangen.

Claudia und ich nahmen uns frei, um alles zu regeln, das Haus zu sichten, Mamas Wünsche zu erfüllen. Und ehrlich ich wollte einfach da sein, diese Luft atmen, wie früher. Ich war seit Jahren nicht mehr länger als zwei Tage hier gewesen.

Kurz vor der Rückfahrt nach München ging es Claudia plötzlich nicht gut. Sie eilte zur Toilette, kam blass zurück und hielt einen Schwangerschaftstest in der Hand. Sie hatte sie immer dabei aber nie war das Ergebnis positiv. Jetzt zwei Streifen!

Das war sie… Deine Mama…, schluchzte Claudia, während sie mich fassungslos ansah.

Ich blickte zum blauen, wolkenlosen Himmel und schloss sie fest in die Arme. Ja, ein Geschenk meiner Mutter das letzte und das wertvollste.

Das Leben hat mir gezeigt: Manchmal muss man loslassen, um zu bekommen, worauf man hofft. Man kann nicht alles kontrollieren aber man kann einander beistehen, vergeben und sich zurückbesinnen auf das, was wirklich zählt: Heimat, Liebe und das Glück im Kleinen.

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Homy
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Lass mich bitte gehen — Ich werde nirgendwohin fahren… – flüsterte die Frau leise. – Das ist mein Zuhause, und ich verlasse es nicht. — In ihrer Stimme klangen ungeweinte Tränen. — Mama, – sagte der Mann. – Du verstehst doch, dass ich dich nicht pflegen kann… Du musst das doch einsehen. Alexej war traurig. Er sah, dass seine Mutter litt und sich große Sorgen machte. Sie saß auf dem alten, durchgesessenen Sofa ihres Bauernhauses in ihrem Heimatdorf. — Es ist schon gut, ich komme allein zurecht, du musst dich nicht um mich kümmern, – entgegnete die Frau stur. – Lasst mich. Doch Alexej wusste, dass sie es nicht schaffen würde. Es war ein Schlaganfall gewesen. Frau Svetlana Petrowna war schon öfter krank gewesen. Er erinnerte sich gut daran, wie er für mehrere Monate Urlaub nehmen musste, um sich nach ihrem Beinbruch um sie zu kümmern. Auch damals tat sie tapfer, aber anfangs konnte sie keinen Schritt ohne ihn machen. Alexej hatte in letzter Zeit gut verdient und im Sommer geplant, das alte Haus zu renovieren, damit seine Mutter es bequemer hatte. Doch jetzt, nach dem Schlaganfall, hatte eine Renovierung keinen Sinn mehr – er musste seine Mutter in die Stadt holen. — Marina packt deine Sachen, – nickte Alexej seiner Frau zu. – Sag ihr, falls du noch etwas brauchst. Svetlana Petrowna schwieg weiter und schaute aus dem Fenster, wo ein leichter Herbstwind die gelben Blätter der uralten Bäume davontrug, die sie ihr ganzes Leben lang gesehen hatte. Ihre funktionierende rechte Hand umklammerte fest die gelähmte linke. Marina wühlte im Kleiderschrank und fragte immer wieder ihre Schwiegermutter, was sie mitnehmen solle. Doch die Schwiegermutter schaute nur schweigend aus dem Fenster. Es schien, als wären ihre Gedanken weit weg von der Schwiegertochter, alten Kittelschürzen und kaputten Brillen. Svetlana Petrowna war in einem kleinen, mittlerweile verwaisten Dorf geboren und hatte dort ihre gesamten achtundsechzig Jahre gelebt. Ihr Leben lang arbeitete sie als Schneiderin, erst in einem Atelier, das geschlossen wurde, als zu wenig Dorfbewohner übrig waren. Danach arbeitete sie zu Hause, doch mit der Zeit wurde die Arbeit weniger, also widmete sie sich ganz dem Garten und dem Haushalt – das steckte ihre ganze Seele. Den Gedanken, ihre Scholle und ihr Haus zu verlassen und in eine große, ihr fremde Stadtwohnung zu ziehen, konnte sie kaum aushalten… … — Alex, sie isst wieder nichts, – seufzte Marina, als sie in die Küche kam und den Teller auf den Tisch stellte. – Ich kann nicht mehr. Mir fehlt die Kraft … Alexej sah seine Frau an, dann auf den unberührten Teller und schüttelte den Kopf. Er seufzte schwer und ging zu seiner Mutter ins Zimmer. Svetlana Petrowna saß auf dem Sofa und starrte aus dem Fenster. Es schien, als würde sie nicht einmal blinzeln. Ihre grauen, stumpf gewordenen Augen waren in die Ferne gerichtet, die gesunde Hand lag auf der gelähmten und versuchte, sie zum Leben zu erwecken. Das Zimmer war voll mit Trainingsgeräten, überall lagen Expander, auf dem Nachttisch stapelten sich Tablettenpackungen. Wenn Alexej sie nicht immer wieder ermutigt hätte, hätte sie all das gar nicht angerührt. — Mama? Svetlana Petrowna reagierte nicht. — Mama? — Mein Junge? – hauchte die Frau leise und undeutlich. Nach dem Schlaganfall konnte sie kaum noch sprechen, die Worte klangen gedrückt und unscharf. Es war besser geworden, aber oft wusste man immer noch nicht, was sie meinte. — Warum hast du wieder nichts gegessen? Marina gibt sich solche Mühe. Seit Tagen hast du kaum etwas angerührt. — Ich will nicht, mein Junge, – antwortete Svetlana Petrowna leise. Sie wandte sich langsam Alexej zu. – Wirklich nicht, zwing mich nicht. — Mama… Was willst du denn? Sag es einfach … Alexej setzte sich zu seiner Mutter, sie nahm seine Hand. — Du weißt, was ich will, Alleschka. Ich will nach Hause. Ich habe Angst, dass ich es nicht mehr sehe. Der Mann seufzte und schüttelte den Kopf. — Du weißt doch, dass ich jeden Tag arbeite und Marina dauernd zum Arzt muss. Es ist Winter, die Straßen … Lass uns bis zum Frühling warten. Die Frau nickte, Alexej lächelte und ging. — Hoffentlich ist es dann nicht zu spät, mein Sohn … Hoffentlich ist es nicht zu spät. … — Es tut mir leid, das IVF hat wieder nicht geklappt, – sagte die Ärztin traurig, legte die Brille ab und blickte die junge Frau an. Marina schnappte nach Luft und verbarg das Gesicht in den Händen: — Aber wie kann das sein? Bei anderen klappt es doch auch! Sie sagten, beim ersten Mal klappt es nur bei vierzig Prozent. Aber das ist der dritte Versuch – und wieder nichts! Wieso? Alexej saß schweigend und hielt die Hand seiner Frau. Er war nervös. Im anderen Trakt der Klinik war Svetlana Petrowna gerade bei der Massage – bald musste sie abgeholt werden. — Hören Sie, – begann die Ärztin leise. – Ich verstehe Sie. Schwangerschaft ist Ihr großer Traum, aber Sie setzen sich so unter Druck, sind ständig im Stress. Der Körper schafft das nicht… — Natürlich bin ich im Stress! Ich muss zu Hause arbeiten, um das teure IVF zu bezahlen! Lauf ständig zu Terminen, nehme Medikamente, die mich kaputt machen, pflege die Schwiegermutter und halte ihre Launen aus. Sie isst nicht, nimmt die Tabletten nicht! Ja, ich will ein Kind – vielleicht kümmert sich dann mein Mann nicht nur um seine Mutter, sondern auch um mich! Marina verstummte, als ihr klar wurde, was sie gesagt hatte. Sie griff ihre Tasche und verließ den Raum. — Entschuldigung, – murmelte Alexej. — Kein Problem, – winkte die Ärztin ab. – Ich habe noch ganz andere Hysterien erlebt. Das ist in Ordnung. Alexej verließ leise den Raum, folgte seiner Frau. Sie saß draußen auf der Bank und weinte in die Hände. Ihre Augen waren verweint und rot, als sie zu ihm aufblickte. — Verzeih mir … Es tut mir leid … Ich wollte wirklich nichts gegen deine Mutter sagen. Ich bin einfach nur erschöpft. Ich kann nicht mehr mit ansehen, wie jemand stirbt. Immer nur ein Strich auf dem Test und das Geld immer wieder loswerden für die nächste Behandlung. Ich kann einfach nicht mehr … — Wenn ich könnte, würde ich alles tun, um euch beide glücklich zu machen, aber das liegt nicht in meiner Macht … — Ich weiß, – lächelte Marina unter Tränen. – Ich weiß. Ein paar Minuten saßen sie schweigend Händchen haltend da, dann sprang Marina auf, zupfte den Hemdkragen zurecht und lächelte. — Komm, Svetlana Petrowna ist sicher fertig. Sie mag keine Krankenhäuser. Danach ist sie immer tagelang bedrückt. … — Bei Ihrer Mutter macht die Genesung kaum Fortschritte, – erklärte der kleine, grauhaarige Arzt mit runden Brillengläsern, mit leiser Stimme, als Alexej ihn bat, über Mom zu sprechen. Sie gingen ein paar Schritte zur Seite, damit Svetlana Petrowna nichts hören konnte. Marina blieb bei ihr. – Verstehen Sie … Als Sie mit ihr kamen, war ich sicher, dass sie sich erholen kann. Klar, die Chancen nach einem Schlaganfall sind nicht hoch, aber Ihre Mutter hatte keine schlechten Angewohnheiten oder chronischen Erkrankungen. Sie hatte alle Chancen. — Aber… Nichts passiert. Das sehe ich doch selbst. — Ich habe das Gefühl, sie will es nicht. Sie hat aufgegeben. In ihren Augen fehlt das Feuer … Es ist, als wollte sie gar nicht mehr leben … Alexej schwieg. Er hatte es auch gesehen. Svetlana Petrowna hatte fünfzehn Kilo abgenommen, sie war kaum wiederzuerkennen. Sie saß ständig am Fenster, las nicht, sah kein Fernsehen, sprach mit niemandem. Sie schaute nur aus dem Fenster. — Bei Menschen nach Schlaganfällen kann das Verhalten sich ändern, – fügte der alte Arzt leise hinzu. – Aber so massiv sollte das bei Ihrer Mutter eigentlich nicht auftreten. Beim ersten Termin fiel mir nichts dergleichen auf. — Ich denke, das liegt an etwas anderem, – sagte Alexej leise. … — Alex, – sagte Marina am Telefon, – kannst du deine Dienstreise verschieben? Es geht Svetlana Petrowna sehr schlecht. Ich habe Angst, dass du es nicht rechtzeitig schaffst … Es fiel ihr schwer, das zu sagen. Sie wusste, wie viel die Mutter ihrem Mann bedeutete. Auch ihr selbst bereitete es Kummer, die Schwiegermutter beinahe reglos auf dem Sofa liegen zu sehen. Früher schaute sie oft aus dem Fenster, hörte ab und zu Musik von den alten Platten des Vaters – er war Musiklehrer gewesen. Jetzt aber lag Svetlana Petrowna einfach da, blickte ins Nichts und sagte kein Wort. Seit Tagen hatte sie fast nichts gegessen. Nur Milch trank sie. Früher hatte sie gesagt, die Milch in der Stadt sei nicht wie im Dorf. Aber nun trank sie sie … Alexej kam noch am selben Abend und eilte zu seiner Mutter. Die ganze Nacht wachte er an ihrem Bett. — Du weißt, was ich will. Du hast es mir versprochen. Alexej nickte. Ja, das hatte er versprochen. Am nächsten Tag fuhren sie ins Dorf. Vom Arzt wollte Svetlana Petrowna nichts wissen. — Ich will nicht ins Krankenhaus. Nach Hause. Es war März, aber die Straßen waren noch befahrbar, sie kamen bis ans Haus. Alexej öffnete die Autotür und half seiner Mutter in den Rollstuhl. Das Tauwetter war da, der Schnee schmolz, die Erde kam wieder zum Vorschein. Die Bäume wiegten sich im leichten Wind, und die Sonne wärmte schon ein wenig. Stundenlang saß Svetlana Petrowna draußen im Hof, endlich lächelte sie. Sie atmete tief durch, schaute in den Himmel und weinte – Tränen des Glücks … Endlich war sie daheim. Sie schaute auf ihr windschiefes Häuschen, die warme Sonne, hörte die Natur, spürte die kühle Schneeluft … Abends aß Svetlana Petrowna und saß vor dem Schlafen noch lange draußen. Das Lächeln wich nicht mehr aus ihrem Gesicht. In der Nacht starb sie. Mit eben diesem Lächeln. Sie ging glücklich … Alexej und Marina nahmen sich frei, um Svetlana Petrowna zu beerdigen und alles zu erledigen: das Haus ausräumen, entscheiden, was damit geschehen sollte. Ehrlich gesagt, wollte Alexej einfach dortbleiben, den klaren Landduft genießen. Jahre war er nicht länger als zwei Tage dort gewesen. Vor der Rückfahrt wurde Marina plötzlich übel. Im Bad musste sie sich übergeben. Als sie zurückkam, hatte sie große Augen und hielt einen Schwangerschaftstest in der Hand – sie hatte sie oft dabei, aber sie waren immer negativ. Jetzt zeigten sich zwei Streifen. Zwei! — Das war sie, deine Mutter … Svetlana Petrowna hat uns geholfen … wisperte Marina unter Tränen. Alexej blickte nach oben in den blauen, wolkenlosen Himmel, nickte und umarmte seine Frau fest. Ja, das war das Geschenk seiner Mutter. Ihr letztes und wertvollstes …
Meine Tochter schickte mich ins Altenheim – ohne zu wissen, dass ich das Gebäude besaß. Da beschloss ich, ihr eine Lektion zu erteilen.