Ich will keinen Hauch von Katze in dieser Wohnung! Oder Sie ziehen aus! schrie die Vermieterin.
Das Zimmer, das Annemarie gemietet hatte, war klein, aber hell. Die Möbel waren zwar alt, jedoch von solider Qualität. Die Vermieterin, Frau Margarete Schulz, hatte Annemarie bei der Schlüsselübergabe direkt gewarnt:
Ich bin streng. Ich mag Ordnung. Sauberkeit. Ruhe. Wenn etwas ist sagen Sie es sofort, bitte nichts aufstauen.
Annemarie nickte. Sie wünschte sich nur eine ruhige Nacht, ohne Krach von säumigen Nachbarn oder betrunkene Schreierei. Nach der lauten Mietwohnung am Stadtrand von München, wo sie kaum mal schlafen konnte, erschien ihr diese Wohnung wie ein kleines Paradies.
Sie zog ein. Nach ein paar Tagen hatten sie sich aneinander gewöhnt. Margarete Schulz war nicht böse, eher verschlossen. Sie sprach wenig, und in ihren Augen stand eine tiefe, alte Enttäuschung vielleicht vom Leben, vielleicht von den Menschen.
Annemarie gab sich Mühe, möglichst nicht zu stören. Sie kochte früh am Morgen, wenn die Vermieterin noch schlief. Bewegte sich leise in der Wohnung. Sie hatte den Fernseher fast nie an und lebte wie ein Mäuschen in ihren vier Wänden.
Doch eines Tages kam Liesel.
Die Katze erschien von allein, oder besser gesagt, sie hatte sich einfach angeschlossen. Grau, dünn, mit klugen, grünen Augen saß sie vor der Tür des Hauses, miaute leise und schaute Annemarie an, als wolle sie sagen: Nimm mich mit, bitte!
Annemarie hielt dem Drang nicht stand.
Sie nahm Liesel mit nach oben, gab ihr Futter und Wasser und richtete im Karton mit einem alten Handtuch ein kleines Schlafplätzchen her. Die Katze rollte sich sofort zum Ball und begann zu schnurren und Annemarie spürte, wie irgendetwas tief in ihrem Inneren nach langer Zeit wieder auftauchte. Zum ersten Mal seit Monaten.
Lieschen. Meine Kleine.
Zuerst war es leicht, die Katze zu verstecken. Margarete Schulz kam fast nie in Annemaries Zimmer. Und Liesel war ein Muster an Ruhe sie kratzte nicht, tobte nicht herum, schnurrte nur oder schlief am Fensterbrett.
Doch dann, an einem Abend, ertönte es:
Frau Annemarie!
Die Stimme der Vermieterin war so eisig, dass Annemarie zusammenzuckte. Sie trat in den Flur. Margarete Schulz stand an der Tür mit verzerrtem Gesicht, in der Hand ein Büschel grauer Haare.
Was ist das? Wer ist bei Ihnen?
Frau Schulz, ich
Eine Katze?
Die Vermieterin schrie, als wäre es eine Schlange oder eine Ratte. Ihr Gesicht wurde rot, die Hände zitterten.
Ich kann diese Tiere nicht ausstehen! Überall Dreck! Überall Haare! Der Gestank!
Aber sie ist doch sauber.
Ich will keinerlei Katzengeist mehr in meinem Haus! Oder Sie packen Ihre Sachen!
Margarete Schulz drehte sich um und verschwand wütend in ihrem Zimmer. Die Tür knallte zu.
Annemarie ließ sich auf das Sofa sinken. Ihre Hände zitterten. Liesel kam und schmiegte sich leise an ihre Füße.
Was machen wir bloß jetzt, kleine Maus? Wohin sollen wir gehen?
Die Tränen liefen Annemarie übers Gesicht. Wieder alles von vorne? Wieder suchen, wieder alles einpacken?
Ein Auszug kam für sie trotzdem nicht in Frage. Die Kraft fehlte.
Sie beschloss in dem Moment: Solange sie nicht wirklich hinausgeworfen wurde, blieb sie. Und sie würde die Katze eben besser verstecken.
Die folgenden Tage waren ein einziges Versteckspiel. Nervig, anstrengend, aber Annemarie blieb keine andere Wahl.
Liesel verschwand im Schrank, sobald Frau Schulz im Flur zu hören war. Sie wurde nur frühmorgens oder spätabends gefüttert, wenn die Vermieterin beim Rewe war. Das Katzenklo stand ganz hinten hinter dem alten Koffer.
Und die Katze schien alles zu verstehen. Sie miaute nie und saß stundenlang still am Fenster, schaute mit traurigen, grünen Augen hinaus. Manchmal dachte Annemarie, dass Liesel sogar leiser atmete, um sich nicht zu verraten.
Du bist so brav, flüsterte Annemarie, während sie Liesels warmes, graues Fell streichelte. Halte noch ein wenig durch. Es wird alles gut.
Doch es wurde nicht gut.
Margarete Schulz lief durchs Haus, das Gesicht so, als hätte man sie verraten. Sie inspizierte die Ecken. Rümpfte die Nase. Einmal blieb sie lange vor Annemaries Zimmertür stehen und lauschte angespannt.
Annemarie verharrte mit Liesel im Arm, das Herz schlug wild.
Bitte Gott, hoffentlich hört sie nichts.
Nach einer Weile ging die Vermieterin. Aber die Stimmung im Haus wurde immer düsterer.
Beim Abendessen schwieg Margarete Schulz. Aß ihre Suppe und schaute nicht hoch. Plötzlich schob sie hervor:
Halten Sie mich für dumm?
Annemarie verschluckte sich fast am Tee.
Ich weiß genau, dass Sie sie nicht rausgeworfen haben. Sie verstecken sie irgendwo. Glauben Sie, ich merke nichts?
Frau Schulz
Nichts da! Die Vermieterin sprang auf. Keine Ausreden, keine Lügen! Ich habe Sie gewarnt. Aber wenn Sie so schlau sein wollen, bitte. Nur: Kein einziges Haar, nicht ein Miauen! Und wenn mein Enkel kommt dann darf nicht der kleinste Hauch Katze zu spüren sein!
Sie ließ Annemarie fassungslos am Tisch zurück.
Margarete Schulz erzählte am nächsten Tag vom Enkel. Trocken, aber Annemarie spürte einen seltsamen Ton in ihrer Stimme: Sorge, vielleicht auch etwas Angst.
Johannes kommt in den Osterferien. Zwölf Jahre alt. Seine Eltern immer am Arbeiten. Also schicken sie ihn zu mir. Er kommt Freitag.
Das ist doch schön! versuchte Annemarie, sie aufzubauen. Sie haben sich bestimmt vermisst.
Margarete Schulz verzog das Gesicht.
Vermisst Er ist fast wie ein Fremder. Hockt nur am Handy. Kaum spricht er mal mit mir. Kommt, bleibt eine Woche, fährt wieder. Jedes Jahr dasselbe.
Ihre Stimme wurde brüchig. Schmerz lag darin, echter, tiefer Schmerz.
Aber Sie sind doch seine Oma! Annemarie widersprach vorsichtig. Er liebt Sie bestimmt.
Liebe Die Vermieterin schnaubte. Ihm ist alles egal, schätze ich. Hauptsache WLAN.
Sie sagte nichts mehr. Am Ende fügte sie leise hinzu:
Und aber: Keine Katze, ist das klar?
Annemarie nickte. Doch innerlich fragte sie sich, wohin jetzt bloß mit Liesel ganze sieben Tage?
Der Freitag war schneller da, als ihr lieb war.
Johannes kam am Abend. Ein großer, schüchterner Junge mit Kopfhörern, der kaum Grüße murmelte und direkt im Gästezimmer verschwand.
Margarete Schulz deckte den Tisch, rief zum Abendessen. Johannes kam unwillig, ging nicht mal ohne Handy vom Tisch.
Ach Johannes, kannst du nicht wenigstens einen Happen essen? bat seine Oma.
Kein Hunger.
Ich habe extra Frikadellen gemacht Für dich, mein Junge!
Hab doch gesagt: kein Hunger!
Annemarie konnte alles durch die dünnen Wände hören. Sie tat der alten Frau leid, die sich so mühte, doch der Junge wollte nur seine Ruhe.
Liesel saß am Fensterbrett und blickte traurig in die Dunkelheit.
Halte noch aus, Kleines. Bald haben wirs geschafft.
Doch am nächsten Tag geschah das Unerwartete.
Annemarie ging nur kurz auf die Toilette. Die Tür zu ihrem Zimmer zog sie einfach zu es gab ja kein Schloss.
Liesel nutzte sofort die Gelegenheit. Neugierig oder einfach verspielt schlüpfte sie durch den Spalt und schlich in den Flur.
Als Annemarie zurückkam, war die Katze verschwunden.
Panik, kalter Schweiß.
Liesel! Lieschen!
Sie rannte hinaus und blieb stehen.
Mitten im Wohnzimmer saß Johannes auf dem Boden, und neben ihm Liesel. Der Junge streichelte sie, und die Katze schnurrte lauter als jedes Motorrad.
Ach du meine Güte, entfuhr es Annemarie.
Johannes blickte auf und lächelte zum ersten Mal seit seiner Ankunft.
Wem gehört die Katze?
Meine, stammelte Annemarie. Tut mir leid, Johannes, sie ist ausgerissen.
Kann ich sie noch ein bisschen streicheln? Die ist so zutraulich!
Natürlich.
Annemarie war ratlos. Gleich würde Margarete Schulz zur Tür hereinkommen und ein riesiger Krach war vorprogrammiert. Andererseits: Johannes schaute die Katze mit so leuchtenden Augen an.
Da kam die Vermieterin aus der Küche.
Sie sah die Szene. Blieb stehen.
Annemarie erwartete den Ausbruch.
Johannes, sagte Margarete Schulz leise. Spielst du mit der Katze?
Ja, Oma! Schau mal, wie sie schnurrt! Darf ich ihr was zu fressen geben?
Die Vermieterin schwieg. Sie sah ihren Enkel lange an und dann nickte sie.
Du darfst.
Ab diesem Tag änderte sich alles.
Johannes war kaum noch ohne Liesel anzutreffen. Er fütterte, spielte mit ihr, malte sogar Katzenbilder mit Buntstiften. Das Handy lag vergessen auf dem Sofa. Johannes lachte, erzählte seiner Oma von der Schule, von Freunden, dass er sich so sehr ein Haustier wünsche.
Margarete Schulz saß oft dabei, hörte einfach zu und zum ersten Mal seit Langem schien ein warmes Licht in ihren Augen.
Eines Abends kam sie zu Annemarie.
Sie darf bleiben, sagte sie leise. Ihre Liesel. Seit sie da ist, ist wieder Leben im Haus. Ein bisschen Freude.
Annemarie sah, wie eine Träne über Margaretes Wange lief.
Drei Monate vergingen.
Abends rief Johannes immer an. Nicht die Eltern, sondern die Oma. Fragte nach Liesel, bat um Videotelefonie. Margarete Schulz rang mit dem Handy, bekam die Katze selten ins Bild, schimpfte über die Technik.
So ein nutzloses Ding! Johannes, siehst du sie jetzt?
Ja, Oma! Lieschen, hallo!
Liesel erkannte die Stimme, kam näher, miaute in die Kamera.
Oma, zu den Pfingstferien komme ich wirklich wieder, ja?
Natürlich, mein Schatz. Liesel und ich warten auf dich.
Margarete Schulz hatte im Fressnapf schon eine neue Spielangel mit Federn gekauft. Johannes würde es gefallen, dachte sie sich.
Und Annemarie versteckte sich nicht mehr in ihrem Zimmer. Sie kochte in der Küche, trank zusammen mit Margarete Schulz Tee und erzählte von ihrem verstorbenen Mann, wie sie ihn kennengelernt hatte, wie schwer alles nach seinem Tod geworden war.
Wissen Sie, Frau Schulz, ohne Liesel hätte ich das nicht geschafft, glaube ich.
Die Vermieterin nickte still.
Tiere spüren so etwas. Sie kommen, wenn es uns schlecht geht. Einfach so. Ohne Worte.
Die beiden Frauen wurden fast Freundinnen. Zwei einsame Seelen, die das Leben und eine kleine graue Katze zusammengeführt hatte.
Als der Frühling kam, reiste Johannes wieder an. Mit einem riesigen Rucksack voller Geschenke: Katzenfutter, ein Halsband mit Glöckchen, ein kuscheliges Körbchen.
Oma, ich habe alles von meinem Taschengeld gekauft! verkündete er stolz.
Gut gemacht, mein Junge.
Johannes verbrachte die Ferien mit Liesel. Spielte, lief auf dem Hof herum, zeichnete. Kurz vor der Abfahrt fragte er:
Oma, darf ich im Sommer ganz lange bei dir bleiben?
Natürlich darfst du!
Margarete Schulz umarmte ihn. Sie dachte: Dazu braucht es nicht Stille. Nicht Perfektion. Glück ist hier: In einem Kinderlachen, in einer Umarmung, im schnellen Schritt durch den Flur.
Und all das verdankten sie einer unscheinbaren, grauen Katze.
Das Leben zeigt manchmal, dass wahres Glück oft dort versteckt ist, wo wir es nie erwartet hätten: in einem kleinen Wesen, das einfach nur Liebe schenkt.





