Als bei Helene die Wehen einsetzten, war Matthias wieder mal auf Fernfahrt.
Ein paar Tage später ohne Umweg nach Hause fuhr Matthias direkt zur Geburtsklinik in Hamburg. Dort empfingen ihn ernste Gesichter: Seine Frau habe eine Verzichtserklärung unterschrieben. Die neugeborenen Zwillingsjungen wollte sie nicht, sogar ihre älteren Kinder seien ihr lästig, hat sie gesagt dann sei sie einfach gegangen. Matthias, ohnehin schon voller Zweifel, ob die Kinder wirklich von ihm seien, wurde von Wut gepackt. Helene hat wirklich alle Grenzen überschritten!
Zu Hause fand Matthias seine Frau nicht mehr vor; sie hatte die Koffer gepackt und die dreijährigen Zwillinge, Julian und Jakob, bei seiner alten Großmutter Gertrud zurückgelassen. Er wusste nicht, was tun außer Oma Gertrud hatte er keine Verwandten mehr und sie war längst nicht mehr die Jüngste. Die Kinder ins Heim? Dafür schämte Matthias sich zu sehr. Schließlich folgte er dem Rat eines Freundes und klingelte am nächsten Morgen bei der Nachbarin: vielleicht könnte sie helfen.
Johanna, eine bescheidene 19-jährige, arbeitete ohnehin als Erzieherin in der Kinderkrippe. Zögernd und voller Respekt vor der Aufgabe willigte sie ein. Sie kündigte ihren Job, Matthias holte mit ihr zusammen die Babys aus dem Krankenhaus und Johanna zog einfach zu ihm ins Haus, denn vier kleine Jungs brauchten ständige Betreuung. Matthias war als Trucker zwar selten daheim und fürs tägliche Vatersein völlig ungeeignet weder Windeln wechseln noch Baden lagen ihm. Ich bin doch kein Erzieher! Ich arbeite hart!, war seine Ausrede.
Für Johanna begann ein echter Kraftakt: Zwei Säuglinge, Moritz und Max, und zwei lebhafte Dreijährige. Wenigstens waren die Babys ruhige Geschöpfe, sie tranken ihre Milch und schliefen selig in ihren Wickelbetten. Johanna las Fachbücher, lernte Babymassagen, entwickelte Übungen zur Förderung der Jungs. Die ortsansässige Kinderkrankenschwester, Frau Lehmann, schaute regelmäßig vorbei, gab praktische Tipps.
Die ersten Wochen drohte Johanna oft zu zweifeln zu groß war die Angst, zu versagen. Doch mit der Zeit wuchsen ihr die Kinder ans Herz wie die eigenen. Matthias verbrachte zwischen seinen Touren immer nur wenige Tage zu Hause, doch wenn er da war, waren sie eine richtige Familie er, Johanna und die vier kleinen Jungs: zwei wilde Lausbuben und zwei süße Wonneproppen. Zusammen lachten sie, kauften Kleidung, planschten auf dem Sofa, warfen die Kleinen in die Luft und eines Morgens lagen Matthias und Johanna ganz selbstverständlich nebeneinander im Ehebett.
Eine Woche danach stellten sie einen Antrag beim Standesamt. Inzwischen war Matthias bereits geschieden, Helene hatte er das Sorgerecht abgenommen. Johanna hörte nicht auf das Gerede der Nachbarn: Nicht der richtige Mann für dich! Er benutzt dich nur! oder Mit Helene war er auch kein Vorzeigemann, wie soll das erst mit dir werden? Für Johanna zählten nur die Jungs. Sie liebte sie abgöttisch, und Matthias mochte sie tatsächlich sehr gern. Sie vertraute darauf, dass das reicht, und dass er sie und die Kinder nicht alleine lassen würde.
Die Hochzeit war bescheiden, nur der engste Kreis, kein Hochzeitskleid, kein Schleier. Matthias bestand darauf, Johanna wagte nicht zu widersprechen das Wesentliche zählte: Zusammenhalt und Glück.
Doch dieses Glück hielt nicht lange. Matthias entpuppte sich als launischer, gleichgültiger Ehemann. Hilfe im Haushalt? Fehlanzeige Ich bin doch müde von der Fahrt! und das Bier wurde ihm zur Gewohnheit. Immer öfter war er monatelang unterwegs, gab wenig Geld ab. Johanna musste um Windeln und Äpfel bitten. Bei der kleinsten Kritik meinte er bloß: Wenns dir nicht passt, geh doch! Doch sie konnte die Kinder nicht verlassen; sie waren ihr längst ans Herz gewachsen.
Zwei Jahre verstrichen. Dann eines Abends, nach der Rückkehr von einer langen Fahrt, als er satt und schwerfällig auf dem Sofa saß, winkte Matthias Johanna heran:
Ich komm gleich zur Sache. Es gibt da eine Frau in einem anderen Dorf. Wir sehen uns oft, öfter als wir beide ich werde Vater. Ich hab vor, sie zu heiraten, Johanna. Und dich will ich scheiden lassen. Verzeih.
Johanna starrte ihn ungläubig mit Taubheit im Herzen an. Und was ist mit den Kindern?… Ich geb sie dir nicht!
Kannst du ruhig behalten. Ich bekomme ja noch ein Kind.
Noch ein Kind? Und diese hier sind sie keine?, presste Johanna hervor, Tränen in den Augen.
Lass das jetzt! Ich will bloß die Scheidung. Und was aus den Kindern wird, ist deine Sache.
Johanna sagte klarsichtig: Gut aber nur, wenn du mir die Einwilligung gibst, die Jungs offiziell zu adoptieren. Und du ihnen nie verrätst, dass ich nicht ihre leibliche Mutter bin.
Matthias nickte. Und du versprichst, nie schlecht über mich zu reden. Meinethalben, lass uns das so machen.
Die Scheidung verlief leise, schnell. Den Kindern erklärte Johanna, ihr Papa arbeite jetzt im Ausland, irgendwo in Spanien, helfe beim Bau von neuen Wohnungen für arme Menschen, und würde so schnell nicht zurückkommen. Das alte Haus verkaufte sie, zog mit den Kindern in den Nachbarbezirk niemand sollte erfahren, dass die Jungen nicht ihr leibliches Blut sind.
Noch vor Schulende hatte Johanna die Ausbildung zur Friseurin gemacht. Im neuen Viertel begann sie, Nachbarn zu schneiden, dann dauerte es nicht lange, bis sie durch Empfehlungen immer mehr Kunden bekam. Sie war fleißig, warmherzig und geschickt und wurde bald unentbehrlich. Das Geld reichte gut, auf Matthias Unterstützung war sie nicht angewiesen.
Mama, kommt Papa bald aus Spanien zurück? Wird er uns zum ersten Schultag begleiten?, fragten Julian und Jakob, während sie voller Vorfreude ihre Schulmäppchen packten.
Johanna lächelte traurig und räumte die Taschen außer Reichweite von Max und Moritz. Nein, meine Lieben, Papa bleibt noch eine Zeit weg, er hat noch viele Häuser zu bauen.
Von Matthias hörte sie nie wieder etwas. Es kümmerte sie nicht. Ihre vier Jungen waren alles, was zählte. Gemeinsam lernten sie lesen, sangen Lieder, spielten Fußball, machten im Winter Wechselduschen im Garten. Am Abend tranken sie Tee und dachten sich lustige Geschichten aus die besten schrieb Johanna in einem dicken blauen Heft nieder. Sie stellte sich vor, wie ihre erwachsenen Söhne das eines Tages ihren Kindern vorlesen würden.
Hans auf dem weißen Pferd hat einen Kuchen gebacken, die Prinzessin nimmt ein Stück und wird plopp ein kleiner Dackel. Dann zaubert der Zirkusclown sie zurück!
Die Jahre vergingen. Die Söhne wurden erwachsen die Älteren heirateten, schenkten Johanna Enkel, die Jüngeren studierten. An jedem Wochenende kam die ganze Familie zusammen. Sie kochten gemeinsam, tranken Kaffee, lasen die Märchen der Mama und lachten wie früher.
An einem besonderen Sonntag es war der Geburtstag von Moritz und Max, der Jüngsten war das Haus voll, der Garten voller Musik und Lachen. Die Schwiegertöchter zauberten Kuchen, die Männer grillten Würstchen, Lena und Janine, die Freundinnen der Jüngsten, deckten den Tisch. Johanna stand lächelnd an der Tür und war dankbar für ihr Glück.
Im Trubel bemerkte sie zunächst nicht den alten Mann, der durchs Gartentor schlurfte: schmutziges Hemd, viel zu weite Trainingshose, kaputte Turnschuhe. Er sah sich um, als gehöre ihm das Haus, und rief laut: Na, wer begrüßt denn den Papa nicht?
Alle verstummten. Johanna schlug die Hände vors Gesicht es war Matthias, der sich taumelnd erst an Moritz, dann an Max klammern wollte. Die beiden wichen zurück vor dem Alkoholgestank des Fremden.
Johanna, sag doch, wer ich bin! Ein bisschen Respekt vorm eigenen Vater! Du erinnerst dich an unser Versprechen!, schrie Matthias.
Wie gelähmt starrte Johanna auf Matthias. Wie konnte sie ihren Söhnen erklären, dass ihr Vater kein Held, sondern ein gebrochener, trauriger Mann war, der sie einst verstoßen hatte?
Stille. Die Jungs blickten zwischen Johannes und Matthias hin und her. Dann sagte Jakob leise: Einen Vater soll man also respektieren? Aber wo warst du all die Jahre, Papa? Glaubst du, wir hätten das nicht längst verstanden? Unsere Mutter sie hat uns großgezogen. Nur ihr gebührt Respekt.
Eure Mutter? Sie ist doch nicht mal eure richtige Mutter! Nur die Nanny ist sie!, schrie Matthias.
Johanna drehte sich wortlos um, ging ins Haus und schloss sich im Schlafzimmer ein, wo die Enkel friedlich schliefen. Auf der Bettkante sitzend, das Gesicht in den Händen, weinte sie.
Da ging die Tür einen Spalt auf. Vier ihrer Söhne standen da, nicht mehr Jungen, sondern Männer. Sie drückten sich aneinander, in Jakobs Händen die Märchen der Mama. Er reichte sie Johanna; vorn stand in krakeliger Schrift: Und sie lebten glücklich und zufrieden, weil sie die beste und liebste Mama der Welt hatten!
Johanna lächelte unter Tränen. Mehr Glück passte nicht in ein einziges Leben.





