Stefanie war 47, als sie beschloss, etwas zu adoptieren. Kein Kind. Kein Hund. Nicht einmal eine Katze, dachte sie zumindest zuerst.
Was sie eigentlich aufnahm, war die Stille.
Sie lebte allein in einer kleinen Altbauwohnung in Hamburg, umgeben von Grünpflanzen, zerlesenen Büchern mit Bleistiftanmerkungen und einer Sammlung an alten Kaffeetassen, bei der sie selbst nicht so genau wusste, wieso sie die eigentlich aufhob. Ihr ganzes Leben hatte sie Dinge auf später verschoben. Die Liebe, Reisen, eigene Kinder. Immer gab es irgendwas, das wichtiger, dringlicher schien. Bis sie eines Tages innehielt und merkte, dass eigentlich nichts mehr dringend war.
Und auch sonst war nichts da.
Eines ganz gewöhnlichen Dienstags ging sie runter zum Müllcontainerund da hörte sie es.
Ein Miauen.
Leise.
Beharrlich.
Fast gebrochen.
Sie blickte sich um. Nichts zu sehen.
Als sie den Deckel einer Mülltonne öffnete, sah sie ihn dann doch.
Ein winziges Katerchen, dreckig, mit einem geknickten Schwanz und verklebten Augen. Es atmete kaum noch.
Stefanie reagierte ganz instinktiv: Sie wickelte das kleine Tier in ihren Schal und nahm es mit nach oben.
Sie wusch den Kater vorsichtig, trocknete ihn ab und sprach mit ihm:
Ob dus schaffst, weiß ich nicht, Kleiner… Aber wenigstens musst du nicht alleine sterben.
Die ganze Nacht schlief sie kaum, hielt ihn fest an sich gedrückt. Er schmiegte sich an ihre Brust, als hätte er genau das gebraucht und als müsste sie etwas Festhalten, das mehr war als nur eine Katze.
Entgegen aller Erwartungen überlebte der Kater.
Und nicht nur das.
Er lernte wieder zu laufen, fraß mit Appetit und schnurrte laut, wenn Stefanie nach Hause kam.
Schon bald rannte naja, humpelte er zur Tür, sobald sie heimkam.
Auch ohne Schwanz.
Auch wenn er ein Bein hinterherzog.
Sie nannte ihn Remus.
Remus, weil es manchmal das Gefühl gibt, dass man gegen den Strom rudert, wenn eigentlich alles gegen einen läuft.
Mit den Monaten wurde aus dem Kater Alltag.
Aus Alltag wurde Gewohnheit.
Aus Gewohnheit wurde Wärme.
Stefanie fing wieder an zu lachen.
Sie schlief abends gelöster ein.
Und sie sprach endlich wieder laut in dem Wissen, dass da jemand zuhörte auch wenn niemand antwortete.
An einem Sonntagnachmittag, als Remus auf ihrem Schoß döste, fragte ihre Freundin Annemarie:
Ist dir eigentlich klar, dass du nicht ihn gerettet hast?
Stefanie hob den Blick.
Wie meinst du das?
Na, der Kater kam genau dann, als du ihn gebraucht hast. Als du angefangen hast, dich selbst zu verlieren. Er war dein Erinnerung.
Stefanie schaute hinunter.
Remus lag ausgestreckt, sein Bäuchlein entblößt, kleiner feuchter Schnurrbart, sein Körper an ihren gelehnt, als wären sie eins.
Da verstand sie plötzlich.
Sie hatte ihn nicht adoptiert.
Er hatte sie ausgesucht.
Nicht jede Adoption läuft über Formulare oder Bürokratie. Manchmal braucht es nur einen Zufall, eine Narbe und ein Herz, das noch bereit ist, etwas Kaputtes zu lieben.
Seitdem, wenn jemand fragte, warum sie nicht geheiratet, keine Kinder bekommen oder eine richtige Familie gegründet hätte, sagte Stefanie:
Nicht alle adoptieren wir Kinder. Manche von uns nehmen Seelen bei sich auf.
Und manchmal schnurren diese Seelen eben.
Manche Wesen tauchen auf, ohne dass du sie rufst und bleiben, als hätten sies dir versprochen.Und so saß Stefanie Abend für Abend auf ihrem Balkon, spürte Remus’ vibrierende Wärme auf den Knien und blickte auf die Stadt, deren Lichter langsam entflammten. Die Stille, die einst so schwer gewesen war, summte jetzt weich und freundlich. Manchmal glaubte sie, darin etwas Neues zu hören Hoffnung vielleicht, oder einfach das ehrliche Glück, jemanden gefunden zu haben, der blieb.
Und während Remus bei jedem Sonnenaufgang den Tag begrüßte, blinzelte sie verschmitzt und dachte: Es ist nie zu spät, gefunden zu werden.



