„Meine Mutter bleibt hier wohnen!“, erklärte mein Mann. – Vital, wir müssen reden, – sagte Irina, als die Kinder endlich schliefen. – Willst du das Problem mit deiner Mutter überhaupt lösen? Heute habe ich rohes Fleisch in der Waschmaschine gefunden – und gestern hat sie das Wasser in der Badewanne laufen lassen und ist einfach gegangen. Wenn ich eine Stunde später mit Sonja von draußen zurückgekommen wäre, hätten wir drei Stockwerke überflutet! – Ach Irina, – sagte Vitali müde und schloss die Augen, – sie ist halt alt und vergesslich. Du verlierst deinen Schlüssel doch auch manchmal. – Das ist nicht Vergesslichkeit, Vitali. Das ist Demenz. Eine ernstzunehmende, fortschreitende Krankheit! Deine Mutter ist eine Gefahr für sich und für uns. Weißt du eigentlich, dass wir zwei kleine Kinder in der Wohnung haben? Was ist, wenn sie den Herd anmacht, das Gas laufen lässt, es vergisst und dann ein Streichholz anzündet? Irina entdeckte eine rohe Hähnchenkeule in der Trommel der Waschmaschine, als sie gerade Kinderwäsche waschen wollte. Das Fleisch begann schon zu riechen. Sie streckte sich, rieb sich den schmerzenden Rücken und lauschte – aus dem hinteren Zimmer klopfte es regelmäßig. Irina seufzte lang: Die Schwiegermutter hatte wieder ihre Marotten. Sie sah nach – Antonina Iwanowna saß auf dem Bett, hielt einen schweren Kamm in der Hand und schlug regelmäßig damit auf die Heizung. – Mama, bitte, hören Sie auf, – bat Irina leise. – Die Kinder schlafen gerade. Die Nachbarn kommen sonst gleich wieder. Genug! Die Schwiegermutter sah sie mit trüben Augen an. Schon lange erkannte sie ihre Schwiegertochter nicht mehr. Manchmal nannte sie sie Schwester, manchmal eine alte Freundin, meistens aber schaute sie einfach misstrauisch. – Die da unten machen wieder Krach, – nuschelte Antonina Iwanowna, ohne mit dem Schlagen aufzuhören. – Irgendwas sägen die. Hörst du? Sägen. Nachts sägen sie, und jetzt wieder. Muss die Polizei rufen. Wer bist du eigentlich? – Keiner sägt hier was, – versuchte Irina vorsichtig, ihr den Kamm wegzunehmen. – Das sind nur die Heizungsrohre. Kommen Sie, trinken wir lieber Tee zusammen. Ich habe frische Brötchen gekauft. – Brötchen… – Die Alte erstarrte, dann wurde sie misstrauisch. – Und wo sind meine Frikadellen? Hast du sie gegessen?! Ich habe extra drei Frikadellen versteckt für heute Abend. Du hast meine Frikadellen geklaut?! Irina seufzte. Die Schwiegermutter hatte die Frikadellen tatsächlich versteckt – gestern fand Irina sie im schmutzigen Kopfkissenbezug. Heute entdeckte sie die Hähnchenkeule in der Waschmaschine. Wann hört das endlich auf?! – Niemand hat etwas geklaut, Mama. Kommen Sie mit in die Küche. Der ganze Tag war ein einziges Hin und Her. Der fünfjährige Sohn traute sich kaum noch aus seinem Zimmer – morgens hatte ihn die Oma als verkleideten Spion bezeichnet und damit zu Tode erschreckt. Die kleine Sonja war quengelig und merklich angespannt. Irina hetzte zwischen Herd, Windeln und der Schwiegermutter hin und her, die dreimal im Hausschuhen in den Hausflur laufen wollte, weil sie „ins Geschäft Salz holen müsse“. Als sich im Schloss der Haustür ein Schlüssel drehte, schwante Irina Übles. Ihr Mann kam heim. Der nächste Nervenkrieg würde gleich losgehen. Wie immer. – Hallo, – er gab seiner Frau einen Kuss auf die Wange. – Kinder, hallo! Mama, wie geht’s dir? Antonina Iwanowna verwandelte sich sofort. Ihr Rücken wurde gerade, sie lächelte und streichelte ihren Sohn am Arm. In solchen Momenten wirkte sie beinahe normal – wie eine erschöpfte, alte Frau. Vitaly glaubte sowieso nicht, dass seine Mutter nicht mehr klar ist. Er hatte sie nachts noch nie an der Gasleitung erwischt. – Vitali, mein Junge, – säuselte sie. – Die schikanieren mich hier. Lassen mich hungern. Sie nimmt alles aus meinem Zimmer mit, lässt mich nicht mal kämmen. Den Kamm hat sie mir weggenommen! Vitaly warf Irina einen kurzen Seitenblick zu. – Irina, was soll das? Warum ärgerst du meine Mutter? Das macht man nicht! Irina ging wortlos in die Küche – diskutieren hatte keinen Zweck. Sie wollte warten, bis die Schwiegermutter im Bett war, ehe sie erneut mit ihrem Mann sprach. Kaum hatte sie die Kinder hingelegt und kam selbst ins Schlafzimmer, fing der Mann wieder an: – Irina, wenn du jetzt wieder anfängst, meine eigene Mutter ins Heim abschieben zu wollen, kannst du dir die Worte sparen. Das wird nicht passieren! Willst du, dass sie dort zu einem Gemüse wird? Niemals, Irina! – Das ist kein Heim, Vitali. Es gibt private Pflegeheime mit medizinischer Betreuung. Dort gibt es Fachpersonal und Sicherheit. Sie kann sich dort nicht mehr verletzen! Es wäre besser für sie, verstehst du? Einen festen Tagesablauf, Beschäftigung… – Schluss jetzt! – brüllte Vitali plötzlich. – Ich bin kein Verräter. Meine Mutter hat ein Zuhause, sie hat einen Sohn. Solange ich lebe, bleibt sie hier wohnen. Du bist einfach nur faul, Irina. Du willst sie nicht betreuen. Du bist doch den ganzen Tag zu Hause – ist es wirklich so schwer, sich um eine alte Frau zu kümmern? Irina platzte der Kragen. – Bist du ernsthaft? Weißt du, wie das ist? Alle fünf Minuten kontrollieren, wo sie ist und was sie gerade macht? Ich kann nicht mal in Ruhe aufs Klo gehen! Sie macht unseren Kindern Angst! Begreifst du das nicht? Sie geistert nachts schlafwandelnd durch die Wohnung, ich schlafe kaum noch, Vitali! Ich liege die halbe Nacht wach und lausche, ob aus ihrem Zimmer verdächtige Geräusche kommen! – Halte durch, – wischte er sie unwirsch ab. – Das ging uns allen mal so. Meine Oma war auch schwierig, meine Mutter hat sie bis zum Ende gepflegt. Das ist deine Pflicht, Irina. Akzeptier es. Vitali drehte sich um und tat so, als würde er schlafen. *** Die nächste Woche wurde zum Alptraum. Antonina Iwanowna schlief nachts gar nicht mehr. Sie tigerte schlurfend durch den Flur und redete mit unsichtbaren Menschen. Zweimal fand Irina sie an Sonjas Bettchen. Die Schwiegermutter stand da, starrte das Kind an und murmelte: – Das ist nicht unser Kind… Ausgetauscht… Zurückbringen… Irina kriegte Gänsehaut. Sie sprach mehrmals mit ihrem Mann, der winkte nur ab. Am Donnerstag kam die Nachbarin von unten. Klara Petersen – eine strenge Frau ohne Sentimentalität – stand mit festen Worten vor der Tür. – Schau mal, Irina, – sagte sie. – Ich hab ja Verständnis für Krankheit und Alter… Aber gestern Nacht hat deine Schwiegermutter so auf die Heizkörper gehämmert, dass mir der Putz von der Wand fiel! Ich habe hohen Blutdruck, ich brauche meine Ruhe. Und heute Morgen warf sie aus dem Fenster – Gott sei Dank hat sie meinen Enkel nicht am Kopf getroffen! – Was hat sie geworfen? – Irina wurde bleich. – Rohe Kartoffeln. Hängt halb aus dem Fenster und schmeißt! Kümmert euch besser oder ich schreibe ans Sozialamt. Das ist doch nicht normal. Irina entschuldigte sich, versprach, dass es nicht wieder vorkommt – sie glaubte selbst nicht mehr daran. Am Abend sprach sie erneut mit ihrem Mann. Vitali winkte ab: – Die Nachbarin ist eine Nörglerin, hör nicht auf sie. Ich kaufe Fenstersicherungen. – Vitali, sie wird sie ohnehin öffnen! Was bringen deine Riegel? – Dann pass besser auf! Du bist doch zu Hause und hast eh nichts zu tun. Ich arbeite und kann mich um so etwas nicht kümmern. Diesmal erreichte Irina wieder nichts. *** Samstagmorgen machte sich Vitali mit Freunden zum Angeln auf – ein Tagestrip. – Du kannst mich nicht das ganze Wochenende alleine mit ihr lassen! – stellte Irina sich ihm im Flur entgegen. – Ich bin am Ende, Vitali. Ich brauche auch mal eine Pause! Warum muss ich immer alles alleine stemmen?! – Übertreib nicht. Mama ist heute ruhig, sie schaut Fernsehen. Ich komme morgen Abend wieder, bringe dir einen Fisch mit. Erhol dich, hält dich doch keiner ab. Leg die Kinder hin und mach es dir angenehm! Der Mann fuhr los. Der Tag verlief überraschend ruhig: Antonina Iwanowna saß stundenlang im Sessel und sortierte alte Postkarten. Die Kinder spielten, Irina schaffte sogar, Wäsche zu bügeln. Sie begann zu zweifeln, ob sie vielleicht wirklich übertrieben hatte? War vielleicht doch alles gar nicht so schlimm? Am Abend brachte sie die Kinder ins Bett und fiel selbst in einen traumlosen, bleiernen Schlaf. Sie wurde von einem stechenden Geruch geweckt, der ihr Herz wild schlagen ließ. Gas. Irina sprang auf, noch im Schlafanzug, rannte in den Flur. In der dunklen Küche, schwach beleuchtet vom Licht der Straßenlaterne, stand die Schwiegermutter. Antonina Iwanowna war an allen vier Herdplatten, drehte sie auf, ohne Feuer. In der Hand hielt sie ein Streichholzschächtelchen. – Mama! – Irina stürzte auf sie zu, packte die Hand, im gleichen Moment, als das Streichholz bereits rieb. Es zündete. Irina konnte es im letzten Moment löschen, verbrannte sich die Finger. – Was machen Sie da?! – japste sie und drehte schnell das Gas aus. – Sie hätten uns alle umbringen können! Die Schwiegermutter sah sie kalt an: – Mir war kalt, – sagte sie knapp. – Wollte mich aufwärmen. Du bist böse. Du hast mir das Feuer weggenommen. Irina öffnete das Fenster weit. Sie zitterte. Hätte sie nur eine Minute später reagiert … ein Wunder, dass nichts passiert war. Sie sperrte die Schwiegermutter im Zimmer ein, setzte sich im Flur vor die Kinderzimmertüre und blieb dort bis zum Morgengrauen – jedes Geräusch im Ohr. *** Vitali kam am Sonntag bestens gelaunt zurück. – Na, wie geht’s euch? Angeln war spitze! Schau mal, was ich an Barsch mitgebracht habe. Irina kam in den Flur, noch in der Kleidung von letzter Nacht, das Gesicht blass, Augen tief eingesunken. – Warum bist du schon wieder unzufrieden? – Vitali runzelte die Stirn, stellte seinen Beutel mit Fisch auf den Boden. – Deine Mutter hat heute Nacht fast die Wohnung in Brand gesetzt, – sagte Irina leise. – Sie hat Gas aufgedreht und fast ein Streichholz angezündet. Ich war rechtzeitig da. Eine Sekunde später – und mich und die Kinder hätte es nicht mehr gegeben. Du wärst zu einer Ruine nach Hause gekommen, Vitali. Der Mann erstarrte. – Ach was… Du übertreibst wieder! Wahrscheinlich war der Herd nur nicht richtig ausgestellt. Sie zog ihr Handy aus der Tasche. – Ich habe alles gepackt. Meine Sachen, die der Kinder. Wir fahren jetzt zu meiner Mutter. Sofort. – Irina, was soll das? – Er wollte nach ihrer Hand greifen, sie wich zurück. – Das war doch nur ein Missverständnis… Wir finden schon eine Lösung. Ich baue ein Schloss an die Küchentür ein… – Nein, Vitali. Es gibt keine weiteren Lösungen. Ab sofort ist es deine Verantwortung. Du hast gesagt, du bist kein Verräter? Gut. Dann kümmerst du dich jetzt rund um die Uhr. Jetzt suchst du ihre Zahnbürste im Spülkasten, fischst rohes Fleisch aus deinen Turnschuhen und hörst dir nachts ihr Spion-Geschwätz an. Ich will nur, dass unsere Kinder am Leben bleiben! Eine Stunde später holte ihr Bruder sie ab. Irina packte die Kinder und verließ die Wohnung, ohne auf das Klopfen aus dem hinteren Zimmer zu achten. – Mama! – rief Vitali, als sich die Tür hinter seiner Frau schloss. – Mama, hör auf! – Da klopfen sie wieder… – kam die alte Stimme aus dem Zimmer. – Fangen an zu sägen, Viti. Sag dem Mädchen, sie soll gehen, sie hat mir meine Frikadellen gestohlen… *** Drei Tage lang rief ihr Mann immer wieder an, Irina ging nicht ans Telefon. Am vierten Tag kam eine Nachricht: „Komm zurück. Bitte. Ich kann nicht mehr.“ Als sie wieder in die Wohnung kam, schlug ihr Übelkeit entgegen: Es roch säuerlich, nach ungewaschenem Körper und etwas Fauligem. Vitali saß im Wohnzimmer auf dem Sofa. Die Haare zerzaust, Augenringe schwarz – als hätte er eine Woche nicht geschlafen. In der Ecke auf dem teuren Perserteppich saß Antonina Iwanowna und zerriss mit stoischer Ruhe eine Zeitung in kleinste Stücke, flüsterte dabei. – Sie schläft nicht mehr, Irina, – stammelte Vitali. – Sie legt sich einfach nicht hin! Gestern wollte sie ein Stück Seife essen – als ich sie ins Bett bringen wollte, hat sie mich gebissen. Sieh mal. Er zog den Ärmel hoch, zeigte blaue Flecken und Bissspuren. – Ich arbeite im Homeoffice, sie hat mir den PC-Stecker rausgezogen und versteckt. Ich hab drei Stunden gesucht. Gefunden habe ich ihn im Gefrierfach. Irina… ich bin kurz vorm Durchdrehen. Gestern hat sie das Bild von unserem Sohn im Aschenbecher verbrannt – meinte, das wäre schwarze Magie. Irina, ich bin bereit für das Pflegeheim. Ich verstehe jetzt, du hattest recht! Mama ist ernsthaft krank, sie braucht professionelle Hilfe. Irina setzte sich zu ihm und nahm seine Hand. Endlich hatte er es begriffen… *** Antonina Iwanowna bekam einen Platz in einem privaten Pflegeheim. Der Sohn besucht sie regelmäßig. Nun sind auch er und Irina ruhiger – die Oma fühlt sich dort wohl. Das Personal ist freundlich, gutes Essen, frische Luft… Sogar neue Freundinnen hat sie gefunden. Ihren Sohn erkennt sie gut, nach den Enkelkindern und der Schwiegertochter fragt sie allerdings nie. Die gibt es nicht mehr – in ihrer Welt. —- NEUER TITEL: „Meine Mutter bleibt hier wohnen!“, beharrt mein Mann – Wenn Angehörige mit Demenz zur Zerreißprobe für die Familie werden und wie wir beinahe an Pflege und Verantwortung zerbrochen wären

Mama wird hier wohnen, erklärt der Ehemann.

Tobi, wir müssen reden, kommt Annemarie ins Schlafzimmer, nachdem die Kinder eingeschlafen sind. Willst du das Problem mit deiner Mutter eigentlich mal angehen?

Heute habe ich rohes Fleisch in der Waschmaschine gefunden, und gestern hat sie in der Badewanne das Wasser aufgedreht und ist einfach weggegangen.

Wäre ich nach dem Spaziergang mit Leni eine Stunde später zurückgekommen, hätten wir hier drei Stockwerke unter Wasser gesetzt!

Ach komm, Anne, Tobi schließt die Augen. Sie ist alt, ein bisschen zerstreut eben. Du verlegst doch auch manchmal die Schlüssel.

Das ist keine Zerstreutheit, Tobi. Das ist Demenz. Eine echte, fortschreitende Krankheit. Deine Mutter ist eine Gefahr für sich und uns.

Dir ist schon klar, dass wir zwei kleine Kinder hier haben? Was ist, wenn sie den Gasherd anmacht, vergisst ihn auszumachen und dann noch ein Streichholz anzündet?

Annemarie hat heute eine rohe Hähnchenkeule in der Trommel der Waschmaschine gefunden, als sie gerade die Kindersachen waschen wollte. Das Fleisch begann schon, seltsam zu riechen.

Sie streckt sich, greift sich an den schmerzenden unteren Rücken und hört das rhythmische Klopfen aus dem hinteren Zimmer die Schwiegermutter ist wieder beschäftigt.

Als Annemarie ins Zimmer blickt, sitzt Gertrud Schuster auf dem Bett und schlägt beharrlich mit einer schweren, alten Bürste gegen die gusseiserne Heizung.

Mama, bitte, können Sie damit aufhören? bittet sie leise. Die Kinder sind gerade erst eingeschlafen, gleich stehen wieder die Nachbarn vor der Tür. Es reicht.

Die Schwiegermutter schaut sie mit trübem Blick an. Schon länger erkennt sie die Schwiegertochter nicht mehr.

Manchmal nennt sie sie Schwester, manchmal eine alte Jugendfreundin, meistens sieht sie sie einfach nur voller Misstrauen an.

Da unten machen die wieder Krach, murmelt Gertrud und schlägt weiter. Sägen irgendwas. Hörst du das? Bohren.

Letzte Nacht haben die gesägt, jetzt geht es wieder los. Wir müssen die Polizei rufen. Übrigens, wer bist du eigentlich?

Da sägt niemand, versucht Annemarie vorsichtig, ihr die Bürste aus der Hand zu nehmen. Das sind nur die Rohre. Kommen Sie, wir trinken lieber einen Tee. Ich habe frische Brötchen besorgt.

Brötchen, die alte Dame hält inne, wird dann unruhig. Wo sind meine Frikadellen? Du hast sie gegessen!

Ich habe doch drei Stück versteckt, wollte abends noch was essen. Du hast meine Frikadellen geklaut!

Annemarie seufzt. Frikadellen hat Gertrud tatsächlich versteckt, Annemarie fand sie gestern in einem schmutzigen Kopfkissenbezug. Heute dann das Hähnchen in der Waschmaschine.

Wann hört das endlich auf?

Niemand hat irgendwas geklaut, Mama. Kommen Sie, wir gehen in die Küche.

Der Tag vergeht im Trubel. Der fünfjährige Sohn Jan hält sich freiwillig im Zimmer auf, seit ihn die Oma heute Morgen als verkleideten Spion bezeichnet hat.

Die kleine Leni ist quengelig, irgendetwas spürt sie.

Annemarie rennt zwischen Herd, Windeln und der Schwiegermutter hin und her, die schon zum dritten Mal versucht, im Nachthemd und Hausschuhen zum Edeka zu laufen, weil sie angeblich Salz kaufen muss.

Als der Schlüssel sich abends im Schloss dreht, sinkt Annemaries Stimmung. Tobi kommt nach Hause und damit die nächste Runde nervlicher Strapazen.

Hallo zusammen, sagt er und gibt Annemarie einen Kuss auf die Wange. Hallo, ihr Lieben! Mama, wie gehts dir?

Gertrud verändert sich sofort: Sie richtet sich auf, lächelt und streichelt dem Sohn die Hand.

In solchen Momenten wirkt sie fast normal nur wie eine erschöpfte, alte Dame.

Tobi will nicht glauben, dass mit seiner Mutter etwas nicht stimmt. Nachts hat er sie noch nie am Gasherd erwischt.

Tobias, singt sie, die sind hier gemein zu mir. Ich kriege nichts zu essen. Sie nimmt alles aus meinem Zimmer, nicht mal bürsten lässt sie mich. Sie hat meine Bürste weggenommen!

Tobi sieht Annemarie vorwurfsvoll an.

Anne, was soll denn das? Wie kannst du Mama so was antun?

Annemarie geht stumm in die Küche. Es bringt nichts, sich zu streiten. Sie wartet, bis die Schwiegermutter im Bett ist, dann will sie mit Tobi reden.

Als die Kinder schlafen und sie ins Schlafzimmer kommt, beginnt Tobi sofort:

Anne, wenn du wieder anfängst, dass ich meine eigene Mutter ins Heim geben soll, dann lass es lieber gleich. Das kommt nicht in Frage!

Willst du, dass sie dort dahinvegetiert? Niemals, Annemarie!

Es gibt gute private Seniorenresidenzen mit medizinischer Betreuung, Tobi! Dort kann sie sich nicht mehr selbst gefährden, versteht du? Sie hätte Beschäftigung, Ansprechpartner, Pflege

Schluss jetzt! schreit Tobi plötzlich. Ich bin kein Verräter! Mama hat noch uns, ein Zuhause, einen Sohn. Solange ich lebe, lebt sie hier.

Du bist bloß faul, Anne. Dir ist das zu mühselig, ständig ein Auge auf sie zu haben. Du bist doch den ganzen Tag daheim, wie schwer kann das schon sein?

Annemarie wird wütend.

Meinst du das ernst? Weißt du, wie das ist, alle fünf Minuten nach ihr zu gucken? Ich kann nicht mal ungestört zur Toilette gehen!

Sie ängstigt unsere Kinder merkst du das wirklich nicht? Sie irrt nachts wie ein Geist durch die Wohnung, ich schlafe kaum noch!

Die halbe Nacht lausche ich auf Geräusche aus ihrem Zimmer!

Das hältst du aus, erwidert er kühl. So war das immer schon. Meine Oma war auch keine einfache Person, trotzdem hat Mama sie bis zuletzt gepflegt. Das ist eben deine Pflicht, Anne. Gewöhn dich dran.

Tobi dreht sich um und tut, als ob er schläft.

***

Die nächste Woche ist ein Alptraum. Gertrud schläft nachts gar nicht mehr.

Sie wandert schlurfend die Flure entlang und redet mit unsichtbaren Menschen.

Mehrmals sieht Annemarie sie am Kinderbett von Leni stehen, wie sie beim Anblick der Kleinen murmelt:

Das ist nicht unser Kind vertauscht wir müssen sie zurückgeben

Diese Worte lassen Annemaries Nackenhaare zu Berge stehen. Sie spricht Tobi mehrfach darauf an, aber der winkt ab.

Am Donnerstag steht die Nachbarin, Frau Weber, eine nüchterne und resolute Person, an der Tür.

Annemarie, ich versteh ja vieles, sie ist alt und krank. Aber sie hat mir gestern Nacht um drei so gegen die Heizungsrohre geklopft, dass der Putz abgeblättert ist! Ich brauche meinen Schlaf, und heute Morgen wirft sie rohe Kartoffeln auf meinen Enkel vom Fenster runter!

Kartoffeln?, Annemarie wird kalt.

Rohe Kartoffeln, ja. Bis zur Hüfte aus dem Fenster gelehnt! Sie müssen sich kümmern, sonst melde ich das beim Sozialdienst. So geht das nicht weiter.

Annemarie entschuldigt sich und versichert, dass es nicht wieder vorkommt ohne es selbst zu glauben.

Abends versucht sie es erneut bei Tobi, der nur abwinkt:

Frau Weber ist auch keine einfache, hör nicht auf sie. Ich baue Sicherungen an die Fenster.

Die wird sie aufbekommen, Tobi! Was bringen die denn?!

Pass halt auf! Du bist doch eh den ganzen Tag daheim. Ich arbeite, ich kann mich nicht auch noch mit deinen Nerven beschäftigen.

Wieder kommt sie nicht weiter.

***

Am Samstag plant Tobi einen Angelausflug mit Freunden 24 Stunden weg.

Du kannst mich nicht das ganze Wochenende allein mit ihr lassen! Annemarie stellt sich ihm im Flur in den Weg. Ich bin am Ende, Tobi.

Ich brauche auch mal eine Pause! Warum muss ich das alles allein tragen?

Du übertreibst. Mama ist heute ruhig, schau, sie guckt Fernsehen. Spätestens morgen Abend bin ich wieder da. Dann kannst du dich entspannen! Bring die Kinder ins Bett und gut.

Tobi fährt los. Der Tag verläuft ungewöhnlich still: Gertrud sitzt lange im Sessel und blättert alte Ansichtskarten durch.

Die Kinder spielen friedlich, Annemarie schafft es sogar, Wäsche zu bügeln.

Vielleicht übertreibt sie ja doch? Ist es vielleicht nicht so schlimm?

Abends im Bett schläft sie sofort und fest ein ohne Träume. Ein stechender Gasgeruch reißt sie schlagartig zurück in die Gegenwart. Herzklopfen, Angst.

Sie springt auf, in Schlafanzug und Socken in den Flur. Die Küche: dunkel, aber im schwachen Straßenlicht erkennt sie Gertruds Gestalt am Herd.

Gertrud steht mit einem Streichholz in der Hand, alle vier Herdplatten sind offen aber keine brennt.

Mama! Annemarie hechtet hin, hält ihre Hand fest, gerade als die Schwiegermutter das Streichholz schon angestrichen hat.

Es flammt auf Annemarie schlägt die Flamme hastig mit der Hand ab, spürt Schmerzen.

Was tun Sie? Sie ringt nach Luft, dreht hastig die Herdknöpfe aus. Sie wollten uns alle vergiften!

Die Schwiegermutter sieht sie ruhig an.

Mir ist kalt, sagt sie. Ich wollte mich wärmen. Du bist böse, hast das Feuer weggenommen.

Annemarie reißt das Fenster auf. Sie zittert. Hätte sie eine Minute länger geschlafen Ein Entkommen hätte es nicht gegeben…

Sie bringt Gertrud ins Zimmer, schließt ab, lehnt sich völlig erschöpft an die Kinderzimmertür und wacht dort bis zum Morgen.

***

Sonntag, Tobi kommt bester Laune heim.

Na, wie ists gelaufen? War ein super Angelausflug! Schau mal, was für Barsche ich gefangen hab.

Annemarie kommt in der Kleidung von letzter Nacht in den Flur. Blasse Haut, schwarze Ringe unter den Augen.

Warum bist du denn wieder so unzufrieden? Tobi runzelt die Stirn und stellt die Tüte mit den Fischen ab.

Deine Mutter hat heute Nacht fast die Wohnung in die Luft gesprengt, sagt Annemarie leise. Sie hat alle Gasherde aufgedreht und beinahe das Streichholz entzündet.

Ich habe es gerade noch verhindert. Eine Sekunde mehr, und du hättest nur eine Ruine vorgefunden.

Tobi stockt.

Ach was Du übertreibst! Wahrscheinlich war nur die Flamme ausgegangen.

Annemarie zieht das Handy aus der Tasche.

Ich habe gepackt. Meine Sachen, die der Kinder. Wir fahren zu meiner Mutter. Sofort.

Anne, was soll das jetzt? Er versucht, ihre Hand zu nehmen, aber sie weicht zurück. Es war einfach ein Missverständnis

Wir finden eine Lösung. Ich baue ein Schloss an die Küchentür

Nein, Tobi. Es gibt keine Lösung mehr. Es ist jetzt deine Verantwortung.

Du wolltest kein Verräter sein? Schön. Dann lebe jetzt 24 Stunden am Tag mit ihr.

Suche ihre Prothesen im Klo, fisch das rohe Fleisch aus deinen Schuhen, hör dir nachts ihr Gerede von Spionen an.

Ich will nur, dass meine Kinder leben!

Eine Stunde später holt ihr Bruder sie ab. Sie verlässt mit den Kindern die Wohnung, ohne auf das leise Hämmern aus dem hinteren Zimmer zu achten.

Mama! ruft Tobi, als sich die Tür hinter seiner Frau schließt. Mama, bitte hör auf!

Die machen wieder Krach da klingt es aus dem Zimmer. Verschwinden soll das Mädchen. Sie hat meine Frikadellen geklaut

***

Drei Tage ruft Tobi sie dauernd an, aber Annemarie geht nicht ran. Am vierten Tag bekommt sie eine Nachricht:

Bitte, komm zurück. Ich kann nicht mehr.

Als sie wieder in die Wohnung kommt, schlägt ihr ein beißender Geruch entgegen sauer, ungewaschen, verfault.

Tobi sitzt auf dem Sofa, zerzaust, schwarze Schatten unter den Augen, schlaflos.

Im Eck auf dem teuren Perserteppich sitzt Gertrud und zerreißt bedächtig Zeitung, plappert dabei unverständliche Dinge.

Sie schläft nicht mehr, Anne, sagt Tobi matt. Sie hat gestern versucht, Seife zu essen, und als ich sie ins Bett bringen wollte, hat sie mich gebissen. Schau.

Er zieht den Ärmel hoch: blaue Flecken und Bissspuren.

Ich wollte am Laptop arbeiten, da zieht sie plötzlich das Kabel raus und versteckt es. Ich habe drei Stunden danach gesucht.

Gefunden hat er es im Gefrierfach. Anne ich dreh durch. Sie hat gestern das Bild von Jan im Aschenbecher verbrannt schwarze Magie, sagt sie.

Anne, ich bin bereit für ein Heim. Du hattest recht, sie braucht besondere Betreuung.

Annemarie setzt sich zu ihm und nimmt seine Hand. Endlich hat er es verstanden.

***

Gertrud wird in ein privates Seniorenheim gebracht. Tobi besucht sie regelmäßig, und nun geht es beiden besser der alten Dame gefällt es dort.

Das Personal ist freundlich, das Essen gut, die Luft frisch.

Sogar Freundinnen hat sie gefunden. Seinen Sohn erkennt sie, nach der Schwiegertochter und Enkelin fragt sie kaum noch. In ihrer Welt gibt es diese nicht mehr.

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Homy
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„Meine Mutter bleibt hier wohnen!“, erklärte mein Mann. – Vital, wir müssen reden, – sagte Irina, als die Kinder endlich schliefen. – Willst du das Problem mit deiner Mutter überhaupt lösen? Heute habe ich rohes Fleisch in der Waschmaschine gefunden – und gestern hat sie das Wasser in der Badewanne laufen lassen und ist einfach gegangen. Wenn ich eine Stunde später mit Sonja von draußen zurückgekommen wäre, hätten wir drei Stockwerke überflutet! – Ach Irina, – sagte Vitali müde und schloss die Augen, – sie ist halt alt und vergesslich. Du verlierst deinen Schlüssel doch auch manchmal. – Das ist nicht Vergesslichkeit, Vitali. Das ist Demenz. Eine ernstzunehmende, fortschreitende Krankheit! Deine Mutter ist eine Gefahr für sich und für uns. Weißt du eigentlich, dass wir zwei kleine Kinder in der Wohnung haben? Was ist, wenn sie den Herd anmacht, das Gas laufen lässt, es vergisst und dann ein Streichholz anzündet? Irina entdeckte eine rohe Hähnchenkeule in der Trommel der Waschmaschine, als sie gerade Kinderwäsche waschen wollte. Das Fleisch begann schon zu riechen. Sie streckte sich, rieb sich den schmerzenden Rücken und lauschte – aus dem hinteren Zimmer klopfte es regelmäßig. Irina seufzte lang: Die Schwiegermutter hatte wieder ihre Marotten. Sie sah nach – Antonina Iwanowna saß auf dem Bett, hielt einen schweren Kamm in der Hand und schlug regelmäßig damit auf die Heizung. – Mama, bitte, hören Sie auf, – bat Irina leise. – Die Kinder schlafen gerade. Die Nachbarn kommen sonst gleich wieder. Genug! Die Schwiegermutter sah sie mit trüben Augen an. Schon lange erkannte sie ihre Schwiegertochter nicht mehr. Manchmal nannte sie sie Schwester, manchmal eine alte Freundin, meistens aber schaute sie einfach misstrauisch. – Die da unten machen wieder Krach, – nuschelte Antonina Iwanowna, ohne mit dem Schlagen aufzuhören. – Irgendwas sägen die. Hörst du? Sägen. Nachts sägen sie, und jetzt wieder. Muss die Polizei rufen. Wer bist du eigentlich? – Keiner sägt hier was, – versuchte Irina vorsichtig, ihr den Kamm wegzunehmen. – Das sind nur die Heizungsrohre. Kommen Sie, trinken wir lieber Tee zusammen. Ich habe frische Brötchen gekauft. – Brötchen… – Die Alte erstarrte, dann wurde sie misstrauisch. – Und wo sind meine Frikadellen? Hast du sie gegessen?! Ich habe extra drei Frikadellen versteckt für heute Abend. Du hast meine Frikadellen geklaut?! Irina seufzte. Die Schwiegermutter hatte die Frikadellen tatsächlich versteckt – gestern fand Irina sie im schmutzigen Kopfkissenbezug. Heute entdeckte sie die Hähnchenkeule in der Waschmaschine. Wann hört das endlich auf?! – Niemand hat etwas geklaut, Mama. Kommen Sie mit in die Küche. Der ganze Tag war ein einziges Hin und Her. Der fünfjährige Sohn traute sich kaum noch aus seinem Zimmer – morgens hatte ihn die Oma als verkleideten Spion bezeichnet und damit zu Tode erschreckt. Die kleine Sonja war quengelig und merklich angespannt. Irina hetzte zwischen Herd, Windeln und der Schwiegermutter hin und her, die dreimal im Hausschuhen in den Hausflur laufen wollte, weil sie „ins Geschäft Salz holen müsse“. Als sich im Schloss der Haustür ein Schlüssel drehte, schwante Irina Übles. Ihr Mann kam heim. Der nächste Nervenkrieg würde gleich losgehen. Wie immer. – Hallo, – er gab seiner Frau einen Kuss auf die Wange. – Kinder, hallo! Mama, wie geht’s dir? Antonina Iwanowna verwandelte sich sofort. Ihr Rücken wurde gerade, sie lächelte und streichelte ihren Sohn am Arm. In solchen Momenten wirkte sie beinahe normal – wie eine erschöpfte, alte Frau. Vitaly glaubte sowieso nicht, dass seine Mutter nicht mehr klar ist. Er hatte sie nachts noch nie an der Gasleitung erwischt. – Vitali, mein Junge, – säuselte sie. – Die schikanieren mich hier. Lassen mich hungern. Sie nimmt alles aus meinem Zimmer mit, lässt mich nicht mal kämmen. Den Kamm hat sie mir weggenommen! Vitaly warf Irina einen kurzen Seitenblick zu. – Irina, was soll das? Warum ärgerst du meine Mutter? Das macht man nicht! Irina ging wortlos in die Küche – diskutieren hatte keinen Zweck. Sie wollte warten, bis die Schwiegermutter im Bett war, ehe sie erneut mit ihrem Mann sprach. Kaum hatte sie die Kinder hingelegt und kam selbst ins Schlafzimmer, fing der Mann wieder an: – Irina, wenn du jetzt wieder anfängst, meine eigene Mutter ins Heim abschieben zu wollen, kannst du dir die Worte sparen. Das wird nicht passieren! Willst du, dass sie dort zu einem Gemüse wird? Niemals, Irina! – Das ist kein Heim, Vitali. Es gibt private Pflegeheime mit medizinischer Betreuung. Dort gibt es Fachpersonal und Sicherheit. Sie kann sich dort nicht mehr verletzen! Es wäre besser für sie, verstehst du? Einen festen Tagesablauf, Beschäftigung… – Schluss jetzt! – brüllte Vitali plötzlich. – Ich bin kein Verräter. Meine Mutter hat ein Zuhause, sie hat einen Sohn. Solange ich lebe, bleibt sie hier wohnen. Du bist einfach nur faul, Irina. Du willst sie nicht betreuen. Du bist doch den ganzen Tag zu Hause – ist es wirklich so schwer, sich um eine alte Frau zu kümmern? Irina platzte der Kragen. – Bist du ernsthaft? Weißt du, wie das ist? Alle fünf Minuten kontrollieren, wo sie ist und was sie gerade macht? Ich kann nicht mal in Ruhe aufs Klo gehen! Sie macht unseren Kindern Angst! Begreifst du das nicht? Sie geistert nachts schlafwandelnd durch die Wohnung, ich schlafe kaum noch, Vitali! Ich liege die halbe Nacht wach und lausche, ob aus ihrem Zimmer verdächtige Geräusche kommen! – Halte durch, – wischte er sie unwirsch ab. – Das ging uns allen mal so. Meine Oma war auch schwierig, meine Mutter hat sie bis zum Ende gepflegt. Das ist deine Pflicht, Irina. Akzeptier es. Vitali drehte sich um und tat so, als würde er schlafen. *** Die nächste Woche wurde zum Alptraum. Antonina Iwanowna schlief nachts gar nicht mehr. Sie tigerte schlurfend durch den Flur und redete mit unsichtbaren Menschen. Zweimal fand Irina sie an Sonjas Bettchen. Die Schwiegermutter stand da, starrte das Kind an und murmelte: – Das ist nicht unser Kind… Ausgetauscht… Zurückbringen… Irina kriegte Gänsehaut. Sie sprach mehrmals mit ihrem Mann, der winkte nur ab. Am Donnerstag kam die Nachbarin von unten. Klara Petersen – eine strenge Frau ohne Sentimentalität – stand mit festen Worten vor der Tür. – Schau mal, Irina, – sagte sie. – Ich hab ja Verständnis für Krankheit und Alter… Aber gestern Nacht hat deine Schwiegermutter so auf die Heizkörper gehämmert, dass mir der Putz von der Wand fiel! Ich habe hohen Blutdruck, ich brauche meine Ruhe. Und heute Morgen warf sie aus dem Fenster – Gott sei Dank hat sie meinen Enkel nicht am Kopf getroffen! – Was hat sie geworfen? – Irina wurde bleich. – Rohe Kartoffeln. Hängt halb aus dem Fenster und schmeißt! Kümmert euch besser oder ich schreibe ans Sozialamt. Das ist doch nicht normal. Irina entschuldigte sich, versprach, dass es nicht wieder vorkommt – sie glaubte selbst nicht mehr daran. Am Abend sprach sie erneut mit ihrem Mann. Vitali winkte ab: – Die Nachbarin ist eine Nörglerin, hör nicht auf sie. Ich kaufe Fenstersicherungen. – Vitali, sie wird sie ohnehin öffnen! Was bringen deine Riegel? – Dann pass besser auf! Du bist doch zu Hause und hast eh nichts zu tun. Ich arbeite und kann mich um so etwas nicht kümmern. Diesmal erreichte Irina wieder nichts. *** Samstagmorgen machte sich Vitali mit Freunden zum Angeln auf – ein Tagestrip. – Du kannst mich nicht das ganze Wochenende alleine mit ihr lassen! – stellte Irina sich ihm im Flur entgegen. – Ich bin am Ende, Vitali. Ich brauche auch mal eine Pause! Warum muss ich immer alles alleine stemmen?! – Übertreib nicht. Mama ist heute ruhig, sie schaut Fernsehen. Ich komme morgen Abend wieder, bringe dir einen Fisch mit. Erhol dich, hält dich doch keiner ab. Leg die Kinder hin und mach es dir angenehm! Der Mann fuhr los. Der Tag verlief überraschend ruhig: Antonina Iwanowna saß stundenlang im Sessel und sortierte alte Postkarten. Die Kinder spielten, Irina schaffte sogar, Wäsche zu bügeln. Sie begann zu zweifeln, ob sie vielleicht wirklich übertrieben hatte? War vielleicht doch alles gar nicht so schlimm? Am Abend brachte sie die Kinder ins Bett und fiel selbst in einen traumlosen, bleiernen Schlaf. Sie wurde von einem stechenden Geruch geweckt, der ihr Herz wild schlagen ließ. Gas. Irina sprang auf, noch im Schlafanzug, rannte in den Flur. In der dunklen Küche, schwach beleuchtet vom Licht der Straßenlaterne, stand die Schwiegermutter. Antonina Iwanowna war an allen vier Herdplatten, drehte sie auf, ohne Feuer. In der Hand hielt sie ein Streichholzschächtelchen. – Mama! – Irina stürzte auf sie zu, packte die Hand, im gleichen Moment, als das Streichholz bereits rieb. Es zündete. Irina konnte es im letzten Moment löschen, verbrannte sich die Finger. – Was machen Sie da?! – japste sie und drehte schnell das Gas aus. – Sie hätten uns alle umbringen können! Die Schwiegermutter sah sie kalt an: – Mir war kalt, – sagte sie knapp. – Wollte mich aufwärmen. Du bist böse. Du hast mir das Feuer weggenommen. Irina öffnete das Fenster weit. Sie zitterte. Hätte sie nur eine Minute später reagiert … ein Wunder, dass nichts passiert war. Sie sperrte die Schwiegermutter im Zimmer ein, setzte sich im Flur vor die Kinderzimmertüre und blieb dort bis zum Morgengrauen – jedes Geräusch im Ohr. *** Vitali kam am Sonntag bestens gelaunt zurück. – Na, wie geht’s euch? Angeln war spitze! Schau mal, was ich an Barsch mitgebracht habe. Irina kam in den Flur, noch in der Kleidung von letzter Nacht, das Gesicht blass, Augen tief eingesunken. – Warum bist du schon wieder unzufrieden? – Vitali runzelte die Stirn, stellte seinen Beutel mit Fisch auf den Boden. – Deine Mutter hat heute Nacht fast die Wohnung in Brand gesetzt, – sagte Irina leise. – Sie hat Gas aufgedreht und fast ein Streichholz angezündet. Ich war rechtzeitig da. Eine Sekunde später – und mich und die Kinder hätte es nicht mehr gegeben. Du wärst zu einer Ruine nach Hause gekommen, Vitali. Der Mann erstarrte. – Ach was… Du übertreibst wieder! Wahrscheinlich war der Herd nur nicht richtig ausgestellt. Sie zog ihr Handy aus der Tasche. – Ich habe alles gepackt. Meine Sachen, die der Kinder. Wir fahren jetzt zu meiner Mutter. Sofort. – Irina, was soll das? – Er wollte nach ihrer Hand greifen, sie wich zurück. – Das war doch nur ein Missverständnis… Wir finden schon eine Lösung. Ich baue ein Schloss an die Küchentür ein… – Nein, Vitali. Es gibt keine weiteren Lösungen. Ab sofort ist es deine Verantwortung. Du hast gesagt, du bist kein Verräter? Gut. Dann kümmerst du dich jetzt rund um die Uhr. Jetzt suchst du ihre Zahnbürste im Spülkasten, fischst rohes Fleisch aus deinen Turnschuhen und hörst dir nachts ihr Spion-Geschwätz an. Ich will nur, dass unsere Kinder am Leben bleiben! Eine Stunde später holte ihr Bruder sie ab. Irina packte die Kinder und verließ die Wohnung, ohne auf das Klopfen aus dem hinteren Zimmer zu achten. – Mama! – rief Vitali, als sich die Tür hinter seiner Frau schloss. – Mama, hör auf! – Da klopfen sie wieder… – kam die alte Stimme aus dem Zimmer. – Fangen an zu sägen, Viti. Sag dem Mädchen, sie soll gehen, sie hat mir meine Frikadellen gestohlen… *** Drei Tage lang rief ihr Mann immer wieder an, Irina ging nicht ans Telefon. Am vierten Tag kam eine Nachricht: „Komm zurück. Bitte. Ich kann nicht mehr.“ Als sie wieder in die Wohnung kam, schlug ihr Übelkeit entgegen: Es roch säuerlich, nach ungewaschenem Körper und etwas Fauligem. Vitali saß im Wohnzimmer auf dem Sofa. Die Haare zerzaust, Augenringe schwarz – als hätte er eine Woche nicht geschlafen. In der Ecke auf dem teuren Perserteppich saß Antonina Iwanowna und zerriss mit stoischer Ruhe eine Zeitung in kleinste Stücke, flüsterte dabei. – Sie schläft nicht mehr, Irina, – stammelte Vitali. – Sie legt sich einfach nicht hin! Gestern wollte sie ein Stück Seife essen – als ich sie ins Bett bringen wollte, hat sie mich gebissen. Sieh mal. Er zog den Ärmel hoch, zeigte blaue Flecken und Bissspuren. – Ich arbeite im Homeoffice, sie hat mir den PC-Stecker rausgezogen und versteckt. Ich hab drei Stunden gesucht. Gefunden habe ich ihn im Gefrierfach. Irina… ich bin kurz vorm Durchdrehen. Gestern hat sie das Bild von unserem Sohn im Aschenbecher verbrannt – meinte, das wäre schwarze Magie. Irina, ich bin bereit für das Pflegeheim. Ich verstehe jetzt, du hattest recht! Mama ist ernsthaft krank, sie braucht professionelle Hilfe. Irina setzte sich zu ihm und nahm seine Hand. Endlich hatte er es begriffen… *** Antonina Iwanowna bekam einen Platz in einem privaten Pflegeheim. Der Sohn besucht sie regelmäßig. Nun sind auch er und Irina ruhiger – die Oma fühlt sich dort wohl. Das Personal ist freundlich, gutes Essen, frische Luft… Sogar neue Freundinnen hat sie gefunden. Ihren Sohn erkennt sie gut, nach den Enkelkindern und der Schwiegertochter fragt sie allerdings nie. Die gibt es nicht mehr – in ihrer Welt. —- NEUER TITEL: „Meine Mutter bleibt hier wohnen!“, beharrt mein Mann – Wenn Angehörige mit Demenz zur Zerreißprobe für die Familie werden und wie wir beinahe an Pflege und Verantwortung zerbrochen wären
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