Mama wird hier wohnen, erklärt der Ehemann.
Tobi, wir müssen reden, kommt Annemarie ins Schlafzimmer, nachdem die Kinder eingeschlafen sind. Willst du das Problem mit deiner Mutter eigentlich mal angehen?
Heute habe ich rohes Fleisch in der Waschmaschine gefunden, und gestern hat sie in der Badewanne das Wasser aufgedreht und ist einfach weggegangen.
Wäre ich nach dem Spaziergang mit Leni eine Stunde später zurückgekommen, hätten wir hier drei Stockwerke unter Wasser gesetzt!
Ach komm, Anne, Tobi schließt die Augen. Sie ist alt, ein bisschen zerstreut eben. Du verlegst doch auch manchmal die Schlüssel.
Das ist keine Zerstreutheit, Tobi. Das ist Demenz. Eine echte, fortschreitende Krankheit. Deine Mutter ist eine Gefahr für sich und uns.
Dir ist schon klar, dass wir zwei kleine Kinder hier haben? Was ist, wenn sie den Gasherd anmacht, vergisst ihn auszumachen und dann noch ein Streichholz anzündet?
Annemarie hat heute eine rohe Hähnchenkeule in der Trommel der Waschmaschine gefunden, als sie gerade die Kindersachen waschen wollte. Das Fleisch begann schon, seltsam zu riechen.
Sie streckt sich, greift sich an den schmerzenden unteren Rücken und hört das rhythmische Klopfen aus dem hinteren Zimmer die Schwiegermutter ist wieder beschäftigt.
Als Annemarie ins Zimmer blickt, sitzt Gertrud Schuster auf dem Bett und schlägt beharrlich mit einer schweren, alten Bürste gegen die gusseiserne Heizung.
Mama, bitte, können Sie damit aufhören? bittet sie leise. Die Kinder sind gerade erst eingeschlafen, gleich stehen wieder die Nachbarn vor der Tür. Es reicht.
Die Schwiegermutter schaut sie mit trübem Blick an. Schon länger erkennt sie die Schwiegertochter nicht mehr.
Manchmal nennt sie sie Schwester, manchmal eine alte Jugendfreundin, meistens sieht sie sie einfach nur voller Misstrauen an.
Da unten machen die wieder Krach, murmelt Gertrud und schlägt weiter. Sägen irgendwas. Hörst du das? Bohren.
Letzte Nacht haben die gesägt, jetzt geht es wieder los. Wir müssen die Polizei rufen. Übrigens, wer bist du eigentlich?
Da sägt niemand, versucht Annemarie vorsichtig, ihr die Bürste aus der Hand zu nehmen. Das sind nur die Rohre. Kommen Sie, wir trinken lieber einen Tee. Ich habe frische Brötchen besorgt.
Brötchen, die alte Dame hält inne, wird dann unruhig. Wo sind meine Frikadellen? Du hast sie gegessen!
Ich habe doch drei Stück versteckt, wollte abends noch was essen. Du hast meine Frikadellen geklaut!
Annemarie seufzt. Frikadellen hat Gertrud tatsächlich versteckt, Annemarie fand sie gestern in einem schmutzigen Kopfkissenbezug. Heute dann das Hähnchen in der Waschmaschine.
Wann hört das endlich auf?
Niemand hat irgendwas geklaut, Mama. Kommen Sie, wir gehen in die Küche.
Der Tag vergeht im Trubel. Der fünfjährige Sohn Jan hält sich freiwillig im Zimmer auf, seit ihn die Oma heute Morgen als verkleideten Spion bezeichnet hat.
Die kleine Leni ist quengelig, irgendetwas spürt sie.
Annemarie rennt zwischen Herd, Windeln und der Schwiegermutter hin und her, die schon zum dritten Mal versucht, im Nachthemd und Hausschuhen zum Edeka zu laufen, weil sie angeblich Salz kaufen muss.
Als der Schlüssel sich abends im Schloss dreht, sinkt Annemaries Stimmung. Tobi kommt nach Hause und damit die nächste Runde nervlicher Strapazen.
Hallo zusammen, sagt er und gibt Annemarie einen Kuss auf die Wange. Hallo, ihr Lieben! Mama, wie gehts dir?
Gertrud verändert sich sofort: Sie richtet sich auf, lächelt und streichelt dem Sohn die Hand.
In solchen Momenten wirkt sie fast normal nur wie eine erschöpfte, alte Dame.
Tobi will nicht glauben, dass mit seiner Mutter etwas nicht stimmt. Nachts hat er sie noch nie am Gasherd erwischt.
Tobias, singt sie, die sind hier gemein zu mir. Ich kriege nichts zu essen. Sie nimmt alles aus meinem Zimmer, nicht mal bürsten lässt sie mich. Sie hat meine Bürste weggenommen!
Tobi sieht Annemarie vorwurfsvoll an.
Anne, was soll denn das? Wie kannst du Mama so was antun?
Annemarie geht stumm in die Küche. Es bringt nichts, sich zu streiten. Sie wartet, bis die Schwiegermutter im Bett ist, dann will sie mit Tobi reden.
Als die Kinder schlafen und sie ins Schlafzimmer kommt, beginnt Tobi sofort:
Anne, wenn du wieder anfängst, dass ich meine eigene Mutter ins Heim geben soll, dann lass es lieber gleich. Das kommt nicht in Frage!
Willst du, dass sie dort dahinvegetiert? Niemals, Annemarie!
Es gibt gute private Seniorenresidenzen mit medizinischer Betreuung, Tobi! Dort kann sie sich nicht mehr selbst gefährden, versteht du? Sie hätte Beschäftigung, Ansprechpartner, Pflege
Schluss jetzt! schreit Tobi plötzlich. Ich bin kein Verräter! Mama hat noch uns, ein Zuhause, einen Sohn. Solange ich lebe, lebt sie hier.
Du bist bloß faul, Anne. Dir ist das zu mühselig, ständig ein Auge auf sie zu haben. Du bist doch den ganzen Tag daheim, wie schwer kann das schon sein?
Annemarie wird wütend.
Meinst du das ernst? Weißt du, wie das ist, alle fünf Minuten nach ihr zu gucken? Ich kann nicht mal ungestört zur Toilette gehen!
Sie ängstigt unsere Kinder merkst du das wirklich nicht? Sie irrt nachts wie ein Geist durch die Wohnung, ich schlafe kaum noch!
Die halbe Nacht lausche ich auf Geräusche aus ihrem Zimmer!
Das hältst du aus, erwidert er kühl. So war das immer schon. Meine Oma war auch keine einfache Person, trotzdem hat Mama sie bis zuletzt gepflegt. Das ist eben deine Pflicht, Anne. Gewöhn dich dran.
Tobi dreht sich um und tut, als ob er schläft.
***
Die nächste Woche ist ein Alptraum. Gertrud schläft nachts gar nicht mehr.
Sie wandert schlurfend die Flure entlang und redet mit unsichtbaren Menschen.
Mehrmals sieht Annemarie sie am Kinderbett von Leni stehen, wie sie beim Anblick der Kleinen murmelt:
Das ist nicht unser Kind vertauscht wir müssen sie zurückgeben
Diese Worte lassen Annemaries Nackenhaare zu Berge stehen. Sie spricht Tobi mehrfach darauf an, aber der winkt ab.
Am Donnerstag steht die Nachbarin, Frau Weber, eine nüchterne und resolute Person, an der Tür.
Annemarie, ich versteh ja vieles, sie ist alt und krank. Aber sie hat mir gestern Nacht um drei so gegen die Heizungsrohre geklopft, dass der Putz abgeblättert ist! Ich brauche meinen Schlaf, und heute Morgen wirft sie rohe Kartoffeln auf meinen Enkel vom Fenster runter!
Kartoffeln?, Annemarie wird kalt.
Rohe Kartoffeln, ja. Bis zur Hüfte aus dem Fenster gelehnt! Sie müssen sich kümmern, sonst melde ich das beim Sozialdienst. So geht das nicht weiter.
Annemarie entschuldigt sich und versichert, dass es nicht wieder vorkommt ohne es selbst zu glauben.
Abends versucht sie es erneut bei Tobi, der nur abwinkt:
Frau Weber ist auch keine einfache, hör nicht auf sie. Ich baue Sicherungen an die Fenster.
Die wird sie aufbekommen, Tobi! Was bringen die denn?!
Pass halt auf! Du bist doch eh den ganzen Tag daheim. Ich arbeite, ich kann mich nicht auch noch mit deinen Nerven beschäftigen.
Wieder kommt sie nicht weiter.
***
Am Samstag plant Tobi einen Angelausflug mit Freunden 24 Stunden weg.
Du kannst mich nicht das ganze Wochenende allein mit ihr lassen! Annemarie stellt sich ihm im Flur in den Weg. Ich bin am Ende, Tobi.
Ich brauche auch mal eine Pause! Warum muss ich das alles allein tragen?
Du übertreibst. Mama ist heute ruhig, schau, sie guckt Fernsehen. Spätestens morgen Abend bin ich wieder da. Dann kannst du dich entspannen! Bring die Kinder ins Bett und gut.
Tobi fährt los. Der Tag verläuft ungewöhnlich still: Gertrud sitzt lange im Sessel und blättert alte Ansichtskarten durch.
Die Kinder spielen friedlich, Annemarie schafft es sogar, Wäsche zu bügeln.
Vielleicht übertreibt sie ja doch? Ist es vielleicht nicht so schlimm?
Abends im Bett schläft sie sofort und fest ein ohne Träume. Ein stechender Gasgeruch reißt sie schlagartig zurück in die Gegenwart. Herzklopfen, Angst.
Sie springt auf, in Schlafanzug und Socken in den Flur. Die Küche: dunkel, aber im schwachen Straßenlicht erkennt sie Gertruds Gestalt am Herd.
Gertrud steht mit einem Streichholz in der Hand, alle vier Herdplatten sind offen aber keine brennt.
Mama! Annemarie hechtet hin, hält ihre Hand fest, gerade als die Schwiegermutter das Streichholz schon angestrichen hat.
Es flammt auf Annemarie schlägt die Flamme hastig mit der Hand ab, spürt Schmerzen.
Was tun Sie? Sie ringt nach Luft, dreht hastig die Herdknöpfe aus. Sie wollten uns alle vergiften!
Die Schwiegermutter sieht sie ruhig an.
Mir ist kalt, sagt sie. Ich wollte mich wärmen. Du bist böse, hast das Feuer weggenommen.
Annemarie reißt das Fenster auf. Sie zittert. Hätte sie eine Minute länger geschlafen Ein Entkommen hätte es nicht gegeben…
Sie bringt Gertrud ins Zimmer, schließt ab, lehnt sich völlig erschöpft an die Kinderzimmertür und wacht dort bis zum Morgen.
***
Sonntag, Tobi kommt bester Laune heim.
Na, wie ists gelaufen? War ein super Angelausflug! Schau mal, was für Barsche ich gefangen hab.
Annemarie kommt in der Kleidung von letzter Nacht in den Flur. Blasse Haut, schwarze Ringe unter den Augen.
Warum bist du denn wieder so unzufrieden? Tobi runzelt die Stirn und stellt die Tüte mit den Fischen ab.
Deine Mutter hat heute Nacht fast die Wohnung in die Luft gesprengt, sagt Annemarie leise. Sie hat alle Gasherde aufgedreht und beinahe das Streichholz entzündet.
Ich habe es gerade noch verhindert. Eine Sekunde mehr, und du hättest nur eine Ruine vorgefunden.
Tobi stockt.
Ach was Du übertreibst! Wahrscheinlich war nur die Flamme ausgegangen.
Annemarie zieht das Handy aus der Tasche.
Ich habe gepackt. Meine Sachen, die der Kinder. Wir fahren zu meiner Mutter. Sofort.
Anne, was soll das jetzt? Er versucht, ihre Hand zu nehmen, aber sie weicht zurück. Es war einfach ein Missverständnis
Wir finden eine Lösung. Ich baue ein Schloss an die Küchentür
Nein, Tobi. Es gibt keine Lösung mehr. Es ist jetzt deine Verantwortung.
Du wolltest kein Verräter sein? Schön. Dann lebe jetzt 24 Stunden am Tag mit ihr.
Suche ihre Prothesen im Klo, fisch das rohe Fleisch aus deinen Schuhen, hör dir nachts ihr Gerede von Spionen an.
Ich will nur, dass meine Kinder leben!
Eine Stunde später holt ihr Bruder sie ab. Sie verlässt mit den Kindern die Wohnung, ohne auf das leise Hämmern aus dem hinteren Zimmer zu achten.
Mama! ruft Tobi, als sich die Tür hinter seiner Frau schließt. Mama, bitte hör auf!
Die machen wieder Krach da klingt es aus dem Zimmer. Verschwinden soll das Mädchen. Sie hat meine Frikadellen geklaut
***
Drei Tage ruft Tobi sie dauernd an, aber Annemarie geht nicht ran. Am vierten Tag bekommt sie eine Nachricht:
Bitte, komm zurück. Ich kann nicht mehr.
Als sie wieder in die Wohnung kommt, schlägt ihr ein beißender Geruch entgegen sauer, ungewaschen, verfault.
Tobi sitzt auf dem Sofa, zerzaust, schwarze Schatten unter den Augen, schlaflos.
Im Eck auf dem teuren Perserteppich sitzt Gertrud und zerreißt bedächtig Zeitung, plappert dabei unverständliche Dinge.
Sie schläft nicht mehr, Anne, sagt Tobi matt. Sie hat gestern versucht, Seife zu essen, und als ich sie ins Bett bringen wollte, hat sie mich gebissen. Schau.
Er zieht den Ärmel hoch: blaue Flecken und Bissspuren.
Ich wollte am Laptop arbeiten, da zieht sie plötzlich das Kabel raus und versteckt es. Ich habe drei Stunden danach gesucht.
Gefunden hat er es im Gefrierfach. Anne ich dreh durch. Sie hat gestern das Bild von Jan im Aschenbecher verbrannt schwarze Magie, sagt sie.
Anne, ich bin bereit für ein Heim. Du hattest recht, sie braucht besondere Betreuung.
Annemarie setzt sich zu ihm und nimmt seine Hand. Endlich hat er es verstanden.
***
Gertrud wird in ein privates Seniorenheim gebracht. Tobi besucht sie regelmäßig, und nun geht es beiden besser der alten Dame gefällt es dort.
Das Personal ist freundlich, das Essen gut, die Luft frisch.
Sogar Freundinnen hat sie gefunden. Seinen Sohn erkennt sie, nach der Schwiegertochter und Enkelin fragt sie kaum noch. In ihrer Welt gibt es diese nicht mehr.





