Für immer geflohen: Alenas mutiger Ausbruch aus der Ehehölle – Als niemand ihr half, wagte sie mit ihrem Sohn den Schritt ins neue Leben

Für immer weg

Hast du ihm schon wieder widersprochen?, fragte ihre Mutter, während sie die Einkäufe sortierte. Friederike, wann wirst du endlich vernünftig? Matthias ist doch ein ordentlicher Mann, er arbeitet, er geht nicht fremd. Ja, sein Temperament ist manchmal aufbrausend, aber er trägt die ganze Verantwortung! Sei doch mal ein bisschen stolz, Mädel.

Mama, er hat mich geschlagen. Nur weil ich das Thema Kindergarten angesprochen hab. Findest du das in Ordnung?

Die Mutter verdrehte die Augen. Na fängt das wieder an! Drama um nichts, ehrlich. Früher hat man die Kinder noch mit dem Gürtel erzogen, und die Ehen haben trotzdem gehalten. Schau dir an, wie lieb er dich hat! Er trägt dich auf Händen, fährt dich überallhin. Wo findest du sonst so einen? Noch dazu mit Kind? Was glaubst du denn, wie viele mit so einem Paket Interesse an dir haben werden?

Friederike stand am Herd, schon das vierte Gericht für diesen Abend rührend. Im Topf köchelte eine Suppe, in der Pfanne brutzelte Fleisch, im Ofen war ein Auflauf, und in der Kasserole dickte eine komplizierte Soße, die Matthias immer ganz besonders haben wollteso, dass der Löffel nicht umfällt, aber auch nicht stehen bleibt.

Schweiß tropfte ihr übers Gesicht, die widerspenstigen Haarsträhnen störten, aber Friederike traute sich keine Sekunde vom Herd wegzugehen.

Im Wohnzimmer lief der Fernseher auf voller LautstärkeMatthias konnte Stille nicht ertragen, das machte ihn kirre.

Der kleine Sohn schlief im Kinderzimmer, und Friederike horchte ständig, ob er von ein lautem Lachen aus dem Fernseher aufwachte.

Matthias schlich leise in die Küche, wie eine Katze. Er umarmte sie von hinten, und Friederike zuckte zusammen.

Das riecht aber lecker, flüsterte er an ihrem Nacken. Meine kleine Hausfee. Bist du müde?

Friederike erstarrte, noch immer die Suppenkelle in der Hand. In solchen Momenten erinnerte er sie an den Mann, den sie vor drei Jahren geheiratet hattezärtlich, fürsorglich, verlässlich. Doch nur kurz.

Ich bin müde, Matthias. Vielleicht sollten wir doch noch mal über den Kindergarten nachdenken? Jonas ist groß genug und braucht andere Kinder. Und ich könnte auch mal wieder arbeiten gehen

Da ließ Matthias sofort die Hände sinken. Schon wieder? Wir haben das doch besprochen. Er war eine Woche dort und dann lag er einen Monat krank im Bett. Denkst du nur an dich? Ist dir vollkommen egal, ob er gesund ist, Hauptsache du hockst im Büro?

Am Anfang werden alle Kinder mal krank, das ist normal, die Ärzte sagen…

Mir doch egal, was deine Ärzte sagen, fiel er ihr ins Wort. Ich hab gesagt: Noch ein Jahr zu Hause! Reicht das nicht? Oder glaubst du, du weißt alles besser als ich?

Ich will einfach eigenes Geld verdienen, sagte Friederike leise und drehte sich zu ihm um, suchte seinen Blick. Ich mag mich weiterentwickeln, nicht immer nur am Herd stehen.

Der Knall der Ohrfeige übertönte das Brutzeln des Fleisches. Friederike fiel gegen die Spüle, stieß sich schmerzlich an der Kante. Es dröhnte in ihren Ohren.

Eigenes Geld will sie haben, keifte Matthias, näherte sich bedrohlich. Ich finanziere alles, kleide dich ein, bring dir Geschenke. Was fehlt dir denn? Du verwöhnst dich einfach!

Friederike schwieg, die Hand auf der brennenden Wange. Sie kannte diesen Blick. Widersprechen half da gar nichtsjedes Wort bedeutete nur neue blaue Flecken.

Setz dich hin und iss, ordnete er an, ließ sich an den Esstisch plumpsen. Und über Arbeit höre ich kein Wort mehr. Du bist Ehefrau und Mutter. Dein Platz ist hier.

***

Am nächsten Tag kam Friederikes Mutter vorbei. Einen Korb Äpfel aus dem Garten brachte sie mitplus die nächsten Moralpredigten.

Sie musterte die leicht geschwollene Stelle an Friederikes Wange, die diese notdürftig mit Concealer verdeckt hatte, und hielt sofort ihren Vortrag über Gehorsam.

Ich will die Scheidung, sagte Friederike schließlich, ganz leise.

Die Mutter erstarrte, hielt einen Apfel in der Hand.

Sag mal, bist du jetzt völlig übergeschnappt? Soll ich dir gleich einen Nervenarzt rufen? Du weißt ja gar nicht, was du redest!

Wenn du jetzt diese Wohnung verlässt, brauchst du hier gar nicht mehr auftauchen, hörst du? Reiß dich mal zusammen und trags wie alle anderen auch!

Friederike erinnerte sich an eine Szene im Einkaufszentrum, ein halbes Jahr her.

Matthias war kurz rauchen gegangen und hatte sie am Eingang eines Kindergeschäfts stehenlassen. Ein stämmiger Mann rempelte sie im Vorbeigehen, sie kippte auf den Fliesen um. Der Typ beschimpfte sie noch, sie solle anderen nicht im Weg rumstehen.

Plötzlich stand Matthias da, aus dem Nichts, mit Fäusten und einem Blick, der Angst machte. Er zeterte zurück, beschützte sie, als ginge es um sein Lebendie Security musste dazwischengehen.

Dann hob er sie hoch, sie zitterte vor Schreck. Es tut mir leid, mein Spatz, ich hab dich nicht allein lassen dürfen. Für dich würde ich jedem die Kehle durchbeißen.

Damals hielt sie das für Liebe. Für diese allesverschlingende, beschützende Liebe.

Heute verstand sie nicht, wie in einem Menschen so ein Kavalier und gleichzeitig dieser brutale Typ stecken konnten, der sie wegen Kleinigkeiten trat oder schlug.

Seit Monaten war der Kavalier dauerhaft verschwunden.

Kürzlich hatte Matthias sie sogar an der Supermarktkasse vor Fremden angeschrien und beschimpft, weil sie zu lange nach der Karte im Portemonnaie suchte.

Du hast doch nichts im Kopf, Friederike, blaffte er, nahm ihr die Taschen ab. Du solltest echt mal zum Arzt. Wie halte ich es bloß mit dir aus?

***

Ihr einziger Kontakt zur Außenwelt war Liesel, eine entfernte Cousine aus Berlin. Heimlich telefonierten sie, immer wenn Matthias nicht daheim war.

Schmeiß alles hin, Rike, plapperte Liesel. Mein Mann sucht für sein Restaurant dringend eine verlässliche Leitung. Du bist tüchtig, kannst gut reden, siehst auch super aus. Ich zahl dir die Miete fürs erste halbe Jahr, und Jonas kommt in einen Privatkindergartendas geht auf mich! Komm einfach.

Liesel, ich hab Angst. Er hat gesagt, er lässt mich nie gehen. Eher bringt er mich um, als dass er mich jemand anderem gibt…, stammelte Friederike.

Er redet nur so, damit du eingeschüchtert bist. Er weiß nämlich genau, ohne ihn wärst du frei. Und er braucht ein Opfer, keine Partnerin.

Was ist das für ein Leben bei dir? Nur Küche, Tränen und Schläge? Du hast doch mal von Yoga geträumt und von Büchern… Weißt du noch, wie lebensfroh du warst?

Friederike erinnerte sich daran. Vor dem Einschlafen stellte sie sich vor, morgens durch Berlin zu laufen, ihren Sohn an der Hand auf den Weg in den Kindergarten.

Keiner kommandiert, keiner schreit, kein nerviges Fernsehprogramm. Sie kann Sport machen, sich wieder um sich kümmern und lesen was sie möchte, nicht das, was Matthias erlaubt.

Doch jedes Mal, wenn sie die Augen öffnete und ihren schlafenden Mann neben sich sah, zerplatzte ihr Mut. Sie liebte ihn noch. Oder besser: Den Mann, der er mal war.

Irgendwo in ihr hoffte sie, dass das alles nur eine schwere Phase wäre. Sie müsse sich nur mehr Mühe geben, besser anpassen, noch perfekter werdenund alles würde wieder wie früher.

***

Am Sonntag eskalierte es wieder, weil Friederike am Telefon seiner Mutter nicht freundlich genug klang.

Während sie sich bückte, um eine von Jonas Bauklötzen aufzuheben, versetzte Matthias ihr im Vorbeigehen einen Tritt. Ihr wurde schwindlig.

Als sie wieder zu sich kam, war Matthias schon wegabgehauen, knallte noch die Tür. Abends tauchte er auf mit einem riesigen Strauß Lilien.

Nu, bist du immer noch beleidigt?, fragte er, während sie Jonas gerade zum Schlafen brachte. Ich hab mich doch entschuldigt. Guck, sind doch schöne Blumen. Frieden fürs Haus, komm!

Er zog sie Richtung Schlafzimmer. Friederike wurde kaltes graute ihr vor Nähe.

Matthias, bitte lass das. Mein ganzer Körper tut weh, ich kann kaum atmen.

Er lief rot an, schlug ihr noch mal ins Gesicht, lächelte dann aber: Gut, wenn du nicht willst, dann eben eine andere. Da findet sich schon wer, der besser drauf ist.

Friederike lag die ganze Nacht wach, hörte, wie Matthias in der Küche Krach machte, Kühlschranktüren zuschlug und mit jemandem leise Sprachnachrichten austauschte.

Am nächsten Morgen tat er so, als wäre nie etwas geschehen. Briet Rührei, pfiff vor sich hin.

Jonas, los, Frühstück ist fertig, Großer!

Friederike schlich wortlos an ihm vorbei. Matthais klatschte ihr beim Vorbeigehen auf dem Hintern.

Was bist du denn so sauertöpfisch?

Mein Rippen tun weh, Matthias, flüsterte sie und setzte sich auf die Stuhlkante.

Ach was. Stell dich nicht so an. Selbst schuld, wenn du mir vor die Füße läufst.

Er warf den Pfannenwender ins Spülbecken, kam zu ihr herüber, hob grob ihr Kinn.

Wenn du weiter die beleidigte Leberwurst spielst, ist meine Geduld schnell am Ende. Das ist keine Drohung. Ich bin jung, stark, gesundwenn ich hier nur Trübsal geblasen bekomme, such ich mein Vergnügen eben anderswo. Hast du verstanden?

Friederike nickte.

Na also. Jetzt reiß dich zusammen, meine Mutter kommt gleich, hat dir irgendwelche Setzlinge für den Balkon gebracht. Sieh zu, dass du ordentlich aussiehst; sonst fängt sie wieder mit ihren Fragen an.

Matthias verschwand. Jonas saß am Tisch, rührte lustlos im Müsli. Er sah sie mit großen, viel zu ernsten Kinderaugen an. Friederike wurde schlecht vor Angst. Er bekommt ja alles mit Und wenn er so wird wie sein Papa?

***

Kurze Zeit später stand die Schwiegermutter im Flur. Und wieder gab es Ärger.

Friederike, wieso sind die Böden im Eingangsbereich noch nicht sauber?, musterte die Schwiegermutter den Fußboden. Matthias schuftet, kommt nach Hause, und tritt dann im Dreck rum?

Ich hab Jonas erst spät ins Bett gekriegt, bin nicht mehr dazu gekommen, lächelte Friederike gezwungen.

Nicht geschafft, jaja, äffte die Schwiegermutter nach, kippte einen Sack voll Gartenerde samt Wurzeln auf den Küchentisch. Du bist ein fauler Mensch, Friederike. Mein Sohn hat dir sein Leben gewidmet, alles für euch gegeben. Jede andere Frau hätte ihm die Füße geküsst, und du ziehst den Mund.

Matthias hat gesagt, du redest schon wieder von Scheidung.

Hat er sich beschwert?

Natürlich. Meint, du weißt ihn gar nicht zu schätzen. Und wo willst du hin? Glaubst du, jemand will dich mit Kind?

Deine Mutter hat Recht. Alles dummes Zeug, diese Scheiderei. Schau dich mal anbist du die Schönste? Nur Matthias nimmt dich so in Schutz.

Mutter, lass sie mal, Matthias kam in die Küche, schlang einen Arm um die Schulter seiner Mutter und zwinkerte Friederike zu. Sie ist halt kreativ. Macht oft Theaterund dann ist alles wieder gut.

Was ist jetzt mit den Setzlingen? Zeig mir mal auf dem Balkon.

Die beiden verschwanden laut diskutierend auf den Balkon, und Friederike blieb stehen, starrte auf den Fleck Erde auf der Tischdecke.

Sie zückte ihr Handy, die Hände zitterten so sehr, dass sie kaum tippen konnte.

Liesel, ich bin dabei. Wann am besten soll ich kommen?

Die Antwort kam sofort:

Pack deine Sachen und komm noch heute. Ich buch die Tickets. Sag eins: Er darf nichts merken.

Friederike steckte das Handy weg. Im Kopf formte sich ein Plan.

Friederike!, rief Matthias vom Balkon. Worauf wartest du? Mach Mama und mir Kaffee!

Kommt sofort!, rief sie, Bin gleich da!

Den ganzen Tag spielte sie die perfekte Ehefrau, wischte die füßböden, lachte über seine dämlichen Witze. Matthias war selig.

Am Abend gabs sogar noch Überraschung: Pralinen für sie, Kinokarten fürs Wochenende.

Na siehste, drückte er sie an sich, ignorierte, wie sie bei jedem Kontakt zusammenzuckte. Ich kann auch anders, wenn du nicht rumzickst. Vergiss, was war. Wir sind doch Familie.

Wartete, bis er schlief. Sie packte schnell Jonas Rucksack zusammennur das Wichtigste. Von sich selbst nahm sie kaum etwas, Liesel hatte eh alles Notwendige versprochen. Die Papiere, das war das Wichtigste.

Sie wickelte ihren schlafenden Sohn ins Mäntelchen, bestellte ein Taxi. Genau als sie zur Tür schlich, wurde Jonas wach.

Mama? Wohin gehen wir?, flüsterte er, rieb sich die Augen.

Pssst, mein Schatz. Wir fahren auf ein Abenteuer. Eine lange Zugfahrt. Hättest du Lust?

Ja, wisperte Jonas und streckte ihr vertrauensvoll die Arme entgegen.

Um drei Uhr nachts fuhren sie los. Für immer.

***

Matthias suchte sie lange, aber bis nach Berlin reichte sein Arm nicht.

Liesel half Friederike bei allemein neues Leben begann für beide.

Sogar die Scheidung ließ sich regeln, das erledigte der Anwalt.

Matthias heiratete bald wieder. Friederike wünschte seiner nächsten Frau wirklich mehr Glücksolche Männer ändern sich nie.

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Homy
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Für immer geflohen: Alenas mutiger Ausbruch aus der Ehehölle – Als niemand ihr half, wagte sie mit ihrem Sohn den Schritt ins neue Leben
Alles Gute zum Geburtstag!!! Papa!