Ohne Rückzugsmöglichkeit
Ich bin spätestens um Mitternacht wieder daheim, hundertprozentig sagte er, während er sich den Gürtel schloss und seine Frau ansah. Spätestens neun, zehn Uhr ein paar Stunden Schicht, das wars auch schon.
Seine Frau richtete still die Servietten auf dem Tisch und schob die Schüssel mit Kartoffelsalat zurecht. Der Sohn starrte ins Handy, einen Ohrhörer im Ohr, mit dem anderen lauschte er wohl halb ihrer Unterhaltung.
Das hast du im letzten Jahr auch gesagt erinnerte sie leise. Und im vorletzten Jahr obendrein.
Dieses Jahr sind die Zuschläge galaktisch versuchte er zu witzeln. Wär doch Sünde, nicht zu fahren. Wir haben doch noch den Kredit abzuzahlen.
Und wer kümmert sich dann um unser Fest? murmelte sie.
Der Sohn hob den Blick.
Papa, ehrlich, jetzt. Bin endlich mal nicht bei Oma, nicht im Ferienlager, sondern zu Hause dieses Jahr. Gehts wenigstens ohne dein berüchtigtes Ich bin gleich wieder da?
Er verzog das Gesicht. Mit fünfundvierzig wusste er längst, wie Enttäuschung in den Gesichtern der Familie aussah. Und wie man dann eine Woche schweigend durch die Wohnung schlich, auf der Suche nach Absolution.
Ich bleib ja nicht über Nacht weg versprach er mit sanfterer Stimme. Spitzenzuschläge gelten eh nur bis zehn. Danach flauts ab. Um elf bin ich definitiv zurück. Wir schauen die Neujahrsansprache, stoßen an, ganz wie es sich gehört.
Wie es sich gehört sieht bei dir anders aus spöttelte sie ohne Freude. Mehr wie eine App auf Rädern.
Er schluckte einen Kommentar herunter und ging in den Flur, zog seine wattierte Winterjacke an. Im Spiegel das müde Gesicht, Bartstoppeln, Schatten unter den Augen. Ein Fahrer mit einem Rating von 4,93 und dem ständigen Gefühl, eigentlich könnte jeder zufriedenere Kunden haben.
Nimm dir die Mütze rief seine Frau aus dem Zimmer. Und lass die Betrunkenen draußen. Sonst erzählst du mir nachher wieder, wie dir jemand ins Auto gekotzt hat.
Hab doch nen Filter drin brummte er zurück.
Der Sohn kam zur Tür, lehnte sich an den Türrahmen.
Papa, pass auf: Wenn dus nicht schaffst, um zwölf da zu sein, schreib uns rechtzeitig. Kein bin gleich da, okay?
Er nickte stumm, der Sohn hielt ihm die Faust hin. Sie boxten.
Ich schaffe das rechtzeitig wiederholte er stur.
Draußen krachten schon die ersten Böller. Menschen hasteten mit Tüten bepackt herum, in den Fenstern blinkten die Lichterketten. Er stieg in seinen betagten Škoda, schaltete das Zündschloss. Die Anzeigen flackerten, das Smartphone leuchtete mit der Taxi-App. Oben erschien schon die Benachrichtigung: 31. Dezember. Hohe Nachfrage. Multiplikator bis 2,8.
Er seufzte und startete die Schicht. Der erste Auftrag ließ nicht auf sich warten.
Na dann, los gehts murmelte er.
Der erste Auftrag, Zuschlag 2,5, Anfahrt drei Minuten. Er bog aus dem Hof, schlängelte sich durch den Stadtverkehr, erwischte eine grüne Ampel. Im Chat schrieb die Kundin: Bitte schnell. Es ist dringend. Kein Smiley.
Vor einem alten Wohnblock standen sie schon: Ein Mann, Mantel offen, lief im Schnee auf und ab und suchte offenbar jemanden. Daneben eine Frau, schwer atmend und am Treppengeländer abgestützt, hielt sich den deutlich sichtbaren Babybauch.
Bremsenquietschen, Motor aus.
Sie haben gerufen?
Ja, los bitte rief der Mann, öffnete die Hintertür. Zur Geburtsklinik, wie bestellt. Geht das etwas schneller? Sie hat Wehen.
Die Frau stieg vorsichtig ein, verzog das Gesicht.
Keinen Stress murmelte sie an den Mann gewandt. Ist noch nicht ahh
Er setzte sich hinter das Steuer, warf einen Blick auf die Route. Die Klinik lag am anderen Ende des Bezirks, zwanzig Minuten, im Alltag. Heute zeigte das Navi fünfunddreißig an.
Bitte anschnallen. Ich geb mein Bestes.
Der Mann setzte sich nach vorn, starrte im Rückspiegel auf die Frau.
Drittes Kind gestand er, fast entschuldigend. Dachten, es läuft wie früher. Plötzlich gings doch sehr schnell.
Wird schon sagte der Fahrer, selbst schon nervös. Wenn wir erst auf die Allee kommen, können wir fahren.
Aber auf der Allee ging nichts mehr. Die Wagen krochen wie Schnecken in beide Richtungen. Irgendwo vorne knallten die Raketen, spiegelten sich in den Windschutzscheiben.
Er schlängelte sich zwischen Linienbus und SUV hindurch, zwängte sich in die Busspur. Die Kamera im Rückspiegel blitzte.
Das gibt nen Strafzettel knurrte er leise.
Ich übernehme das rief der Mann sofort. Hauptsache, Sie bringen uns rüber.
Die Frau stöhnte erneut, umklammerte den Türgriff.
Wie lange noch? fragte sie.
Er schaute auf das Navi. Zwanzig Minuten.
Ungefähr eine Viertelstunde, wenn nichts dazwischen kommt.
Er drückte aufs Gas, fuhr jede Lücke aus, schimpfte innerlich auf Blechlawinen, hangelte sich durch die seltenen Grünphasen. Im Kopf das ständige Hämmern: Was, wenn was im Auto passiert? Bin ich schuld? Der Ehemann? Das System?
Das Handy piepte. Nachricht der Frau: Alles vorbereitet bei uns. Kommst du?
Er antwortete nicht. Zu viel auf einmal: Straße, Wehen auf dem Rücksitz, Keuchen vom Mann wie bei der eigenen Geburt.
Atmen, machen Sies wie in der Klinik geprobt riet er bei der Fahrt. Ein aus
Dritter Anlauf heute? presste die Frau hervor.
Drei Mal hab ich meine Frau hierhin gefahren erwiderte er. Fast schon Hebamme.
Der Mann lachte nervös.
Und pünktlich?
Zweimal ja, beim dritten kam unser Sohn in der Rettungsstelle.
Er erinnerte die Nacht. Frau auf der Rückbank, Panik, Schreie. Damals noch Arbeiter in einer Fabrik, Dienstauto. Die Geburt auf der Schwelle des Empfangs. Noch Jahre später hörte er, wie seine Frau von seinem Gebrüll auf die Autos erzählte.
Sie erreichten die Klinik nach siebzehn Minuten. Direkt vor die Schranke. Der Pförtner schimpfte, warf aber einen Blick auf die Frau und winkte durch.
Angekommen sagte er.
Der Ehemann sprang raus, öffnete die Tür, half seiner Frau, die sich noch einmal zusammenkrümmte.
Alles Gute wünschte er. Leichte Geburt.
Danke keuchte sie. Ein gutes neues Jahr.
Der Mann drückte ihm zusätzlich zu der App-Bezahlung Bargeld in die Hand. Er wollte ablehnen, nahm es dann doch.
Für den Strafzettel sagte der Mann. Und danke, dass Sie uns nicht abgelehnt haben.
Er nickte, blickte ihnen nach, wie sie ins Wartezimmer des Krankenhauses stolperten. Auf dem Handy poppte die Nachricht auf: Tolle Fahrt! Kunde hat Ihnen Trinkgeld gegeben. Gleich darauf: Hohe Nachfrage im Gebiet. Lassen Sie die App an, um nichts zu verpassen.
Er blickte auf die Uhr. Es war zwanzig vor neun. Noch drei Stunden bis Mitternacht der Plan hielt.
Er schrieb seiner Frau: Fahre noch weiter, maximal bis zehn. Erster Auftrag: Entbindung, konnte nicht nein sagen. Einen Smiley getippt dann gelöscht, Nachricht abgeschickt.
Ihre Antwort kam eine Minute später: Ich verstehe. Vergiss uns nicht.
Schwer atmend klickte er Verfügbar.
Direkt kam der nächste Auftrag: Ein Teenager, Startpunkt Einkaufszentrum an der U-Bahn. Zuschlag 2,8, Anfahrt fünf Minuten.
Wenigstens keine Wehen murmelte er.
Vor dem Einkaufszentrum wimmelte es, Champagnerflaschen wurden entkorkt, auf Bänken saßen frierende Jungen in dünnen Jacken, einer ohne Mütze, ein kleines Sporttäschchen am Fuß. Er blickte sich immer wieder um.
Du bist mein Fahrgast? fragte der Fahrer und ließ das Fenster runter.
Ja der Junge trat näher. Kkönnen Sie kurz warten? Muss meine Mama anrufen, sie geht nicht ran.
Er blickte auf die Anfahrt-Uhr, die Menschentraube, den Jungen.
Steig ein sagte er. Auf dem Weg kannst du sie erreichen.
Der Junge setzte sich angespannt auf den Rücksitz, fest angeschnallt, das Handy zwischen den Händen.
Ziel: Ein Wohnviertel ein paar Straßen weiter nichts Auffälliges, aber im Auftrag stand: Kind reist allein. Bitte Mama bei Ankunft anrufen.
Er verzog das Gesicht. Unbegleitete Kinder waren ihm unheimlich. Wenn was passiert, auf wessen Kopf geht das?
Wie alt bist du? fragte er.
Vierzehn fast fünfzehn antwortete der Junge.
Wieso bist du allein?
Mama hat Spätschicht. Sie wollte kommen, durfte aber nicht weg. Also bin ich los, sie hat mir das Taxi bestellt. Heute ist doch er stockte Eigentlich Feiertag.
Sein Handy klingelte wieder.
Sie ist es flüsterte der Junge, nahm ab. Ja, ich sitze drin. Fahr jetzt los… Ja… Jetzt spricht der Fahrer mit Ihnen.
Er reichte das Handy nach vorn.
Ist für Sie.
Guten Abend sagte eine schnelle Frauenstimme, im Hintergrund Lärm Sie haben ihn? Alles gut?
Ja, er ist drin. Wir sind unterwegs in 20 Minuten, wenn kein Stau ist.
Bitte bis zur Haustür bringen, nicht einfach rauslassen. Ich hab den Schlüssel bei der Nachbarin abgegeben, er weiß Bescheid. Einfach… die Stimme zitterte ich habs ihm versprochen…
Ich bringe ihn sicher hin sagte er bin selbst Vater.
Wieder sagte er das, als würde es ihm eine Garantie geben.
Vielen Dank und ein schönes neues Jahr.
Er gab das Handy zurück.
Deine Mutter arbeitet wo?
Bei Rewe seufzte er. Heute bis zehn. Kommt später, wenn sie den Bus erwischt.
Welcher Feiertag heute?
Tja… der Junge rutschte nervös Ich hab dieses Jahr ohne Fünfer abgeschlossen. Und eigentlich… Sie hat versprochen, dass wir Silvester zusammen daheim verbringen. Nur wir zwei, naja, zu dritt mit dem Kater. Aber ihre Chefin meinte, wenn sie nicht kommt, fliegt sie raus. Das wars dann.
Er nickte. Ihm nur allzu vertraut. Nur hieß die Chefin bei ihm App und Multiplikator.
Schweigend fuhren sie weiter. Draußen leuchteten Tannen in den Innenhöfen, Fenster strahlten, Einzelne zündeten Feuerwerk. An einer Kreuzung kam eine neue Nachricht von seiner Frau: Sascha und ich machen Salat. Er meint, wenn du nicht pünktlich bist, sperrt er dich in der App.
Er lachte, tippte: Sag ihm, mein Rating ist besser als seine Versetzung. Löschte Versetzung, schrieb stattdessen: Ich gebe mein Bestes. Noch läuft der Plan.
Du hast also auch Familie? fragte der Junge.
Ja: Frau und Sohn. Ungefähr wie du vom Alter.
Und trotzdem arbeitest du in der Nacht?
Es ist halt Feiertag. Die Leute fahren viel, das Geld kommt von selbst.
Das sagt Mama auch meinte der Junge, leise. Danach ist sie dann einen Tag durchgeschlafen, und ich war mit Kater allein.
Er wusste nicht, was er darauf sagen sollte. Für eine Sekunde wollte er den Jungen zu seiner Mutter bringen, statt zum Ziel. Aber das wäre dann doch zu viel gewesen.
Sie erreichten das Wohnviertel ohne Zwischenfall. Typischer Block, viele Hauseingänge. Der Junge wies den Weg.
Da, bitte Kannst du warten, bis ich drin bin? Sicher ist sicher.
Klar.
Der Junge stieg aus, rückte den Rucksack zurecht. Ein Nachbarin kam im Bademantel, Handy am Ohr, öffnete. Der Junge sagte etwas, sie winkte dem Fahrer.
Er grüßte zurück, beendete die Fahrt. Die App meldete: Sehr gute Fahrt. Bleiben Sie online, um mehr zu verdienen.
Zeit: Es war zehn vor zehn. Zwei Stunden bis null Uhr.
Das Telefon vibrierte. Seine Frau rief an.
Und? Lebst du noch? erkundigte sie sich, kaum hatte er abgehoben.
Lebe. Komme gleich nach Hause, ein letzter kurzer Auftrag auf dem Weg, dann bin ich da. Bin schon im Viertel.
Glaubst du das selbst?
Er schwieg.
Ich mecker nicht sagte sie ich wills nur wissen. Alles ist vorbereitet, Sascha kämpft mit der Lichterkette. Er tut, als wäre es ihm egal, aber ich sehs ja.
Ich schaffe es sagte er wieder. Ehrlich.
Gut. Wenn du merkst, es wird eng, sag Bescheid. Lass uns nicht hängen.
Er nickte, sie konnte es nicht sehen, und legte auf.
Drinnen zog sich alles zusammen. Er kannte das schon: nur noch ein kurzer Auftrag, nur noch ein bisschen länger, und plötzlich ist es 23:45 und man sitzt bei voller Fahrt mit einer angetrunkenen Partygesellschaft Richtung Stadtrand.
Er checkte die Aufträge. Die Schaltfläche Ohne Rückzugsmöglichkeit leuchtete rot. Priorisierte Buchungen: Krankenhäuser, Kinder, Soziales. Die waren oft nicht besser bezahlt, doch wegklicken durfte man sie nicht, wenn man diesen Modus gewählt hatte. Den hatte er letztes Jahr aktiviert, als er etwas Gutes tun wollte und landete seither immer wieder mitten in packenden Geschichten, die ihn tagelang beschäftigten.
Neue Buchung. Ohne Rückzugsmöglichkeit. Sieben Minuten Anfahrt. Adresse: eine Poliklinik an der Allee. Kommentar: Älterer Herr, Abholung an der Apotheke, nach Hause bringen. Eilt.
Na toll murmelte er.
Würde er jetzt ausloggen, bekäme ein anderer den Auftrag. Aber vielleicht ist der irgendwo im Nirgendwo, oder nimmt ihn gar nicht an. Da steht dann der Opa im Frost mit dem Medikament, Silvester, die Apotheken zu.
Sein Herz zog sich zusammen er erinnerte sich an seinen Vater, der an so einer Nacht mal mit Fieber auf ihn gewartet hatte, bis der Sohn Schichtende hatte und Medikamente brachte. Damals hatte er es nicht pünktlich geschafft, Vater witzelte später, er habe extra durchgehalten.
Also gut, seufzte er. Ein Opa ist kein Dauerstau.
Er akzeptierte.
Die Apotheke lag neben der Klinik, wo er als Kind endlose Vormittage im Warteraum verbracht hatte. Draußen stand ein kleiner alter Mann im abgetragenen Wollmantel, Umhängetasche. In der Hand eine Tüte mit Apothekenlogo, ständiger Blick auf die Uhr.
Sie sind das Taxi? fragte er beim Näherkommen.
Genau, steigen Sie ruhig vorn ein, wenns angenehmer ist.
Danke. Mein Bein macht Probleme.
Er prüfte die Route nur in den nächsten Stadtteil. Das Navi gab fünfundzwanzig Minuten. Es war 22:20 Uhr.
Wir schaffen das murmelte er.
Wie bitte?
Die Straßen sind frei. Es wird fix gehen.
Muss gar nicht schnell sein winkte der alte Mann ab. Ich will ja nur heil ankommen.
Er lächelte.
Das klappt auf jeden Fall.
Sie fuhren los, schweigend erst, dann begann der Ältere:
Ich dachte, der Tag läuft ohne Aufregung. Aber dann machte mein Blutdruck schlapp, das Herz raste. Meine Tochter schon in Panik, wollte den Notarzt. Ich sag: Nein, heute sind die eh überlastet. Bisschen frische Luft zur Apotheke hin bin ich, aber zurück nicht mehr. Also rief sie sie.
Wohnt die Tochter bei Ihnen?
Ja. Ihr Mann ist vor Jahren gestorben, die Kinder leben woanders. Also, wir zwei allein. Sie wartet jetzt daheim, macht sich Sorgen. Ist halt so ein klassischer Fall von… wie nennt man das… Angststörung. Denkt immer, mir passiert was.
Er nickte. Auch das war ihm vertraut. Seine Frau sorgte sich bei jedem kleinen Ding.
Warum arbeiten Sie heute Nacht überhaupt? Ärger mit der Familie?
Einer muss die Kredite bezahlen meinte er ehrlich.
Ach, das haben alle seufzte der Nachbar. Hab früher gedacht, ich mach im Alter Gemüse im Schrebergarten. Und jetzt…
Er sprach nicht zu Ende.
Das Handy vibrierte, der Sohn rief.
Papa, meldete sich dieser. Wo bist du?
Fahr einen alten Herrn nach Hause dann direkt zu euch.
Wie lange ist danach? die Stimme kontrolliert, aber angespannt.
Halbe Stunde hin, halbe zurück. Ich schaff das.
Wirklich?
Er sah auf das Navi. Vorne alles rot.
Also… Ich geb Gas.
Sag es einfach ehrlich, bat der Sohn. Wieder Auto, wenn es Punkt zwölf ist?
Ich will nicht…
Ich sags Mama. Wir stoßen halt schon mal an. Ich trinke ein Glas Orangenlimonade für dich mit.
Sascha…
In der Leitung schon der Freiton.
Da spürte er plötzlich, wie ein Schmerz durch ihn zuckte. Am liebsten hätte er den Herrn am nächsten Bahnhof abgesetzt und wäre heimgestürzt. Doch ein Blick zur Seite: Der Alte hielt das Medikament wie einen Rettungsring.
Alles in Ordnung? fragte der Mann und bemerkte die Anspannung.
Ja log er. Zu Hause wartet man halt.
Familie… sagte der Mann. Meine Frau starb mal an Silvester. Wir hatten alles vorbereitet. Sie ging in die Küche und…
Er brach ab.
Verzeihung, ich wollte Sie nicht herunterziehen. Ist nur… wenn zu Hause jemand auf einen wartet, ist das etwas Gutes. Auch wenn Sie zu spät sind.
Er fand keine Antwort.
Sie kamen nur langsam voran. Jemand zündete auf der Straße ein Riesenfeuerwerk. Er schaute auf Menschen, die alles filmten und spürte die Minuten davonlaufen.
Er öffnete die zweite Navigation, suchte eine Abkürzung durch die Höfe.
Da links, da gehts durch warf der Alte ein. Ich bin Busfahrer gewesen, kenne jede Ecke.
Dort ist es nicht gestreut.
Wird schon früher gings auch.
Er bog ab. Und der Mann behielt recht. Zwar manövrierte er vorsichtig um parkende Autos und Schneehaufen, aber sie kamen durch. Zehn Minuten gewonnen.
Sehen Sie, nickte der Alte zufrieden. Alte Wege bewähren sich doch.
Danke, meinte er ehrlich.
Vor dem Hauseingang stieg der Mann langsam aus, suchte in den Taschen nach Geld.
Lassen Sie Die Medikamente…
Dafür zahle ich nicht. Sie haben mich gerettet. Nehmen Sie es.
Er nahm das Geld, half ihm auf den Stufen. An der Tür erschien dann eine Frau, etwa Mitte vierzig, T-Shirt, nervös:
Papa! Ich dachte schon
Bin ja da. Der Fahrer war goldrichtig.
Sie bedankte sich, er nickte und kehrte zum Auto zurück.
Es war 23:03 Uhr. Noch zwanzig Minuten. Wenn die Ampeln mitspielten, könnte er es schaffen.
Motor an, Navigationssystem: Sie befinden sich in einer Zone mit hoher Nachfrage. Bleiben Sie im Dienst!
Der Schicht beenden-Button war grau. Verfügbar grün. Und Ohne Rückzugsmöglichkeit flackerte weiterhin rot.
Er wollte sich abmelden, als plötzlich ein neuer Auftrag erschien. Nochmals ohne Rückzugsmöglichkeit. Drei Minuten Anfahrt. Adresse: Ein Haus nur zwei Blocks entfernt. Kommentar: Kind verloren gegangen. Ins nächste Polizeirevier bringen.
Er zögerte.
In seinem Kopf: die Stimme des Sohnes: Sag einfach ehrlich. Die Frau: Wir warten und der Alte: Besser verspätet als gar nicht.
Er wusste, nimmt er den Auftrag, schafft er Mitternacht garantiert nicht. Selbst mit Glück aber mit Abgabe des Kindes und Formalitäten Minimum 40 Minuten.
Lehnt er ab, bekommt ihn vielleicht ein Fahrer, der weiter weg ist. Oder niemand. Dann wartet das Kind im Treppenhaus vielleicht ist alles gut. Vielleicht auch nicht.
Die Sekunden tickten. Drei, zwei, eine.
Das System buchte automatisch. im ohne Rückzugsmöglichkeit-Modus.
Mist fluchte er.
Er hätte jetzt abbrechen können aber dann gäbe es Abzüge, Verlust von Prioritäten. Und etwas in ihm ließ das nicht zu. Nach allem, was heute war
Na dann sagte er. Noch eine Rettungsaktion.
Ein Mädchen, etwa acht, saß auf der Bank vor dem Haus, umklammerte ein Stoffhäschen. Eine Frau mit Pudelmütze telefonierte daneben.
Sind Sie für sie da? fragte sie als das Taxi hielt.
Ja. Was ist los?
Besuch war da, sie ging mit dem Hund raus und verirrte sich. Wir fanden sie in der Siedlung. Ihre Eltern fahren schon zur Wache, Sie bringen sie bitte dorthin? Ich fahre mit.
Er hätte gern nein gesagt seine Familie, die Uhr, dieser Tag Doch das Mädchen schaute ihn mit großen, verweinten Augen an.
Fährst du lieber mit mir? fragte er.
Sie nickte, drückte ihren Hasen noch fester.
Ich komme mit Ihnen sagte die Nachbarin. Die Eltern warten in der Wache.
Sie stiegen ein. Es war elf Uhr zehn.
Die Polizeiwache lag zehn Minuten entfernt wenn es keinen Feuerwerksstau gäbe.
Wie heißt du? fragte er während der Fahrt.
Vicky flüsterte sie.
Keine Sorge Vicky, wir fahren zu Mama und Papa. Sie warten schon.
Ich hatte keine Angst sagte sie trotzig. Ich wusste nur nicht, wohin.
Die Bauarbeiten sind schuld, sie hat sich verlaufen seufzte die Frau. Zum Glück hatte sie die Adresse auf einen Zettel.
Er nickte. Seine eigene Mutter hatte ihm als Kind auch Adresse und Telefonnummer aufgeschrieben, für den Notfall. Damals war das lustig heute nicht mehr.
Das Telefon klingelte. Seine Frau.
Bist du unterwegs nach Hause? kein Gruß.
Bringe ein Kind zur Polizei, es hat sich verlaufen.
Stille.
Natürlich sagte sie schließlich. Wer sonst.
Ich kann sie nicht einfach lassen Die Eltern
Schon klar unterbrach sie. Los, rette weiter. Wir stoßen vorsichtshalber schon mal an.
Ich versuche um zwölf zu kommen sagte er und glaubte selbst nicht daran.
Versprich lieber nichts, was du nicht halten kannst, antwortete sie weich.
Wieder wollte er etwas sagen, doch die Verbindung riss ab.
Für einen Moment spürte er, wie in ihm etwas zerbrach. Nicht laut, ganz leise, wie eine Feder, die nachgibt.
Es tut mir leid, wenn ich Sie aufgehalten habe? fragte die Frau hinten.
Kann man so sagen gestand er. Aber Sie sind nicht daran schuld.
Sie klärte das nicht weiter.
Sie erreichten nach fünfzehn Minuten die Polizei. Vicky schwieg die ganze Fahrt, schniefte manchmal, sprang dann aber aus dem Auto, als sie ihre Eltern sah.
Vicky! rief die Mutter, stürzte ihr entgegen. Der Vater kam mit Tüten hinterher.
Vielen Dank! sagte der Vater, als die Nothelferin ihm den Vorgang erklärte. Ohne Sie
Nicht mir, dem Fahrer winkte die Nachbarin.
Die Eltern sahen ihn an. In den Augen der Mutter Tränen.
Danke, sagte sie. Alles Gute für das neue Jahr.
Ebenso, antwortete er.
Er sah auf die Uhr. Es war 23:28.
Bis nach Hause exakt fünfzehn Minuten wenn keine Staus dazwischenkamen. Das Navi zeigte zweiundzwanzig Minuten.
Na klar murmelte er ironisch.
Die App blinkte Maximaler Nachfragebereich, bis zu dreifachem Verdienst.
Er klickte Schicht beenden.
Wollen Sie wirklich beenden?, fragte das System. Sie sind im Spitzengebiet.
Ja, bestätigte er.
Spät, sagte er laut. Aber immerhin nicht zu spät.
Die Fahrt nach Hause war wie ein Traum. Autos hupten, Leute liefen kreuz und quer, Kinder kreischten, überall knallten Raketen. Irgendwer winkte ihm zu, einer wollte aufspringen, ein anderer brüllte nur.
Er schaute auf die Zeit: 23:35. 23:40. 23:45. Er stand im Stau hinter einem Bus. Noch eine Ampel, noch ein Engpass. Aus dem Radio schallten Neujahrswünsche Feiern Sie mit Ihren Liebsten.
Klar, murmelte er, Ihr habt gut reden.
Um 23:50 bog er endlich in seine Straße ein. Im Hof tobte das Leben, Kinder kreischten, Raketen zischten, Erwachsene lachten. Er stellte das Auto irgendwo ab, rannte ins Haus, die Stufen kamen ihm endlos vor.
Die Wohnungstür stand einen Spalt offen. Drinnen lief die Neujahrsansprache des Bundespräsidenten.
Er trat ein.
Im Wohnzimmer leuchteten Lichterketten, auf dem Tisch reihten sich Salate, Heringssalat, Mandarinen. Seine Frau saß am Tisch, den Kopf in die Hand gestützt, der Sohn stand am Fenster mit einem Glas Limo.
Beide blickten zu ihm.
Siehst du versuchte er zu lachen habs doch noch geschafft.
Der Sohn zeigte auf die Uhr an der Wand. Drei Minuten vor Mitternacht.
Fast bemerkte er nüchtern.
Die Frau erhob sich, holte ein leeres Sektglas, füllte es.
Los, beeil dich. Zwei Minuten, für einen Schein von Familie.
Er kam dazu, griff nach dem Glas. Die Hände zitterten noch.
Im Fernsehen sprach der Bundespräsident von Prüfungen, die uns gestärkt hätten. Familie, Zusammenhalt, gegenseitige Hilfe.
Wie passend murmelte die Frau.
Bist du wütend? fragte er.
Ich bin müde antwortete sie. Das ist anders.
Der Sohn kam näher, streckte das Glas raus.
Schnell jetzt, Papa bald schlagen die Glocken.
Sie stellten sich zu dritt zum Tisch. Im Raum roch es nach Mandarinen und Gebratenem. Auf dem Balkon wurde schon laut gejubelt.
Die Glocken begannen zu schlagen. Er schaute auf Frau und Sohn und spürte einen Kloß im Hals. Wollte tausend Dinge sagen, erklären, versprechen, dass alles besser wird. Aber er erinnerte sich: keine Versprechen, die man nicht hält.
Frohes neues Jahr flüsterte er.
Dir auch antwortete seine Frau.
Der Sohn prostete ihm zu.
Na, Papa sagte er, immerhin dieses Mal nicht im Auto.
Er schmunzelte.
Fortschritt.
Sie tranken. Der Sekt war warm, aber das war egal.
Später dudelte der Fernseher im Hintergrund. Sie saßen schweigend zusammen, aßen. Die Frau fragte gelegentlich nach den Plänen des Sohnes, der antwortete einsilbig. Viel Unausgesprochenes lag in der Luft.
Irgendwann stand der Sohn auf.
Komm, forderte er ihn.
Wohin?
In dein Kabuff. Zeigst du mir deine Heldenschichten von heute?
Welche Helden denn?!
Der Dashcam, Papa. Ich will gucken, wie du heute die Welt gerettet hast.
Seine Frau grinste still.
Sie zogen sich in sein kleines Arbeitszimmer zurück Abstellkammer und Computerzimmer in einem. Er steckte das Dashcam-Stick an den Laptop. Der Sohn rollte sich auf den Stuhl.
Ist nichts Besonderes warnte er. Alles Alltag.
Alltag kommentierte der Sohn. Schwangere, alte Opas, verlaufenes Kind. Taxi-Alltag halt.
Er fühlte einen Stich Schuld.
Sie sprangen durch die Aufnahmen. Die Frau mit rundem Bauch, der aufgeregte Mann. Der Sohn lachte.
Mensch Papa, fluchst du? entdeckte er.
War auf den Stau verteidigte er sich.
Interessiert den wohl wenig.
Später zeigte die Kamera den Jungen mit Sporttasche.
Ist das der? fragte der Sohn.
Wer?
Der allein Fahrende.
Ja.
Sieht mir ähnlich in der fünften Klasse. Nur dein Rucksack war mit Superhelden drauf.
Er lächelte.
Du bist damals auch mal alleine nach Hause gefahren erinnerte er. Weißt du noch, als ich im Stau hing und nicht rechtzeitig an der Musikschule sein konnte?
Der Sohn machte ein Gesicht.
Dreißig Anrufe von Mama damals. Ich dachte, ihr Handy raucht ab.
Hab ich auch noch im Kopf.
Die Bilder wechselten: Der alte Mann, stieg ein.
Der sieht aus wie Opa sagte der Sohn leise.
Fand ich auch.
Und als du ihn in den Hausflur gebracht hast du sahst so aus, als hättest du Angst vor was Schlimmem.
Als wär ich selbst der Opa versuchte er zu scherzen.
Eher als fürchtetest du, dass etwas passiert sagte der Sohn ernst.
Sie schwiegen.
Und? fragte der Sohn Bereust du es, sie mitzunehmen?
Ich bereue nur, nicht an zwei Orten sein zu können, antwortete er langsam. Und, dass ihr warten musstet. Aber wenn ich dann Nein gedrückt hätte ich hätte mir die Schuld nie verziehen.
Und wenn mit mir was gewesen wär?
Er zuckte zusammen.
Ist ja nichts passiert.
Hätte aber.
Stille.
Ich kanns nicht gestand er endlich. Ich kann nicht so entscheiden, dass keiner zu kurz kommt. Wenn ich nein zu anderen sage, fühl ich mich schlecht. Und zu euch auch.
Schlechtes Gewissen ergänzte der Sohn.
Schon.
Der Sohn seufzte.
Papa, du bist kein Superheld. Entspann dich mal.
Er runzelte die Stirn.
Ist das Lob oder Kritik?
Nur die Wahrheit erwiderte der Sohn. Man muss nicht alle retten. Aber… er zögerte ich freu mich, dass du das Mädchen mitgenommen hast. Und den Jungen und den Opa. Nur, sag uns das nächste Mal ehrlich, wenn dus nicht schaffst. Dann sitzen wir wenigstens nicht wie blöd und warten.
Er nickte. Es war schmerzhaft, aber fair.
Ich fürchte mich davor, ehrlich zu sagen: Ich schaffe es nicht gestand er. Als wäre das ein Beweis, dass ich kein guter Vater bin. Leichter, selbst zu glauben: Ich schaffe alles.
Dann aber doch nicht schaffen ergänzte der Sohn.
Genau.
Der Sohn schob den Stuhl zurecht.
Also: Nächstes Mal, wenn dus nicht packst, schreib uns. Oder ruf an. Sag: Ich schaffs nicht rechtzeitig nach Hause. Ich bin sauer, Mama auch, aber das ist ehrlicher, ja?
Er betrachtete den Jungen. Ruhig, ohne Pathos, als wäre es das Normalste der Welt.
Ja, sagte er. Ich versuchs.
Das reicht schon antwortete der Junge.
Aus dem Wohnzimmer rief die Frau:
Wollt ihr den Film zu Ende schauen? Kommt, der Kuchen wird kalt!
Der Sohn lachte.
Na komm, Superheld, sagte er. Bald gibts Raketen im Hof.
Er schaltete den Laptop aus, blickte kurz noch auf den schwarzen Bildschirm. Die heutigen Gesichter tauchten auf: Die Gebärende, der junge Fahrgast, der Opa, Vicky mit dem Hasen. Und die zwei am Tisch Frau und Sohn.
Er wusste: Perfektes Gleichgewicht gibt es nicht. Irgendwer wartet immer. Irgendwer ist immer enttäuscht. Das Gefühl zu wenig wird nie ganz weggehen.
Aber vielleicht hört er auf, sich etwas vorzulügen.
Im Wohnzimmer goss die Frau Tee ein, stellte Kuchen auf. Sie sah ihn an müde, aber nicht mehr so hart.
Na gut, Taxifahrer sagte sie. Dieses Mal hast du wenigstens ins Bild gepasst, als um Mitternacht die Glocken läuteten.
Nächstes Mal schaff ich es früher ins Bild erwiderte er, grinsend.
Versprichs nicht erinnerte sie.
Ich geb mein Bestes.
Der Sohn grinste.
Fortschritt sagte er.
Draußen explodierten die Raketen, die Fenster erzitterten. Gemeinsam standen sie am Fenster, sahen dem bunten Licht über den Häusern zu.
Er spürte ihre Schultern, hörte den Atem. Das Handy blinkte in der Küche, neue App-Nachricht aber er blieb, wo er war.
Für eine Nacht war die Schicht vorbei.





