Nummer auf Wiederholung
Er stand im Flur und konnte sich nicht entscheiden, welche Jacke er nehmen sollte: die dicke mit Kapuze, oder die leichtere, die er sonst immer für Geschäftsreisen trug. Aus der Küche fragte seine Frau:
Wann musst du heute los?
Um neun fährt der Zug, sagte er, obwohl er den Fahrplan auswendig kannte. Bin morgen Abend wieder da.
Sie trat ein, trocknete die Hände am Küchentuch und betrachtete ihn einen Moment lang genauer, als ihm lieb war.
Wieder dieselbe Firma?
Ja. Präsentation, danach Besprechung.
Er mochte nicht, wie selbstverständlich ihm diese Worte inzwischen über die Lippen gingen. Früher war es ja tatsächlich so: Verloren in U-Bahn-Plänen fremder Städte, Übernachtungen in wechselnden Hotels. Dann kam die Abteilungskürzung. Er wechselte in eine kleine Firma, fuhr höchstens einmal im halben Jahr für ein paar Tage weg. Doch die Gewohnheit, an der Legende festzuhalten, blieb. Genauso wie die an das immer gleiche Zimmer in einem günstigen Hotel unweit der eigenen Wohnung.
Wieder in dasselbe Hotel? fragte seine Frau und schien seine Gedanken zu erraten. Du hast doch gesagt, da ist es immer so laut.
Er zuckte mit den Schultern.
Man gewöhnt sich dran. Und es ist günstig.
Sie nickte, aber ihr Blick blieb haften.
Vielleicht komme ich nächstes Mal mit. Die Stadt sehen. Ich war schon so lange nicht mehr weg.
Etwas zog sich in ihm zusammen. Rasch bückte er sich, um den schon längst gebundenen Schnürsenkel zu überprüfen.
Da gibts nichts zu sehen. Nur Gewerbegebiet, Hotel an der Ausfahrt. Da ist wirklich nichts.
Aus dem Wohnzimmer lugte seine Tochter hervor.
Papa, hast du den USB-Stick für mich? Sie streckte die Hand aus, und er legte den kleinen Plastikstick hinein.
Kriegst du die Präsentation fertig?
Ja. Du meintest doch, abends hättest du Zeit. Dann schaust du sie dir an?
Er nickte. Abends würde er wirklich ihre Datei öffnen, sie durchklicken, ein paar Kommentare hinterlassen. In dieser Hinsicht log er sich nicht an: Im Hotel hatte er immer genug freie Zeit.
Wann fährst du los? fragte sie beim Weggehen.
In einer Stunde.
Viel Erfolg bei deinen wichtigen Dingen, meinte sie, ohne sich umzudrehen.
Er zögerte einen Augenblick, wollte noch etwas sagen, aber straffte dann nur den Taschengurt und verließ die Wohnung.
Das Hotel lag abseits einer Bundesstraße, hinter einer Werkstatt und einem Baumarkt. Den Weg kannte er im Schlaf: Bus, die Brücke unterqueren, schmaler Trampelpfad zwischen Garagen. An der Rezeption saß ein neues Gesicht, eine junge Frau die vorige Empfangsdame kannte ihn ohne Ausweis, begrüßte ihn immer, als sei er ein alter Bekannter.
Guten Abend. Gibts noch ein freies Zimmer? fragte er, obwohl er längst online gebucht hatte.
Sie prüfte am Computer.
Ja, Standard. Für eine Nacht?
Genau.
Er nannte seinen Nachnamen. Sie bestätigte:
Reserviert. Vierter Stock, Zimmer 406.
Natürlich, es musste dieses sein. Immer schrieb er ins Buchungsformular: Wenn möglich, dasselbe Zimmer wie beim letzten Mal. Nicht aus Sentimentalität, sondern aus Praktikabilität. Er kannte jede Steckdose, wusste, wie das Fenster schloss, wie die Dusche funktionierte. Und unter anderem, weil sie sich hier seit drei Jahren trafen.
Er stieg die Treppen hinauf. Der Aufzug funktionierte selten, und er zählte die Stufen automatisch. Vor der Tür auf dem vierten Stock hielt er inne, atmete tief durch, zückte das Handy und tippte: Bin da. Wie besprochen in einer Stunde? Die Antwort kam sofort: Fahre gleich los.
Das Zimmer roch nach billigem Lufterfrischer und einem Hauch Alltag. Er schaute sich automatisch um. Alles wie gehabt: das schmale Bett mit der festen Matratze, der Nachttisch mit Telefon, ein Tisch mit Lampe, der Fernseher, den sie fast nie anmachten. Er legte die Tasche auf den Stuhl, zog die Jacke aus da fiel ihm ein schwarzes Notizbuch auf dem Tisch auf.
Keins von den üblichen, die in jedem Zimmer liegen. Ein einfaches, kariertes Softcover, lag neben der Fernbedienung, fremd und vergessen.
Neugierig blätterte er darin. Auf der ersten Seite stand kein Name, keine Telefonnummer. Die ersten paar Seiten waren leer, dann folgte eine eng beschriebene Handschrift. Er wollte das Buch gerade wieder zuklappen, als er einen Satz in der Mitte einer Seite las: Heute habe ich meiner Frau wieder die Reise vorgespielt.
Er verharrte mit offenem Buch. Die Schrift war krakelig, geneigt, unschön. Er las weiter: Habe behauptet, es sei eine Fortbildung, dabei fahre ich in dasselbe Zimmer wie immer.
Er schmunzelte, obwohl nichts daran lustig war. Legte das Buch zurück, schaltete den Fernseher ein, stellte den Ton direkt wieder leise. Hängte die Jacke ordentlich auf. Klappte das Notebook auf, rief Mails ab. Im Kopf hallte nur wieder die Reise vorgespielt.
Vierzig Minuten später klopfte es. Er erkannte den Rhythmus. Er öffnete, ließ sie durch.
Sie trat schnell ein, stellte die Tasche ab, zog den Mantel aus. Sie küssten sich nur kurz, leicht unbeholfen, wie immer nach längerer Pause, dann inniger.
Wie war die Fahrt? fragte er.
Ganz normal, Stau wie immer.
Sie entdeckte das Notizbuch auf dem Tisch.
Deins?
Nein, war schon da. Irgendjemand hat es vergessen.
Die Putzfrau?
Wohl kaum. Da sind Notizen drin.
Sie zuckte die Schultern und verschwand im Bad. Er blickte ihr nach und dachte daran, wie jung sie ihm vor drei Jahren noch vorkam, obwohl der Altersunterschied gar nicht so groß war. Damals war er gerade 42 geworden, fühlte sich ausgebrannt, unsichtbar. Zuhause lief alles routiniert: Arbeit, Einkaufen, abends Serien. Mit seiner Frau gab es selten Streit, doch auch kaum noch Gespräche. Ihre Tochter hatte ihre eigene Welt. Eines Tages war dann da eine neue Kollegin im Büro nach einer Betriebsfeier blieben sie länger, und der Rest ergab sich.
Lange redete er sich ein, nichts gehe damit verloren. Zuhause bleibe er derselbe, Familie aufgeben, das käme nicht in Frage. Er wolle niemandem das Leben zerstören. Das Hotelzimmer war für ihn einfach ein Ort, um sich lebendig, gebraucht, gewollt zu fühlen. Diese Sätze betete er wie ein Mantra, besonders auf dem Heimweg.
Nachdem sie, früher als sonst, wieder gegangen war irgendwas Dringendes, sagte sie blieb er allein im Zimmer zurück. Da lag das Notizbuch. Er schaltete die Schreibtischlampe an und schlug es mittig auf.
Ich weiß nicht, wann alles so kompliziert wurde. Anfangs war es fast ein Spiel. Ich dachte, ich habe alles im Griff. Es leidet doch niemand, sage ich mir. Meine Frau lebt ihr Leben, die Kinder wachsen auf. Ich komme nach Hause, bringe Geschenke mit, bin gut gelaunt. Ich kümmere mich sogar mehr um sie, aus schlechtem Gewissen, glaube ich. Ist das wirklich falsch?
Er lehnte sich zurück. Die Gedanken des Autors waren beängstigend vertraut. Im ersten Jahr der Affäre brachte er oft Blumen mit, half seiner Tochter bei Hausarbeiten, fuhr sogar widerwillig mit seiner Frau ins Schrebergartenhaus, nur um dabei zu sein. Damals schien ihm wirklich, er sei ein besserer Mensch geworden.
Er blätterte um.
Manchmal denke ich, ich bin zwei Personen. Der eine, der am Küchentisch Witze über den Chef macht, der mit der Frau diskutiert, wo es im Sommer hin gehen soll. Der andere bucht ein Zimmer für eine Nacht und lebt ein anderes Tempo. Ich habe mich daran gewöhnt. Es macht mir Angst, wie verloren ich wäre, wenn diese Grenze verschwände.
Er schloss das Notizbuch, sah zur Tür. Schloss, Kette alles an Ort und Stelle. Von nebenan rauschte Wasser. Keine aufgelösten Grenzen, alles scheinbar unter Kontrolle.
Das Handy vibrierte. Eine Nachricht von seiner Frau: Wie war die Fahrt? Alles gut? Er schrieb zurück: Ja, bin schon eingecheckt. Morgen Projekt-Call, bereite mich vor. Seine Finger tippten die bekannten Phrasen wie von selbst.
Wieder aufgeschlagen, blätterte er zum Ende des Buches. Die Datumsangaben wechselten: mal zwei Tage dazwischen, mal eine Woche. Ein Eintrag war drei Monate alt.
Heute hat sie gesagt, sie hält das Versteckspiel nicht mehr aus. Das ewige Warten, das Anpassen an meinen Zeitplan. Ob ich ihre Welt außerhalb davon überhaupt wahrnehme. Ich sagte, ich liebe sie, aber meine Familie, meine Kinder, meine Verpflichtungen… Ich kann nicht alles hinschmeißen. Sie sagte: Du hast einfach Angst.
Unwillkürlich dachte er an ihr Gespräch neulich. Auch sie hatte gefragt, wie es weitergehen solle. Er war ausgewichen, redete sich auf zu kompliziert, unser Alter, eine Scheidung in unserem Bekanntenkreis, das macht einen schlechten Eindruck heraus. Es war ihm peinlich, wie ähnlich das klang.
Er legte das Buch weg, lief im Zimmer auf und ab. Im Spiegel an der Tür sah er sich selbst: Mitte vierzig, Grau an den Schläfen, das Hemd spannte am Bauch. Kein schlechtes Bild vielleicht, aber kein Vergleich zum Selbstbild mit fünfundzwanzig.
Das Handy vibrierte erneut. Diesmal die Tochter: Papa, kannst du morgen meine Präsentation schauen? Habe ein paar Folien verändert. Er schrieb zurück: Schaue ich mir abends an.
Er wollte mehr schreiben. Fragen, wies ihr geht aber er schloss den Chat. Setzte sich wieder, griff mechanisch nach dem Notizbuch.
Der nächste Eintrag klang fahriger.
Meine Frau hat heute gefragt, warum ich so oft in diese Stadt muss. Sie meinte, ich wirke plötzlich so gewissenhaft beim Packen. Ich machte einen Witz, sagte, der Zulieferer dort sei eben zuverlässig, der Auftrag lukrativ. Sie sah mich an, als würde sie mich zum ersten Mal sehen. Ich bekam schwitzige Hände. Am Ende schien alles normal, aber ich glaube, sie glaubt mir nicht mehr.
Er dachte an das Gespräch morgens in der Küche. Ihren Vorschlag, doch gemeinsam zu fahren. Dieser fragende Blick. Keine Szene. Nur eine spürbare Spannung unter der Oberfläche die er gerne ignorierte.
Er las weiter. In einem Eintrag schilderte der Autor, wie er die Geliebte zufällig mit ihrem Mann und den Kindern im Einkaufszentrum traf. Beide taten, als kennten sie sich nicht. Im Hotelzimmer danach konnte er nicht einschlafen, stellte sich das Schlimmste vor: Alles würde zusammenbrechen, wenn ein Bekannter sie entdeckte.
Er merkte, dass er schon eine Stunde las. Worte, Gedanken, alles vermischte sich. Er schloss das Notizbuch, aber es blieb liegen ein Mahnmal.
Die ganze Nacht drehte er sich hin und her. Nebenan lachte jemand, Türen klappten. Er malte sich den Schreiber dieses Buchs aus: ein Mann in seinem Alter, vielleicht älter. Sitzt im selben Zimmer, packt den Koffer aus, schreibt ein paar Zeilen, wartet. Auch zuhause heißt es geschäftliche Termine.
Am Morgen rührte er sich einen Instantkaffee an und las weiter.
Ich habe versucht zu zählen, wie oft ich gelogen habe. Wie viele Nachrichten ich vor meiner Frau gelöscht habe. Wie oft ich sagte, dass ich zu viel Arbeit habe, obwohl ich in diesem Zimmer nur darauf wartete, dass sie kommt. Ich habe bei hundert den Überblick verloren. Es sind nur Worte, glaube ich. Aber manchmal stelle ich mir vor, wie sie eine Wand zwischen mir und ihnen bauen. Und manchmal fürchte ich, ich kann sie irgendwann nicht mehr einreißen.
Er erinnerte sich, wie er einmal den Kinobesuch mit seiner Tochter absagte, nur um eine Verabredung nicht zu verpassen. Sagte ihr, ein dringender Kundentermin. Sie zuckte nur mit den Schultern, meinte, sie geht eben mit Freundinnen. Kinder, dachte er damals, gewöhnen sich schnell daran, dass ihre Eltern beschäftigt sind.
Er schob das Notizbuch in die Schreibtischschublade. So war es leichter, es nicht vor Augen zu haben. Packte seine Sachen, überprüfte nochmal Ladegerät, Ausweis. Bevor er ging, öffnete er noch einmal die Schublade und betrachtete das schwarze Buch. Lassen? Zur Rezeption bringen? Mitnehmen? Jede Variante schien falsch.
Schließlich schob er es an die Wandkante, als ließe es sich so besser verstecken.
Zuhause war alles wie immer. Seine Frau fragte, wie die Reise war. Er erzählte von einem fiktiven Kundentreffen, beschrieb ein nicht vorhandenes Abendessen mit Kollegen, erfand Details. Sie hörte zu, nickte, hakte nach. Dann sagte sie irgendwann:
Du bist müde. Ruh dich aus.
Seine Tochter schaute mit dem Laptop herein.
Guckst du mal drüber? Sie startete die Präsentation, setzte sich neben ihn. Er ging die Folien durch, gab Tipps zu Schrift und Gliederung. Sie hörte zu, notierte etwas. Plötzlich fragte sie:
Papa, hast du nicht die Nase voll vom ewigen Hin-und-her-Reisen? Du hast doch immer gesagt, du wolltest mal ganz ruhige Arbeit, ganz ohne das Fahren.
Er stockte leicht.
Das ist halt der Job.
Mama macht sich Sorgen. Sie sagt, du wirkst Sie brach ab, zuckte die Schultern. Egal, vergiss es.
Etwas in ihm fing an zu brodeln. Kein Ärger über sie, sondern auf sich selbst dafür, dass seine Geschichte jeden Tag mehr Kraft kostete.
In der Nacht wachte er auf. Seine Frau lag mit dem Rücken zu ihm, die Decke bis zum Kinn. Er sah ihren Nacken, eine lose Haarsträhne. Früher kannte er jedes Muttermal auf ihrem Rücken. Jetzt wusste er nicht mal mehr, wann er sie zuletzt einfach nur angeschaut hatte, ohne Hintergedanken.
Verrate ich sie? dachte er. Ich verlasse sie ja nicht. Ich bin da. Ich helfe, ich unterstütze, ich Die Sätze, mit denen er sich verteidigte, klangen plötzlich fremd genau wie die Handschrift im fremden Notizbuch.
Zwei Wochen später packte er wieder seinen Koffer. Diesmal fragte seine Frau nichts. Nur:
Wie lange bleibst du?
Eine Nacht.
Verstehe.
Keine Vorwürfe, keine Neugier. Diese Ruhe war beängstigender als jede Andeutung.
Er kam abends ins Hotel. An der Rezeption saß wieder die junge Frau.
Guten Abend. Zimmer auf Ihren Namen reserviert. Vierter Stock, 406.
Er stieg hoch, schloss die Tür auf das erste, worauf sein Blick fiel: das Notizbuch noch immer an Ort und Stelle.
Er griff danach. Der Einband war an einer Ecke eingedrückt, als hätte jemand ihn mit etwas Schwerem belastet. Er blätterte zur letzten Seite. Ein frischer Eintrag.
Ich dachte, ich hätte alles unter Kontrolle. Aber heute ging alles schief. Meine Frau hat einen Teil der Nachrichten gefunden. Sie war still, während ich mich herausredete. Sie sah mich an, als wäre ich ein Fremder. Ich redete von Missverständnissen, von alten Geschichten, dass das keine Bedeutung mehr habe. Irgendwann merkte ich, dass ich eigentlich zu mir selbst sprach. Sie ging ins Schlafzimmer, sperrte sich ein. Die Kinder saßen in der Küche, taten, als hörten sie nichts. Ich saß im Flur und fragte mich, wie ich so weit gekommen bin.
Ein kalter Schauer lief ihm über den Rücken. Das war kein abstrakter Fremder mehr. Es war zu vertraut. Er dachte daran, wie er jüngst vergessen hatte, eine Nachricht zu löschen, und wie seine Frau sein Handy nahm, um die Tochter anzurufen. Damals war nichts passiert. Oder hatte es nur so gewirkt?
Die nächste Seite trug das gestrige Datum.
Ich bin hergekommen, weil ich nicht wusste, wohin sonst. Zu Hause ist alles überschattet von diesem Streit. Sie hat nicht geweint, nicht geschimpft. Nur gesagt: Ich weiß nicht mehr, wer du bist. Ich weiß es auch nicht. Ich sitze in diesem Zimmer, wo ich immer glücklich war, und spüre nichts. Nur Leere. Ich dachte, Hauptsache, man überschreitet nie die Linie. Bleibt bei der Familie, geht nicht weg von den Kindern. Aber in Wahrheit war die Linie längst überschritten, ich wollte es nur nicht zugeben.
Er legte das Notizbuch ab, saß lange reglos auf dem Bett. Wie viele Jahre hatte auch er dieses Doppelspiel geführt, fest überzeugt, bis zum Ende nichts riskieren zu müssen. Konnte alles in Fächer sortieren: hier Familie, dort Arbeit, dazwischen das Hotelzimmer, wo die Zeit stillstand.
Es klopfte an der Tür. Er zuckte zusammen.
Ich bins, sagte die vertraute Stimme.
Er öffnete, ließ sie herein. Sie zog den Mantel aus, musterte ihn länger als sonst.
Du wirkst anders. Ist etwas?
Nein. Ich bin nur müde.
Sie entdeckte das Notizbuch.
Liegt das immer noch hier?
Keine Ahnung, wem das gehört. Vielleicht kommt jemand zurück.
Ach was, ist doch egal.
Sie setzte sich auf das Bett, streckte die Hand nach ihm aus.
Bist du sicher, dass alles okay ist?
Er nickte, aber in seinem Inneren war alles in Bewegung, als stünde er an einem Abgrund, den er nicht benennen konnte. Sie liebten sich, sprachen über Belangloses, Pläne für das nächste Treffen. Sie fragte wieder, ob es keine Veränderung geben wird. Er wich erneut aus.
Als sie gegangen war, blieb er allein, öffnete das Notizbuch, blätterte zur letzten Seite.
Ich weiß nicht, wie es weitergehen soll. Man könnte alles leugnen, eine Ausrede nach der anderen. Man könnte alles abbrechen, ein neues Leben anfangen. Aber wer garantiert mir, dass ich dann nicht wieder alles wiederhole? Vielleicht kann ich bloß aufhören, mich selbst zu belügen. Akzeptieren, dass es nicht einfach ‘ein kleines Abenteuer’ ist, sondern ein ganzes System, mein Leben. Und wenn ich nicht bereit bin, es zu zerstören, dann wähle ich es eben. Mit allem, was dazugehört.
Er saß lange in der Stille. Dann griff er zum Handy, öffnete den Chat mit seiner Frau. Schrieb: Wie gehts euch? und löschte wieder. Schrieb: Wir sollten reden, wenn ich zurück bin. Wieder gelöscht. Am Ende schickte er: Wie war der Tag? Ihre Antwort: Gut. Wie geplant.
Er stand auf, trat ans Fenster. Draußen lag die Landstraße, Autos schlichen vorbei. In einem Fenster gegenüber brannte Licht. Er stellte sich vor, wie jemand, vielleicht der Schreiber des Buches, darin sitzt. Oder ein anderer, mit ähnlicher Geschichte. Und er merkte, wie er diesen Fremden, wie sich selbst, zu rechtfertigen versuchte. Als ob jeder doch seine Gründe habe.
Zurück am Schreibtisch überflog er die ersten Seiten. Dort war alles stiller.
Ich habe dieses Notizbuch angefangen, um nicht verrückt zu werden. Um wenigstens hier ehrlich zu sein. Wenn ich es meinen Lieben nicht sagen kann, dann wenigstens hier. Vielleicht ist das auch Selbstbetrug, aber ich verliere mich so weniger.
Er wusste plötzlich, dass er das Buch nicht da lassen wollte. Aber mitnehmen? Dann wäre es seine Geschichte. Liegen lassen als hätte es gar nichts mit ihm zu tun.
Er holte einen Umschlag aus der Tasche, steckte das Notizbuch hinein, öffnete es wieder, legte es aufs Bett, setzte sich daneben.
Das Handy vibrierte. Die Tochter schrieb: Papa, morgen ist meine Präsentation. Schaffst dus um drei? Er rechnete. Nach seiner Geschäftsreise-Legende müsste er eigentlich abends zurück. Wenn er aber früher aufbräche, würde es klappen.
Bin da, antwortete er. Ich verschiebe das andere. Sie schickte ein Smiley und ein super.
Er schaltete das Handy aus, legte sich aufs Bett, starrte an die Decke. Die Worte aus dem Notizbuch klangen nach: mich wenigstens selbst nicht mehr belügen. Was sollte das heißen? Eingestehen, dass er der war, der das alles selbst gewählt hatte.
Er stellte sich das Gespräch mit seiner Frau vor. Wie er sagt: Es gibt eine andere. Ihr Blick. Wie seine Tochter davon erfährt. Weiter konnte er sich die Szene nicht ausmalen. Sein Herz schlug schnell.
Er stand auf, nahm das Notizbuch erneut zur Hand und überflog die letzten Seiten. Am Rand stand ein einzelner Satz: Ich schiebe das Gespräch auf, weil ich nicht Angst habe, sie zu verlieren, sondern, dass sie mich wirklich sehen.
Er schob das Buch zurück in die Mappe, schloss den Reißverschluss. Dann nahm er einen Stift aus der Jackentasche und schrieb seine Handynummer auf die Innenseite des Einbands. Ohne Namen. Nur Zahlen.
Wirklich erklären konnte er sich das nicht. Vielleicht hoffte er, der Autor würde sich melden. Oder ein anderer, der sich hierin wiederfand. Vielleicht war es nur der Versuch, anzuerkennen: Ich bin einer von ihnen.
Vor dem Einschlafen schrieb er seiner Frau: Komme morgen früher, will zu Lenas Präsentation. Danach lass uns reden, ja? Er starrte lange auf die Nachricht dann sendete er sie.
Die Antwort kam spät: Ja.
Am nächsten Morgen verließ er das Hotel mit einer Tasche. Die Mappe mit dem Notizbuch darin. An der Rezeption blieb er kurz stehen.
Entschuldigung, sagte er zur Empfangsdame, im Zimmer lag ein fremdes Notizbuch. Ich habe es mitgenommen. Wenn jemand fragt, geben Sie bitte meine Nummer weiter. Er reichte ihr den Zettel.
Alles klar, sagte sie gleichgültig.
Draußen war es kühl, aber nicht frostig. Der Weg zur Haltestelle war derselbe wie immer, nur gingen ihm die Schritte schwerer von der Hand. Er lief langsamer, ließ sich Zeit. Kein klarer Plan im Kopf, nur vage Linien.
Er wusste, er könnte jederzeit umkehren. Nach Hause kommen, sagen, das Gespräch später führen, wenn es ruhiger ist. Sagen, das alles sei ein Irrtum. Das Notizbuch im Schreibtisch verbuddeln, vergessen. Oder es zumindest versuchen.
Aber vielleicht würde er nicht mehr umkehren. Nach Hause fahren, in die Küche gehen, auf den Tee warten und das sagen, was er schon so lange selbst nicht hören wollte. Ohne zu wissen, was daraus wird. Ohne Zusicherung, dass etwas besser werden würde.
Der Bus kam. Er stieg ein, setzte sich ans Fenster. Die Stadt draußen war vertraut: Haltestellen, Kioske, Menschen mit Tüten. Er zog das Notizbuch hervor, legte es auf die Knie. Öffnete es nicht. Er hielt es nur fest.
Das Handy vibrierte im Mantel. Nachricht von Lena: Ich bin total aufgeregt. Er schrieb zurück: Ich bin da. Du schaffst das.
Der Bus fuhr an. Er schaute in sein eigenes Spiegelbild und auf das schwarze Notizbuch auf seinen Knien. Vor ihm lagen das Zuhause, Lenas Präsentation, das Gespräch, das er versprochen hatte. Hinter ihm das Hotelzimmer, in dem man alles verschieben, ignorieren, trennen konnte.
Welche dieser Leben er wählen würde, wusste er nicht. Aber er wusste, dass es nun immer schwerer werden würde, sich selbst zu belügen.
Er umklammerte das Notizbuch fester und drehte sich vom Fenster weg, damit er sich selbst nicht mehr sehen musste. Der Bus folgte der bekannten Route und jeder Bogen erschien ihm zugleich altvertraut und ganz neu.





