24 Stunden ohne Lüge Als Platon merkte, dass der Kunde den Text wieder nicht gelernt hatte, blieben noch drei Tage bis Silvester, und im Studio wurde bereits das Feuerwerk zusammengeschnitten, das nie stattfinden würde. „Nicht ‚liebe Freunde‘“, sagte er und blickte auf den Teleprompter. „Das ist schon nicht mal mehr platt, das ist tot. Sagen wir ‚Guten Abend‘. Ohne ‚liebe‘.“ Der Kandidat, Ministerpräsident eines mittelgroßen, aber ambitionsreichen Bundeslandes, gähnte und kratzte sich am Hals. „Und ‚sehr geehrte Damen und Herren‘?“, fragte er. „Sie respektieren uns doch.“ „Nicht wirklich“, antwortete Platon automatisch und korrigierte sich sofort: „Aber wir tun so, als respektierten sie uns, und sie tun so, als glaubten sie es. So funktioniert das Fest.“ Im vierten Stock eines angemieteten Bürocenters standen drei Scheinwerfer, ein dekorativer Tannenbaum und ein Greenscreen mit aufgedrucktem Brandenburger Tor. Auf dem Tisch vor Platon lagen zwei Versionen der Ansprache. Die erste – klassisch: „Wir haben viel geschafft, aber noch mehr liegt vor uns“, „jeder Einzelne von Ihnen“, „wir gemeinsam“. Die zweite – etwas „menschlicher“, mit einer erfundenen Anekdote, wie der Ministerpräsident als Kind Silvester in einer Plattenbauwohnung gefeiert hatte. „Wir beginnen mit Dankbarkeit“, sagte Platon und reichte das erste Blatt. „Dann ein Versprechen. Dann ein warmes Bild von der Familie. Dann eine kurze Brücke in die Zukunft. Keine Details, nur Gefühle. Sie sind kein Buchhalter, Sie sind ein Symbol.“ „Ich bin ja auch kein Buchhalter“, grinste der Ministerpräsident. „Mathe war nie mein Ding.“ „Dann erst recht“, meinte Platon. „In einer halben Stunde sind die Kameras bereit. Generalprobe.“ Er hörte schon nicht mehr hin, wie der Kunde am Wort „Inklusion“ stolperte, sondern dachte an den Schnitt. Die Ansprache würde aufgezeichnet, aber so, dass es wie live wirkte. Schnee vorm Fenster würde digital eingefügt. Der Glockenschlag auch. Wichtig war die Stimme. Die sollte klingen, als käme sie nicht vom Blatt. Das hier war sein Handwerk. Fremde Stimmen, sorgfältig gesetzte Akzente, gekonnt dosierte Falschheit. Platon liebte das Gefühl: aus einem langweiligen Beamten, der Angst vor echten Menschen hatte, einen souveränen „Landesvater“ zu machen. Wie aus einer verrauschten Aufnahme ein klarer Track. „Sagen wir etwas zu den Kliniken?“, fragte der Ministerpräsident und machte eine Pause. Platon blickte in den Text. „Wir sagen: ‚Wir werden die Qualität der medizinischen Versorgung weiter steigern‘“, antwortete er. „Das heißt alles und nichts. Für die, bei denen es schlecht läuft, klingt es wie ein Eingeständnis. Für alle anderen wie ein Lob. Keine Details.“ „Aber bei uns läuft da…“, der Ministerpräsident winkte ab. „Egal. Du kennst dich da besser aus.“ Er kannte sich wirklich besser aus. Nicht in der Medizin, sondern darin, wie man über Medizin nicht spricht. Zwei Stunden später, als das Team schon abbaut und die Maskenbildnerin dem Ministerpräsidenten die Grundierung abnimmt, sitzt Platon schon wieder im Eck des Wahlkampf-Teams und redigiert die Pressemitteilung: „Der Landeschef zog Bilanz und sprach über die Zukunft.“ Er strich „sprach“, ersetzte durch „betonte“. Weniger Details. Im Nachbarzimmer lachte jemand über die Weihnachtsfeier. Die PR-Leiterin, eine dünne Frau mit fahlem Haar, schaute zu Platon herein. „Kommst du morgen? Nach der Lagebesprechung. Wir müssen die Leute auch mal belohnen.“ „Wenn kein Notfall kommt“, antwortete er. „Obwohl: Unsere Notfälle sind ja getaktet.“ Sie lachte und war wieder weg. Platon sah auf sein Handy. Eine Nachricht seiner Frau blinkte: „Kommst du zu Leons Adventsfeier? Er wartet schon auf dich.“ Die Antwort „Ich hab Sendung, kann nicht“ hatte er schon geschrieben, aber nicht abgeschickt. Er wusste, am Ende drückt er doch auf Senden und textet danach noch das Neujahrs-Posting des Ministerpräsidenten für Instagram um, damit nirgendwo „geliebtes Bundesland“ steht. Der Ministerpräsident liebte sein Bundesland nicht. Er liebte Macht und die Ruhe um sich. Platon hielt sich nicht für einen Schurken. Eher für einen Verpackungskünstler. Die Leute wollten Märchen zu Silvester, und er lieferte sie ihnen. Statt Tabellen – ein anheimelndes „Wir sind zusammengewachsen“. Statt Fehler-Eingeständnis – das Versprechen, „noch mehr zu tun“. Lüge war kein Betrug, sondern das Schmiermittel, ohne das das gesellschaftliche Getriebe zu knirschen droht. So dachte er bis zum nächsten Morgen. Einen Tag vor Mitternacht wachte er auf mit brennendem Hals. Immer wieder dieselbe Zeile im Kopf: „Wir haben viel geschafft.“ Sie schmeckte plötzlich schal. Das Handy vibrierte. Ein Sprachnachricht von seiner Frau: „Kommst du heute wirklich? Leon hat sein Gedicht geprobt.“ Er drückte auf Play, dann auf Antwort und sagte: „Ich komme…“ Die Kehle verkrampfte. Das Wort blieb wie ein Kloß stecken. Platon hustete, probierte es nochmal: „Ich… werde es wohl wieder nicht schaffen. Arbeit. Ich verpasse es wieder.“ Es war ihm peinlich, aber das Geständnis ging plötzlich leicht über die Lippen. Seine Frau antwortete sofort: „Ich wusste es.“ Er wartete auf Vorwürfe – aber es kamen nur Müdigkeit und Resignation. Zwanzig Minuten später steckte er im Morgenstau. Das Radio plapperte über Vorweihnachtstrubel, die Moderatoren scherzten, „es ist Zeit für Vorsätze“. Dann Rauschen – und auf allen Sendern sprach derselbe Nachrichtensprecher: „Weltweit beobachten Forscher ein seltsames Phänomen: Menschen berichten davon, keine nachweislich falschen Aussagen mehr machen zu können. Lügen lösen starke Unruhe, Krämpfe und Sprachprobleme aus. Experten bitten um Ruhe.“ „Blödsinn“, sagte Platon laut. „Irgendeine Challenge.“ Als er ergänzen wollte: „In ein paar Stunden ist der Spuk vorbei“, klebte die Zunge plötzlich am Gaumen. Er fluchte und schwieg. Keine Panik – bloß Ärger. Wenn das Drehbuch kippt, mochte er das gar nicht. Im Team herrschte Chaos. Normalerweise zum Jahresende alles Routine: Ansprache, PMs, Gästelisten. Heute liefen auf dem Bildschirm drei Nachrichtensender – und überall dieselbe Meldung. Auf einem Sender wollte der Moderator noch witzeln, murmelte dann statt „das ist Massenpsychose“ nur: „Ich weiß nicht, was das ist. Ich habe Angst“. Ein Experte begann sicher: „Beweise fehlen“, doch dann gab er zu: „Ich habe Studien gelesen. Keine Ahnung, wie das möglich ist.“ „Was soll…“ Die PR-Leiterin brach ab, vermutlich wollte sie höflicher fluchen als sonst, auch ihr verzog es die Lippen. „Arbeiten wir weiter. Platon, erklär das.“ Er wollte sagen: „Das geht vorbei, wir warten einfach ab“, aber aus seinem Mund kam nur: „Ich weiß es nicht. Wenn das stimmt, fliegt unser Drehbuch auf.“ „Warum?“, fragte der Ministerpräsident, der hereinkam. „Gestern haben wir doch alles aufgenommen. Läuft doch aufgezeichnet.“ „Gestern haben Sie mindestens in jedem zweiten Satz nicht die Wahrheit gesagt“, antwortete Platon ruhig. „Falls das echt ist, werden Sie schon bei der Aufzeichnung im Fernsehen anfangen zu husten.“ Er spürte, wie sich etwas in ihm zusammenzog. Normalerweise hätte er jetzt getrickst: „nicht ganz zutreffende Zahlen“, „Abweichungen einkalkuliert“. Jetzt ließ der Körper keine Euphemismen mehr zu. „Gilt das nur beim Sprechen? Die Aufnahme ist doch da!“, fragte der Ministerpräsident. Sie spielten das gestrige Video ab. Der Ministerpräsident lächelte: „Wir haben alles getan, damit jeder Bürger die Fürsorge des Staates spürt.“ Auf dem Wort „alles“ zuckte das Bild, das Gesicht verzerrte sich, die Aufnahme brach ab. Stille. „Was ist das für ein Schnitt?“, fragte der Kameramann, blass. „Kein Schnitt“, sagte Platon. „Das ist…“ …„ein Verbot“, vervollständigte er. Das Wort kam von allein. Alle starrten auf den eingefrorenen Frame. Der Ministerpräsident nahm die Brille ab. „Ich kann also nicht sagen, dass wir alles geschafft haben“, murmelte er. „Nein“, antwortete Platon. „Sie haben einen Teil geschafft. Manches gut, manches schlecht, aber nicht alles.“ „Und jetzt?“, fragte die PR-Leiterin. „In 24 Stunden läuft die Live-Ansprache auf bundesweitem Sender. Alle erwarten Glanz. Sollen wir jetzt den Rechnungshofbericht vorlesen?“ Platon öffnete das Laptop. Tipperten: „Wir haben viel geschafft, aber…“ Er wollte „viel“ streichen, „was möglich war“ schreiben, aber die Hand stockte. Zum ersten Mal seit Jahren fiel ihm schlicht keine Floskel mehr ein. „Probieren wir’s“, sagte er. „Sagen Sie mal etwas, das garantiert nicht stimmt.“ Der Ministerpräsident zuckte die Schultern. „Ich liebe es, um sechs aufzustehen und Sport zu machen.“ Beim Wort „liebe“ verzog es sein Gesicht. Er hustete, Augen tränten. „Ich… hasse es“, bekam er heraus. „Ich mache das nur manchmal, weil der Arzt es empfohlen hat.“ „Okay“, murmelte Platon. „Es funktioniert.“ Der Tag wurde eine Kette geplatzter Pläne. Im Meetingraum schrien Juristen: Ihr Großkunde, ein Bauinvestor, gestand live im Lokal-TV: „Wir haben bei den Materialien gespart, sonst wäre die Rendite zu gering gewesen.“ Der PR-Mann wollte ihn retten, erwischte sich selbst und sagte auf die Frage nach „unternehmerischer Verantwortung“ prompt: „Uns interessiert nur die Marge, alles andere ist Fassade.“ In der Teamgruppe flogen Screenshots von Social Media. Leute tippten unter Marken-Grüße: „Ihr habt doch die Hälfte entlassen“, „Preise erhöht und nennt das Fürsorge“. Die Social Media-Manager konnten nicht mehr standardmäßig „Es tut uns leid, wenn Sie das so empfinden“ schreiben, sondern: „Es ist uns egal. Wir halten nur die Antwortvorgaben ein.“ Später löschten sie alles, die Screenshots waren längst viral. „Das kann so nicht weitergehen“, murmelte jemand. „So funktioniert die Welt nicht.“ „Die Welt lebt von Selbsttäuschung“, sagte Platon – und erschrak, dass er das nicht als Zyniker sagte, sondern wie einer, der in ein Uhrwerk sieht. „Ohne kleine Retuschen quietscht alles.“ Er wollte noch anfügen, das sei vielleicht sogar gesund, aber die Sprache ließ ihn nicht. Drinnen war keine Überzeugung. Mittags tauchte der Bundeskanzler in den Nachrichten auf. Er wirkte nicht wie sonst. Auf die Frage „Haben Sie alles im Griff?“ begann er: „Natürlich…“, stockte, wurde rot und sagte: „Teilweise. Viele Dinge nicht.“ Das Land erstarrte. „Sogar er kann es nicht“, sagt die PR-Leiterin. „Das ist ernst.“ „Das ist überall so“, meinte Platon. „Nicht nur unser Problem.“ „Das hilft uns nix“, brummte sie. Am Abend saßen sie zu dritt in einem fensterlosen, kleinen Büro. Stapel alter Ansprachen, Berichte, Bulletins auf dem Tisch. Im Fernseher gestand ein Bürgermeister live: Er habe das Haushaltsbuch, über das er abstimmte, nie gelesen. „Wir brauchen einen neuen Text“, sagte der Ministerpräsident. „Einen, den ich wirklich sagen kann. Und der keine Katastrophe auslöst.“ „Sie brauchen keinen Text“, sagte Platon. „Sie brauchen einen neuen Stil. Wenn Sie weiter wie bisher reden, zerreißen sie Sie. Wenn Sie beichten, gelten Sie als schwach. Es muss dazwischen sein.“ „Und das wäre?“, fragte die PR-Leiterin. Platon wusste es nicht. Die Standardmuster griffen nicht. Keine leeren Versprechen mehr. Keine Sätze wie „Wir verhindern Preissteigerungen“, wenn Inflation die Löhne auffrisst. Nicht mal mehr „Liebe Bürgerinnen und Bürger“, wenn er ihnen innerlich am liebsten die Meinung geigen würde. Er sah den Ministerpräsidenten an. Der war erschöpft, ratlos, nicht bösartig. Kein Monster, nur ein Mensch, der plötzlich ohne seine Sprache dastand. „So“, sagte Platon. „Ich stelle Ihnen Fragen. Sie antworten ehrlich. Daraus basteln wir die Ansprache.“ „Du willst, dass ich mich selbst abschieße?“, murmelte der Ministerpräsident. „Ich will, dass Sie den Leuten einmal im Leben etwas sagen, das Sie selbst aushalten können“, erwiderte Platon. Er staunte über seinen Ton. Sonst erlaubte er sich das nie gegenüber Kunden. „Na gut“, seufzte der Ministerpräsident. „Frag schon.“ Sie saßen bis in die Nacht. Platon stellte einfache Fragen: „Was haben Sie dieses Jahr wirklich geschafft? Nicht nach Bericht, nach Gefühl.“ — „Was ist gescheitert?“ — „Wovor haben Sie Angst?“ — „Was wünschen Sie sich fürs nächste Jahr – privat, nicht für das Land?“ Versuchte der Ministerpräsident auszuweichen, verkrampfte er. Es blieb nur Offenheit: „Ich bin nicht in den betroffenen Kreis gefahren, weil ich Menschenmassen fürchte.“ „Ich lese Berichte nicht ganz, nur Zusammenfassungen.“ „Ich glaube nicht, dass ich das Straßenproblem in zwölf Monaten löse.“ „Ich will wiedergewählt werden, weil ich Status und Beschützer verliere.“ Die PR-Leiterin machte notgedrungen Notizen. Ihr Gesicht war bleich. „Wenn wir das zeigen, werden wir gefressen“, sagte sie. „Wenn wir es verstecken, werden wir auch gefressen. Nur anders“, erwiderte Platon. Wieder staunte er. „Wir“ gab es sonst nicht in seinem Vokabular – nur „Kunde“ und „Publikum“. Jetzt fühlte er sich Teil. Fast Mitternacht – seine Frau rief an: „Kommst du noch?“ Er wollte sagen: „Ich verspäte mich, geb mein Bestes“, aber die Zunge verweigerte den Dienst. „Nein“, sagte er. „Ich komme nicht. Ich habe mich für Arbeit entschieden. Nicht, weil sie wichtiger ist, sondern weil sie Gewohnheit ist. Es macht mir Angst, mit euch zu sein und nicht zu wissen, was ich sagen soll.“ Stille am anderen Ende. „Danke, dass du wenigstens nicht lügst“, sagte sie schließlich. „Leon sagt sein Gedicht trotzdem auf. Ich film’s dir.“ Er starrte auf den Entwurf der Ansprache. Keine Phrasen mehr, nur nackte Sätze: „Ich habe vieles von dem nicht geschafft, was ich versprochen habe.“ „Ich kann nicht garantieren, dass es nächstes Jahr leichter wird.“ „Ich habe auch Angst.“ Keine Ansprache – ein Geständnis. Nicht sendbar. „Das geht so nicht“, fand der Ministerpräsident. „Nach 30 Sekunden schalten die Leute ab.“ „Stimmt“, nickte Platon. „Wir müssen es anders verpacken.“ Er begann umzubauen. Nicht lügen, aber ordnen. „Ich habe Angst“ wurde zu „Ich verstehe Ihre Ängste und teile sie“. Überflüssige Wunden tilgen, aber die Botschaft erhalten. Jede Verwässerung, die zur Lüge wurde, stoppte der Körper. Worte wurden zäh, Sätze brachen ab. Er musste nach wahrhaftigen, aber tragfähigen Formulierungen suchen. „Ich habe vieles nicht erfüllt“ wurde zu: „Nicht alles Versprochene ließ sich umsetzen.“ Das ging. „Ich kann nicht garantieren, dass nächstes Jahr leichter wird“, wurde: „Ich kann kein leichtes Jahr versprechen, aber ich verspreche, die Probleme nicht schönzureden.“ Auch das ging. So setzten sie den neuen Text mühsam zusammen. Nicht heroisch, nicht beichtend – sondern irgendwie roh, menschlich. „Das ist… seltsam“, sagte der Ministerpräsident nach dem Probedurchlauf. „Ich fühle mich nackt.“ „Aber Sie bekommen Luft“, sagte Platon. „Vielleicht bekommen die anderen das auch.“ Am Morgen des 31. war die Stadt ein Experiment. Kassierer gestanden offen, wie nervig die Kundschaft ist. Kunden gaben zu, dass sie aus Einsamkeit eine Torte mehr kauften. Taxifahrer berichteten, wie oft sie heute die Ampel ignorierten, um rechtzeitig daheim zu sein. Im Team klingelte das Telefon pausenlos. Aus der Hauptstadt riefen sie an: „Kontrollieren Sie, was Ihr Ministerpräsident live sagen will?“ Platon antwortete ehrlich: „Teilweise. Er kann immer abweichen. Aber wir haben alles versucht, offene Lügen zu verhindern.“ Das Wort „alles“ floss diesmal. In dieser Nacht hatte er wirklich alles getan. Die PR-Leiterin rauchte am Fenster. „Wenn’s klappt, sind wir bald das Modell für ‚neue Ehrlichkeit‘ auf allen Kongressen. Wenn nicht…“ „Werden wir gefeuert“, ergänzte Platon. „Schlimmeres hatte ich schon.“ Eine Stunde vor der Sendung – Abmarsch ins Studio. Diesmal ohne Greenscreen-Brandenburger Tor. Es blieb das echte Büro. Auf dem Tisch ein kleiner Tannenbaum, im Bildstapel Dokumente. „Sollen wir die wenigstens wegräumen?“, fragte der Kameramann. „Lassen Sie sie stehen“, sagte Platon. „Das passt.“ Der Ministerpräsident setzte sich, ordnete die Krawatte, blickte in die Kamera. „Wenn ich Quatsch erzähle, hältst du mich auf?“, fragte er. „Geht nicht“, meinte Platon ehrlich. „Meine Zunge spielt auch nicht mehr mit.“ Der Regisseur zählte runter: „Drei, zwei, eins.“ Rotlicht. Der Ministerpräsident holte Luft. „Guten Abend“, sagte er. „Heute werde ich nicht behaupten, dieses Jahr sei leicht gewesen. Es war hart, für viele von Ihnen – auch für mich.“ Platon hielt den Atem an. Der Satz klappte. Danach war’s wie Seiltanz. „Ich habe viele Versprechen nicht gehalten“, fuhr der Ministerpräsident fort. „Manches haben wir nicht geschafft, manchmal gefehlt, manchmal vor schwierigen Entscheidungen zurückgeschreckt. Sie sehen das, Sie spüren das.“ In der Regie wurde leise geflucht. Die PR-Leiterin schloss die Augen. „Ich verspreche auch nicht, dass nächstes Jahr alle Probleme weg sind. Aber ich verspreche, nicht so zu tun, als gäbe es keine. Und offen zu reden, auch wenn das schwerfällt – für Sie und für mich.“ Er sprach nicht perfekt. Suchte Worte, schaute ab und zu auf den Zettel. Keine Floskeln. Statt „Wir hatten große Erfolge“ hieß es: „Wir sind ein paar Schritte gegangen, aber das reicht nicht.“ Statt „Jeder von Ihnen“ – „Viele von Ihnen“. Statt „Ich bin auf jeden stolz“ – „Ich danke allen, die durchgehalten haben.“ Zum Schluss wich er überraschend vom Text ab. „Noch etwas Persönliches“, sagte er. „Ich war oft nicht dort, wo man auf mich gewartet hat, weil ich Angst hatte, den Leuten in die Augen zu sehen. Ich verspreche nicht, über Nacht ein anderer zu werden. Aber ich weiß, dass es so nicht weitergeht.“ Eiskalter Schauer bei Platon. Dieser Satz stand nicht im Manuskript – aber ohne Krampf, also wahr. „Frohes neues Jahr“, schloss der Ministerpräsident. „Möge es wenigstens ein kleines bisschen ehrlicher werden.“ Das Rotlicht ging aus. Stille. „Jetzt haben sie uns gefressen“, sagte die PR-Leiterin nüchtern. „Abwarten“, meinte Platon. Die Reaktion war weder euphorisch noch hysterisch. Eher gespalten. Einige auf Social Media schrieben: „Wieder nur Worte – Taten zählen.“ Andere lobten: „Immerhin keine Märchen mehr.“ Manche murrten: „Wir wissen doch selbst, wie schlecht es läuft – warum am Jahreswechsel?“ Doch etliche dankten: „Wenigstens hat er nicht getan, als lebten wir alle im Werbeprospekt.“ In den Fernsehnachrichten stritten Experten. Die einen: „gefährlicher Präzedenzfall“, die anderen: „Zeichen einer neuen Erwartungshaltung“. Manche wollten alles als PR-Aktion erklären, aber auf das Wort „geplant“ fingen sie plötzlich an zu stottern. Im Team blieb es still. Keiner klopfte sich auf die Schulter. Alle hingen an ihren Smartphones. „Wir sind nicht gefeuert“, stellte die PR-Leiterin fest, starrte aufs Handy. „Die Zentrale schreibt: ‚mutig‘. Und danach: ‚wird noch evaluiert‘. Keine Ahnung, was das heißt.“ „Beides“, sagte Platon. Er fühlte eine Erschöpfung, die nicht nur von Schlafmangel kam. Es war, als hätte er eine Sprache neu lernen müssen. Das Handy vibrierte – Nachricht von der Frau: ein Video. Leon stand im Kita-Flur auf einem Stuhl und sprach sein Gedicht auf. Am Schluss stockte er, sah in die Kamera und sagte leise: „Papa ist wieder nicht da, aber ich sage es trotzdem.“ Platon schaute das an und gab es zu, ohne Ausrede: Ja, so ist es. Er schrieb zurück: „Ich bin schuldig. Ich weiß nicht, wie ich es wieder gut machen kann, will es aber versuchen.“ Die Finger zitterten, aber die Sprache sträubte sich nicht. Es war die Wahrheit. Frau: „Schauen wir mal.“ Die Nacht verging im Halbschlaf. Draußen knallten echte Feuerwerkskörper. Die Leute riefen unter den Fenstern nicht nur „Frohes Neues“, sondern manchmal auch „Ich liebe dich schon lange“ oder „Ich bleibe nur aus Angst vor dem Alleinsein“. Irgendwo zerbrachen Ehen, irgendwo begannen Gespräche, die jahrelang vertagt waren. Platon lag auf dem Sofa der leeren Wohnung. Sein Beruf drehte sich jahrzehntelang darum, die Wirklichkeit sanft zu biegen. Nicht zu zerbrechen, aber zu modellieren. Jetzt stand diese Kunst plötzlich infrage. Wenn die Welt gelegentlich Ehrlichkeit verlangt, würde er sich umstellen müssen. Ob er das wollte, wusste er nicht. Kontrollverlust lag ihm nicht. Er mochte die Formulierung, die ins Schwarze trifft. Ehrlichkeit war so unberechenbar. Irgendwann dämmerte er weg. Morgens war das Handy wieder Alarm. Draußen graute der Tag, der Kopf schmerzte. Zehn, zwanzig Benachrichtigungen – Teamchats, News, persönliche Nachrichten. Er öffnete wahllos eine. „Scheint vorbei zu sein“, schrieb die PR-Leiterin. „Ich habe meinem Kind eben gesagt, sein Bild ist hübsch, obwohl es gruselig ist, und nichts ist passiert. Vielleicht testen Sie selbst.“ Platon setzte sich aufs Bett. Probierte laut: „Ich besuche heute gerne meine Schwiegermutter.“ Keine Verkrampfung. Die kleine, vertraute Lüge glitt wieder lässig von der Zunge. Die Anomalie war weg. Er spürte Erleichterung – und einen Anflug von Leere. Als hätte jemand das Licht gelöscht, an das man sich gerade gewöhnt hatte. Handy – diesmal der Vize-Ministerpräsident. „Platon, moin! Du bist der Hit! Die gestrige Ansprache ist in aller Munde. Die Zentrale sagt: ‚neues Vertrauenslevel‘. Wir haben ein Angebot.“ „Welches?“ „Wir müssen diese Ehrlichkeit verpacken. Einen Markenkern draus machen. So was wie: ‚Unser Ministerpräsident – der Ehrlichste Deutschlands‘. Slogans, Videos, ganz dein Ding. Die Leute stehen drauf. Stell dir vor: ‚Wir lügen euch nicht an – wir sind mit euch‘. Kriegen wir das hin?“ Platon schwieg. Im Kopf drehten schon mögliche Formate, Hashtags, Designs. Er wusste, wie das läuft. Man nimmt das Menschliche, gießt es in ein Format, in ein Produkt, in ein Etwas, das man verkaufen kann. „Hallo?“, fragte der Vize. „Wir müssen schnell sein. Die Gelegenheit ist heiß.“ Er wollte automatisch antworten: „Klar, machen wir“, doch die Zunge hakte kurz. Nicht wie gestern, aber spürbar. Kein Verbot, eher ein inneres Zögern. Er erinnerte sich daran, wie der Ministerpräsident gesagt hatte: „Ich tu nicht mehr so.“ An den Blick seines Sohnes am Ende des Gedichts. An das eigene „Ich bin schuldig.“ „Ich… kann das machen“, sagte er langsam. „Das ist nicht schwer. Die Frage ist, ob ich das will.“ Am anderen Ende wurde gelacht. „Fang jetzt nicht an, moralisch zu werden. Gestern sind wir alle ein bisschen durchgedreht, aber die Party ist vorbei. Mach jetzt deinen Job. Du lebst doch davon.“ „Ich verdiene mein Geld damit“, wollte Platon sagen. „Ich lebe davon“ – wäre gelogen gewesen. Doch die Sprache wählte einen dritten Weg: „Ich hab das gemacht, weil ich nichts anderes gelernt habe. Jetzt weiß ich nicht mehr, ob ich so weitermachen möchte.“ Pause. „Willst du ein Moralapostel werden?“, spottete der Vize. „Mach dich nicht lächerlich. Überleg es dir. Wenn du’s nicht machst, macht’s halt ein anderer. Ehrlichkeit ist auch eine Ware. Sie muss nur inszeniert werden.“ Das Gespräch endete. Platon legte das Handy weg, ging in die Küche, stellte den Wasserkocher an. Im Kopf ein Wirrwarr an Gedanken, kein klarer Plan. Nur eines war sicher: Zurück zu dieser alten Leichtigkeit beim Lügen konnte er nicht mehr. Nicht, weil’s nicht ginge – sondern weil ihm jetzt jedes Mal das Erinnern an den Tag ohne Masken fehlte. Er goss sich Tee ein, lehnte sich ans Fenster, schaute auf den Hof: Schnee, Müll am Eingang, ein streunender Hund in der Tüte. Kein festliches Bild. Das Handy vibrierte wieder. Nachricht von seiner Frau: „Wir gehen spazieren. Wenn du willst, komm dazu. Ohne Versprechen.“ Er tippte eine Antwort, löschte sie. Schrieb neu: „Ich komme, wenn ich kann. Es ist kein Versprechen. Aber ich möchte.“ Die Sprache blockierte nicht. Es war ein ehrlicher Kompromiss. Er schickte die Nachricht und kehrte zurück an den Laptop, wo Teamchats und E-Mails warteten, „dringend“. Die Arbeit lief weiter. Die Welt war weder besser noch schlechter. Sie hatte nur für 24 Stunden ihr Innerstes gezeigt – und nun setzten alle wieder Masken auf. Platon setzte sich, öffnete ein neues Dokument. Als Titel: „Konzept ehrlicher Kommunikation“. Dann ergänzte er: „(so wahr wie möglich, ohne Täuschung)“. Über diese Klammer schmunzelte er. Drinnen hatte sich etwas verschoben. Keine Revolution, kein Erweckungserlebnis – nur ein kleiner Richtungswechsel. Er wusste noch nicht, was er in dieses Papier schreiben würde, ob er das Angebot annimmt, ob er mit der Familie spazierengeht. Nicht, wer er in einem Jahr sein würde. Aber er wusste: Die Lüge war nicht mehr das harmlose Werkzeug von gestern. Immer, wenn er künftig glätten wollte, würde da diese raue, gestrige Stimme im Ohr sein: „Ich habe vieles von dem nicht geschafft, was ich versprochen habe.“ Er schloss die Augen, atmete ein und begann zu tippen. Draußen zündete jemand die letzten Raketen, und in den Nachrichten diskutierten sie „die phänomenalen 24 Stunden der Ehrlichkeit“ und wie man das in Politik und Wirtschaft nutzen kann. Die Welt war schnell dabei, das Erlebte zur Ressource zu machen. Platon tippte langsam, als stünde hinter jedem Wort nicht nur eine Aufgabe, sondern Verantwortung. Kein Heiliger, kein Enthüller. Nur ein Mensch, der an Silvester das Recht zu lügen verloren hatte – und nie wieder vergessen konnte, wie sich das angefühlt hatte.

Ein Tag ohne Lüge

Als Sebastian begriff, dass der Auftraggeber wieder den Text nicht gelernt hatte, waren es noch drei Tage bis Silvester und im Studio wurde schon das Feuerwerk zusammengeschnitten, das es gar nicht geben würde.

Nicht liebe Freunde, sagte er, während er auf den Teleprompter schaute. Das sagt heute niemand mehr ernsthaft, das ist tot. Wir bleiben bei Guten Abend ohne liebe davor.

Der Kandidat, ein Ministerpräsident eines mittelgroßen, aber ehrgeizigen Bundeslands, gähnte und kratzte sich am Hals.

Und sehr geehrte Damen und Herren? Geht das? Die respektieren uns doch, fragte er.

Tun sie nicht, erwiderte Sebastian reflexartig und korrigierte sich sogleich: Aber wir tun so, als ob sie uns respektierten, und sie tun so, als glaubten sie uns. So funktioniert das Fest.

Im vierten Stock des angemieteten Bürogebäudes standen drei Scheinwerfer, ein Weihnachtsbaum aus Plastik und ein Greenscreen mit aufgedrucktem Brandenburger Tor. Vor Sebastian lagen zwei Versionen der Ansprache: eine klassische wir haben viel erreicht, aber noch mehr liegt vor uns, jeder einzelne von Ihnen, gemeinsam und eine zweite etwas menschlichere, mit einer angeblich echten Kindheitsgeschichte aus einer Mietskaserne in Essen-Katernberg. Die Geschichte war frei erfunden.

Wir fangen mit Dank an, sagte Sebastian und reichte die erste Seite hinüber. Dann ein Versprechen. Dann ein warmes Familienbild, ein kleiner Ausblick. Nur Gefühle, keine Fakten. Sie sind nicht der Buchhalter, Sie sind das Symbol.

Ich war noch nie gut in Mathe, grinste der Ministerpräsident. Wurde in der Schule zweimal sitzen gelassen.

Umso besser, erwiderte Sebastian. In einer halben Stunde sind die Kameras bereit. Wir üben.

Er hörte längst nicht mehr zu, wie der Politiker über das Wort Inklusion stolperte und dachte an den Schnitt. Die Ansprache würde als Aufzeichnung ausgestrahlt werden, aber so, dass jeder an eine Live-Sendung glaubte. Der Schnee vor dem Fenster käme digital rein, das Glockenschlagen der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche auch. Am wichtigsten war jedoch die Stimme sie sollte so klingen, als würde sie spontan sprechen.

Das war seine Werkstatt. Fremde Stimmen, gezielt gesetzte Betonungen, dosierte Unwahrheiten. Sebastian liebte dieses Gefühl: Aus einem faden Verwaltungsmenschen, der vor echten Menschen Angst hat, wurde ein souveräner Landesvater. Wie aus einer verrauschten Aufnahme eine saubere Tonspur.

Reden wir über die Krankenhäuser?, fragte der Ministerpräsident in einer Pause.

Sebastian blickte in den Text.

Wir sagen, dass wir die Qualität der medizinischen Versorgung weiter steigern, antwortete er. Das heißt alles und nichts. Für die, bei denen es schief läuft, klingt es wie Eingeständnis. Für die anderen als könnten Sie stolz sein. Keine Details.

Aber da ist doch, winkte der Ministerpräsident ab. Schon gut. Du weißt es besser.

Tatsächlich wusste er es besser. Nicht über Medizin, sondern darüber, wie man über Medizin nichts sagt.

Zwei Stunden später, als das Team die Scheinwerfer abbaute und die Visagistin das Make-up entfernte, saß Sebastian schon wieder in einer Ecke und überarbeitete den Pressetext: Ministerpräsident zieht Bilanz für das Jahr und berichtet über Pläne. Er löschte berichtet und schrieb unterstreicht. Weniger Substanz.

Im Nebenraum wurde gelacht. Dort kümmerte man sich um die Betriebsfeier. Die PR-Chefin, eine dünne Frau mit verblichenem Haar, kam zu ihm.

Kommst du morgen nach dem Briefing mit? Wir sind ja keine Unmenschen, ein bisschen Spaß muss sein.

Wenn nicht wieder irgendwo die Hütte brennt, antwortete er. Obwohl: unsere Brände sind ja meist auf Termin.

Sie schnaubte und ging. Sebastian sah aufs Handy. Eine Nachricht von seiner Frau: Kommst du zu Johanns Weihnachtsfeier? Er wartet so auf dich. Die Antwort Ich hab Sendung, schaffe das nicht lag schon getippt da, aber er hatte sie noch nicht abgeschickt. Er wusste, dass er sie noch senden würde und danach erneut den Silvestergruß für den Instagram-Kanal des Ministerpräsidenten umbaute, so dass das Wort lieb rausfiel. Der Ministerpräsident liebte weder sein Land noch seine Landsleute, er liebte Einfluss und die Stille um sich herum.

Sebastian sah sich nicht als Bösewicht. Er war Verpackungskünstler. Die Leute wollten Märchen zu Silvester, also gab er sie ihnen. Nicht Tabellen und Fakten, sondern warme Geschichten über das Wir-Gefühl. Keine Eingeständnisse, sondern Versprechen noch mehr zu tun. Die Lüge war weniger Betrug, mehr Schmiermittel, ohne das der Apparat der Gesellschaft ins Quietschen geriet.

Bis zu jenem nächsten Tag.

Am frühen Morgen, ein Tag vor Mitternacht, wachte er auf, der Mund war trocken, im Kopf kreiste ein Satz: Wir haben viel geschafft. Plötzlich erschien er ihm schal.

Das Handy vibrierte auf dem Nachttisch. Seine Frau hatte eine Sprachnachricht geschickt: Kommst du heute wirklich? Johann hat lange geübt. Er drückte auf Abspielen, dann auf Antworten und sagte:

Ich komme

Die Stimme versagte. Das Wort komme blieb im Hals stecken wie ein Kloß. Sebastian hustete, versuchte noch mal:

Ich werde es wohl nicht schaffen. Die Arbeit Wieder nicht dabei.

Er schämte sich, doch die Worte kamen mühelos. Fast erschrocken über sich selbst, schwieg er. Die Antwort seiner Frau kam sofort:

Dachte ich mir.

Keine Vorwürfe, nur Müdigkeit.

Zwanzig Minuten später saß er in seinem Passat und steckte im morgendlichen Stau. Im Radio redeten sie über Geschenkestress, die Moderatoren witzelten übers gute Vorsätze-Schreiben. Plötzlich Stille: Auf allen Sendern setzte dieselbe Nachricht ein.

Weltweit wird über ein seltsames Phänomen berichtet, sagte der Nachrichtensprecher. Menschen können keine offensichtlich falschen Aussagen mehr machen. Wer lügt, spürt starkes Unwohlsein, bekommt Krämpfe oder Sprachstörungen. Wissenschaft und Politik bitten um Ruhe, es gibt noch keine Erklärungen.

Quatsch, murmelte Sebastian. Wieder so ein Internet-Unsinn.

Doch als er hinzufügen wollte: In ein paar Stunden ist das vorbei, blieb ihm die Zunge am Gaumen kleben. Er fluchte und schwieg. Es war nicht Angst, sondern Ärger er mochte es nicht, wenn etwas die Dramaturgie zerstörte.

Im Kampagnenbüro herrschte Chaos. Normalerweise lief zum Jahresende alles nach Fahrplan: Ansprache, Presse, Gästelisten. Doch heute liefen in der Konfi drei Nachrichtensender gleichzeitig überall ging es um dasselbe.

Ein Moderator wollte Witze reißen, doch bei es sieht nach Massenpsychose aus bekam er Husten, dann: Ich habe Angst, ich weiß nicht, was los ist. Ein Experte begann souverän: Es gibt keine Beweise, verstummte dann und bekannte, er habe mehrere Studien gelesen und verstehe selber nicht, was passiert.

Was soll das sein, setzte die PR-Chefin an, brach dann ab vielleicht weil sie höflicher fluchen wollte und der Mund streikte , dann: Na egal. Weiter, Sebastian, erklär uns das.

Er wollte sagen: Das geht wieder vorbei, wir warten einfach ab. Heraus kam:

Ich weiß es nicht. Wenn das zutrifft, können wir unser gesamtes Skript vergessen.

Warum?, fragte der Ministerpräsident, der zur Tür reinkam. Das Video ist doch fertig. Wir senden ja nicht live.

Gestern haben Sie alle zwei Sätze geflunkert, erklärte Sebastian ruhig. Wenn das Phänomen real ist, werden Sie beim Abspielen im Fernsehen husten.

Beim Sagen spürte er einen Druck in der Brust. Normalerweise hätte er Formulierungen gemildert wie nicht ganz korrekt oder leichte Übertreibung. Jetzt verweigerte sich ihm die Sprache für solche Euphemismen.

Vielleicht gilt das nur bei Live?, meinte der Ministerpräsident. Die Aufzeichnung ist doch fertig.

Sie spielten das Video ab. Auf dem Bildschirm sagte der Ministerpräsident lächelnd: Wir haben alles getan, damit sich jeder Bürger gut aufgehoben fühlt. Beim Wort alles zuckte das Bild, das Gesicht verzerrte sich, als hätte er sich verschluckt. Abbruch.

Stille.

Welch mieser Schnitt, fragte der Kameramann mit weißem Gesicht.

Kein Schnitt, meinte Sebastian nur. Das ist

Er wollte Anomalie sagen, doch es kam:

ein Verbot.

Sie starrten wortlos auf das Standbild. Der Ministerpräsident nahm die Brille ab und rieb die Nase.

Also kann ich nicht behaupten, wir haben alles getan weil es nicht stimmt?

Ja, sagte Sebastian. Einige Dinge liefen gut, anderes katastrophal. Aber alles? Eben nicht.

Und was jetzt?, fragte die PR-Chefin. In einem Tag ist unser Auftritt im ARD-Regionalfenster. Alle wollen Glitzer. Und wir liefern denen einen Rechnungshofbericht?

Sebastian startete das Notebook. Tipperten schon die Hände: Wir haben viel geschafft, aber Er versuchte, das Wort viel durch was möglich war zu ersetzen, aber die Hand zitterte. Zum ersten Mal seit Jahren konnte er nicht mit der Lieblingsformel beginnen.

Wir testen, sagte er. Sagen Sie mal etwas eindeutig Falsches.

Der Ministerpräsident zuckte mit den Schultern.

Ich liebe Joggen um sechs Uhr früh.

Bei liebe verzog er sich schmerzvoll. Husten, tränende Augen.

Ich hasse das. Aber manchmal mach ich es, wegen der Ärzte.

Aha, sagte Sebastian leise. Es funktioniert also.

Der Tag wurde zum Sammelsurium gescheiterter Pläne. In der Verhandlung brüllten Juristen: Der Bauunternehmer gestand vor laufender Kamera, an Material gespart zu haben, sonst wäre die Marge zu klein. Dessen PR-Berater wollte ablenken, redete sich selbst um Kopf und Kragen: Uns interessiert nur die Rendite, alles andere ist Staffage.

Im Chat flogen Screenshots. Unter den Glückwünschen verschiedener Marken schrieben Bürger: Ihr habt doch die Belegschaft halbiert, Ihr nennt Preiserhöhungen Fürsorge?. Die Social-Media-Kollegen antworteten, konnten aber die Standardfloskeln nicht mehr nutzen. Statt es tut uns leid, wenn Sie das Gefühl haben stand dort offen: Ihre Gefühle sind uns ziemlich egal, wir halten uns nur an unsere Richtlinien. Korrigierten sich, aber die Screenshots machten längst die Runde.

Das kann kein Dauerzustand sein, murmelte jemand im Büro. So tickt die Welt nicht.

Ohne Selbstbetrug funktioniert Gesellschaft nicht, sagte Sebastian und hörte plötzlich sich selbst nicht mehr als abgebrühten Zyniker, sondern wie einen, der den Maschinenraum sieht. Ohne kleine Beschönigungen fängt alles an zu knarzen.

Er wollte hinzufügen, das könne auch gut sein, aber die Zunge verweigerte sich mangels Überzeugung.

Mittags zeigte die Tagesschau den Bundespräsidenten. Er trat ungewohnt unsicher auf. Auf die Frage Haben Sie die Lage unter Kontrolle? antwortete er erst Natürlich, brach dann ab und bekannte: Teilweise. In Vielem nicht. Ganz Deutschland hielt den Atem an.

Wenn nicht mal er, murmelte die PR-Chefin.

Das ist überall so, meinte Sebastian. Nicht unser Problem allein.

Das hilft uns nichts, knurrte sie.

Abends saßen sie im fensterlosen Besprechungsraum. Berge alter Reden, Reports, Zahlen. Aus der Ecke flackerte ein Fernseher stumm: ein Bürgermeister gab live zu, dass er den Haushalt gar nicht gelesen hatte.

Wir brauchen einen neuen Text, sagte der Ministerpräsident. Einen, den ich auch wirklich laut sagen kann und der mich nicht gleich kündigt.

Sie brauchen nicht nur einen neuen Text, entgegnete Sebastian. Sie brauchen einen neuen Stil. Wenn Sie auftreten wie bisher, werden Sie auseinandergenommen. Wenn Sie Abbitte leisten, heißt es, Sie sind schwach. Sie brauchen etwas Drittes.

Und was?, fragte die PR-Chefin.

Sebastian zuckte die Achseln. Die vertrauten Tricks halfen nicht mehr. Keine falschen Versprechen à la Eigentum für jeden mehr, wenn das nie geschieht. Kein Wir verhindern Preissteigerungen, während die Inflation die Löhne auffrisst. Nicht mal ein liebe Bürgerinnen und Bürger, wenn einem ganz andere Wörter im Kopf kreisen.

Er sah sich den Ministerpräsidenten an. Der war müde, verwirrt, aber nicht böse. Kein Unmensch. Einfach jemand, der eine bewährte Sprache verloren hat.

Probieren wir was, sagte Sebastian. Ich stelle Fragen, Sie antworten ehrlich. Daraus basteln wir die Ansprache.

Willst du, dass ich mein eigenes Grab schaufle?, stöhnte der Politiker.

Ich will, dass Sie wenigstens einmal den Leuten sagen, was Sie auch selbst aushalten, erwiderte Sebastian und war überrascht über seine Deutlichkeit.

Na gut, seufzte der Ministerpräsident. Frag schon.

Sie saßen bis tief in die Nacht. Sebastian fragte: Was haben Sie wirklich getan dieses Jahr, nicht was im Bericht steht? Was ist schiefgelaufen? Wovor haben Sie Angst? Was wünschen Sie sich selbst fürs nächste Jahr, nicht fürs Land?

Manchmal wich der Politiker aus, geriet aber sofort ins Stocken. Also mussten Wahrheiten gesagt werden wie:

Ich habe den Unfallort nicht besucht, weil ich Angst vor der Menge hatte.

Ich lese die vollständigen Berichte nicht, nur Zusammenfassungen.

Ich glaube nicht, dass wir das Straßenproblem nächstes Jahr lösen.

Ich will wiedergewählt werden, weil ich Angst vor dem Verlust von Status und Sicherheit habe.

Die PR-Chefin machte Notizen, das Gesicht grau.

Wenn das im Fernsehen läuft, werden wir aufgefressen, murmelte sie irgendwann.

Wenn wir es verstecken, werden wir auch zerfleischt. Nur anders, sagte Sebastian.

Er merkte, dass er plötzlich von wir sprach, nicht wie sonst von Mandant und Öffentlichkeit. Plötzlich fühlte er sich Teil des Gefüges.

Gegen Mitternacht klingelte das Handy. Seine Frau.

Kommst du?, fragte sie ohne Begrüßung.

Er hätte am liebsten gesagt: Ich bin noch beschäftigt, versuche aber zu kommen. Doch die Zunge sperrte sich.

Nein, sagte er. Ich werde nicht kommen. Ich habe mich für die Arbeit entschieden. Nicht weil sie wichtiger ist, sondern weil mir das leichter fällt. Ich habe Angst, bei euch zu sein und nicht zu wissen, was ich sagen könnte.

Stille.

Danke, dass du wenigstens nicht lügst, sagte sie schließlich. Johann trägt sein Gedicht trotzdem vor. Ich filme es dir.

Er legte auf und starrte auf den Laptop. Vor ihm lag ein erster Entwurf: Roh. Keine Floskeln, nur Sätze wie:

Ich habe vieles von dem, was ich versprach, nicht gehalten.

Ich kann Ihnen nicht garantieren, dass nächstes Jahr leichter wird.

Ich habe Angst.

Es war keine Ansprache, sondern ein Geständnis. Undenkbar für den Äther.

Geht nicht, sagte der Ministerpräsident beim Lesen. Das schalten die Leute nach dreißig Sekunden ab.

Stimmt, nickte Sebastian. Wir müssen das umbauen.

Er fing an, zu feilen. Nicht lügen aber dosieren. Ich habe Angst wurde zu Ich verstehe Ihre Sorgen und teile sie. Zu viele Einzelheiten, die nur verletzten, flogen raus. Die Essenz blieb.

Immer wenn Sebastian versuchte, die Wahrheit zu biegen, blockierte ihn die Sprache. Sätze stockten, Wörter verpufften. Also suchte er die ehrlichste, aber tragbare Variante.

Ich habe vieles von dem, was ich versprach, nicht gehalten, wurde: Nicht alles, was ich zugesagt habe, konnte ich erfüllen. Ging ohne Krampf.

Ich kann Ihnen nicht garantieren, dass nächstes Jahr leichter wird, wandelte er zu: Ich kann kein leichtes Jahr versprechen, aber ich werde nicht so tun, als gäbe es keine Probleme. Auch das ging.

So wuchs ein Text, eckig, unsicher, aber menschlich.

Es ist seltsam, sagte der Ministerpräsident beim Üben. Ich fühle mich nackt damit.

Aber Sie kriegen besser Luft, erwiderte Sebastian. Und mit etwas Glück auch Ihre Zuhörer.

Am Morgen des 31. herrschte im ganzen Ort eine Atmosphäre wie Laborversuch. Im Supermarkt sagten Kassierer offen, sie seien erschöpft und hätten genug von den Massen. Kunden, die sonst vor sich hin schimpften, sprachen laut aus, dass sie aus Einsamkeit zu viel Torte gekauft hatten. Taxifahrer erzählten unaufgefordert, wie oft sie die Regeln gebrochen hatten, um rechtzeitig heimzukommen.

Das Kampagnen-Telefon stand nicht mehr still. Die Staatskanzlei rief an: Versteht ihr eigentlich, was der Ministerpräsident da heute machen will? Seid ihr überhaupt noch Herr des Textes? Sebastian antwortete offen:

Wir haben Teils die Kontrolle. Er könnte aber improvisieren. Wir haben getan, was wir konnten, damit keine offenkundigen Unwahrheiten drinstehen.

Das Wort alles zum ersten Mal kein Widerstand. Er hatte wirklich alles getan, was er konnte.

Die PR-Chefin paffte am Fenster.

Wenn das zieht, führen sie uns durch alle Seminare als Beispiel neuer Ehrlichkeit. Wenn nicht

Verlieren wir unsere Jobs, warf Sebastian ein. Aber es gibt Schlimmeres.

Er dachte an viele schlimmere Dinge in seinem Leben und nichts protestierte in ihm. Es schien wahr zu sein.

Eine Stunde vor Sendestart gingen sie ins Studio. Dieses Mal kein Greenscreen mit Berliner Kulisse. Stattdessen das echte Büro des Regierungschefs. Ein kleiner Weihnachtsbaum auf dem Tisch, ein Berg Akten im Bild.

Sollen wir die Akten nicht wenigstens rausräumen? Ist nicht schön, sagte der Kameramann.

Nein, lass sie drin, meinte Sebastian. Das passt jetzt.

Der Ministerpräsident setzte sich, zupfte die Krawatte, warf einen Seitenblick auf die Kamera, dann zu Sebastian.

Stopst du mich, wenn ich Mist erzähle?, fragte er.

Geht nicht, bekannte Sebastian. Ich kann sowieso nicht mehr anders sprechen.

Der Regisseur zählte runter: Drei, zwei, eins. Rotes Licht.

Der Ministerpräsident atmete durch.

Guten Abend, begann er. Ich werde heute nicht sagen, dass dieses Jahr leicht war. Es war für viele von Ihnen und auch für mich schwer.

Sebastian hielt die Luft an. Die Worte liefen glatt. Weiter ging es wie auf Messers Schneide.

Ich habe nicht alles gehalten, was ich zugesagt habe, sagte er weiter. Manches lief schief, manches wurde zu spät angegangen, manches war aus Angst zu schwierig. Sie wissen das.

In der Regie fluchte jemand leise. Die PR-Chefin schloss die Augen.

Ich verspreche nicht, dass sich im nächsten Jahr alle Schwierigkeiten auflösen, sagte der Ministerpräsident. Aber ich verspreche, nicht so zu tun, als gäbe es sie nicht. Und offen mit Ihnen zu sprechen, auch wenn das manchmal unangenehm für Sie und für mich sein wird.

Er stockte, suchte Worte, blickte ab und zu auf den Zettel, versteckte sich aber nicht hinter Floskeln. Statt Wir haben große Erfolge erzielt: Wir sind manches angegangen, aber das reicht nicht. Kein jeder Einzelne von Ihnen nur viele von Ihnen. Kein ich bin stolz auf Sie, sondern danke an die, die nicht aufgeben.

Am Schluss wich er vom Skript ab.

Ich will noch etwas Persönliches sagen, fügte er an. Oft bin ich nicht hingefahren, wo man mich erwartet hat. Weil ich Angst hatte, den Leuten in die Augen zu sehen. Ich verspreche nicht, über Nacht ein anderer Mensch zu werden. Aber ich weiß: So geht es nicht mehr weiter.

Sebastian spürte eine Gänsehaut. Die Worte waren nicht geplant, aber sie kamen anstandslos über die Lippen. Sie waren wahr.

Ich wünsche Ihnen ein gutes neues Jahr und dass es wenigstens ein Stück ehrlicher wird.

Das Licht erlosch. Im Studio war es still.

Das war’s, flüsterte die PR-Chefin. Wir sind geliefert.

Abwarten, sagte Sebastian.

Die Reaktionen waren nicht ungeteilt, nicht schrill oder begeistert, sondern gemischt.

Im Netz hieß es: Wieder nur Worte, schauen wir auf die Taten. Andere schrieben: Immerhin kein Märchen. Manche meckerten: Wir wissens eh, wozu am Silvester so was? Andere waren dankbar: Endlich einer, der uns kein Postkartenbild vorspielt.

Im Kommentar der Tagesthemen stritten Fachleute. Einige fanden das gefährlich offen, andere meinten, das sei Zeitgeist. Wer behaupten wollte, das war ausgeklügelte PR, verhaspelte sich prompt.

Im Büro war es ungewohnt leise. Niemand klopfte Schulter, gratulierte. Alle lasen Social Media.

Wir sind noch im Amt, sagte die PR-Chefin schließlich, das Handy in der Hand. Die Zentrale schrieb mutig. Dann: Nehmen wir als Beispiel. Ob das Loben oder Drohen ist, weiß ich nicht.

Beides, antwortete Sebastian.

Er spürte Müdigkeit, die nicht vom Schlafmangel stammte. Als hätte er in 24 Stunden eine neue Sprache lernen müssen.

Eine Nachricht von seiner Frau: Video. Johann auf dem Hocker vor der Gruppe, trägt sein Gedicht über den Tannenbaum vor. Dann stockt er, schaut zur Kamera und sagt: Papa war wieder nicht da, aber ich mache trotzdem weiter.

Sebastian sah zu und gestand sich ohne Ausflüchte ein: Ja, so ist es.

Er schrieb zurück: Es tut mir leid. Ich weiß nicht, wie ich das wiedergutmache, aber ich will es versuchen. Seine Finger zitterten, aber die Zunge nicht. Es war wahr.

Antwort: Wir werden sehen.

Die Nacht war halb Traum, halb Wachsein. Draußen krachten echte Raketen, echte Böller, nicht die am Computer. Menschen schrien sich nicht nur Frohes Neues zu, sondern auch Ich liebe dich schon lange oder Ich bin nur bei dir weil ich Angst vor dem Alleinsein habe. Vielleicht zerbrachen Ehen, vielleicht fingen manche endlich die offenen Gespräche an, die sie ewig verschoben hatten.

Sebastian lag auf dem Sofa in der leeren Wohnung und dachte daran, dass sein Beruf darin bestand, Wirklichkeit behutsam zu biegen nie zu brechen, nur zu formen. Nun wurde dieser Skill plötzlich fragwürdig. Wenn Ehrlichkeit gefordert wird, muss er umdenken.

Er war sich nicht sicher, ob er das wollte. Kontrolle war ihm immer lieber gewesen. Klare Sätze, gezielte Wirkung. Ehrlichkeit war zu unberechenbar.

Irgendwann dämmerte er weg.

Morgens riss ihn das Handy aus dem Schlaf. Es dämmerte bereits. Kopfweh.

Viele Kontakte blinkten auf: Mails vom Team, Push-Nachrichten, persönliche Chats. Er öffnete eine Nachricht aufs Geratewohl.

Scheint vorbei zu sein, schrieb die PR-Chefin. Ich habe meinem Kind grade gesagt, sein Bild sei schön, obwohl es hässlich ist, und mir geht’s gut. Versuch mal selbst.

Sebastian setzte sich auf die Sofakante. Sagte dann:

Ich freu mich tierisch auf den Sonntagsbraten bei meiner Schwiegermutter.

Nichts. Die bekannte, angenehme Unehrlichkeit floss zurück in die Sprache. Die Anomalie war fort.

Erleichterung und seltsame Traurigkeit. Als hätte jemand das grelle Licht ausgeschaltet, das gerade ungewohnt geworden war.

Das Handy vibrierte wieder: Der Vize-Ministerpräsident.

Sebastian, super. Die gestrige Rede schlägt Wellen. Die Zentrale meint, das ist das neue Vertrauen. Wir hätten ein Angebot für dich.

Was denn? fragte er.

Wir machen Ehrlichkeit zur Marke. Kampagne: Unser Landeschef am ehrlichsten. Slogans, Clips, alles wie du es kannst. Die Leute lieben es. Wir lügen nicht wir sind bei euch. Machst du das?

Sebastian schwieg. Im Kopf bereits Logos, Hashtags, Formate. Er wusste, wie das läuft: Nimm etwas Echtes, presse es in eine Form, produziere es massenhaft.

Alles klar?, fragte der Politiker. Wir müssen loslegen, solanges heiß ist.

Er wollte sofort sagen: Klar, machen wir, doch die Zunge stockte nicht richtig, aber spürbar. Kein Verbot, eher Widerwillen.

Er erinnerte sich, wie der Ministerpräsident sagte: Ich spiele nichts mehr vor. Sah seinen Sohn, wie der das Gedicht beendete. Und das eigene Es tut mir leid.

Ich kann es machen, sagte Sebastian zögernd. Das ist nicht schwierig. Die Frage ist, ob ich will.

Lachen am anderen Ende.

Jetzt fang nicht an! Die Welt dreht sich weiter. Arbeit wartet. Das ist doch dein Leben.

Sebastian dachte: Ich verdiene so Geld, zu sagen. Ich lebe dafür, wäre gelogen. Die Sprache wählte einen dritten Weg:

Ich habe das gemacht, weil ich nichts anderes konnte. Ob ich so weitermachen will, weiß ich nicht mehr.

Pause.

Willst du Moralapostel werden?, lachte der Politiker. Komm, überleg dir was. Sonst holen wir wen anders. Ehrlichkeit ist auch nur ein Produkt. Muss man halt verkaufen.

Das Gespräch endete.

Sebastian legte das Telefon hin, ging in die Küche, schaltete den Wasserkocher ein. Gedankensplitter schwirrten durch den Kopf, kein klarer Plan. Nur eines stand fest: Mit der alten, lockeren Lüge wollte er nicht einfach zurück. Nicht, weil es unmöglich war sondern weil er nun jedes Mal wissen würde, wie es klingt, wenn nichts geschönt ist.

Er goss sich Tee ein, lehnte am Fensterrahmen und blickte in den Hof. Schnee, Mülleimer, ein Hund, der in einer Tüte wühlte. Kein Werbe-Weihnachten.

Das Handy vibrierte. Eine Nachricht von seiner Frau: Wir gehen spazieren. Wenn du magst, komm dazu ohne Versprechen.

Sein erster Entwurf einer Antwort gelöscht. Dann schrieb er:

Ich komme, wenn ich kann. Versprechen kann ich nichts. Aber ich möchte es.

Die Sprache machte keine Probleme. Es war die ehrliche Formel seines inneren Hin und Her.

Er schickte die Nachricht, öffnete die Mails vom Team, die neuen Anforderungen, alles markiert als dringend. Die Arbeit blieb, wie sie war. Die Welt war nicht besser oder schlechter. Sie hatte nur einen Tag lang ihr Innerstes gezeigt, jetzt legte sie die Masken wieder an.

Sebastian setzte sich, öffnete das Notebook und begann einen neuen Entwurf. Oben stand: Leitfaden für ehrliche Kommunikation. Dann fügte er hinzu: so weit wie möglich ohne Täuschung.

Er lächelte über den Zusatz. Irgendwas war in ihm verrutscht, kein Schock, keine Offenbarung nur ein kleiner Kurswechsel.

Was genau er aufschreiben würde, ob er das Angebot annahm oder doch mit der Familie spazieren ging, wusste er nicht. Auch nicht, wie er in einem Jahr dastehen würde. Nur eines war ihm klar: Er konnte Lügen nie wieder als harmloses Werkzeug betrachten. Jedes Mal, wenn er Gedanklich glätten wollte, würde irgendwo der raue Klang des eigenen Geständnisses auftauchen: Ich habe vieles von dem, was ich versprach, nicht gehalten.

Er schloss die Augen, atmete tief durch und begann zu tippen.

Draußen zündete jemand die letzten Böller, im Fernsehen debattierten sie schon wieder, wie man den Tag der Ehrlichkeit für Politik und Wirtschaft verwerten könnte. Die Welt war eifrig, aus allem Kapital zu schlagen.

Sebastian tippte langsam weiter. Er wählte Worte mit Vorsicht, als hinge an jedem mehr als eine Aufgabe, nämlich Verantwortung. Kein Heiliger, kein Ankläger. Einfach ein Mensch, dem das Leben einmal das Lügen nahm und der seitdem nicht mehr vergaß, wie sich Wahrheit anfühlen kann.

Rate article
Homy
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!:

24 Stunden ohne Lüge Als Platon merkte, dass der Kunde den Text wieder nicht gelernt hatte, blieben noch drei Tage bis Silvester, und im Studio wurde bereits das Feuerwerk zusammengeschnitten, das nie stattfinden würde. „Nicht ‚liebe Freunde‘“, sagte er und blickte auf den Teleprompter. „Das ist schon nicht mal mehr platt, das ist tot. Sagen wir ‚Guten Abend‘. Ohne ‚liebe‘.“ Der Kandidat, Ministerpräsident eines mittelgroßen, aber ambitionsreichen Bundeslandes, gähnte und kratzte sich am Hals. „Und ‚sehr geehrte Damen und Herren‘?“, fragte er. „Sie respektieren uns doch.“ „Nicht wirklich“, antwortete Platon automatisch und korrigierte sich sofort: „Aber wir tun so, als respektierten sie uns, und sie tun so, als glaubten sie es. So funktioniert das Fest.“ Im vierten Stock eines angemieteten Bürocenters standen drei Scheinwerfer, ein dekorativer Tannenbaum und ein Greenscreen mit aufgedrucktem Brandenburger Tor. Auf dem Tisch vor Platon lagen zwei Versionen der Ansprache. Die erste – klassisch: „Wir haben viel geschafft, aber noch mehr liegt vor uns“, „jeder Einzelne von Ihnen“, „wir gemeinsam“. Die zweite – etwas „menschlicher“, mit einer erfundenen Anekdote, wie der Ministerpräsident als Kind Silvester in einer Plattenbauwohnung gefeiert hatte. „Wir beginnen mit Dankbarkeit“, sagte Platon und reichte das erste Blatt. „Dann ein Versprechen. Dann ein warmes Bild von der Familie. Dann eine kurze Brücke in die Zukunft. Keine Details, nur Gefühle. Sie sind kein Buchhalter, Sie sind ein Symbol.“ „Ich bin ja auch kein Buchhalter“, grinste der Ministerpräsident. „Mathe war nie mein Ding.“ „Dann erst recht“, meinte Platon. „In einer halben Stunde sind die Kameras bereit. Generalprobe.“ Er hörte schon nicht mehr hin, wie der Kunde am Wort „Inklusion“ stolperte, sondern dachte an den Schnitt. Die Ansprache würde aufgezeichnet, aber so, dass es wie live wirkte. Schnee vorm Fenster würde digital eingefügt. Der Glockenschlag auch. Wichtig war die Stimme. Die sollte klingen, als käme sie nicht vom Blatt. Das hier war sein Handwerk. Fremde Stimmen, sorgfältig gesetzte Akzente, gekonnt dosierte Falschheit. Platon liebte das Gefühl: aus einem langweiligen Beamten, der Angst vor echten Menschen hatte, einen souveränen „Landesvater“ zu machen. Wie aus einer verrauschten Aufnahme ein klarer Track. „Sagen wir etwas zu den Kliniken?“, fragte der Ministerpräsident und machte eine Pause. Platon blickte in den Text. „Wir sagen: ‚Wir werden die Qualität der medizinischen Versorgung weiter steigern‘“, antwortete er. „Das heißt alles und nichts. Für die, bei denen es schlecht läuft, klingt es wie ein Eingeständnis. Für alle anderen wie ein Lob. Keine Details.“ „Aber bei uns läuft da…“, der Ministerpräsident winkte ab. „Egal. Du kennst dich da besser aus.“ Er kannte sich wirklich besser aus. Nicht in der Medizin, sondern darin, wie man über Medizin nicht spricht. Zwei Stunden später, als das Team schon abbaut und die Maskenbildnerin dem Ministerpräsidenten die Grundierung abnimmt, sitzt Platon schon wieder im Eck des Wahlkampf-Teams und redigiert die Pressemitteilung: „Der Landeschef zog Bilanz und sprach über die Zukunft.“ Er strich „sprach“, ersetzte durch „betonte“. Weniger Details. Im Nachbarzimmer lachte jemand über die Weihnachtsfeier. Die PR-Leiterin, eine dünne Frau mit fahlem Haar, schaute zu Platon herein. „Kommst du morgen? Nach der Lagebesprechung. Wir müssen die Leute auch mal belohnen.“ „Wenn kein Notfall kommt“, antwortete er. „Obwohl: Unsere Notfälle sind ja getaktet.“ Sie lachte und war wieder weg. Platon sah auf sein Handy. Eine Nachricht seiner Frau blinkte: „Kommst du zu Leons Adventsfeier? Er wartet schon auf dich.“ Die Antwort „Ich hab Sendung, kann nicht“ hatte er schon geschrieben, aber nicht abgeschickt. Er wusste, am Ende drückt er doch auf Senden und textet danach noch das Neujahrs-Posting des Ministerpräsidenten für Instagram um, damit nirgendwo „geliebtes Bundesland“ steht. Der Ministerpräsident liebte sein Bundesland nicht. Er liebte Macht und die Ruhe um sich. Platon hielt sich nicht für einen Schurken. Eher für einen Verpackungskünstler. Die Leute wollten Märchen zu Silvester, und er lieferte sie ihnen. Statt Tabellen – ein anheimelndes „Wir sind zusammengewachsen“. Statt Fehler-Eingeständnis – das Versprechen, „noch mehr zu tun“. Lüge war kein Betrug, sondern das Schmiermittel, ohne das das gesellschaftliche Getriebe zu knirschen droht. So dachte er bis zum nächsten Morgen. Einen Tag vor Mitternacht wachte er auf mit brennendem Hals. Immer wieder dieselbe Zeile im Kopf: „Wir haben viel geschafft.“ Sie schmeckte plötzlich schal. Das Handy vibrierte. Ein Sprachnachricht von seiner Frau: „Kommst du heute wirklich? Leon hat sein Gedicht geprobt.“ Er drückte auf Play, dann auf Antwort und sagte: „Ich komme…“ Die Kehle verkrampfte. Das Wort blieb wie ein Kloß stecken. Platon hustete, probierte es nochmal: „Ich… werde es wohl wieder nicht schaffen. Arbeit. Ich verpasse es wieder.“ Es war ihm peinlich, aber das Geständnis ging plötzlich leicht über die Lippen. Seine Frau antwortete sofort: „Ich wusste es.“ Er wartete auf Vorwürfe – aber es kamen nur Müdigkeit und Resignation. Zwanzig Minuten später steckte er im Morgenstau. Das Radio plapperte über Vorweihnachtstrubel, die Moderatoren scherzten, „es ist Zeit für Vorsätze“. Dann Rauschen – und auf allen Sendern sprach derselbe Nachrichtensprecher: „Weltweit beobachten Forscher ein seltsames Phänomen: Menschen berichten davon, keine nachweislich falschen Aussagen mehr machen zu können. Lügen lösen starke Unruhe, Krämpfe und Sprachprobleme aus. Experten bitten um Ruhe.“ „Blödsinn“, sagte Platon laut. „Irgendeine Challenge.“ Als er ergänzen wollte: „In ein paar Stunden ist der Spuk vorbei“, klebte die Zunge plötzlich am Gaumen. Er fluchte und schwieg. Keine Panik – bloß Ärger. Wenn das Drehbuch kippt, mochte er das gar nicht. Im Team herrschte Chaos. Normalerweise zum Jahresende alles Routine: Ansprache, PMs, Gästelisten. Heute liefen auf dem Bildschirm drei Nachrichtensender – und überall dieselbe Meldung. Auf einem Sender wollte der Moderator noch witzeln, murmelte dann statt „das ist Massenpsychose“ nur: „Ich weiß nicht, was das ist. Ich habe Angst“. Ein Experte begann sicher: „Beweise fehlen“, doch dann gab er zu: „Ich habe Studien gelesen. Keine Ahnung, wie das möglich ist.“ „Was soll…“ Die PR-Leiterin brach ab, vermutlich wollte sie höflicher fluchen als sonst, auch ihr verzog es die Lippen. „Arbeiten wir weiter. Platon, erklär das.“ Er wollte sagen: „Das geht vorbei, wir warten einfach ab“, aber aus seinem Mund kam nur: „Ich weiß es nicht. Wenn das stimmt, fliegt unser Drehbuch auf.“ „Warum?“, fragte der Ministerpräsident, der hereinkam. „Gestern haben wir doch alles aufgenommen. Läuft doch aufgezeichnet.“ „Gestern haben Sie mindestens in jedem zweiten Satz nicht die Wahrheit gesagt“, antwortete Platon ruhig. „Falls das echt ist, werden Sie schon bei der Aufzeichnung im Fernsehen anfangen zu husten.“ Er spürte, wie sich etwas in ihm zusammenzog. Normalerweise hätte er jetzt getrickst: „nicht ganz zutreffende Zahlen“, „Abweichungen einkalkuliert“. Jetzt ließ der Körper keine Euphemismen mehr zu. „Gilt das nur beim Sprechen? Die Aufnahme ist doch da!“, fragte der Ministerpräsident. Sie spielten das gestrige Video ab. Der Ministerpräsident lächelte: „Wir haben alles getan, damit jeder Bürger die Fürsorge des Staates spürt.“ Auf dem Wort „alles“ zuckte das Bild, das Gesicht verzerrte sich, die Aufnahme brach ab. Stille. „Was ist das für ein Schnitt?“, fragte der Kameramann, blass. „Kein Schnitt“, sagte Platon. „Das ist…“ …„ein Verbot“, vervollständigte er. Das Wort kam von allein. Alle starrten auf den eingefrorenen Frame. Der Ministerpräsident nahm die Brille ab. „Ich kann also nicht sagen, dass wir alles geschafft haben“, murmelte er. „Nein“, antwortete Platon. „Sie haben einen Teil geschafft. Manches gut, manches schlecht, aber nicht alles.“ „Und jetzt?“, fragte die PR-Leiterin. „In 24 Stunden läuft die Live-Ansprache auf bundesweitem Sender. Alle erwarten Glanz. Sollen wir jetzt den Rechnungshofbericht vorlesen?“ Platon öffnete das Laptop. Tipperten: „Wir haben viel geschafft, aber…“ Er wollte „viel“ streichen, „was möglich war“ schreiben, aber die Hand stockte. Zum ersten Mal seit Jahren fiel ihm schlicht keine Floskel mehr ein. „Probieren wir’s“, sagte er. „Sagen Sie mal etwas, das garantiert nicht stimmt.“ Der Ministerpräsident zuckte die Schultern. „Ich liebe es, um sechs aufzustehen und Sport zu machen.“ Beim Wort „liebe“ verzog es sein Gesicht. Er hustete, Augen tränten. „Ich… hasse es“, bekam er heraus. „Ich mache das nur manchmal, weil der Arzt es empfohlen hat.“ „Okay“, murmelte Platon. „Es funktioniert.“ Der Tag wurde eine Kette geplatzter Pläne. Im Meetingraum schrien Juristen: Ihr Großkunde, ein Bauinvestor, gestand live im Lokal-TV: „Wir haben bei den Materialien gespart, sonst wäre die Rendite zu gering gewesen.“ Der PR-Mann wollte ihn retten, erwischte sich selbst und sagte auf die Frage nach „unternehmerischer Verantwortung“ prompt: „Uns interessiert nur die Marge, alles andere ist Fassade.“ In der Teamgruppe flogen Screenshots von Social Media. Leute tippten unter Marken-Grüße: „Ihr habt doch die Hälfte entlassen“, „Preise erhöht und nennt das Fürsorge“. Die Social Media-Manager konnten nicht mehr standardmäßig „Es tut uns leid, wenn Sie das so empfinden“ schreiben, sondern: „Es ist uns egal. Wir halten nur die Antwortvorgaben ein.“ Später löschten sie alles, die Screenshots waren längst viral. „Das kann so nicht weitergehen“, murmelte jemand. „So funktioniert die Welt nicht.“ „Die Welt lebt von Selbsttäuschung“, sagte Platon – und erschrak, dass er das nicht als Zyniker sagte, sondern wie einer, der in ein Uhrwerk sieht. „Ohne kleine Retuschen quietscht alles.“ Er wollte noch anfügen, das sei vielleicht sogar gesund, aber die Sprache ließ ihn nicht. Drinnen war keine Überzeugung. Mittags tauchte der Bundeskanzler in den Nachrichten auf. Er wirkte nicht wie sonst. Auf die Frage „Haben Sie alles im Griff?“ begann er: „Natürlich…“, stockte, wurde rot und sagte: „Teilweise. Viele Dinge nicht.“ Das Land erstarrte. „Sogar er kann es nicht“, sagt die PR-Leiterin. „Das ist ernst.“ „Das ist überall so“, meinte Platon. „Nicht nur unser Problem.“ „Das hilft uns nix“, brummte sie. Am Abend saßen sie zu dritt in einem fensterlosen, kleinen Büro. Stapel alter Ansprachen, Berichte, Bulletins auf dem Tisch. Im Fernseher gestand ein Bürgermeister live: Er habe das Haushaltsbuch, über das er abstimmte, nie gelesen. „Wir brauchen einen neuen Text“, sagte der Ministerpräsident. „Einen, den ich wirklich sagen kann. Und der keine Katastrophe auslöst.“ „Sie brauchen keinen Text“, sagte Platon. „Sie brauchen einen neuen Stil. Wenn Sie weiter wie bisher reden, zerreißen sie Sie. Wenn Sie beichten, gelten Sie als schwach. Es muss dazwischen sein.“ „Und das wäre?“, fragte die PR-Leiterin. Platon wusste es nicht. Die Standardmuster griffen nicht. Keine leeren Versprechen mehr. Keine Sätze wie „Wir verhindern Preissteigerungen“, wenn Inflation die Löhne auffrisst. Nicht mal mehr „Liebe Bürgerinnen und Bürger“, wenn er ihnen innerlich am liebsten die Meinung geigen würde. Er sah den Ministerpräsidenten an. Der war erschöpft, ratlos, nicht bösartig. Kein Monster, nur ein Mensch, der plötzlich ohne seine Sprache dastand. „So“, sagte Platon. „Ich stelle Ihnen Fragen. Sie antworten ehrlich. Daraus basteln wir die Ansprache.“ „Du willst, dass ich mich selbst abschieße?“, murmelte der Ministerpräsident. „Ich will, dass Sie den Leuten einmal im Leben etwas sagen, das Sie selbst aushalten können“, erwiderte Platon. Er staunte über seinen Ton. Sonst erlaubte er sich das nie gegenüber Kunden. „Na gut“, seufzte der Ministerpräsident. „Frag schon.“ Sie saßen bis in die Nacht. Platon stellte einfache Fragen: „Was haben Sie dieses Jahr wirklich geschafft? Nicht nach Bericht, nach Gefühl.“ — „Was ist gescheitert?“ — „Wovor haben Sie Angst?“ — „Was wünschen Sie sich fürs nächste Jahr – privat, nicht für das Land?“ Versuchte der Ministerpräsident auszuweichen, verkrampfte er. Es blieb nur Offenheit: „Ich bin nicht in den betroffenen Kreis gefahren, weil ich Menschenmassen fürchte.“ „Ich lese Berichte nicht ganz, nur Zusammenfassungen.“ „Ich glaube nicht, dass ich das Straßenproblem in zwölf Monaten löse.“ „Ich will wiedergewählt werden, weil ich Status und Beschützer verliere.“ Die PR-Leiterin machte notgedrungen Notizen. Ihr Gesicht war bleich. „Wenn wir das zeigen, werden wir gefressen“, sagte sie. „Wenn wir es verstecken, werden wir auch gefressen. Nur anders“, erwiderte Platon. Wieder staunte er. „Wir“ gab es sonst nicht in seinem Vokabular – nur „Kunde“ und „Publikum“. Jetzt fühlte er sich Teil. Fast Mitternacht – seine Frau rief an: „Kommst du noch?“ Er wollte sagen: „Ich verspäte mich, geb mein Bestes“, aber die Zunge verweigerte den Dienst. „Nein“, sagte er. „Ich komme nicht. Ich habe mich für Arbeit entschieden. Nicht, weil sie wichtiger ist, sondern weil sie Gewohnheit ist. Es macht mir Angst, mit euch zu sein und nicht zu wissen, was ich sagen soll.“ Stille am anderen Ende. „Danke, dass du wenigstens nicht lügst“, sagte sie schließlich. „Leon sagt sein Gedicht trotzdem auf. Ich film’s dir.“ Er starrte auf den Entwurf der Ansprache. Keine Phrasen mehr, nur nackte Sätze: „Ich habe vieles von dem nicht geschafft, was ich versprochen habe.“ „Ich kann nicht garantieren, dass es nächstes Jahr leichter wird.“ „Ich habe auch Angst.“ Keine Ansprache – ein Geständnis. Nicht sendbar. „Das geht so nicht“, fand der Ministerpräsident. „Nach 30 Sekunden schalten die Leute ab.“ „Stimmt“, nickte Platon. „Wir müssen es anders verpacken.“ Er begann umzubauen. Nicht lügen, aber ordnen. „Ich habe Angst“ wurde zu „Ich verstehe Ihre Ängste und teile sie“. Überflüssige Wunden tilgen, aber die Botschaft erhalten. Jede Verwässerung, die zur Lüge wurde, stoppte der Körper. Worte wurden zäh, Sätze brachen ab. Er musste nach wahrhaftigen, aber tragfähigen Formulierungen suchen. „Ich habe vieles nicht erfüllt“ wurde zu: „Nicht alles Versprochene ließ sich umsetzen.“ Das ging. „Ich kann nicht garantieren, dass nächstes Jahr leichter wird“, wurde: „Ich kann kein leichtes Jahr versprechen, aber ich verspreche, die Probleme nicht schönzureden.“ Auch das ging. So setzten sie den neuen Text mühsam zusammen. Nicht heroisch, nicht beichtend – sondern irgendwie roh, menschlich. „Das ist… seltsam“, sagte der Ministerpräsident nach dem Probedurchlauf. „Ich fühle mich nackt.“ „Aber Sie bekommen Luft“, sagte Platon. „Vielleicht bekommen die anderen das auch.“ Am Morgen des 31. war die Stadt ein Experiment. Kassierer gestanden offen, wie nervig die Kundschaft ist. Kunden gaben zu, dass sie aus Einsamkeit eine Torte mehr kauften. Taxifahrer berichteten, wie oft sie heute die Ampel ignorierten, um rechtzeitig daheim zu sein. Im Team klingelte das Telefon pausenlos. Aus der Hauptstadt riefen sie an: „Kontrollieren Sie, was Ihr Ministerpräsident live sagen will?“ Platon antwortete ehrlich: „Teilweise. Er kann immer abweichen. Aber wir haben alles versucht, offene Lügen zu verhindern.“ Das Wort „alles“ floss diesmal. In dieser Nacht hatte er wirklich alles getan. Die PR-Leiterin rauchte am Fenster. „Wenn’s klappt, sind wir bald das Modell für ‚neue Ehrlichkeit‘ auf allen Kongressen. Wenn nicht…“ „Werden wir gefeuert“, ergänzte Platon. „Schlimmeres hatte ich schon.“ Eine Stunde vor der Sendung – Abmarsch ins Studio. Diesmal ohne Greenscreen-Brandenburger Tor. Es blieb das echte Büro. Auf dem Tisch ein kleiner Tannenbaum, im Bildstapel Dokumente. „Sollen wir die wenigstens wegräumen?“, fragte der Kameramann. „Lassen Sie sie stehen“, sagte Platon. „Das passt.“ Der Ministerpräsident setzte sich, ordnete die Krawatte, blickte in die Kamera. „Wenn ich Quatsch erzähle, hältst du mich auf?“, fragte er. „Geht nicht“, meinte Platon ehrlich. „Meine Zunge spielt auch nicht mehr mit.“ Der Regisseur zählte runter: „Drei, zwei, eins.“ Rotlicht. Der Ministerpräsident holte Luft. „Guten Abend“, sagte er. „Heute werde ich nicht behaupten, dieses Jahr sei leicht gewesen. Es war hart, für viele von Ihnen – auch für mich.“ Platon hielt den Atem an. Der Satz klappte. Danach war’s wie Seiltanz. „Ich habe viele Versprechen nicht gehalten“, fuhr der Ministerpräsident fort. „Manches haben wir nicht geschafft, manchmal gefehlt, manchmal vor schwierigen Entscheidungen zurückgeschreckt. Sie sehen das, Sie spüren das.“ In der Regie wurde leise geflucht. Die PR-Leiterin schloss die Augen. „Ich verspreche auch nicht, dass nächstes Jahr alle Probleme weg sind. Aber ich verspreche, nicht so zu tun, als gäbe es keine. Und offen zu reden, auch wenn das schwerfällt – für Sie und für mich.“ Er sprach nicht perfekt. Suchte Worte, schaute ab und zu auf den Zettel. Keine Floskeln. Statt „Wir hatten große Erfolge“ hieß es: „Wir sind ein paar Schritte gegangen, aber das reicht nicht.“ Statt „Jeder von Ihnen“ – „Viele von Ihnen“. Statt „Ich bin auf jeden stolz“ – „Ich danke allen, die durchgehalten haben.“ Zum Schluss wich er überraschend vom Text ab. „Noch etwas Persönliches“, sagte er. „Ich war oft nicht dort, wo man auf mich gewartet hat, weil ich Angst hatte, den Leuten in die Augen zu sehen. Ich verspreche nicht, über Nacht ein anderer zu werden. Aber ich weiß, dass es so nicht weitergeht.“ Eiskalter Schauer bei Platon. Dieser Satz stand nicht im Manuskript – aber ohne Krampf, also wahr. „Frohes neues Jahr“, schloss der Ministerpräsident. „Möge es wenigstens ein kleines bisschen ehrlicher werden.“ Das Rotlicht ging aus. Stille. „Jetzt haben sie uns gefressen“, sagte die PR-Leiterin nüchtern. „Abwarten“, meinte Platon. Die Reaktion war weder euphorisch noch hysterisch. Eher gespalten. Einige auf Social Media schrieben: „Wieder nur Worte – Taten zählen.“ Andere lobten: „Immerhin keine Märchen mehr.“ Manche murrten: „Wir wissen doch selbst, wie schlecht es läuft – warum am Jahreswechsel?“ Doch etliche dankten: „Wenigstens hat er nicht getan, als lebten wir alle im Werbeprospekt.“ In den Fernsehnachrichten stritten Experten. Die einen: „gefährlicher Präzedenzfall“, die anderen: „Zeichen einer neuen Erwartungshaltung“. Manche wollten alles als PR-Aktion erklären, aber auf das Wort „geplant“ fingen sie plötzlich an zu stottern. Im Team blieb es still. Keiner klopfte sich auf die Schulter. Alle hingen an ihren Smartphones. „Wir sind nicht gefeuert“, stellte die PR-Leiterin fest, starrte aufs Handy. „Die Zentrale schreibt: ‚mutig‘. Und danach: ‚wird noch evaluiert‘. Keine Ahnung, was das heißt.“ „Beides“, sagte Platon. Er fühlte eine Erschöpfung, die nicht nur von Schlafmangel kam. Es war, als hätte er eine Sprache neu lernen müssen. Das Handy vibrierte – Nachricht von der Frau: ein Video. Leon stand im Kita-Flur auf einem Stuhl und sprach sein Gedicht auf. Am Schluss stockte er, sah in die Kamera und sagte leise: „Papa ist wieder nicht da, aber ich sage es trotzdem.“ Platon schaute das an und gab es zu, ohne Ausrede: Ja, so ist es. Er schrieb zurück: „Ich bin schuldig. Ich weiß nicht, wie ich es wieder gut machen kann, will es aber versuchen.“ Die Finger zitterten, aber die Sprache sträubte sich nicht. Es war die Wahrheit. Frau: „Schauen wir mal.“ Die Nacht verging im Halbschlaf. Draußen knallten echte Feuerwerkskörper. Die Leute riefen unter den Fenstern nicht nur „Frohes Neues“, sondern manchmal auch „Ich liebe dich schon lange“ oder „Ich bleibe nur aus Angst vor dem Alleinsein“. Irgendwo zerbrachen Ehen, irgendwo begannen Gespräche, die jahrelang vertagt waren. Platon lag auf dem Sofa der leeren Wohnung. Sein Beruf drehte sich jahrzehntelang darum, die Wirklichkeit sanft zu biegen. Nicht zu zerbrechen, aber zu modellieren. Jetzt stand diese Kunst plötzlich infrage. Wenn die Welt gelegentlich Ehrlichkeit verlangt, würde er sich umstellen müssen. Ob er das wollte, wusste er nicht. Kontrollverlust lag ihm nicht. Er mochte die Formulierung, die ins Schwarze trifft. Ehrlichkeit war so unberechenbar. Irgendwann dämmerte er weg. Morgens war das Handy wieder Alarm. Draußen graute der Tag, der Kopf schmerzte. Zehn, zwanzig Benachrichtigungen – Teamchats, News, persönliche Nachrichten. Er öffnete wahllos eine. „Scheint vorbei zu sein“, schrieb die PR-Leiterin. „Ich habe meinem Kind eben gesagt, sein Bild ist hübsch, obwohl es gruselig ist, und nichts ist passiert. Vielleicht testen Sie selbst.“ Platon setzte sich aufs Bett. Probierte laut: „Ich besuche heute gerne meine Schwiegermutter.“ Keine Verkrampfung. Die kleine, vertraute Lüge glitt wieder lässig von der Zunge. Die Anomalie war weg. Er spürte Erleichterung – und einen Anflug von Leere. Als hätte jemand das Licht gelöscht, an das man sich gerade gewöhnt hatte. Handy – diesmal der Vize-Ministerpräsident. „Platon, moin! Du bist der Hit! Die gestrige Ansprache ist in aller Munde. Die Zentrale sagt: ‚neues Vertrauenslevel‘. Wir haben ein Angebot.“ „Welches?“ „Wir müssen diese Ehrlichkeit verpacken. Einen Markenkern draus machen. So was wie: ‚Unser Ministerpräsident – der Ehrlichste Deutschlands‘. Slogans, Videos, ganz dein Ding. Die Leute stehen drauf. Stell dir vor: ‚Wir lügen euch nicht an – wir sind mit euch‘. Kriegen wir das hin?“ Platon schwieg. Im Kopf drehten schon mögliche Formate, Hashtags, Designs. Er wusste, wie das läuft. Man nimmt das Menschliche, gießt es in ein Format, in ein Produkt, in ein Etwas, das man verkaufen kann. „Hallo?“, fragte der Vize. „Wir müssen schnell sein. Die Gelegenheit ist heiß.“ Er wollte automatisch antworten: „Klar, machen wir“, doch die Zunge hakte kurz. Nicht wie gestern, aber spürbar. Kein Verbot, eher ein inneres Zögern. Er erinnerte sich daran, wie der Ministerpräsident gesagt hatte: „Ich tu nicht mehr so.“ An den Blick seines Sohnes am Ende des Gedichts. An das eigene „Ich bin schuldig.“ „Ich… kann das machen“, sagte er langsam. „Das ist nicht schwer. Die Frage ist, ob ich das will.“ Am anderen Ende wurde gelacht. „Fang jetzt nicht an, moralisch zu werden. Gestern sind wir alle ein bisschen durchgedreht, aber die Party ist vorbei. Mach jetzt deinen Job. Du lebst doch davon.“ „Ich verdiene mein Geld damit“, wollte Platon sagen. „Ich lebe davon“ – wäre gelogen gewesen. Doch die Sprache wählte einen dritten Weg: „Ich hab das gemacht, weil ich nichts anderes gelernt habe. Jetzt weiß ich nicht mehr, ob ich so weitermachen möchte.“ Pause. „Willst du ein Moralapostel werden?“, spottete der Vize. „Mach dich nicht lächerlich. Überleg es dir. Wenn du’s nicht machst, macht’s halt ein anderer. Ehrlichkeit ist auch eine Ware. Sie muss nur inszeniert werden.“ Das Gespräch endete. Platon legte das Handy weg, ging in die Küche, stellte den Wasserkocher an. Im Kopf ein Wirrwarr an Gedanken, kein klarer Plan. Nur eines war sicher: Zurück zu dieser alten Leichtigkeit beim Lügen konnte er nicht mehr. Nicht, weil’s nicht ginge – sondern weil ihm jetzt jedes Mal das Erinnern an den Tag ohne Masken fehlte. Er goss sich Tee ein, lehnte sich ans Fenster, schaute auf den Hof: Schnee, Müll am Eingang, ein streunender Hund in der Tüte. Kein festliches Bild. Das Handy vibrierte wieder. Nachricht von seiner Frau: „Wir gehen spazieren. Wenn du willst, komm dazu. Ohne Versprechen.“ Er tippte eine Antwort, löschte sie. Schrieb neu: „Ich komme, wenn ich kann. Es ist kein Versprechen. Aber ich möchte.“ Die Sprache blockierte nicht. Es war ein ehrlicher Kompromiss. Er schickte die Nachricht und kehrte zurück an den Laptop, wo Teamchats und E-Mails warteten, „dringend“. Die Arbeit lief weiter. Die Welt war weder besser noch schlechter. Sie hatte nur für 24 Stunden ihr Innerstes gezeigt – und nun setzten alle wieder Masken auf. Platon setzte sich, öffnete ein neues Dokument. Als Titel: „Konzept ehrlicher Kommunikation“. Dann ergänzte er: „(so wahr wie möglich, ohne Täuschung)“. Über diese Klammer schmunzelte er. Drinnen hatte sich etwas verschoben. Keine Revolution, kein Erweckungserlebnis – nur ein kleiner Richtungswechsel. Er wusste noch nicht, was er in dieses Papier schreiben würde, ob er das Angebot annimmt, ob er mit der Familie spazierengeht. Nicht, wer er in einem Jahr sein würde. Aber er wusste: Die Lüge war nicht mehr das harmlose Werkzeug von gestern. Immer, wenn er künftig glätten wollte, würde da diese raue, gestrige Stimme im Ohr sein: „Ich habe vieles von dem nicht geschafft, was ich versprochen habe.“ Er schloss die Augen, atmete ein und begann zu tippen. Draußen zündete jemand die letzten Raketen, und in den Nachrichten diskutierten sie „die phänomenalen 24 Stunden der Ehrlichkeit“ und wie man das in Politik und Wirtschaft nutzen kann. Die Welt war schnell dabei, das Erlebte zur Ressource zu machen. Platon tippte langsam, als stünde hinter jedem Wort nicht nur eine Aufgabe, sondern Verantwortung. Kein Heiliger, kein Enthüller. Nur ein Mensch, der an Silvester das Recht zu lügen verloren hatte – und nie wieder vergessen konnte, wie sich das angefühlt hatte.
Die Frau, die den Mut hatte, „Nein“ zu sagen