Ein Tag ohne Lüge
Als Sebastian begriff, dass der Auftraggeber wieder den Text nicht gelernt hatte, waren es noch drei Tage bis Silvester und im Studio wurde schon das Feuerwerk zusammengeschnitten, das es gar nicht geben würde.
Nicht liebe Freunde, sagte er, während er auf den Teleprompter schaute. Das sagt heute niemand mehr ernsthaft, das ist tot. Wir bleiben bei Guten Abend ohne liebe davor.
Der Kandidat, ein Ministerpräsident eines mittelgroßen, aber ehrgeizigen Bundeslands, gähnte und kratzte sich am Hals.
Und sehr geehrte Damen und Herren? Geht das? Die respektieren uns doch, fragte er.
Tun sie nicht, erwiderte Sebastian reflexartig und korrigierte sich sogleich: Aber wir tun so, als ob sie uns respektierten, und sie tun so, als glaubten sie uns. So funktioniert das Fest.
Im vierten Stock des angemieteten Bürogebäudes standen drei Scheinwerfer, ein Weihnachtsbaum aus Plastik und ein Greenscreen mit aufgedrucktem Brandenburger Tor. Vor Sebastian lagen zwei Versionen der Ansprache: eine klassische wir haben viel erreicht, aber noch mehr liegt vor uns, jeder einzelne von Ihnen, gemeinsam und eine zweite etwas menschlichere, mit einer angeblich echten Kindheitsgeschichte aus einer Mietskaserne in Essen-Katernberg. Die Geschichte war frei erfunden.
Wir fangen mit Dank an, sagte Sebastian und reichte die erste Seite hinüber. Dann ein Versprechen. Dann ein warmes Familienbild, ein kleiner Ausblick. Nur Gefühle, keine Fakten. Sie sind nicht der Buchhalter, Sie sind das Symbol.
Ich war noch nie gut in Mathe, grinste der Ministerpräsident. Wurde in der Schule zweimal sitzen gelassen.
Umso besser, erwiderte Sebastian. In einer halben Stunde sind die Kameras bereit. Wir üben.
Er hörte längst nicht mehr zu, wie der Politiker über das Wort Inklusion stolperte und dachte an den Schnitt. Die Ansprache würde als Aufzeichnung ausgestrahlt werden, aber so, dass jeder an eine Live-Sendung glaubte. Der Schnee vor dem Fenster käme digital rein, das Glockenschlagen der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche auch. Am wichtigsten war jedoch die Stimme sie sollte so klingen, als würde sie spontan sprechen.
Das war seine Werkstatt. Fremde Stimmen, gezielt gesetzte Betonungen, dosierte Unwahrheiten. Sebastian liebte dieses Gefühl: Aus einem faden Verwaltungsmenschen, der vor echten Menschen Angst hat, wurde ein souveräner Landesvater. Wie aus einer verrauschten Aufnahme eine saubere Tonspur.
Reden wir über die Krankenhäuser?, fragte der Ministerpräsident in einer Pause.
Sebastian blickte in den Text.
Wir sagen, dass wir die Qualität der medizinischen Versorgung weiter steigern, antwortete er. Das heißt alles und nichts. Für die, bei denen es schief läuft, klingt es wie Eingeständnis. Für die anderen als könnten Sie stolz sein. Keine Details.
Aber da ist doch, winkte der Ministerpräsident ab. Schon gut. Du weißt es besser.
Tatsächlich wusste er es besser. Nicht über Medizin, sondern darüber, wie man über Medizin nichts sagt.
Zwei Stunden später, als das Team die Scheinwerfer abbaute und die Visagistin das Make-up entfernte, saß Sebastian schon wieder in einer Ecke und überarbeitete den Pressetext: Ministerpräsident zieht Bilanz für das Jahr und berichtet über Pläne. Er löschte berichtet und schrieb unterstreicht. Weniger Substanz.
Im Nebenraum wurde gelacht. Dort kümmerte man sich um die Betriebsfeier. Die PR-Chefin, eine dünne Frau mit verblichenem Haar, kam zu ihm.
Kommst du morgen nach dem Briefing mit? Wir sind ja keine Unmenschen, ein bisschen Spaß muss sein.
Wenn nicht wieder irgendwo die Hütte brennt, antwortete er. Obwohl: unsere Brände sind ja meist auf Termin.
Sie schnaubte und ging. Sebastian sah aufs Handy. Eine Nachricht von seiner Frau: Kommst du zu Johanns Weihnachtsfeier? Er wartet so auf dich. Die Antwort Ich hab Sendung, schaffe das nicht lag schon getippt da, aber er hatte sie noch nicht abgeschickt. Er wusste, dass er sie noch senden würde und danach erneut den Silvestergruß für den Instagram-Kanal des Ministerpräsidenten umbaute, so dass das Wort lieb rausfiel. Der Ministerpräsident liebte weder sein Land noch seine Landsleute, er liebte Einfluss und die Stille um sich herum.
Sebastian sah sich nicht als Bösewicht. Er war Verpackungskünstler. Die Leute wollten Märchen zu Silvester, also gab er sie ihnen. Nicht Tabellen und Fakten, sondern warme Geschichten über das Wir-Gefühl. Keine Eingeständnisse, sondern Versprechen noch mehr zu tun. Die Lüge war weniger Betrug, mehr Schmiermittel, ohne das der Apparat der Gesellschaft ins Quietschen geriet.
Bis zu jenem nächsten Tag.
Am frühen Morgen, ein Tag vor Mitternacht, wachte er auf, der Mund war trocken, im Kopf kreiste ein Satz: Wir haben viel geschafft. Plötzlich erschien er ihm schal.
Das Handy vibrierte auf dem Nachttisch. Seine Frau hatte eine Sprachnachricht geschickt: Kommst du heute wirklich? Johann hat lange geübt. Er drückte auf Abspielen, dann auf Antworten und sagte:
Ich komme
Die Stimme versagte. Das Wort komme blieb im Hals stecken wie ein Kloß. Sebastian hustete, versuchte noch mal:
Ich werde es wohl nicht schaffen. Die Arbeit Wieder nicht dabei.
Er schämte sich, doch die Worte kamen mühelos. Fast erschrocken über sich selbst, schwieg er. Die Antwort seiner Frau kam sofort:
Dachte ich mir.
Keine Vorwürfe, nur Müdigkeit.
Zwanzig Minuten später saß er in seinem Passat und steckte im morgendlichen Stau. Im Radio redeten sie über Geschenkestress, die Moderatoren witzelten übers gute Vorsätze-Schreiben. Plötzlich Stille: Auf allen Sendern setzte dieselbe Nachricht ein.
Weltweit wird über ein seltsames Phänomen berichtet, sagte der Nachrichtensprecher. Menschen können keine offensichtlich falschen Aussagen mehr machen. Wer lügt, spürt starkes Unwohlsein, bekommt Krämpfe oder Sprachstörungen. Wissenschaft und Politik bitten um Ruhe, es gibt noch keine Erklärungen.
Quatsch, murmelte Sebastian. Wieder so ein Internet-Unsinn.
Doch als er hinzufügen wollte: In ein paar Stunden ist das vorbei, blieb ihm die Zunge am Gaumen kleben. Er fluchte und schwieg. Es war nicht Angst, sondern Ärger er mochte es nicht, wenn etwas die Dramaturgie zerstörte.
Im Kampagnenbüro herrschte Chaos. Normalerweise lief zum Jahresende alles nach Fahrplan: Ansprache, Presse, Gästelisten. Doch heute liefen in der Konfi drei Nachrichtensender gleichzeitig überall ging es um dasselbe.
Ein Moderator wollte Witze reißen, doch bei es sieht nach Massenpsychose aus bekam er Husten, dann: Ich habe Angst, ich weiß nicht, was los ist. Ein Experte begann souverän: Es gibt keine Beweise, verstummte dann und bekannte, er habe mehrere Studien gelesen und verstehe selber nicht, was passiert.
Was soll das sein, setzte die PR-Chefin an, brach dann ab vielleicht weil sie höflicher fluchen wollte und der Mund streikte , dann: Na egal. Weiter, Sebastian, erklär uns das.
Er wollte sagen: Das geht wieder vorbei, wir warten einfach ab. Heraus kam:
Ich weiß es nicht. Wenn das zutrifft, können wir unser gesamtes Skript vergessen.
Warum?, fragte der Ministerpräsident, der zur Tür reinkam. Das Video ist doch fertig. Wir senden ja nicht live.
Gestern haben Sie alle zwei Sätze geflunkert, erklärte Sebastian ruhig. Wenn das Phänomen real ist, werden Sie beim Abspielen im Fernsehen husten.
Beim Sagen spürte er einen Druck in der Brust. Normalerweise hätte er Formulierungen gemildert wie nicht ganz korrekt oder leichte Übertreibung. Jetzt verweigerte sich ihm die Sprache für solche Euphemismen.
Vielleicht gilt das nur bei Live?, meinte der Ministerpräsident. Die Aufzeichnung ist doch fertig.
Sie spielten das Video ab. Auf dem Bildschirm sagte der Ministerpräsident lächelnd: Wir haben alles getan, damit sich jeder Bürger gut aufgehoben fühlt. Beim Wort alles zuckte das Bild, das Gesicht verzerrte sich, als hätte er sich verschluckt. Abbruch.
Stille.
Welch mieser Schnitt, fragte der Kameramann mit weißem Gesicht.
Kein Schnitt, meinte Sebastian nur. Das ist
Er wollte Anomalie sagen, doch es kam:
ein Verbot.
Sie starrten wortlos auf das Standbild. Der Ministerpräsident nahm die Brille ab und rieb die Nase.
Also kann ich nicht behaupten, wir haben alles getan weil es nicht stimmt?
Ja, sagte Sebastian. Einige Dinge liefen gut, anderes katastrophal. Aber alles? Eben nicht.
Und was jetzt?, fragte die PR-Chefin. In einem Tag ist unser Auftritt im ARD-Regionalfenster. Alle wollen Glitzer. Und wir liefern denen einen Rechnungshofbericht?
Sebastian startete das Notebook. Tipperten schon die Hände: Wir haben viel geschafft, aber Er versuchte, das Wort viel durch was möglich war zu ersetzen, aber die Hand zitterte. Zum ersten Mal seit Jahren konnte er nicht mit der Lieblingsformel beginnen.
Wir testen, sagte er. Sagen Sie mal etwas eindeutig Falsches.
Der Ministerpräsident zuckte mit den Schultern.
Ich liebe Joggen um sechs Uhr früh.
Bei liebe verzog er sich schmerzvoll. Husten, tränende Augen.
Ich hasse das. Aber manchmal mach ich es, wegen der Ärzte.
Aha, sagte Sebastian leise. Es funktioniert also.
Der Tag wurde zum Sammelsurium gescheiterter Pläne. In der Verhandlung brüllten Juristen: Der Bauunternehmer gestand vor laufender Kamera, an Material gespart zu haben, sonst wäre die Marge zu klein. Dessen PR-Berater wollte ablenken, redete sich selbst um Kopf und Kragen: Uns interessiert nur die Rendite, alles andere ist Staffage.
Im Chat flogen Screenshots. Unter den Glückwünschen verschiedener Marken schrieben Bürger: Ihr habt doch die Belegschaft halbiert, Ihr nennt Preiserhöhungen Fürsorge?. Die Social-Media-Kollegen antworteten, konnten aber die Standardfloskeln nicht mehr nutzen. Statt es tut uns leid, wenn Sie das Gefühl haben stand dort offen: Ihre Gefühle sind uns ziemlich egal, wir halten uns nur an unsere Richtlinien. Korrigierten sich, aber die Screenshots machten längst die Runde.
Das kann kein Dauerzustand sein, murmelte jemand im Büro. So tickt die Welt nicht.
Ohne Selbstbetrug funktioniert Gesellschaft nicht, sagte Sebastian und hörte plötzlich sich selbst nicht mehr als abgebrühten Zyniker, sondern wie einen, der den Maschinenraum sieht. Ohne kleine Beschönigungen fängt alles an zu knarzen.
Er wollte hinzufügen, das könne auch gut sein, aber die Zunge verweigerte sich mangels Überzeugung.
Mittags zeigte die Tagesschau den Bundespräsidenten. Er trat ungewohnt unsicher auf. Auf die Frage Haben Sie die Lage unter Kontrolle? antwortete er erst Natürlich, brach dann ab und bekannte: Teilweise. In Vielem nicht. Ganz Deutschland hielt den Atem an.
Wenn nicht mal er, murmelte die PR-Chefin.
Das ist überall so, meinte Sebastian. Nicht unser Problem allein.
Das hilft uns nichts, knurrte sie.
Abends saßen sie im fensterlosen Besprechungsraum. Berge alter Reden, Reports, Zahlen. Aus der Ecke flackerte ein Fernseher stumm: ein Bürgermeister gab live zu, dass er den Haushalt gar nicht gelesen hatte.
Wir brauchen einen neuen Text, sagte der Ministerpräsident. Einen, den ich auch wirklich laut sagen kann und der mich nicht gleich kündigt.
Sie brauchen nicht nur einen neuen Text, entgegnete Sebastian. Sie brauchen einen neuen Stil. Wenn Sie auftreten wie bisher, werden Sie auseinandergenommen. Wenn Sie Abbitte leisten, heißt es, Sie sind schwach. Sie brauchen etwas Drittes.
Und was?, fragte die PR-Chefin.
Sebastian zuckte die Achseln. Die vertrauten Tricks halfen nicht mehr. Keine falschen Versprechen à la Eigentum für jeden mehr, wenn das nie geschieht. Kein Wir verhindern Preissteigerungen, während die Inflation die Löhne auffrisst. Nicht mal ein liebe Bürgerinnen und Bürger, wenn einem ganz andere Wörter im Kopf kreisen.
Er sah sich den Ministerpräsidenten an. Der war müde, verwirrt, aber nicht böse. Kein Unmensch. Einfach jemand, der eine bewährte Sprache verloren hat.
Probieren wir was, sagte Sebastian. Ich stelle Fragen, Sie antworten ehrlich. Daraus basteln wir die Ansprache.
Willst du, dass ich mein eigenes Grab schaufle?, stöhnte der Politiker.
Ich will, dass Sie wenigstens einmal den Leuten sagen, was Sie auch selbst aushalten, erwiderte Sebastian und war überrascht über seine Deutlichkeit.
Na gut, seufzte der Ministerpräsident. Frag schon.
Sie saßen bis tief in die Nacht. Sebastian fragte: Was haben Sie wirklich getan dieses Jahr, nicht was im Bericht steht? Was ist schiefgelaufen? Wovor haben Sie Angst? Was wünschen Sie sich selbst fürs nächste Jahr, nicht fürs Land?
Manchmal wich der Politiker aus, geriet aber sofort ins Stocken. Also mussten Wahrheiten gesagt werden wie:
Ich habe den Unfallort nicht besucht, weil ich Angst vor der Menge hatte.
Ich lese die vollständigen Berichte nicht, nur Zusammenfassungen.
Ich glaube nicht, dass wir das Straßenproblem nächstes Jahr lösen.
Ich will wiedergewählt werden, weil ich Angst vor dem Verlust von Status und Sicherheit habe.
Die PR-Chefin machte Notizen, das Gesicht grau.
Wenn das im Fernsehen läuft, werden wir aufgefressen, murmelte sie irgendwann.
Wenn wir es verstecken, werden wir auch zerfleischt. Nur anders, sagte Sebastian.
Er merkte, dass er plötzlich von wir sprach, nicht wie sonst von Mandant und Öffentlichkeit. Plötzlich fühlte er sich Teil des Gefüges.
Gegen Mitternacht klingelte das Handy. Seine Frau.
Kommst du?, fragte sie ohne Begrüßung.
Er hätte am liebsten gesagt: Ich bin noch beschäftigt, versuche aber zu kommen. Doch die Zunge sperrte sich.
Nein, sagte er. Ich werde nicht kommen. Ich habe mich für die Arbeit entschieden. Nicht weil sie wichtiger ist, sondern weil mir das leichter fällt. Ich habe Angst, bei euch zu sein und nicht zu wissen, was ich sagen könnte.
Stille.
Danke, dass du wenigstens nicht lügst, sagte sie schließlich. Johann trägt sein Gedicht trotzdem vor. Ich filme es dir.
Er legte auf und starrte auf den Laptop. Vor ihm lag ein erster Entwurf: Roh. Keine Floskeln, nur Sätze wie:
Ich habe vieles von dem, was ich versprach, nicht gehalten.
Ich kann Ihnen nicht garantieren, dass nächstes Jahr leichter wird.
Ich habe Angst.
Es war keine Ansprache, sondern ein Geständnis. Undenkbar für den Äther.
Geht nicht, sagte der Ministerpräsident beim Lesen. Das schalten die Leute nach dreißig Sekunden ab.
Stimmt, nickte Sebastian. Wir müssen das umbauen.
Er fing an, zu feilen. Nicht lügen aber dosieren. Ich habe Angst wurde zu Ich verstehe Ihre Sorgen und teile sie. Zu viele Einzelheiten, die nur verletzten, flogen raus. Die Essenz blieb.
Immer wenn Sebastian versuchte, die Wahrheit zu biegen, blockierte ihn die Sprache. Sätze stockten, Wörter verpufften. Also suchte er die ehrlichste, aber tragbare Variante.
Ich habe vieles von dem, was ich versprach, nicht gehalten, wurde: Nicht alles, was ich zugesagt habe, konnte ich erfüllen. Ging ohne Krampf.
Ich kann Ihnen nicht garantieren, dass nächstes Jahr leichter wird, wandelte er zu: Ich kann kein leichtes Jahr versprechen, aber ich werde nicht so tun, als gäbe es keine Probleme. Auch das ging.
So wuchs ein Text, eckig, unsicher, aber menschlich.
Es ist seltsam, sagte der Ministerpräsident beim Üben. Ich fühle mich nackt damit.
Aber Sie kriegen besser Luft, erwiderte Sebastian. Und mit etwas Glück auch Ihre Zuhörer.
Am Morgen des 31. herrschte im ganzen Ort eine Atmosphäre wie Laborversuch. Im Supermarkt sagten Kassierer offen, sie seien erschöpft und hätten genug von den Massen. Kunden, die sonst vor sich hin schimpften, sprachen laut aus, dass sie aus Einsamkeit zu viel Torte gekauft hatten. Taxifahrer erzählten unaufgefordert, wie oft sie die Regeln gebrochen hatten, um rechtzeitig heimzukommen.
Das Kampagnen-Telefon stand nicht mehr still. Die Staatskanzlei rief an: Versteht ihr eigentlich, was der Ministerpräsident da heute machen will? Seid ihr überhaupt noch Herr des Textes? Sebastian antwortete offen:
Wir haben Teils die Kontrolle. Er könnte aber improvisieren. Wir haben getan, was wir konnten, damit keine offenkundigen Unwahrheiten drinstehen.
Das Wort alles zum ersten Mal kein Widerstand. Er hatte wirklich alles getan, was er konnte.
Die PR-Chefin paffte am Fenster.
Wenn das zieht, führen sie uns durch alle Seminare als Beispiel neuer Ehrlichkeit. Wenn nicht
Verlieren wir unsere Jobs, warf Sebastian ein. Aber es gibt Schlimmeres.
Er dachte an viele schlimmere Dinge in seinem Leben und nichts protestierte in ihm. Es schien wahr zu sein.
Eine Stunde vor Sendestart gingen sie ins Studio. Dieses Mal kein Greenscreen mit Berliner Kulisse. Stattdessen das echte Büro des Regierungschefs. Ein kleiner Weihnachtsbaum auf dem Tisch, ein Berg Akten im Bild.
Sollen wir die Akten nicht wenigstens rausräumen? Ist nicht schön, sagte der Kameramann.
Nein, lass sie drin, meinte Sebastian. Das passt jetzt.
Der Ministerpräsident setzte sich, zupfte die Krawatte, warf einen Seitenblick auf die Kamera, dann zu Sebastian.
Stopst du mich, wenn ich Mist erzähle?, fragte er.
Geht nicht, bekannte Sebastian. Ich kann sowieso nicht mehr anders sprechen.
Der Regisseur zählte runter: Drei, zwei, eins. Rotes Licht.
Der Ministerpräsident atmete durch.
Guten Abend, begann er. Ich werde heute nicht sagen, dass dieses Jahr leicht war. Es war für viele von Ihnen und auch für mich schwer.
Sebastian hielt die Luft an. Die Worte liefen glatt. Weiter ging es wie auf Messers Schneide.
Ich habe nicht alles gehalten, was ich zugesagt habe, sagte er weiter. Manches lief schief, manches wurde zu spät angegangen, manches war aus Angst zu schwierig. Sie wissen das.
In der Regie fluchte jemand leise. Die PR-Chefin schloss die Augen.
Ich verspreche nicht, dass sich im nächsten Jahr alle Schwierigkeiten auflösen, sagte der Ministerpräsident. Aber ich verspreche, nicht so zu tun, als gäbe es sie nicht. Und offen mit Ihnen zu sprechen, auch wenn das manchmal unangenehm für Sie und für mich sein wird.
Er stockte, suchte Worte, blickte ab und zu auf den Zettel, versteckte sich aber nicht hinter Floskeln. Statt Wir haben große Erfolge erzielt: Wir sind manches angegangen, aber das reicht nicht. Kein jeder Einzelne von Ihnen nur viele von Ihnen. Kein ich bin stolz auf Sie, sondern danke an die, die nicht aufgeben.
Am Schluss wich er vom Skript ab.
Ich will noch etwas Persönliches sagen, fügte er an. Oft bin ich nicht hingefahren, wo man mich erwartet hat. Weil ich Angst hatte, den Leuten in die Augen zu sehen. Ich verspreche nicht, über Nacht ein anderer Mensch zu werden. Aber ich weiß: So geht es nicht mehr weiter.
Sebastian spürte eine Gänsehaut. Die Worte waren nicht geplant, aber sie kamen anstandslos über die Lippen. Sie waren wahr.
Ich wünsche Ihnen ein gutes neues Jahr und dass es wenigstens ein Stück ehrlicher wird.
Das Licht erlosch. Im Studio war es still.
Das war’s, flüsterte die PR-Chefin. Wir sind geliefert.
Abwarten, sagte Sebastian.
Die Reaktionen waren nicht ungeteilt, nicht schrill oder begeistert, sondern gemischt.
Im Netz hieß es: Wieder nur Worte, schauen wir auf die Taten. Andere schrieben: Immerhin kein Märchen. Manche meckerten: Wir wissens eh, wozu am Silvester so was? Andere waren dankbar: Endlich einer, der uns kein Postkartenbild vorspielt.
Im Kommentar der Tagesthemen stritten Fachleute. Einige fanden das gefährlich offen, andere meinten, das sei Zeitgeist. Wer behaupten wollte, das war ausgeklügelte PR, verhaspelte sich prompt.
Im Büro war es ungewohnt leise. Niemand klopfte Schulter, gratulierte. Alle lasen Social Media.
Wir sind noch im Amt, sagte die PR-Chefin schließlich, das Handy in der Hand. Die Zentrale schrieb mutig. Dann: Nehmen wir als Beispiel. Ob das Loben oder Drohen ist, weiß ich nicht.
Beides, antwortete Sebastian.
Er spürte Müdigkeit, die nicht vom Schlafmangel stammte. Als hätte er in 24 Stunden eine neue Sprache lernen müssen.
Eine Nachricht von seiner Frau: Video. Johann auf dem Hocker vor der Gruppe, trägt sein Gedicht über den Tannenbaum vor. Dann stockt er, schaut zur Kamera und sagt: Papa war wieder nicht da, aber ich mache trotzdem weiter.
Sebastian sah zu und gestand sich ohne Ausflüchte ein: Ja, so ist es.
Er schrieb zurück: Es tut mir leid. Ich weiß nicht, wie ich das wiedergutmache, aber ich will es versuchen. Seine Finger zitterten, aber die Zunge nicht. Es war wahr.
Antwort: Wir werden sehen.
Die Nacht war halb Traum, halb Wachsein. Draußen krachten echte Raketen, echte Böller, nicht die am Computer. Menschen schrien sich nicht nur Frohes Neues zu, sondern auch Ich liebe dich schon lange oder Ich bin nur bei dir weil ich Angst vor dem Alleinsein habe. Vielleicht zerbrachen Ehen, vielleicht fingen manche endlich die offenen Gespräche an, die sie ewig verschoben hatten.
Sebastian lag auf dem Sofa in der leeren Wohnung und dachte daran, dass sein Beruf darin bestand, Wirklichkeit behutsam zu biegen nie zu brechen, nur zu formen. Nun wurde dieser Skill plötzlich fragwürdig. Wenn Ehrlichkeit gefordert wird, muss er umdenken.
Er war sich nicht sicher, ob er das wollte. Kontrolle war ihm immer lieber gewesen. Klare Sätze, gezielte Wirkung. Ehrlichkeit war zu unberechenbar.
Irgendwann dämmerte er weg.
Morgens riss ihn das Handy aus dem Schlaf. Es dämmerte bereits. Kopfweh.
Viele Kontakte blinkten auf: Mails vom Team, Push-Nachrichten, persönliche Chats. Er öffnete eine Nachricht aufs Geratewohl.
Scheint vorbei zu sein, schrieb die PR-Chefin. Ich habe meinem Kind grade gesagt, sein Bild sei schön, obwohl es hässlich ist, und mir geht’s gut. Versuch mal selbst.
Sebastian setzte sich auf die Sofakante. Sagte dann:
Ich freu mich tierisch auf den Sonntagsbraten bei meiner Schwiegermutter.
Nichts. Die bekannte, angenehme Unehrlichkeit floss zurück in die Sprache. Die Anomalie war fort.
Erleichterung und seltsame Traurigkeit. Als hätte jemand das grelle Licht ausgeschaltet, das gerade ungewohnt geworden war.
Das Handy vibrierte wieder: Der Vize-Ministerpräsident.
Sebastian, super. Die gestrige Rede schlägt Wellen. Die Zentrale meint, das ist das neue Vertrauen. Wir hätten ein Angebot für dich.
Was denn? fragte er.
Wir machen Ehrlichkeit zur Marke. Kampagne: Unser Landeschef am ehrlichsten. Slogans, Clips, alles wie du es kannst. Die Leute lieben es. Wir lügen nicht wir sind bei euch. Machst du das?
Sebastian schwieg. Im Kopf bereits Logos, Hashtags, Formate. Er wusste, wie das läuft: Nimm etwas Echtes, presse es in eine Form, produziere es massenhaft.
Alles klar?, fragte der Politiker. Wir müssen loslegen, solanges heiß ist.
Er wollte sofort sagen: Klar, machen wir, doch die Zunge stockte nicht richtig, aber spürbar. Kein Verbot, eher Widerwillen.
Er erinnerte sich, wie der Ministerpräsident sagte: Ich spiele nichts mehr vor. Sah seinen Sohn, wie der das Gedicht beendete. Und das eigene Es tut mir leid.
Ich kann es machen, sagte Sebastian zögernd. Das ist nicht schwierig. Die Frage ist, ob ich will.
Lachen am anderen Ende.
Jetzt fang nicht an! Die Welt dreht sich weiter. Arbeit wartet. Das ist doch dein Leben.
Sebastian dachte: Ich verdiene so Geld, zu sagen. Ich lebe dafür, wäre gelogen. Die Sprache wählte einen dritten Weg:
Ich habe das gemacht, weil ich nichts anderes konnte. Ob ich so weitermachen will, weiß ich nicht mehr.
Pause.
Willst du Moralapostel werden?, lachte der Politiker. Komm, überleg dir was. Sonst holen wir wen anders. Ehrlichkeit ist auch nur ein Produkt. Muss man halt verkaufen.
Das Gespräch endete.
Sebastian legte das Telefon hin, ging in die Küche, schaltete den Wasserkocher ein. Gedankensplitter schwirrten durch den Kopf, kein klarer Plan. Nur eines stand fest: Mit der alten, lockeren Lüge wollte er nicht einfach zurück. Nicht, weil es unmöglich war sondern weil er nun jedes Mal wissen würde, wie es klingt, wenn nichts geschönt ist.
Er goss sich Tee ein, lehnte am Fensterrahmen und blickte in den Hof. Schnee, Mülleimer, ein Hund, der in einer Tüte wühlte. Kein Werbe-Weihnachten.
Das Handy vibrierte. Eine Nachricht von seiner Frau: Wir gehen spazieren. Wenn du magst, komm dazu ohne Versprechen.
Sein erster Entwurf einer Antwort gelöscht. Dann schrieb er:
Ich komme, wenn ich kann. Versprechen kann ich nichts. Aber ich möchte es.
Die Sprache machte keine Probleme. Es war die ehrliche Formel seines inneren Hin und Her.
Er schickte die Nachricht, öffnete die Mails vom Team, die neuen Anforderungen, alles markiert als dringend. Die Arbeit blieb, wie sie war. Die Welt war nicht besser oder schlechter. Sie hatte nur einen Tag lang ihr Innerstes gezeigt, jetzt legte sie die Masken wieder an.
Sebastian setzte sich, öffnete das Notebook und begann einen neuen Entwurf. Oben stand: Leitfaden für ehrliche Kommunikation. Dann fügte er hinzu: so weit wie möglich ohne Täuschung.
Er lächelte über den Zusatz. Irgendwas war in ihm verrutscht, kein Schock, keine Offenbarung nur ein kleiner Kurswechsel.
Was genau er aufschreiben würde, ob er das Angebot annahm oder doch mit der Familie spazieren ging, wusste er nicht. Auch nicht, wie er in einem Jahr dastehen würde. Nur eines war ihm klar: Er konnte Lügen nie wieder als harmloses Werkzeug betrachten. Jedes Mal, wenn er Gedanklich glätten wollte, würde irgendwo der raue Klang des eigenen Geständnisses auftauchen: Ich habe vieles von dem, was ich versprach, nicht gehalten.
Er schloss die Augen, atmete tief durch und begann zu tippen.
Draußen zündete jemand die letzten Böller, im Fernsehen debattierten sie schon wieder, wie man den Tag der Ehrlichkeit für Politik und Wirtschaft verwerten könnte. Die Welt war eifrig, aus allem Kapital zu schlagen.
Sebastian tippte langsam weiter. Er wählte Worte mit Vorsicht, als hinge an jedem mehr als eine Aufgabe, nämlich Verantwortung. Kein Heiliger, kein Ankläger. Einfach ein Mensch, dem das Leben einmal das Lügen nahm und der seitdem nicht mehr vergaß, wie sich Wahrheit anfühlen kann.




