31. Dezember
Seltsamerweise fühlt sich Silvester dieses Jahr anders an. Ich, Gertrud Engelhardt, und mein lieber Mann Johannes sitzen gemeinsam in unserer kleinen Wohnung in Freiburg und erwarten das neue Jahr. Die Gesundheit lässt uns keine Reisen mehr zu selbst Besuche bei alten Freunden oder Verwandten sind selten geworden. Das eigene Umfeld wird kleiner, viele unserer Liebsten sind nicht mehr da oder leben zu weit weg. Wir hätten so gern Johannes Schwester Hilde eingeladen, doch sie will dieses Jahr allein feiern. Alle Versuche, sie umzustimmen, blieben erfolglos. Nun gut, jeder ist seines eigenen Glückes Schmied!
Plötzlich ertönt unerwartet die Klingel. Johannes steht ratlos auf wer könnte das um diese Uhrzeit sein? Vor der Tür steht unsere Nachbarsfamilie: Tobias, seine Frau Britta und die kleine Tochter Annemarie. Sie wirken ganz aufgelöst.
Wir müssten ganz dringend zur Arbeit ins Krankenhaus Notfall. Könnten Sie Annemarie für heute Abend bei sich aufnehmen? In etwa anderthalb Stunden wird sie müde sein und morgen früh holen wir sie ab. Es wäre zu schade, wenn sie mitkommen müsste, sie freut sich das ganze Jahr auf Silvester! Im Krankenhaus wäre für sie doch kein Platz für Freude und zwischen kranken Menschen sollte sie wirklich nicht sein. Wir zählen auf Sie!
Die beiden schauen so verzweifelt und das kleine Mädchen scheint jeden Moment loszuweinen. Silvestertränen das muss wirklich nicht sein, schon gar nicht bei einem Kind. Ich erinnere mich, gelesen zu haben, dass es irgendwo in Afrika ein Volk gibt, bei dem Kinder nie weinen dürfen. Die ganze Familie bemüht sich, die Kleinen zum Lachen zu bringen, selbst bei Kummer. Dort wachsen die Menschen als herzliche, fröhliche Personen auf, die nicht streiten. Und wie heißt es bei uns? Kinder, die weinen, wachsen an ihren Tränen aber eine lachende Kindheit ist mehr wert als Gold.
Komm nur herein, Annemarie, sage ich. Magst du mit uns feiern? Wir haben sogar einen Tannenbaum klein zwar, aber bestimmt findet das Christkind seine Geschenke auch darunter. Sag mal, wie alt bist du jetzt eigentlich?
Ich bin drei. Im April werde ich vier!, sagt Annemarie klar und deutlich.
Dann bist du ja schon fast erwachsen! Setzt euch, ihr müsst nicht im Flur stehen.
Johannes lacht: Hier sind Gäste immer willkommen!
Neugierig schaut Annemarie sich um. Legt das Christkind auch für mich ein Geschenk unter den Baum?
Du feierst ja mit uns, da findest du morgen früh sicher etwas Schönes dort!
Annemarie grinst: Ich hoffe es. Ich wollte ein große Puppe. Letztes Jahr lag sogar eine mit Preisschild unterm Baum!
Keine Sorge, meint Johannes, Das Christkind ist ehrlich das kauft die Geschenke im Laden, nicht auf krummen Wegen!
Annemaries Eltern verabschieden sich, sichtlich dankbar, und das Mädchen begutachtet unser gemütliches Wohnzimmer.
Und was hast du denn für ein hübsches Kostüm an? fragt Johannes.
Ich bin ein Schneeflöckchen! Im Kindergarten tanzen wir jedes Jahr den Schneeflöckchentanz. Da war auch das Christkind und hat Süßigkeiten gebracht. Soll ich euch meinen Tanz zeigen? Ihr müsst auch mitmachen!
Johannes sieht mich schmunzelnd an. Ach, wieso nicht
Hauptsache, ihr springt ein bisschen und wedelt mit den Händen. Die Musik hilft euch bei den Schritten! erklärt Annemarie.
Gemeinsam singen wir:
Wir kleinen weißen Flocken,
da draußen tanzen wir.
Wir schweben durch die Lüfte,
und landen manchmal hier.
Vom Himmel komm wir leise,
wir glitzern kalt und klar.
Doch weht ein Wind, dann fliegen
wir weiter, immerdar.
Johannes und ich geben uns die größte Mühe, mit dem kleinen Schneeflöckchen zu tanzen. Was für ein Bild das abgibt! Aber Annemarie lacht und klatscht, als hätten wir beide den ersten Preis verdient. Danach setzen wir uns lachend aufs Sofa.
In meinem Leben war ich vieles: Soldat, bis zum Oberst aufgestiegen aber Schneeflöckchen war ich noch nie! Das tat gut, sagt Johannes und strahlt.
Ich ergänze schmunzelnd: Als junges Mädchen war ich oft das Engelchen auf der Bühne weißt du noch, Johannes? Bei diesem Karnevalsfest hast du mich zum ersten Mal gesehen!
Stimmt, und ich dachte wirklich, du wärst ein Teenager dabei warst du schon erwachsen. Ich hab dich gar nicht erkannt, bis ich dich an den nächsten Ball eingeladen hab, mit deinem geblümten Kleid, den roten Perlen und den beigen Schuhen Da hat es gefunkt! Weißt du, wir feiern dieses Jahr tatsächlich unseren 45. Hochzeitstag! Das muss gefeiert werden wie wäre es mit Musik? Soll ich euch, meine Damen, etwas auf der Gitarre vorspielen?
Unbedingt!
Johannes kramt die alte Gitarre hervor, stimmt sie ein wenig und beginnt leise zu singen. Er schaut dabei Annemarie tief in die vertrauensvollen Kinderaugen:
Deine kleinen lieben Augen,
sind voll Wärme, so vertraut.
Und in jedem kleinen Blickchen,
spüre ich das Lebensglückchen.
Annemarie klatscht begeistert: Und singt ihr auch das Lied von der Tanne?
Natürlich! Und gemeinsam singen wir: O Tannenbaum
Ich hätte nie gedacht, dass wir diesen Silvesterabend so fröhlich verbringen würden. Ich hatte mit Stille am Tisch, vielleicht etwas Feuerwerk aus dem Fenster und dann früh schlafen gerechnet. Aber jetzt Tanz, Musik und Kinderlachen!
Annemarie bittet, ihr Sessel direkt neben den Baum zu stellen. Sie möchte unbedingt auf das Christkind warten. Doch die Augen werden schwerer, und schließlich schläft sie friedlich ein, noch im Sessel sitzend.
Ich richte ihr das Schlafsofa gemütlich her, und Johannes trägt sie vorsichtig dorthin. Es ist ein schönes Gefühl, dieses kleine Leben in den Armen zu halten. Johannes haucht ihr einen liebevollen Kuss auf die Stirn.
Schlaf gut, kleine Prinzessin. Ich will sehen, dass das Christkind auch wirklich vorbeischaut.
Am Morgen späht Annemarie gleich unter den Baum: Da steht ein riesiges Paket mit einer wunderschönen Puppe darin.
Es war doch da! Ich habs wieder verschlafen aber danke, liebes Christkind!, ruft sie begeistert zum Fenster hinaus.
Bestimmt hat es dich gehört, lächelt Johannes zufrieden.
Und woher Johannes an Silvester noch so eine schöne Puppe in Freiburg bekommen hat Das bleibt wohl unser kleines Weihnachtsgeheimnis.





