Anja hatte gar nicht bemerkt, wie in die Wohnung der verstorbenen Oma Katharina neue Nachbarn einzogen – bis sie ihnen eines Morgens auf dem Treppenabsatz begegnete. Sie schloss gerade ihre Tür, als sich die nebenan öffnete: Erst erschien ein Mann, dann ein Junge mit riesigem Schulranzen. „Ein Erstklässler“, dachte Anja und beschloss, freundlich Hallo zu sagen. So war es in diesem Haus schon immer üblich gewesen – man grüßte sich, kannte sich, war eine Gemeinschaft, egal, aus welchem Treppenhaus man kam. „Guten Morgen!“, lächelte Anja den Jungen an, der sie schüchtern musterte („Ein kleines Spätzchen“, schoss es ihr durch den Kopf), und der Vater antwortete. Ob sie die neuen Nachbarn seien? Natürlich, aber Anja wollte eben ins Gespräch kommen, auch wenn der Mann einsilbig blieb und darauf drängte, weiterzugehen: „Sascha, komm, sonst kommen wir zu spät.“ Anja beobachtete die beiden nachdenklich – irgendetwas irritierte sie: Vater und Sohn schienen sich fremd zu sein. „Ach, Anja, das geht dich nichts an“, ermahnte sie sich, „was weißt du schon über deren Geschichte?“ Der Herbst kam mit Regen und Kälte, man begegnete sich weiterhin auf dem Flur, meist mit kurzem Gruß. Nur der Vater sprach, der Junge schwieg. Einmal nannte Anja ihn „Sascha“, woraufhin bei dem Kind die Lippe zitterte und der Vater erklärte, er rede nicht, und bitte sie, ihn „Sascha“ zu nennen. Als an einem trüben Abend der Nachbar besorgt anklopfte, weil Sascha Fieber hatte, bot Anja sofort Hilfe an – holte das Fieberthermometer, drückte dem Vater ein paar Pfannkuchen und Marmelade in die Hand und bestand darauf, am nächsten Tag auf Sascha aufzupassen, damit der Arzt kommen konnte. So verging eine Krankheitswoche: Während Sascha schwieg, hörte er interessiert zu, ließ sich die Pfannkuchen schmecken und taute langsam auf. Ein wenig mehr Nähe, ein Lächeln. Als Sascha ihr beim Einkauf half, schenkte Anja ihm eine Schokolade – sein Lächeln war der schönste Dank. Doch kaum war sie zuhause, gab der Vater die Schokolade zurück: Sie würde den Jungen verwöhnen. „Das ist die Belohnung für einen Helden!“, verteidigte Anja sich. Sergej hoffte trotzdem, sein Sohn würde eines Tages wieder sprechen. Im November an ihrem Geburtstag wurde Sascha von seiner Lehrerin gebracht; der Vater war nicht erreichbar. Anja nahm Sascha mit zu sich, kümmerte sich rührend um ihn, doch die Sorge um Sergej ließ sie nicht los. Am nächsten Morgen rief er aus dem Krankenhaus an – ein Unfall, Sascha solle nichts davon erfahren. Zwei Wochen kümmerte Anja sich um den kleinen Jungen, lachte mit ihm, bastelte, wurde langsam Teil seiner Welt. Als Sergej aus dem Krankenhaus zurückkam, war es, als hätte ein neues Kapitel begonnen: Die drei waren füreinander da, wie eine richtige Familie. Kurz vor Sergejs Rückkehr rutschte Anja auf dem Glatteis aus – Sascha, in Sorge, schrie das erste Mal seit Ewigkeiten laut nach „Mama“ und weinte um Anja. Später, als Sergej wieder zuhause war, öffnete Sascha zur großen Überraschung des Vaters selbst die Tür und sagte sein erstes „Papa“ seit sehr langer Zeit. Ein Augenblick voller Glück, Liebe und Neubeginn. Den Jahreswechsel feierten sie gemeinsam – und Sascha war wohl das glücklichste Kind der Welt, denn nun hatte er wieder eine Familie, eine Mama und einen Papa. — Das neue Glück im Altbau: Wie Nachbarschaft, Hilfsbereitschaft und ein Kinderlächeln Anjas Leben für immer veränderten

Anja bemerkt gar nicht, wann in die Wohnung der verstorbenen Oma Käthe neue Nachbarn eingezogen sind. Eines Morgens trifft sie sie einfach zufällig im Treppenhaus. Sie schließt gerade ihre Tür ab, als die Nachbartür aufgeht. Zuerst erscheint ein Mann, danach ein Junge mit riesigem Schulranzen auf dem Rücken. “Ein Erstklässler”, denkt Anja und beschließt, ihn zu begrüßen.

Solange sie sich erinnern kann, ist es in diesem Mehrfamilienhaus so üblich: Man grüßt sich. Nicht nur hier im Haus, auch draußen im gemeinsamen Hof. Jeder kennt hier jeden.

“Guten Morgen”, lächelt Anja den Jungen an, der sie schüchtern von unten anschaut. “Ein Spatz”, kommt ihr in den Sinn.

“Guten Morgen”, erwidert der Mann zurückhaltend.

“Sie sind die neuen Nachbarn?”, fragt Anja und ist sich im nächsten Moment selbst der Banalität der Frage bewusst. Aber das Gespräch irgendwie weiterführen? Ihr Gegenüber ist offensichtlich nicht gesprächig, antwortet knapp:

“Ja.” Dann wendet er sich an seinen Sohn: “Sascha, komm, wir müssen los, sonst kommen wir zu spät.”

Anja schaut ihnen nach. Irgendetwas lässt sie nicht los: Man hat das Gefühl, Vater und Sohn sind gar nicht richtig zusammen, irgendwie fremd.

“Anja, das geht dich nichts an”, spricht sie sich selbst Mut zu. “Man weiß ja nie, was bei anderen los ist… Nein, was denke ich da, der Junge geht schließlich zur Schule, da sind doch alle Dokumente geprüft…”

***

Der Herbst zieht sich mit Regen und kaltem Wind dahin. Anja sieht die Nachbarn ab und zu auf dem Weg zur Arbeit. Immer dasselbe:

“Guten Morgen. Hallo Sascha.”

Antwort gibt nur der Vater.

Einmal nennt sie Sascha versehentlich Saschi. Da bebt dem Kind die Oberlippe, der Vater drückt ihn fest an sich und sagt, ohne Anja anzusehen:

“Sascha. Und er spricht nicht.”

“Entschuldigung, das wusste ich nicht…”, stammelt Anja verlegen und denkt den ganzen Tag darüber nach. “Vielleicht hat seine Mutter ihn so genannt? Und er spricht nicht… armer Junge…”

Eines grauen Abends reißt ein Türklingeln Anja aus ihrer Serie. Sie hat sich eben einen Stapel Pfannkuchen gebacken, ein Glas Erdbeermarmelade geöffnet und es sich auf dem Sofa gemütlich gemacht da schellt es. Anja blickt seufzend auf ihren Pfannkuchen und legt ihn beiseite. Vor ihrer Tür steht der Nachbar besorgt.

“Entschuldigen Sie…”

“Anja…”

“Was?”

“Ich heiße Anja”, sagt sie.

“Ah, ja… Entschuldigung Anja, hätten Sie vielleicht ein Fieberthermometer? Sascha hat wahrscheinlich Fieber, unser Thermometer ist kaputt…”

Während der Mann noch spricht, läuft Anja schon zum Medizinschrank.

“Kommt doch rein!”, ruft sie. Sie nimmt das Fieberthermometer und vorsichtshalber ein Fiebermittel heraus. Als sie sich umdreht, sieht sie den Blick des Nachbarn auf dem Stapel Pfannkuchen ruhen. “Vermutlich hatten sie noch keine Zeit zum Kochen”, denkt Anja. Sie legt sich ein paar Pfannkuchen zurück, reicht dem Mann den Rest.

“Nehmen Sie ruhig, Pfannkuchen sind das beste Heilmittel. Hier, noch Marmelade. Gehen wir den Kleinen verarzten!”, bestimmt Anja. Der Mann lächelt jetzt bemerkt Anja, dass er eigentlich richtig sympathisch ist.

Sascha beobachtet Anja nach wie vor skeptisch, doch Papa ist dabei dann kann man der fremden Frau vertrauen. Die Temperatur ist nicht wild, aber Anja empfiehlt trotzdem, einen Arzt zu holen.

Der Mann nickt:

“Morgen lass ich einen kommen… nach der Arbeit.”

“Nach der Arbeit?”, wundert sich Anja, “Wer bleibt dann beim Kind? Wer macht dem Arzt auf?”

“Er kennt das… Ich muss arbeiten. Sascha ist groß. Er schafft das schon.”

Doch Anja bleibt hart:

“Nein, entschuldigen Sie, wie war Ihr Name…?”

“Sebastian…”

“Gut, Sebastian. Nein, wenn Sie sich keine Sorgen um Ihren Sohn machen, dann tue ich es!”

“Anja, ich verstehe, was Sie sagen wollen. Aber wir haben keine Omas, Tanten und die, die wir haben, wohnen weit entfernt. Ich muss arbeiten. Sascha…”

“Sebastian, hören Sie zu morgen kommt die Kinderärztin! Ein kleiner kranker Junge allein zu Hause… Wie wird sie reagieren? Ich tausche morgen meine Schicht und bleibe bei Sascha.”

Müssen Sie dann nachts arbeiten?, fragt Sebastian leise.

Das ist meine Sorge, schneidet Anja ab. Morgen früh um acht bin ich bei euch.

***

So vergeht Saschas Krankheitswoche. Er bleibt stumm. Aber er hört der Tante Anja jetzt interessiert zu. Und wie es ihm schmeckt: Ihre Pfannkuchen, ihre Frikadellen… Erst zögert er noch, dann greift er richtig zu. Anja bekommt zum ersten Mal feuchte Augen, als sie das sieht. Spontan streichelt sie den Jungen über den Kopf: Mein Spatz. Da hält er inne, Tränen steigen ihm in die Augen und er bricht in Schluchzen aus. Anja erschrickt:

Was ist denn? Ach mein Kleiner… nicht weinen…

Sascha wird wieder gesund. Morgens trifft man sich jetzt wieder manchmal im Treppenhaus, jetzt immer mit Lächeln. Nur Sascha bleibt stumm. Der Winter zieht ein.

Eines Abends schleift Anja vollgepackte Einkaufstüten nach Hause, schimpft mit sich selbst über die Schlepperei. Sascha bringt gerade Müll raus, sieht Tante Anja und nimmt schweigend eine Tüte ab.

Sascha, die ist doch schwerer als du, lacht Anja, aber Sascha bleibt hartnäckig.

Na gut, gibt sie nach, aber falls du müde wirst, sag Bescheid.

Wider Erwartungen trägt er die Tüte tapfer hoch. Anja kommt keuchend hinterher, schilt sich für ihre Unvernunft.

Oh, Sascha, du bist ein Held, atmet sie. Und Helden bekommen eine Belohnung. Moment mal Anja zieht eine Tafel Schokolade hervor und gibt sie ihm. Saschas Augen leuchten und er lächelt. Für Anja das größte Geschenk. Kaum hat sie die Stiefel ausgezogen, klingelt es.

Sebastian hält die Schokolade hin:

Anja, Sie verwöhnen Sascha.

Ach, jetzt hören Sie aber auf!, ist Anja plötzlich ungehalten. Das ist die Belohnung für einen Helden!

Belohnung? Held?, fragt Sebastian irritiert.

Heben Sie mal die Tüte ganz schön schwer, oder? Jetzt stellen Sie sich vor, Sascha hat sie freiwillig nach oben gebracht.

Ganz allein? Hat er… hat er was gesagt? In Sebastians Augen liegt ein Funke Hoffnung.

Nein, nur einfach zugegriffen, sagt Anja. Der Funke verlischt. Machen Sie sich keine Sorgen, es wird alles gut!

Danke, antwortet Sebastian kleinlaut und verschwindet aus ihrer Wohnung.

***

Anjas Geburtstag ist Ende November. Nach Blumen und Gratulationen im Büro nähert sie sich gut gelaunt ihrem Haus. Aus dem Eingang kommt eine Frau, die Sascha an der Hand hält, seinen Ranzen auf dem Rücken. Ganz schön spät für die Schule, denkt Anja.

Guten Abend. Hallo Sascha, grüßt sie. Wo ist denn dein Papa?

Das fragen wir uns auch wo ist denn der Herr Vater?, klingt es vorwurfsvoll von der Frau.

Und Sie sind…?

Die Klassenlehrerin… Eigentlich holt immer der Vater Sascha pünktlich ab, heute kam er nicht und ans Handy geht er auch nicht. Soll ich das Kind jetzt mit nach Hause nehmen? Und sprechen tut der Junge ja auch nicht… Habe dem Vater schon oft gesagt, er soll ihn in eine Förderschule schicken…

Anja mag die Lehrerin spontan nicht:

Wissen Sie was? Sascha bleibt heute bei mir.

Sind Sie sicher?, fragt die Lehrerin, aber man sieht ihr die Erleichterung an.

***

Sascha, ich hab selbst keine Kinder, aber du kannst dich ja in deine Sportsachen umziehen gut, dass du sie dabei hast. Jetzt gibts erstmal Essen und dann Tee mit Kuchen. Magst du Kuchen? Ich nämlich auch. Morgen ist Wochenende, Hausaufgaben gibts? Machen wir morgen!

Redend und manchmal sich selbst antwortend geht Anja mit Sascha durch den Abend. Manchmal schaut er sie aufmerksam an, zweimal nickt er sogar. Das ist schon ein kleiner Fortschritt.

Als der Junge schläft, nimmt Anja sein Handy. Nur ein einziger Kontakt: PAPA. Sie schreibt die Nummer bei sich ab, ruft mehrmals nicht erreichbar. Eine SMS: Sascha ist bei mir. Die Sorge um Sebastian lässt Anja nicht schlafen.

Lieber Gott, hoffentlich geht alles gut!

***

Am nächsten Morgen klingelt das Telefon. Sebastian.

Sebastian! Wo bist du? Sie ist so aufgewühlt, dass sie zum Du übergeht.

Anja… ich bin im Krankenhaus…, kommt es mit Mühe.

Was? Was ist passiert?, Anja spricht flüsternd, Sascha schläft noch.

Auto ist auf den Gehweg… Anja… bitte… Sascha…

Keine Sorge, du wirst wieder gesund. Wo bist du? Sascha bleibt bei mir.

Danke Aber sag ihm nicht, dass ich krank bin Er kommt immer noch nicht klar mit dem Tod seiner Mutter…

Anja wird schwer ums Herz. Was hat dieser Junge schon alles erlebt? Wie kann sie ihm helfen?

Sascha erzählt sie, Papa habe viel Arbeit und sei weit weg. Sebastian telefoniert mit dem Sohn, aber Sascha sagt nichts, hört nur zu.

***

Anja nimmt zwei Wochen Urlaub. Sie bringt Sascha zur Schule, holt ihn wieder ab. Geht mit ihm spazieren, spielt, kocht mit ihm. Sascha lacht jetzt öfter, manchmal gluckst er sogar. Davon erzählt Anja Sebastian, wenn sie ihn im Krankenhaus besucht. Er sieht sie jetzt mit ganz anderen Augen an.

Und wir haben neuen Baumschmuck gekauft Sascha hat ganz allein ausgesucht. Du hättest das Leuchten in seinen Augen sehen müssen.

Anja, ich weiß nicht, wie ich ohne dich zurecht gekommen wäre, sagt Sebastian und umarmt sie. Sie stockt.

Du hättest das schon geschafft, erwidert Anja und sieht ihm tief in die Augen. Beide merken, dass hier etwas Neues zwischen ihnen beginnt.

***

Sascha, Papa kommt in zwei Tagen nach Hause!, ruft Anja während des Hausputzes. Und dann ist hier alles blitzblank. Nachher gehen wir noch einkaufen, euer Kühlschrank ist ja leer.

Der Winter gibt sich launisch Schneeberge, dann spiegelglatte Wege. Anja rutscht aus, stürzt böse. Ihr wird schwarz vor Augen, da zerreißt ein Schrei ihr Bewusstsein:

Mama! Mama! Sascha wirft sich neben sie, will sie aufheben, schluchzt herzzerreißend.

Mama! Mama!

Anja, mit schmerzender Wade, versucht sich aufzusetzen. Ein Passant hilft hoch.

Sascha, mein Engel, Sascha, weint Anja und drückt ihn an sich.

***

Glücklicherweise ist es nur eine starke Zerrung. Sebastian kommt trotzdem nicht rechtzeitig nach Hause. Anja will ihm nichts davon erzählen, dass Sascha das Sprechen wiedergefunden hat. Der Junge plappert inzwischen ununterbrochen, als wolle er Versäumtes aufholen. Anja überzeugt ihn, Papa eine Überraschung zu machen.

Sascha öffnet dem Vater selbst die Tür Anja ruht mit dem schmerzenden Bein. Sebastian beugt sich zu ihm, nimmt ihn in den Arm da kommt es:

Papa…

Sebastian traut seinen Ohren nicht.

Was? Sag das nochmal…

Papa, hallo Papa…

Sascha!, Sebastian ruft begeistert, hebt den Sohn hoch und dreht ihn herum. Sascha jauchzt vergnügt. Und Anja wischt sich verstohlen eine Träne aus den Augen. Sebastian hält Sascha fest, schaut zu Anja:

Danke…

***

Das neue Jahr feiern sie gemeinsam. Am glücklichsten ist Sascha, denn er hat endlich wieder eine Mama.

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Homy
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Anja hatte gar nicht bemerkt, wie in die Wohnung der verstorbenen Oma Katharina neue Nachbarn einzogen – bis sie ihnen eines Morgens auf dem Treppenabsatz begegnete. Sie schloss gerade ihre Tür, als sich die nebenan öffnete: Erst erschien ein Mann, dann ein Junge mit riesigem Schulranzen. „Ein Erstklässler“, dachte Anja und beschloss, freundlich Hallo zu sagen. So war es in diesem Haus schon immer üblich gewesen – man grüßte sich, kannte sich, war eine Gemeinschaft, egal, aus welchem Treppenhaus man kam. „Guten Morgen!“, lächelte Anja den Jungen an, der sie schüchtern musterte („Ein kleines Spätzchen“, schoss es ihr durch den Kopf), und der Vater antwortete. Ob sie die neuen Nachbarn seien? Natürlich, aber Anja wollte eben ins Gespräch kommen, auch wenn der Mann einsilbig blieb und darauf drängte, weiterzugehen: „Sascha, komm, sonst kommen wir zu spät.“ Anja beobachtete die beiden nachdenklich – irgendetwas irritierte sie: Vater und Sohn schienen sich fremd zu sein. „Ach, Anja, das geht dich nichts an“, ermahnte sie sich, „was weißt du schon über deren Geschichte?“ Der Herbst kam mit Regen und Kälte, man begegnete sich weiterhin auf dem Flur, meist mit kurzem Gruß. Nur der Vater sprach, der Junge schwieg. Einmal nannte Anja ihn „Sascha“, woraufhin bei dem Kind die Lippe zitterte und der Vater erklärte, er rede nicht, und bitte sie, ihn „Sascha“ zu nennen. Als an einem trüben Abend der Nachbar besorgt anklopfte, weil Sascha Fieber hatte, bot Anja sofort Hilfe an – holte das Fieberthermometer, drückte dem Vater ein paar Pfannkuchen und Marmelade in die Hand und bestand darauf, am nächsten Tag auf Sascha aufzupassen, damit der Arzt kommen konnte. So verging eine Krankheitswoche: Während Sascha schwieg, hörte er interessiert zu, ließ sich die Pfannkuchen schmecken und taute langsam auf. Ein wenig mehr Nähe, ein Lächeln. Als Sascha ihr beim Einkauf half, schenkte Anja ihm eine Schokolade – sein Lächeln war der schönste Dank. Doch kaum war sie zuhause, gab der Vater die Schokolade zurück: Sie würde den Jungen verwöhnen. „Das ist die Belohnung für einen Helden!“, verteidigte Anja sich. Sergej hoffte trotzdem, sein Sohn würde eines Tages wieder sprechen. Im November an ihrem Geburtstag wurde Sascha von seiner Lehrerin gebracht; der Vater war nicht erreichbar. Anja nahm Sascha mit zu sich, kümmerte sich rührend um ihn, doch die Sorge um Sergej ließ sie nicht los. Am nächsten Morgen rief er aus dem Krankenhaus an – ein Unfall, Sascha solle nichts davon erfahren. Zwei Wochen kümmerte Anja sich um den kleinen Jungen, lachte mit ihm, bastelte, wurde langsam Teil seiner Welt. Als Sergej aus dem Krankenhaus zurückkam, war es, als hätte ein neues Kapitel begonnen: Die drei waren füreinander da, wie eine richtige Familie. Kurz vor Sergejs Rückkehr rutschte Anja auf dem Glatteis aus – Sascha, in Sorge, schrie das erste Mal seit Ewigkeiten laut nach „Mama“ und weinte um Anja. Später, als Sergej wieder zuhause war, öffnete Sascha zur großen Überraschung des Vaters selbst die Tür und sagte sein erstes „Papa“ seit sehr langer Zeit. Ein Augenblick voller Glück, Liebe und Neubeginn. Den Jahreswechsel feierten sie gemeinsam – und Sascha war wohl das glücklichste Kind der Welt, denn nun hatte er wieder eine Familie, eine Mama und einen Papa. — Das neue Glück im Altbau: Wie Nachbarschaft, Hilfsbereitschaft und ein Kinderlächeln Anjas Leben für immer veränderten
Alles, was danach übrig bleibtEin verblasster Duft von Kiefern lag in der Luft, während das letzte Licht des Tages über den schneebedeckten Alpen glitzerte.