Vergeltung: Als Julia nach der Arbeit zur Bushaltestelle geht, wird sie von ihrer ehemaligen Schwiegermutter abgefangen, die ihr mit vorwurfsvollem Ton die Trennung von Dima vorwirft. Doch Julia erinnert daran, wie genau diese Frau sie vor eineinhalb Jahren in ihrer eigenen Küche davon abriet, den “lieben” Dima zu heiraten, um ja nicht in die Rolle des ewigen “Klotzes am Bein” zu geraten. Jetzt, nachdem Dima nach einem selbstverschuldeten Unfall auf Julias Unterstützung hofft, entscheidet sie sich, ebenso pragmatisch zu handeln wie einst seine Familie es ihr empfahl: Sie verlässt ihn und bedankt sich bei “Frau Schneider” dafür, dass sie nie geheiratet haben – so bleibt ihr jeglicher Ehe- oder Unterhaltsstreit erspart. Mit trotzigem Stolz verabschiedet sich Julia und denkt an den nächsten Schritt – eine eigene Wohnung, ganz ohne Altlasten, auch wenn das Herz noch hadert: Denn Loyalität verdient nur, wer selbst dazu bereit ist.

Weißt du, neulich nach Feierabend, ich hab kaum das Büro verlassen, da kam mir die Mutter von Kai entgegen Gerlinde Hartmann, so eine kleine, pummelige Frau, sonst immer ziemlich streng und bestimmend, aber diesmal versuchte sies fast freundlich, allerdings mit einem deutlichen Vorwurf im Ton.

Annika, was war denn los mit dir und dem Kai?, fragt sie. Er hat mich gestern angerufen, ganz aufgelöst, und meinte, du hättest ihn verlassen. Das kannst du doch nicht machen! Ausgerechnet jetzt, wo er dich so dringend braucht, solltest du für ihn da sein. Aber stattdessen drehst du ihm den Rücken zu? Bist das du, eine liebende Frau?

Ich hab sie nur schief angelächelt: So liebend, wie er ein liebevoller Mann ist, Frau Hartmann. Haben Sie da vielleicht was vergessen? Oder soll ich Sie an unser Gespräch in meiner Küche vor anderthalb Jahren erinnern? Da waren Sies doch, die seine Vorstellungen von so einer lockeren Beziehung unterstützt hat.

Sie hat sich gleich verteidigt: Davon rede ich nicht! Ich hätte niemals gutgeheißen, dass eine Partnerin verlassen wird, vor allem nicht in so einer Situation.

Komisch, hab ich gesagt. Ich erinnere das anders. Besonders, wie Sie gegen meinen Vorschlag zur Eheschließung gewettert haben. Sie meinten doch, wenn wir heiraten, würde ich mich auf euren Sohn setzen und mirs bequem machen, und sollte mal was passieren, kleb ich an seinem Hals wie ein Klotz am Bein.

Dann hab ich weitergemacht: Tja, warum darf er sich keinen Ballast aufladen, aber ich schon?

Sag doch nicht dauernd Ballast! Ihr liebt euch doch, ihr solltet das zusammen durchstehen

Na, er wollte aber nicht zusammen. Und Sie auch nicht. Also können Sie das jetzt schön gemeinsam ausbaden. Ich geh jedenfalls meinen eigenen Weg, der ganze Schlamassel interessiert mich nicht mehr.

Und rate mal, ich hab mich noch bei ihr bedankt. Übrigens, danke, dass wir, dank Ihnen, nie geheiratet haben so muss ich Kai wenigstens keinen Unterhalt zahlen. Einen sarkastischen Knicks, und ich bin abgezischt in Richtung Bushaltestelle.

Während ich da langgelaufen bin, ist mir wieder eingefallen, wie sehr mich das jedes Mal nervt, dass meine Wohnung, die ich noch von Oma geerbt habe, total weit weg liegt fast zwei Stunden mit Bus und Bahn durch halb München. Wär wohl sinnvoll, endlich mal über ein eigenes Häuschen in der Nähe der Arbeit nachzudenken

Aber zum eigentlichen Thema. Habe ich richtig gehandelt, als ich Kai in dieser Situation verlassen habe? Der Verstand sagt ja. Mein Herz naja, das ist immer zu weich. Zum Glück vergeht das Mitleid immer, wenn ich an das eine Gespräch denke, das ich aus Versehen mitangehört hab.

Ich schwör dir, Lauschen war nie mein Ding. Aber da lag ich flach mit einer fetten Erkältung und wollte nur ein Glas Wasser aus der Küche holen habe aber meine Pantoffeln nicht gefunden. Barfuß also Richtung Flur, und anscheinend hats weder Kai noch seine Mutter gemerkt. Ich hörte nur, wie sie leise verschwörerisch redeten.

Ganz ehrlich, Kai Annika ist schon nett, aber heiraten solltest du sie nicht. Wäre sie wenigstens vermögend, könnte man später von einem dicken Erbe sprechen. Aber du weißt, was passiert, wenn ihr jetzt heiratet?

Kai: Ach was soll da sein, Mama? Annika ist doch eh unabhängig. Wenn ich heirate, winkt mir vielleicht sogar eine Beförderung. Mein Chef steht auf Familienleute und son Kram.

Sie, ganz empört: Jetzt erzähl mir bloß nicht, du willst noch ein Kind mit ihr!

Kai: Nee, darauf hab ich wirklich keine Lust. Geld für einen Schreihals raushauen bloß nicht! Annika hat sowieso keine Lust, Kinder zu kriegen, sie ist der totale Karrieremensch. Notfalls erzähl ich halt, sie wär unfruchtbar, dann stehe ich als der Aufopfernde da.

Gerlinde, ganz bestimmt: Heirate lieber gar nicht, Junge. Du hast ja keine Ahnung alles, was du im Ehevertrag so mitreinschreibst, zählt irgendwann zusammen! Kaufst du ein Haus gehört ihr dann die Hälfte. Die Wohnung, das Auto, das ganze Ersparte. Und solltest du sie je verlassen wollen, hast du das Nachsehen. Klar, ein Ehevertrag wäre ideal, aber glaubst du im Ernst, sie verzichtet freiwillig? Niemals! Und wenn ihr mal was passiert dann bist du verpflichtet, sie zu versorgen. Letztens war einer bei mir, dessen Frau hat ihn betrogen, sich in eine Schlägerei verwickelt, wurde schwer verletzt musste er nach der Scheidung trotzdem zahlen, als wäre er schuld an ihrem Elend. Also, heiraten bringt dir keinen Vorteil, Sohn.

Und dann noch: Wenn Annika reich oder wenigstens erfolgreich wäre … aber weder noch.

Alter, ich hab das alles gehört, bin leise zurück ins Schlafzimmer und musste stundenlang heulen.

Nein, ich hatte eh schon gespürt, dass Kai wohl nie auf die Idee kommen würde, mir einen Antrag zu machen. Aber das dann so zu hören, dass ich im Ernstfall einfach aussortiert werde das ist eine andere Hausnummer.

Früher meinte Kai immer, sein Chef verbietet Verheirateten die Karriereleiter. Also, falls es beruflich passt, könne es ja mal was werden mit uns beiden … Alles Quatsch, hab ich dann gemerkt.

Die Tränen waren am nächsten Morgen versiegt, und damit irgendwie auch alles, was an Liebe für Kai übrig war.

Ich hab mich dann hingesetzt und mal ganz nüchtern überlegt: Das Zusammenleben war für mich praktisch, weil ich nicht extra in meine kleine Einzimmerwohnung raus nach Freimann musste und mir den Putzkram teilen konnte. Sex war auch okay, und nach einem anderen zu suchen wär nervig gewesen, wer weiß, ob ich da einen passenden gefunden hätte.

Außerdem hab ich meine eigene Wohnung vermietet und mir so nebenbei noch ein bisschen Euro extra verdient. Also einfach eine Win-Win-Lebensgemeinschaft, bei der Gefühle offenbar keine Rolle spielen. So lange das passte, warum nicht?

Bis dann eben Kai ein paar Monate später besoffen Auto gefahren ist, in der Kurve voll übersteuert, gegen die Leitplanke geknallt alles kaputt: Wagen, Absperrung und am übelsten sein eigener Rücken.

Die Ärzte gaben ihm ziemlich gute Chancen, aber die Reha würde lang und hart. Immerhin, er war der Einzige, der bei seinem Crash verletzt wurde und wenigstens keine Anzeige am Hals.

Jedenfalls, als ich ihn das erste Mal (und letzte Mal) im Krankenhaus besuchte, erzählt er mir noch so tapfer: Kein Problem, Annika. Gib mir ein Jahr, dann bin ich wieder auf den Beinen. Wir schaffen das gemeinsam!

Aber ich hab ihn nur angelächelt und gesagt: Viel Glück dabei.

Dann hab ich ihm erklärt, dass ich in seiner Situation keinen Nutzen mehr von unserer Partnerschaft hätte und ihn jetzt endgültig verlasse. Eigentlich bin ich nur gekommen, um dir die Schlüssel zu bringen. Meine Sachen hab ich schon geholt, ich schick dir gleich Fotos, dann siehst du, dass alles noch da ist.

Er war voll schockiert: Wie, du lässt mich jetzt einfach sitzen? Wir lieben uns doch ist das nicht das, was man in schweren Zeiten macht?

Da hab ich nur gesagt: Du und deine Mama euch wars doch wichtig, auf keinen Fall zu heiraten, damit ihr mich nicht am Hals habt, falls mal was Schlimmes passiert. Jetzt siehst du: Das gilt für beide Seiten. Ich schleppe sicher keinen Mann durch ein Tal, der mir rechtlich gar nicht verpflichtet ist und der mich auch abgeschossen hätte, wenn ich mal am Boden gewesen wär.

Er: So würdest du nicht reden, wenns andersrum wär. Kann sein. Muss man aber auch erst mal sehen.

Tja, ich hab mich verabschiedet, alles Gute gewünscht, Nummer blockiert und tschüss. Mit ihm und seiner Familie will ich echt gar nichts mehr zu tun haben.

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Homy
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Vergeltung: Als Julia nach der Arbeit zur Bushaltestelle geht, wird sie von ihrer ehemaligen Schwiegermutter abgefangen, die ihr mit vorwurfsvollem Ton die Trennung von Dima vorwirft. Doch Julia erinnert daran, wie genau diese Frau sie vor eineinhalb Jahren in ihrer eigenen Küche davon abriet, den “lieben” Dima zu heiraten, um ja nicht in die Rolle des ewigen “Klotzes am Bein” zu geraten. Jetzt, nachdem Dima nach einem selbstverschuldeten Unfall auf Julias Unterstützung hofft, entscheidet sie sich, ebenso pragmatisch zu handeln wie einst seine Familie es ihr empfahl: Sie verlässt ihn und bedankt sich bei “Frau Schneider” dafür, dass sie nie geheiratet haben – so bleibt ihr jeglicher Ehe- oder Unterhaltsstreit erspart. Mit trotzigem Stolz verabschiedet sich Julia und denkt an den nächsten Schritt – eine eigene Wohnung, ganz ohne Altlasten, auch wenn das Herz noch hadert: Denn Loyalität verdient nur, wer selbst dazu bereit ist.
Ich habe ein kleines Mädchen adoptiert, und auf ihrer Hochzeit 23 Jahre später sagte mir ein Fremder: „Sie ahnen nicht, was Ihre Tochter all die Jahre vor Ihnen verborgen hat“