Jens und seine Frau Brunhilde hatten eigentlich nie wirklich harmonisch zusammengelebt… Immerhin, ein Kind bekamen sie trotzdem hin. Nun ja, das ist ja nichts, worauf man nun einen Doktortitel braucht. Seine Frau ganz klar war ihm nicht ebenbürtig. Er, aus einer Familie voller Akademiker, mit Diplom und allem Drum und Dran, und sie… na ja, Brunhilde hatte eben nach der Hauptschule eine Ausbildung zur Bäckereifachverkäuferin gemacht.
Aber damals, in jungen Jahren, hatte die Liebe, oder eher der jugendliche Übermut, alle Unterschiede einfach weggewischt. Wahrscheinlich hätte Jens besser anderes gemacht.
Und heute… heute ließen sie sich scheiden. Das Bedauern hielt sich in ziemlich engen Grenzen zumindest bei Brunhilde. Jens trauerte eigentlich nur darum, dass ihr Sohn, der kleine Niklas, bei der Mutter bleiben sollte. Und mit ihrem neuesten Gesichtsausdruck ließ Brunhilde schon ahnen, dass Jens Niklas nicht allzu oft sehen würde.
Und tatsächlich: Kaum war die Scheidung durch, verschwand sie direkt mit dem Jungen zu ihrer Mutter nach Bayern, irgendwo ins tiefste Allgäu. Adresse? Jens, du bist ab jetzt überflüssig! so in etwa wars. Und tatsächlich, sie hielt nicht für nötig, ihm Bescheid zu geben.
Also begannen für Jens die grauen, langen Tage. Vorbei war das Gefühl, nach Hause zu hasten, wo jemand auf ihn wartete. Alles zog sich wie ein nasskalter Novembertag.
Halbes Jahr Funkstille. Kein Pieps von Brunhilde, kein Pieps von Niklas. Als mitten in der Woche spätabends plötzlich das Telefon klingelte, rechnete Jens überhaupt nicht damit. Eine fremde Frauenstimme zurückhaltend, etwas genervt.
Nach längerem Herumgestottere begriff Jens allmählich: Das Jugendamt rief an. Die Dame am anderen Ende mit der Ausstrahlung einer Berliner S-Bahn beeindruckte ihn mit den Worten, seine Ex-Frau sei plötzlich verstorben. Er müsse jetzt bitteschön seinen Sohn abholen.
Als Jens am Ort des unglücklichen Geschehens ankam, merkte er schnell: Sein Sohn war gar nicht beim Amt. Brunhildes Mutter war schon lange tot (das hatte sie ihm natürlich verheimlicht), deshalb hatte sie Niklas einfach der steinalten Uroma weitergereicht. Brunhilde selbst hatte in den letzten Monaten ordentlich über die Stränge geschlagen so sehr, dass sie letztlich dem Alkohol erlag. Totgesoffen, wie man so trist sagt.
Nun lag es an Jens, den Laden zu übernehmen und aus Niklas wieder einen anständigen Menschen zu machen. Darüber war er eigentlich sogar froh. Zuerst jedoch musste er den Jungen bei der Uroma streng genommen, also Urgroßmutter abholen.
Aber aus dem einfachen Abholen wurde nichts. Niklas, so sehr er sich auch über seinen Vater freute, klammerte sich wie eine Klette an die dürre Oma und brüllte: Oma, gib mich nicht her!
Da tat Jens das Herz weh. Die alte Dame schwieg zwar, aber aus ihren starren Händen war klar: Sie wollte den Knirps auch nicht gehen lassen.
Kurzerhand beschloss Jens, das Ganze nicht mit der Brechstange zu lösen und erstmal nachzudenken. Draußen auf der Veranda rauchte er eine Zigarette nach der anderen, aber die zündende Idee blieb aus.
Als er wieder reinkam, schlief Niklas, verweint, mit dem Kopf auf Omas Schoß. Die uralte Frau strich ihm übers Haar und sang irgendein altes Kinderlied vor sich hin. Jens entschied Aufgeschoben ist nicht aufgehoben also erstmal bleiben und eine Nacht drüber schlafen. Irgendwer hat ja mal gesagt: Der Morgen ist klüger als der Abend.
Am nächsten Tag ordnete er an, dass Oma ihre Sachen packen sollte und die von Niklas gleich mit. Sein Plan: Die Oma sollte erstmal mit zu ihm kommen. Irgendwann, wenn Niklas sich an ihn gewöhnt hatte, würde die alte Dame sicher von selbst wieder ins Allgäu verschwinden. So war zumindest die Theorie.
Aber wie das mit Theorien so ist… Schon nach wenigen Tagen war nicht mehr klar, wer hier eigentlich wen brauchte. Jens fühlte sich plötzlich enger an die Oma gebunden als Niklas. Ihre Buttermilch-Pfannkuchen am Sonntag, die Märchen aus der Vor-Mauer-Zeit, die Art, wie sie ihn und Niklas liebevoll zudeckte das mochte man einfach nicht mehr missen.
Nein, Jens brachte es nicht übers Herz, die Oma wieder ziehen zu lassen. Das wäre ein Verbrechen gewesen am Sohn, an der Familie, vor allem aber an sich selbst.
Und so blieb sie bei ihnen. Die unersetzliche Oma wohnte noch viele, viele Jahre in ihrem kleinen Zimmer und war für sie beide ein unschätzbarer Schatz, bis zu ihrem letzten Tag.





