Schwiegermutter forderte jedes Wochenende meine Hilfe bis ich endlich Nein sagte. Ich bin keine Dienstmagd, und niemand bestimmt über meine Zeit.
Schon am ersten Tag meiner Ehe bemühte ich mich um ein gutes Verhältnis zu meiner Schwiegermutter. Acht Jahre lang biss ich die Zähne zusammen, machte gute Miene zum bösen Spiel. Seitdem mein Mann und ich das kleine Dorf verlassen und nach München gezogen waren, ließ seine Mutter Gertrud Neumann jeden Sonntag das Telefon klingeln. Immer derselbe Ton: Kommt übers Wochenende, wir brauchen euch! Mal sollten Kartoffeln im Keller sortiert oder der Garten umgegraben werden, mal sollte ich ihrer jüngeren Tochter helfen, Tapeten zu kleben. Und jedes Mal gingen wir. Wie Marionetten.
Doch ich war schon längst keine zwanzig mehr, mein Leben lief nicht einfach nebenbei. Ich arbeitete fünf Tage die Woche, kümmerte mich um zwei Kinder und den eigenen Haushalt. Auch ich hatte das Recht auf eine Pause wenigstens einen Sonntag zum Durchatmen.
Für Gertrud aber waren wir eine kostenlose Arbeitskraft. Wenn ich auch nur erwähnte, dass ich müde sei, kam postwendend: Wer soll es denn sonst machen, wenn nicht du? Aber nie war es wirklich dringend. Einmal bat sie mich, nicht zu ihr zu kommen nur um mich zu ihrer Tochter, Lieselotte, zu schicken, um beim Streichen des Wohnzimmers zu helfen. Ich war so dumm und bin hingefahren. Und, welch Wunder? Während ich mit Zollstock und Farbrolle durch den Raum hetzte, thronte die Prinzessin Lieselotte vor dem Spiegel, bewunderte ihre frische Maniküre und setzte den Wasserkocher zum zigsten Mal an.
Mein Mann sah das alles. Er war nicht naiv, er verstand, dass man uns ausnutzte. Aber nie sagte er ein Wort es war eben seine Mutter. Also biss ich auf die Zähne. Bis zu jenem Tag
An einem Samstag hörte ich ganz einfach auf, ihn zu begleiten. Kein Drama, keine Erklärungen. Ich blieb zu Hause und sagte, ich hätte anderes vor.
Natürlich war Gertrud darüber wenig erfreut. Sie stellte ihren Sohn sofort zur Rede weshalb ich so plötzlich so undankbar sei? Mein Mann bat mich inständig, doch mitzukommen, wenigstens, um ihr eine Freude zu machen. Aber ich hatte genug von diesem Theater.
Mit fünfunddreißig durfte ich mich auch einmal ausruhen, statt für andere zu schuften, die selbst keinen Finger rührten. Ich sah dort keine Dankbarkeit. Keinen Respekt. Nur Forderungen.
An diesem Wochenende kümmerte ich mich endlich um mein eigenes Zuhause. Ich wusch die längst liegende Wäsche, kochte ein richtiges Essen, und am Sonntag gönnte ich mir ein Buch und streckte mich auf das Sofa. Ein reines Vergnügen. Bis es an der Tür klingelte.
Lieselotte.
Ohne Gruß, ohne jedes Wort der Höflichkeit, polterte sie mit Vorwürfen herein: Ich sei egoistisch, schlecht erzogen, ein Verrat an der Familie. Sie hielt mir meine Pflichten vor schließlich gehörte ich jetzt dazu. Familienregeln eben.
Ich hörte ihr ruhig zu, wünschte noch einen schönen Tag und schloss die Tür hinter ihr.
Aber das war nicht das Ende. Noch am selben Abend stand Gertrud vor meiner Tür. Kaum drinnen, warf sie mir Undankbarkeit und Respektlosigkeit vor immerhin habe sie immer alles gegeben. Ich blickte sie an, und all die unzähligen Stunden in Küche, Haus und Garten tauchten vor meinem inneren Auge auf.
Und trotzdem belehrte sie mich.
Es reichte.
Ohne ein weiteres Wort öffnete ich die Tür und zeigte ihr den Ausgang. Noch ganz betroffen murmelte sie etwas, dann ging sie. Ich kehrte zu meinem Buch zurück und atmete zum ersten Mal seit Jahren wieder tief durch.
Es war nicht Wut. Es war Freiheit. Die Gewissheit, dass meine Zeit nur mir gehörte. Und wenn ich jemandem etwas schuldig war dann mir selbst und meinen Kindern.
In jener Nacht sank ich mit leichtem Herzen in den Schlaf. Endlich frei.



