Du glaubst es nicht, was mir gestern passiert ist. Also, ich fahre gestern Abend spät von unserem Schrebergarten zurück nach Hause in Hamburg. Ich hab extra gewartet, bis es draußen dämmert und bin nicht wie sonst geheizt, sondern schön gemütlich, sogar den Umweg über die Landstraße genommen. Eigentlich hätte ich am liebsten dort übernachtet, aber morgen muss ich ja leider ins Büro.
Warum ich mir so viel Zeit gelassen habe? Na ja, ehrlich gesagt, hatte ich einfach keine Lust, nach Hause zu fahren. Oder anders gesagt: Ich wollte meinen Mann nicht sehen. Irgendwie ist zwischen uns einfach die Luft raus, das ist schon seit einer Weile so. Ständig Streit, eisiges Schweigen du kennst das doch. Während ich so fahre und die Scheinwerfer die dunkle Landstraße beleuchten, denke ich über diesen Beziehungs-Mist nach und frage mich, wie lange das noch gut geht.
Kurz vor einem kleinen Ort, so ein verschlafenes Dorf irgendwo bei Lüneburg, drossel ich das Tempo, weil da immer die Polizei steht. Plötzlich, direkt an der Bushaltestelle, sehe ich im Licht meiner Scheinwerfer eine ältere Dame. Die Frau steht da mit irgendwas eingewickeltem im Arm, hält es fest an sich gedrückt, fast wie ein Baby. Und der Blick so hoffnungsvoll, auf jedes vorbeifahrende Auto schauend. Ich reagiere reflexartig, bremse und halte an.
Ich steige also aus, gehe zu ihr rüber und sehe diesen Einkaufstrolley neben ihren Füßen. “Entschuldigung, kann ich Ihnen helfen? Geht es Ihnen gut? Ist das ein Baby?”, frage ich etwas verwundert.
Die Frau lächelt verlegen, schüttelt den Kopf: “Nein, nein das ist kein Baby. Das ist mein Brot… Frisch aus dem Ofen.” Ich schau sie ganz verwirrt an: “Wie, Sie verkaufen Brot hier an der Haltestelle?”
Sie erklärt mir, dass ihre Rente einfach nicht reicht, und sie deshalb Brot im Holzofen backt und verkauft. “Viele Leute sagen, mein Brot bringt Glück. Einer kommt immer wieder und meint, ohne mein Brot wäre bei ihm zu Hause alles trist…”, erzählt sie.
Und weißt du was? Dieses warme, duftende Brot sie bietets mir spontan an. “Brauchen Sie vielleicht eins? Es ist noch warm.” Ich hab gleich gemerkt, wie dringend sie ein bisschen Geld braucht. Also frag ich: “Was kostet denn so ein Laib?” Sie überlegt kurz: “Zwei Euro fünfzig…” Zehn Laibe hatte sie dabei und noch keinen verkauft.
Spontan meine ich: “Ich nehm alles.” Doch die Oma winkt ab: “Nein, das mache ich nicht. Sie wollen mir nur helfen, und vielleicht brauchts heute noch wer anders. Ich geb Ihnen fünf Laibe, das reicht!”
Also gut, ich zum Auto, Geld geholt, wieder hin packe fünf duftende, noch warme Laibe ein. Als ich weiterfahre, riecht es im ganzen Auto nach frischem Brot. Mir läuft so das Wasser im Mund zusammen, ich kann nicht widerstehen und beiße ab ich schwöre dir, so leckeres Brot hab ich noch nie gegessen.
In dem Moment klingelt mein Handy. Mein Mann. Geht schon genervt ran und sagt: “Sabine, kannst du irgendwo noch Brot besorgen? Es ist keines mehr da und deine Freundinnen sitzen hier in der Küche und warten auf dich!”
Ich nur so: “Bitte?! Was treiben denn meine Freundinnen mitten in der Nacht bei uns?” “Egal, du siehst gleich selbst, Hauptsache du bringst Brot mit!”
Ich geb Gas und bin nach einer halben Stunde zu Hause. Kaum trete ich in die Wohnung, fliegt mir dieser Brotduft voraus. “Sabiiiine, wie lecker du riechst!”, rufen die Mädels meine alte Clique aus dem Studium. Dicke Umarmungen, und sogar mein Mann greift sich direkt eine halbe Brotleib aus der Tüte. “Wo hast du denn dieses Wahnsinnsbrot her?”
Ich grinse nur und antworte: “Da gibts jetzt keins mehr.”
Mein Mann mit seinem Stück Brot verschwindet direkt ins Wohnzimmer und ich bleibe mit meinen Freundinnen in der Küche. Wir sitzen ewig zusammen, trinken Wein, futtern das Brot und meckern über unsere Ehemänner. Am Ende drücken sich die Mädels vor dem Gehen jeweils einen Laib in den Arm.
Als alles ruhig ist, nutz ich auch die Gelegenheit, geh am Wohnzimmer vorbei mein Mann schnarcht da schon und leg mich alleine auf die Couch. Am nächsten Morgen, rate mal: Mein Mann setzt sich zu mir, ganz anders als sonst, und sagt plötzlich: “Sabine, ich glaub, das Brot gestern hat mir echt den Kopf verdreht. Ich hab gemerkt, wie blöd wir eigentlich waren. Ich wills wieder hinbekommen. Kommst du heute Abend mit ins Restaurant? In das, wo ich dir damals den Antrag gemacht hab?”
Ich glaub, ich hab nur noch ungläubig geguckt. “Warum denn das?”, frage ich. “Na, ich will alles wieder so wie früher. Vielleicht haben wir noch eine Chance…” Dann verabschiedet er sich, er muss ja zur Arbeit.
Ich sitze da und hab auf einmal ein ganz anderes Gefühl es ist so hell draußen, fast als wärs schon Frühling, obwohls Herbst ist. Du glaubst nicht, wie ich mich auf das Abendessen plötzlich freue.
Und weißt du was? Kaum bin ich am Aufräumen, ruft meine Freundin Anna an. Völlig aus dem Häuschen erzählt sie: “Sabine, du glaubst nicht mein Mann und ich, wir haben die ganze Nacht dein Brot gegessen und plötzlich über unsere ganzen Probleme geredet. Wir haben uns wieder vertragen! Ich war so kurz davor auszuziehen!”
Kaum aufgelegt, ruft schon die nächste an. Und dann noch die dritte bei allen siehts plötzlich wieder rosig aus zu Hause. Wir lachen sogar am Telefon darüber, wie wir gestern Abend noch fest entschlossen waren, unsere Männer rauszuschmeißen.
Da steh ich also in der Küche, schneide nochmal eine Scheibe von dem Brot ab, rieche nochmal dran und auf einmal schmeckt es irgendwie nach… Liebe. Echt jetzt, wie verrückt klingt das denn? Aber so wars gestern ein bisschen Glück im Laib vom Dorfrand.





