WEDER MIT DIR, NOCH OHNE DICH
Schwöre niemals etwas. Auf gar keinen Fall.
Schwörst du ewige Liebe, und das Leben stellt dir doch eine neue Liebe in den Weg, vor der du nicht davonlaufen kannst.
Das Leben ist da sehr unberechenbar. Also: Lieb einfach, freu dich einfach, leb einfach das war der Rat, den meine Mutter, Ingrid Weber, mir immer mitzugeben versuchte, ganz überzeugt davon, dass es einfache Wahrheiten sind.
Neue Liebe? Mama, wie meinst du das? Für mich klingt das nach Verrat an dem Menschen, den man doch liebt, fragte ich, Sabine, erstaunt nach.
Sabinchen, vielleicht ist es Verrat, vielleicht sogar Untreue. Aber Wie soll ich dir das erklären? Die Liebe vergeht. Und man kann sie nicht aufhalten. Du wirst gleichgültig gegenüber dem Menschen, den du noch vor kurzem auf den Händen getragen hast. Zu versuchen, das Vergangene zurückzuholen, ist, als würde man Sand in der Wüste gießen. Völlig sinnlos. So etwas gibt es, Sabine …
Es kommt ein neues Gefühl. Nenn es Stromschlag. Die alte Liebe löscht sich aus, die neue bahnt sich ihren Weg. Du verstehst selbst nicht, warum es so ist. Warum plötzlich dieses Prickeln da ist. Es schmerzt und ist gleichzeitig zuckersüß. Wie soll man dieser zerstörerischen Leidenschaft widerstehen?
Du triffst jemanden, der deins ist, und alles andere erscheint fad. Nennen wir es das chemische Gefühl.
Wie erklärt man zum Beispiel die Farbe Rot? Es gibt keine passenden Worte. Mit Gefühlen ist es genauso, meinte meine Mutter, und man sah einen schweren Seufzer auf ihren Lippen.
Ich blickte meine Mutter an und dachte plötzlich, sie spricht wohl von sich selbst. Von einer heimlichen Liebe vielleicht?
Merkwürdige Dinge sagst du, Mama. Aber ich werde versuchen, dich zu verstehen, sagte ich, und verließ das Wohnzimmer.
Ich hoffe es… drückte mich meine Mutter fest an sich.
…Wie erklärt man seiner Tochter, wie auch sich selbst, dass es nicht darauf ankommt, wie viele Jahre du mit Ehemann oder Ehefrau verbracht hast ein Jahr, zwanzig Jahre…
Wie oft man gemeinsam durch schwere Zeiten gegangen ist
Wie viele Kinder man hat…
Es zählt letztlich nicht…
Plötzlich taucht genau dieser eine Mensch auf. Und du bist ihm ausgeliefert, landest ganz freiwillig in seiner Welt.
Du fragst dich: Wie konnte ich so lange atmen, leben ohne ihn? Wie nur?
Meine Mutter Ingrid starrte mit solch einer Hoffnungslosigkeit aus dem Fenster. Was nun?
Sie konnte diesen Mann nicht vergessen. Er war da, überall, und ließ ihr Herz nicht los. Ein Dorn, tief eingebohrt. Keine Therapie hilft dagegen. Es ist eben Liebe
Ich bin nicht schuld daran. Ich habe niemanden gesucht. Bernd hat mich gefunden. Er wird mich nicht gehen lassen. Ich bin schon oft vor ihm davongelaufen. Es hat nie funktioniert. Seine Berührung jagt mir Gänsehaut über die Haut. Es ist wohl Schicksal. Das ist einfach so.
Ingrid beschloss, meinem Vater nichts von ihrer Entscheidung zu sagen. Sie würde heimlich ihre Koffer packen und zu Bernd in eine andere Stadt ziehen. Dort würden sie gemeinsam ihr neues Familiennest aufbauen.
Bernd lud sie schon lange ein. Die Liebe war gereift
Mein Vater würde vielleicht schon ahnen, was los ist. Das letzte halbe Jahr nahm Ingrid abends ihr Handy immer mit ins Bad, versteckte es unter dem Kopfkissen, gab es kaum aus der Hand
Er ist schlau, er wird es verstehen…
Meine Tochter denkt Ingrid ist anständig. Hat ihren Mann gewählt und Schluss. Auch wenn sie rasch geheiratet hat, aber sie blieb immer treu. Keine Ausreißer, kein Nach-links-und-nach-Rechts-Schauen. Ein Fels. Sabine ist wie das Garn zur Nadel hinter ihrem Mann her. Familie ohne Makel. Sie bekam einen Sohn, ihre ganze Liebe steckte sie in ihn. Er ist allerdings kein typischer Mamasöhnchen. Ein Lausbub. Aber das Leben wird ihn schon richten, alles fügt sich irgendwann.
Endlich war Ingrid bereit für die Reise. Zum Geliebten. Für immer.
Doch dann änderte das Leben alles. Hart und unerbittlich. Es kam wie ein Schlag ins Gesicht.
Mein Vater lag plötzlich krank am Boden hilflos wie ein kleines Kind. Schlaganfall.
Früher war jedes Problem nur halb so groß, solange wir zusammenhielten
Jetzt war alles anders.
Ingrid wusste nicht mehr, wohin. Zwischen Bernd und meinem Vater hin- und hergerissen. Sie konnte Bernd nur noch anrufen. Momente der Verzweiflung und Leere folgten. Sie wollte weder Liebe noch Leidenschaft, einfach nichts mehr
Das Leben war komplett aus den Fugen geraten
Sie hatte Mitleid mit meinem Vater, konnte Bernd aber nicht vergessen (ihre Gefühle für ihn wurden nur noch stärker, nicht schwächer).
Ich, ihre Tochter, sah ihre Qualen und sagte:
Mama, ich kümmere mich um Papa. Du sollst auch an dein Leben denken…
Da weinte Ingrid, umarmte mich, und flüsterte:
Danke, meine Sabine. Du bist so eine kluge Tochter.
Am selben Abend stand Ingrid auf dem Bahnsteig und wartete auf den Zug.
…Das Wiedersehen mit Bernd. Tränen der Freude, gierige Küsse, belangloses Geplauder.
Na, mein Schatz, Ingrid hing an Bernd, ließ ihn lange nicht mehr los.
Inge, ich habe dich so sehr vermisst, und Bernd küsste liebevoll ihre Hand.
Die Nacht war wie ein Märchen. Bodenlos Leidenschaft, die alles zerriss, ersehntes Einssein, Genuss bis zur Gänsehaut, unstillbar
Die Laken kannten keine Ruhe mehr…
Wo ist der Himmel?
Wo die Erde?
Wie zum letzten Mal…
Oh, wie wichtig war dieses flüchtige Treffen!
…Drei Tage später saß Ingrid wieder am Bett ihres unbeweglichen Mannes…
Sie tupfte sich und ihm die Tränen aus dem Gesicht…
Heute, als ich am Fenster stehe und zurückblicke, weiß ich: Das Leben zwingt dich manchmal zu Entscheidungen, die richtig und falsch zugleich sind. Du kannst nicht immer alles planen, die Gefühle sind stärker. Aber niemand sollte zum Gefangenen seines eigenen Herzens werden. Letztlich bezahlt man für alles im Leben seinen Preis in Euro wie in Tränen.




