SICH DER LIEBE FÜGEN
Anna, komm zur Vernunft! Dein Auserwählter ist gerade mal achtzehn, du bist sechsundzwanzig! Ein echtes Traumpaar, wie aus dem Märchen. Was kann er dir schon bieten? Jede Menge Probleme, das ist alles. Deine Kollegen werden dich auslachen. Die Lehrerin, die sich in einen Schüler verliebt! Wo gibts denn sowas? Kündige lieber an der Schule, solange du kannst, sonst schmeißen sie dich wegen Unmoral raus, meine Mutter sparte nicht mit deutlichen Worten.
Mir war nur zum Heulen zumute. Es ist einfach passiert: Tobias und ich haben uns ineinander verliebt. Ja, er ist viel jünger als ich und mein Schüler. Doch in einem Jahr würde er sein Abitur machen. Dann heiraten wir. Der Altersunterschied wird niemandem mehr auffallen, nur ein bisschen Geduld brauche ich noch. Die Vorstellung, ohne ihn zu sein, machte mich fertig. Tobias war meine erste große Liebe. Meine Mutter übertrieb maßlos, wenn sie behauptete, alle wüssten von unserer Beziehung. Wir trafen uns immer heimlich.
Natürlich wusste ich, dass so eine heiße Nachricht sich in der Schule wie ein Lauffeuer verbreiten würde es würden bloß die Tauben nichts hören. Trotzdem konnte ich mich nicht beherrschen, zerfloss jedes Mal, wenn Tobias mich berührte, wartete fieberhaft auf jeden seiner Blicke. Ich wusste genau, welch schlechtes Vorbild ich gab. Als Lehrerin sollte ich Vernunft und Güte säen.
Meine Mutter war selbst Lehrerin und für sie gab es keine Entschuldigung für mein Verhalten. Ich bereute, dass ich ihr mein aufgewühltes Glück anvertraut hatte. Unterstützung konnte ich nicht erwarten. Wie oft ich mich im Kopf schon von Tobias getrennt hatte unzählige Male! Doch jedes Mal, wenn ich ihn sah, setzte mein Herz aus, der Atem stockte, und mir war alles egal: Ich liebte ihn! Alle Gebote waren ausgelöscht, ich ging gegen jede Vernunft an.
Mit Tobias fühlte ich mich wie ein dummes, junges Mädchen. Er war ein Ass im Unterricht, sportlich, überlegt im Leben. Unter den Mitschülerinnen war er sehr beliebt und meine Eifersucht plagte mich heimlich, versteht sich. Trotz allem war ich gleichzeitig glücklich und voller Sorgen.
Das letzte Glockensignal der Schule ertönte. Tobias wurde an der Universität angenommen. Ich… war schwanger.
Meine Mutter bemerkte meine Veränderung sofort und konnte sich den Kommentar nicht verkneifen:
Na, ihr beiden Täubchen, jetzt habt ihr den Salat. Und was nun? Willst du das Kind loswerden? Du hast ja auf mich nicht gehört, jetzt darfst du es ausbaden, du Dummerchen.
Nein, ich werde das Kind behalten, sagte ich ruhig.
Unsere Tochter Luise wurde geboren. Tobias aber war nicht bereit, mein Ehemann zu werden. Sein Studium kam für ihn an erster Stelle. Überhaupt entfernte er sich immer mehr von mir, wich unseren Treffen aus, vergaß zu telefonieren. Das Studentenleben, die Kommilitoninnen… So trennten sich unsere Wege. Für mich endete ein Traum. Ich blieb allein mit Luise. Und niemandem konnte ich die Wahrheit sagen dass ich eine Affäre mit einem Schüler hatte. Es gäbe nur Spott und Verurteilung. Mein Herz war wie taub.
Meine Mutter versuchte, mich zu trösten, als sie meinen Kummer sah:
Ich merke schon, zwischen dir und Tobias stimmt was nicht mehr. Kopf hoch, Anna, im kalten Asche glimmt manchmal noch eine Glut. Hör auf, dich kaputtzumachen. Es wird alles wieder gut, du wirst sehen.
Zwei Jahre vergingen, ohne dass ich Tobias wiedersah. Im Park, wo ich mit dem Kinderwagen spazieren ging, lernte ich Philipp kennen ich nannte ihn immer den Mann mit dem Dackel, denn er war stets mit seinem Dackelwelpen Emil unterwegs. Wir kamen ins Gespräch
Philipp war ein angenehmer, warmherziger junger Mann, voller Witz, mit einer besonderen Ausstrahlung. Es entstand eine wunderbare Liebe zwischen uns. Luise und Emil ließen wir oft bei meiner Mutter und genossen gemeinsam Kinoabende oder Cafés. Meine Mutter war glücklich:
Geht nur, ihr jungen Leute, genießt euer Leben, solange ihr könnt. Ich passe gerne auf meine Enkelin und den Dackel auf.
Nach einer Weile zogen Luise und ich zu Philipp. Es war ruhig und harmonisch bei uns, keine unnötigen Dramen. Frieden und Zufriedenheit
Eines Tages rief meine Mutter sichtlich aufgeregt an:
Anna, der Vater von Luise war hier. Hat auf dem Treppenhaus geschrien, nach dir verlangt. Ich hatte Angst und gab ihm eure Adresse. Jetzt weißt du, was aus deinem Vorzugsschüler geworden ist: Nach außen charmant, aber Sorgen hat er auch zu bieten.
Keine Sorge, Mama, wir regeln das schon, versuchte ich sie zu beruhigen, auch wenn ich selbst nervös wurde. Was wollte Tobias plötzlich von mir?
Kurz darauf stand Tobias vor meiner Tür:
Hallo Anna. Ich sehe, du hast es dir gemütlich gemacht. Da ist ein Mann, der mein Kind erzieht… Mit welchem Recht?
Tobias, wo steht, dass Luise deine Tochter ist? Du hast dich freiwillig von ihr abgewandt. Warum beschwerst du dich jetzt?
Tobias wurde gleich ruhiger:
Anna, ich will ja nichts Böses… Vielleicht sollten wir wieder zusammenziehen. Wir haben uns doch geliebt. Erinnerst du dich nicht?
Lange habe ich mich erinnert. Aber Philipp hat mir geholfen, dich zu vergessen. Danke, Tobias für alles. Aber du hast mich verloren, du bekommst mich nicht zurück. Leb wohl, sagte ich kühl und schloss die Tür hinter dem unangekündigten Gast.
Als Philipp abends von der Arbeit kam, merkte er gleich, dass mich etwas beschäftigte:
Ist was passiert, Anna?
Ich erzählte ihm von Tobias Besuch.
Ach, das ist doch egal. Mach dir keine Sorgen. Wahrscheinlich hatte er nur Sehnsucht. So läuft das manchmal. Komm, ruf deinen Ehemann zum Abendessen, lachte Philipp und zog mich in die Küche.
Ehemann? Mein Pass ist immer noch leer, was das betrifft, erwiderte ich mit einem Augenzwinkern.
Anna, willst du meine Frau werden? Philipp ging auf ein Knie und hielt meine Hände.
Hast du Angst, dass mein Ex mich dir wegschnappt? Ich musste lachen.
Und ob! Also, bist du einverstanden? Philipp wurde ernst.
Ich lasse es mir durch den Kopf gehen, kokettierte ich, wusste aber längst, dass Philipp alles für mich tun würde.
Im Sommer heirateten Philipp und ich standesamtlich. Er adoptierte Luise. Ein Jahr später wurde unser Sohn Moritz geboren. Wir bauten uns ein liebevolles Zuhause.
Tobias ließ uns in Ruhe. Vom Hörensagen wusste ich, dass er eine Kommilitonin geheiratet hatte, die ihn aber mit einem dreimonatigen Baby sitzenließ und mit einem Offizier in eine Garnisonsstadt zog.
Die Jahre vergingen wie im Flug.
Philipp und ich sind mittlerweile grau an den Schläfen.
Luise heiratete einen Italiener und lebt nun in Italien. Den Enkel von Dackel Emil nahm sie mit:
Wenigstens ein Familienmitglied soll mir dort die Heimat ersetzen!
Eine Sorge blieb: Moritz. Mein Sohn ist zweiundzwanzig, studiert an der Akademie und ist hoffnungslos in seine Literaturdozentin verliebt. Offenbar erwidert sie seine Gefühle. Es scheint fast eine Art Familienmuster zu sein. Ich weiß nicht, wie ich mich verhalten soll: Diese verbotene Liebe akzeptieren oder ihn abhalten? Mich an mich selbst erinnernd weiß ich: Abhalten funktioniert nicht. Wie ich damals, liebt er mit ganzem Herzen, kopflos. Es gäbe vielleicht keinen Rat, und ohnehin hört niemand darauf. Jeder muss seine eigenen Fehler machen, eigene Wege gehen.
Moritz, entscheide du. Ich habe nur eine Bitte: Tu dieser Frau niemals weh. Setze sie nicht dem Spott aus. Sei ein Mann. Denk gut nach, bevor du diesen Schritt wagst. Das sind keine leichten Dinge, mehr konnte ich ihm nicht sagen.
Mama, du und Papa seid für mich das beste Vorbild. Danke, dass ihr keine Vorträge haltet, Moritz küsste mich auf die Wange.
Eine große Hochzeit gab es nicht. Die Dozentin, Marina, und Moritz heirateten still auf dem Standesamt. Nach einiger Zeit kam ihre Tochter Zoe zur Welt.
Gegen die Liebe ist niemand gefeit Mein Leben hat mir gezeigt: Manchmal muss man sich der Liebe einfach fügen.





