DER LÖWENZAHN
An Gerdas Seite war einst ihr Mann, Thomas, der als Gynäkologe in der Geburtsstation des Städtischen Krankenhauses in München arbeitete. Das Ehepaar wünschte sich sehnlichst Nachwuchs, doch in Gerda wollte einfach kein neues Leben erwachsen.
Thomas behandelte seine Frau selbst, reiste mit ihr nach Bad Tölz und Bad Kissingen, empfahl Kuraufenthalte, Heilbäder und zog Kollegen zu Rate aber alles blieb vergeblich. Fünf Jahre verstrichen in Sorgen um Gerdas Gesundheit.
In der letzten Zeit kam Thomas immer später von der Arbeit nach Hause, schien heiterer als sonst, machte sich mit spöttischen Bemerkungen über Gerda lustig. Eines Tages nannte er sie im Vorbeigehen gar einen Löwenzahn, ein bitteres Wort für jemanden, der zwar blüht, aber keine Frucht bringt. Die Wärme zwischen ihnen war verschwunden.
Oft erzählte Thomas nun von der neuen Krankenschwester auf seiner Station. Er nannte sie “mein Schwesterchen”. Woher dieser Ton? All die Veränderungen ließen nichts Gutes ahnen. Gerda vermutete, dass Thomas sich eine sichere Landebahn geschaffen hatte. Eines Tages fasste sie sich ein Herz und beschloss, ihn unangekündigt im Krankenhaus aufzusuchen.
Gerda betrat das Krankenhaus nur ungern. Überall glückliche Mütter, kreischende Neugeborene, stolze Väter mit Sträußen, laute Verwandte, überall der Duft nach Leben und Freude für Gerda war das kaum zu ertragen. Sie glaubte, für immer dieser Freude beraubt zu sein.
Behutsam klopfte sie an Thomas Tür. Man weiß ja nie.
“Kommen Sie herein”, vernahm sie seine Stimme.
Zögernd trat sie ein.
“Was machst du denn hier, Gerda?” Thomas sah überrascht auf.
“Nichts, ich habe dich einfach vermisst”, antwortete Gerda mit gespielter Leichtigkeit.
“Gab es einen Grund? Ist bei dir etwas passiert?”
“Bei mir nein. Und bei dir, mein Liebster?”
Plötzlich stürmte eine junge Frau herein, ohne Klopfen. Weißer Kittel, weiße Haube, und ein verführerischer Duft erfüllte das Zimmer. Sie beachtete Gerda nicht weiter und sagte verschwörerisch:
“Thomas, unser Termin steht? Heute Abend bei mir?”
Thomas unterbrach rasch:
“Das ist meine Frau, Anna, darf ich vorstellen.”
“Oh, entschuldigen Sie bitte! Ich dachte, das wäre eine Patientin. Sehr erfreut!”, rief Anna und verschwand hastig, ihr Parfüm noch im Raum.
“Wirst du noch etwas sagen, Thomas?” Gerda war sprachlos.
“Können wir das bitte zu Hause besprechen? Ich muss noch viel tun”, sagte Thomas knapp.
“Ich verstehe Du willst dich also nicht einmal rechtfertigen?” Gerda war ruhig, beinahe giftspritzend.
Innerlich flehte Gerda: Lüge mich doch wenigstens ein wenig an, und ich glaube dir!
Das Telefon klingelte. Thomas griff hastig nach dem Hörer.
“Ja, ich komme sofort!”, rief er und war weg.
Gerda schlurfte nach Hause. Keine Tränen nur Leere. “Da ist sie nun, seine Schwester. Die macht vor nichts halt. Hübsch ist sie, ihr Duft sicher geschenkt, Annas Parfüm. Von ihm? Teuer.”
Mit gesenktem Haupt kam Gerda nach Hause.
Am Abend stand das schmerzhafte Gespräch an. Doch Thomas kam erst in den Morgenstunden. Gerda fragte ihn nicht, wo er gewesen war. Wozu noch?
Sie fühlte einen tiefen Bruch in sich. “Das ist das Ende”, dachte sie.
Thomas packte am nächsten Tag wortlos seine Sachen. Dann trat er hinter sie, so dass sich ihre Blicke nicht trafen, und sagte:
“Gerda, vergib mir. Unser Leben ist wie ausgebleicht. Die Jahre ziehen ins Land, und ich sehne mich nach Kindern.”
“Lass gut sein, verschone mich mit Ausreden! Ich weiß ich bin ein Löwenzahn. Ich wünsche euch viel Glück und viele Erben. Auf Wiedersehen, Thomas.”
Die Tür fiel ins Schloss. Gerda trat ans Fenster. Unter dem Vorhang sah sie, wie Thomas ins Taxi stieg. Neben ihm saß Sie. Die Rivalin. Fort.
Gerda kochte Kaffee, zündete sich eine Zigarette an. Sie versuchte, Thomas in ihren eigenen Augen zu entschuldigen. “Er hat alles versucht für mich. Er wollte ein richtiges Zuhause. Unsere Ehe stand wohl auf Sand. Ich hätte ihm niemals ein Kind schenken können. Verdammt! Dennoch…”
Das Glück schien dahin, endgültig und unumkehrbar. Die Liebe zu Thomas aber war nicht tot; irgendwo im Inneren lebte sie fort.
Später erfuhr Gerda von gemeinsamen Freunden, dass Thomas Vater geworden war. Die Krankenschwester hatte eine Tochter geboren.
“Er muss überglücklich sein! Endlich ein Kind. Meine Güte, ich bin 27 wird mir im Leben denn gar nichts geschenkt?”, seufzte Gerda.
Mit ihrem Schicksal hatte sie sich beinahe abgefunden. Was machen Frauen in solchen Situationen? Karriere! Aber Gerda wollte stattdessen ein Kind adoptieren. Es wurde abgelehnt: “Sie haben keine intakte Familie.”
Dann dachte sie über das Klosterleben nach, lebte einige Wochen im Benediktinerinnenkloster. Doch eine erfahrene Schwester sagte zu ihr:
“Mädchen, es ist noch zu früh für dich. Geh zurück in die Welt, dein Glück ist zum Greifen nah!”
Irgendwie glaubte Gerda ihr. Hoffnung kehrte ein. Oh, wunderbar heilende Zeit!
Bald änderte sich ihr Leben tatsächlich. Eine Freundin lud sie in die Münchner Kammerspiele ein. Im Foyer lernte sie einen Mann kennen: Sebastian stellte sich vor. Sofort empfand sie großes Vertrauen. Sie wollte ihm alles erzählen nach und nach, ganz und gar, ohne etwas zu verbergen. Er verstand. Einen solchen Menschen findet man selten.
Sebastian verliebte sich rasch in Gerda. Lange Dates gab es nicht warum warten? Beide waren bereit für ein Leben zu zweit. Gerda, von der Vergangenheit gewarnt, gestand Sebastian vor der Hochzeit von ihrem Makel. Er aber ließ sich davon nicht beirren.
Am Hochzeitstag flüsterte Sebastian seiner Braut ins Ohr:
“Wir schaffen das, Liebste! In Freude und Leid stehe ich zu dir, meine kleine Gerda!”
Sieben Jahre später hatten Gerda und Sebastian drei Kinder. Zwei Töchter und einen Sohn.
Gerda lachte:
“Sebastian, vielleicht reichts?”
Er sah sie verliebt an:
“Wie Gott es will, meine Liebe!”
In dieser Familie war das Glück eingezogen. Für immer.
Eines Tages, beim Spaziergang im Englischen Garten mit ihren Kindern, begegnete Gerda Thomas wieder. Zehn Jahre hatten sie sich nicht gesehen. Sie rief ihn. Erst erkannte er seine Ex-Frau nicht, dann lächelte er, seine Miene hellte sich auf.
“Bist du es, Gerda? Wie gut du aussiehst! Ich habe viel von deiner Familie gehört ihr macht das toll! Dein Sohn sieht dir sehr ähnlich. Die Töchter wohl nach dem Vater?” fragte Thomas verlegen.
“Ja, Sebastian ist wundervoll! Er liebt mich, und ich verehre ihn von ganzem Herzen!”, antwortete Gerda stolz.
“Und wie gehts dir, Thomas? Deine Tochter ist sicher groß geworden”, erkundigte sie sich.
“Nein, Gerda. Ich habe keine Tochter.” Das Lächeln verschwand von Thomas Gesicht.
“Wie das?”, fragte Gerda erstaunt.
“Ich bin dir etwas schuldig, Gerda. Wie sagt man: ‘Im Nebel die Irre, im Leben der Betrug’. Meine zweite Frau hat mich hintergangen. Die Krankenschwester. Sie bekam ein Mädchen doch das war nicht mein Kind. Braune Augen, während wir beide blauäugig sind. Das hätte ich als Arzt sofort wissen müssen. Anfangs sind alle Babys blauäugig, später zeigt sich die Wahrheit. Nach einem halben Jahr war klar: Das Mädchen ist nicht mein Kind. Die Mutter gestand alles. Sie wollte einen Vater für ihr Kind, aber der leibliche hatte sich abgewandt und mich hatte sie zur Hand. So landete ich in ihrem Netz. Kurz: Wir trennten uns. Auf Lüge kann man kein Leben bauen.”
“Ich zog wieder zurück zu meiner Mutter. Als sie von allem erfuhr, gestand sie mir: Ich hatte als Kind Mumps und kann seitdem keine Kinder zeugen. Absolute Unfruchtbarkeit. Ich war der eigentliche Löwenzahn und habe dich jahrelang gequält!”
“Mach dir nichts daraus, Thomas. Als Arzt schenkst du so vielen Frauen das Glück der Mutterschaft, hilfst Kindern ins Leben. Ist das nicht genug?” Gerda streichelte ihm tröstend den Arm.
“Danke für deine guten Worte, Gerda! Zum Glück habe ich heute auch eine Familie gefunden. Im Krankenhaus brachte eine junge Frau einen Jungen zur Welt ohne Mann, ganz allein. Der Junge war reizend! Wir kamen ins Gespräch, lernten uns kennen. Sie heißt Olga. Weißt du, Gerda, zuerst habe ich mich in ihren Sohn verliebt. Was damals in mich gefahren ist, verstehe ich selbst nicht. So ein kleiner, hilfloser Kerl. Er war einfach meiner! Also beschlossen wir, zu dritt unser Leben zu teilen. Ich habe Olga meine Situation erklärt. Sie hat es angenommen, als natürliche Fügung. Kürzlich haben wir kirchlich geheiratet. Jetzt sind wir drei! Verstehst du, Gerda?”, sprudelte es aus Thomas hervor.
“Ich verstehe dich. Ganz und gar…”




