Tagebuch, 17. Oktober
Manchmal frage ich mich, wie das Leben so anders verlaufen kann, als man es sich einst ausmalte. Ich, Johann-Dieter Schröder, hätte nie gedacht, dass mein letzter Lebensabschnitt hinter einem fremden Tor beginnt, bewacht von Pflegekräften, inmitten anderer Menschen, die wie ich von ihren Kindern abgeschoben wurden. Ich hatte mir Respekt erwartet. Ein bisschen Geborgenheit. Ein kleines Stück Frieden. Mein Leben lang war ich fleißig, habe für meine Familie gesorgt, alles um meine Frau Hildegard und unsere Tochter Bärbel aufgebaut.
Mit Hildegard verbrachte ich über dreißig gemeinsame Jahre. Wir waren unzertrennlich. Als sie vor vier Jahren verstarb, wurde die Wohnung unwirklich still und leer. Mein einziger Halt war nun Bärbel, meine Tochter, und meine Enkelin, Marie. Ich half, wo ich konnte: kümmerte mich um Marie, gab meine Rente für die Einkäufe aus, hütete das Kind, wenn Bärbel und ihr Mann bei der Arbeit oder unterwegs waren. Doch dann kam die Wende.
Plötzlich begegnete Bärbel mir mit kaltem Blick, wenn ich zu lange in der Küche blieb. Mein Husten störte sie. Papa, du hattest doch dein Leben gib endlich den anderen Raum!, wurde ihr Leitspruch. Mehr und mehr drängte sie auf ein schönes Heim mit Pflegekräften und Fernsehen. Ich wehrte mich.
Bärbel, das ist meine Wohnung. Wenn dir alles zu eng ist, geh doch zu deiner Schwiegermutter die hat drei Zimmer für sich allein.
Du weißt, das geht nicht! Außerdem, fang jetzt nicht wieder damit an!, gab sie zurück.
Du willst doch nur die Eigentumswohnung. Anstatt deinen Vater rauszuwerfen: Werd halt selbstständig!
Sie nannte mich egoistisch und drohte, eine Lösung zu finden. Eine Woche später packte ich meine Sachen. Nicht freiwillig, sondern weil ich das Gefühl, ein Fremder im eigenen Zuhause zu sein, nicht länger ertrug. Ich sagte kein Wort mehr. Bärbel wirkte beinahe erleichtert. Sie hätte mich noch am liebsten selbst bis an die Tür geführt.
Im Altenheim bekam ich ein schmales Zimmer, mit Fenster und einem kleinen Röhrenfernseher. Die Tage verbrachte ich nun im Garten, unter freiem Himmel, mit anderen Vergessenen wie ich.
Ihre Kinder haben Sie hergebracht?, fragte mich eines Tages meine Sitznachbarin.
Ja. Meine Tochter meint, ich wäre überflüssig geworden, gab ich leise zurück.
Bei mir das Gleiche. Mein Sohn hat nur noch Augen für seine Frau. Ich bin Renate.
Johann-Dieter. Freut mich, antwortete ich.
Wir freundeten uns an. Der Schmerz war zu zweit etwas leichter zu tragen. Ein Jahr verging. Bärbel meldete sich nie. Kam nie vorbei.
Eines Tages, als ich las, sprach mich eine vertraute Stimme plötzlich an.
Johann-Dieter? Was für ein Zufall, Sie hier zu sehen, wunderte sich meine alte Nachbarin aus dem Haus, Frau Dr. Bergmann, die inzwischen als Ärztin die Heimbewohner betreute.
Tja, so ist das. Seit einem Jahr. Keiner will mehr was von einem wissen. Kein einziges Wort.
Komisch Bärbel erzählte, Sie hätten sich ein Häuschen auf dem Land gekauft, um sich eine Auszeit zu gönnen.
Das hätte ich mir gewünscht Stattdessen verfaule ich hinter diesen Gittern.
Frau Dr. Bergmann schüttelte den Kopf, betroffen. Nach ihrer Runde kam sie wieder. Unsere Begegnung ließ sie nicht los. Zwei Wochen darauf kam sie mit einem Angebot:
Johann-Dieter, das Haus meiner Mutter im Schwarzwald steht leer sie ist letztes Jahr gegangen, wir haben alles geräumt. Gemütlich, mit Wald und einem Bach ganz in der Nähe. Wenn Sie es möchten, können Sie dort einziehen. Ich fahre nicht mehr hin, und der Gedanke an einen Verkauf bricht mir das Herz.
Ich weinte. Eine beinahe Fremde bot mir an, wozu meine eigene Tochter nicht bereit war.
Darf ich Sie um eines bitten? Es gibt hier eine liebe Frau Renate. Sie hat auch niemanden mehr. Ich würde gerne mit ihr dorthin gehen.
Natürlich, lächelte Dr. Bergmann. Wenn sie einverstanden ist kein Problem.
Ich lief sofort zu Renate: Pack deine Sachen! Wir gehen! Ein Haus im Schwarzwald, frische Luft, Freiheit. Das wird gut. Warum sollten wir hierbleiben?
Nichts wie los! Auf in ein neues Leben!
Wir packten zusammen, holten unsere letzten Ersparnisse und kauften Vorräte im kleinen Laden an der Ecke. Frau Dr. Bergmann fuhr uns höchstpersönlich, bestand darauf. Als wir am Ziel waren, umarmte ich sie so viel Dankbarkeit kann man kaum in Worte fassen. Ich bat sie nur: Sagen Sie Bärbel nichts. Ich will von ihr nichts mehr hören.
Dr. Bergmann nickte und lächelte. Sie meinte, sie habe nichts Besonderes getan nur menschlich gehandelt. Was heute fast schon eine Heldentat ist.



