Ann-Kathrin, um Himmels willen … Was ist passiert? Warum stehst du mitten in der Nacht hier vor der Tür? Ihr habt doch gestern noch angerufen und gesagt, ihr wollt zur Kunstausstellung.
Die Ausstellung ist ins Wasser gefallen. Genau wie mein ganzes normales Leben, Ann-Kathrin ließ ihre Tasche demonstrativ aufs Parkett fallen. Ich bleibe jetzt bei euch wohnen. Bis euer … Sohn … zur Vernunft kommt, sich entschuldigt oder wir uns scheiden lassen.
Ich brauche Geld zum Mieten, aber das hab ich nicht. Dann verkauft er eben das Auto und gibt mir meinen Anteil.
Jürgen schnaufte hörbar und lehnte sich schwer gegen den Türrahmen.
Das Auto? Das wir euch zur Hochzeit geschenkt haben?
Ganz genau, unterbrach Ann-Kathrin schneidend. Ein Geschenk an uns beide. Mir gehört die Hälfte.
Bis ich Bargeld bekomme, gehe ich hier kein Stück weg.
Zu meiner Mutter aufs Dorf gehe ich garantiert nicht zurück! Und ihr dürft mich hier nicht rauswerfen, verstanden?!
Es war zwei Uhr nachts, als das Gartentor zuschlug, und Brigitte wurde jäh wach. Sie richtete sich auf und horchte.
Nach ein paar Minuten polterte es unten jemand klopfte laut an die Türe.
Brigitte bekam Panik.
Jürgen, steh auf. Ich glaube, hier brechen Einbrecher ein. Sie stieß ihren Mann sanft an.
Der brummte nur etwas Unverständliches, stand aber auf, schlüpfte in die Pantoffeln und schlurfte zur Tür.
Ann-Kathrin stand im Türrahmen. Ihr Blick war herausfordernd: verschmierte Wimperntusche, die Lippen zu einem Strich gepresst, in der Hand eine riesige Tasche, aus der der Saum eines rosafarbenen Seidenmorgenmantels hing.
Er hat mich rausgeschmissen, giftete sie zur Begrüßung und drängelte sich an den Schwiegereltern vorbei in den Flur. Hat gesagt, ich könne gehen, wohin ich will.
Brigitte schaute hilflos zu ihrem Mann.
Es war unbegreiflich vor einem Jahr hatten sie noch auf der Hochzeit getanzt und waren so froh gewesen, dass Philipp so eine aufgeweckte, hübsche Frau gefunden hatte.
Ann-Kathrin hatte ihre eigenen Eltern nicht zur Hochzeit eingeladen die tranken zu viel und hätten mit ihrem Verhalten das Fest ruiniert.
Brigitte hatte damals angeboten:
Wir bezahlen alles. Wir holen sie mit dem Auto ab, sorgen für passende Garderobe und lassen den Alkohol im Saal weg.
Aber Ann-Kathrin hatte scharf abgelehnt:
Das wäre mir total peinlich!
Ein Jahr war vergangen. Jetzt stand die Schwiegertochter wortlos im Flur.
Komm erstmal mit in die Küche, ich mache Tee, sagte Brigitte leise, dann erzählst du alles in Ruhe.
Lass den Tee. Ich will einfach nur schlafen. Ich habe die Nase voll von diesem Theater, euer Sohn geht mir nur noch auf die Nerven!
Ann-Kathrin schnappte sich ihre Sachen und verschwand wortlos die Treppe nach oben.
***
Am nächsten Morgen klingelte Brigittes Telefon pausenlos; Philipp rief unentwegt an. Sie ging in den Keller hinunter, um mit dem Sohn in Ruhe zu sprechen.
Mama, jetzt im Ernst … Warum lasst ihr sie rein?
Philipp, wohin sollte sie denn sonst? Es war mitten in der Nacht, sie war fix und fertig …
Der Sohn schnaubte trocken.
Sie weiß genau, was sie tut. Sie wollte, dass ich die Hälfte der Wohnung auf sie überschreibe, die ihr mir vor der Hochzeit gekauft habt.
Sie meint, sie hätte ein Anrecht auf die Hälfte, weil sie so viel Energie ins Gemütliche gesteckt hat.
Als ich nein gesagt habe, hat sie angedroht, dass sie sich schon zu rächen weiß.
Sie redet auch von dem Auto, Philipp. Und, dass du sie rausgeworfen hast.
Ich habe sie nicht rausgeworfen! Ich habe nur gesagt, wir brauchen Abstand, nachdem sie plötzlich alles aufteilen will. Dann hat sie ihre Sachen gepackt und gemeint, ihr würdet sie schon unterstützen, weil ihr ja so nett seid und jeden aufnehmt.
Mama, du merkst schon, wie das aussieht du verrätst mich gerade.
Wir können sie nicht einfach auf die Straße setzen, Junge.
Na, dann lebt halt mit ihr. Aber beschwert euch hinterher nicht.
Philipp legte auf. Brigitte stand lange mit dem Handy in der Hand, das Gesicht ins Display gedrückt.
***
Eine Woche verging. Ann-Kathrin kam kaum aus ihrem Zimmer. Sie tauchte nur mittags kurz auf, schaufelte wortlos etwas Essen auf den Teller und verschwand wieder.
Brigittes Gesprächsversuche blockte sie ab.
Ann-Kathrin, wir sollten mal reden. Ihr könnt doch nicht ewig so weiterleben…
Warum nicht? sagte Ann-Kathrin kühl und sah vom Teller auf. Ein Dach über dem Kopf. Das Essen schmeckt. Philipp reicht die Scheidung nicht ein, hat wohl Angst …
Mir passt das so.
Wovor sollte er Angst haben? warf Jürgen ein. Die Wohnung gehört ihm. Das Auto … nun ja, das wird man wohl teilen müssen, das ist wahr.
Aber du bist doch jung willst du wirklich so leben, bei Leuten, die du ignorierst?
Ann-Kathrin stellte den Teller demonstrativ ab.
Ihr habt mir das doch versprochen, wisst ihr noch? Unser Haus ist auch dein Zuhause so habt ihr doch damals beim Sekt gesagt. Also bin ich jetzt hier.
Dass Philipp geizig ist, daran bin ich nicht schuld. An dieser verkorksten Türkei-Reise erinnert er mich übrigens immer noch!
Was gab es denn an der Türkei auszusetzen? wunderte sich Brigitte. Fünf Sterne, direkt am Strand. Wir haben uns Mühe gegeben.
Zwölf Nächte? Im Ernst? Normale Leute fahren für zwei Wochen in gute Hotels und nicht dorthin, wo die Animateure kaum Deutsch sprechen. Ich konnte nicht mal Fotos posten, so peinlich war das.
Jürgen lief rot an.
Peinlich? Die ganze Hochzeit hat uns ein Vermögen gekostet! Wir haben die Hälfte gezahlt, obwohl wir nicht mussten und …
Hättet ihr halt gelassen, schnitt ihm Ann-Kathrin das Wort ab. Aber ihr wolltet ja großzügig spielen. Dann zieht das jetzt durch bis zum Ende.
Entweder Philipp zahlt mir zwanzigtausend Euro für das Auto und als Schmerzensgeld, oder ich bleibe hier wohnen.
Ich habe ein Recht darauf. Ich bin schließlich seine Frau. Und meinen Wohnsitz habt ihr auch noch letzte Woche hier angemeldet oder schon vergessen?
Sie ging und ließ absichtlich das Geschirr auf dem Tisch stehen.
***
Am Abend saß Brigitte auf der Terrasse. Ihr Mann kam dazu.
Weißt du was? flüsterte er. Sie zieht das mit Absicht durch. Hand aufs Herz, sie weiß, du bist zu weich du bringst es nicht übers Herz, sie hinauszuwerfen.
Philipp hält uns für Verräter, seufzte Brigitte.
Weil er nicht früher alles erzählt hat. Ich hab ihn heute in der Stadt getroffen.
Weißt du, warum sie aus der Wohnung flog? Sie hat im Geheimen einen Kredit aufgenommen, auf ihren Namen, und zwar einen enormen.
So Coaching-Kurse gekauft und Markenklamotten. Als dann die Inkassofirmen anriefen, musste er es lösen: Wir sind doch Familie!
Er hat sich geweigert. Da ist sie abgehauen hier findet sie kein Inkasso, hoher Zaun, keiner kommt rein.
Brigitte schlug die Hände vors Gesicht.
Kredit? Aber wozu? Sie hatte doch alles.
Ehrgeiz, Brigitte. Sie wollte wie im Fernsehen leben, aber dafür arbeiten das wollte sie nicht. In dem Jahr hat sie nicht einmal ernsthaft nach Arbeit geschaut. Immer nur auf Selbstverwirklichung.
Das Ehepaar diskutierte noch stundenlang, fand aber keine Lösung.
Jürgen behielt Recht Brigitte brachte es nicht übers Herz, Ann-Kathrin rauszusetzen.
Am nächsten Morgen kam Philipp vorbei.
Hallo, sagte er knapp und ging direkt ins Wohnzimmer. Wo ist sie?
Oben, Brigitte wollte ihn zurückhalten. Philipp, bitte …
Jetzt reichts.
Er stapfte die Treppe hoch. Nach kurzer Zeit hallte wütendes Schreien durchs Haus. Brigitte und Jürgen blieben wie angewurzelt stehen.
Du dachtest wohl, ich erfahre nie von den Schulden? brüllte Philipp. Und die Eltern sollen jetzt für dich aufkommen, was?! Du bist wohl völlig übergeschnappt!
Das sind unsere gemeinsamen Schulden! kreischte Ann-Kathrin zurück. Ich habe die Sachen gekauft, damit du nicht mit einer grauen Maus ausm Dorf verheiratet bist!
Diese Handtaschen für dreitausend Euro sind dein Ernst? Pack deine Sachen. Sofort.
Du hast kein Recht! Das ist auch mein Zuhause!
Du bist hier nur Gast, Ann-Kathrin! rief Jürgen, der schon auf der Treppe stand. Deine Anmeldung ist nur temporär, aus reiner Freundlichkeit für sechs Monate. Die lasse ich heute noch löschen. Ich habe immer noch Kontakte beim Einwohnermeldeamt.
Ann-Kathrin stürmte aus dem Zimmer.
Ach so ist das! Alles gegen mich? Und was war mit Tochterherz und Ann-Kathrinchen?
Heuchler! Ihr habt mir das Leben ruiniert!
Wenn nicht euer Billig-Türkei-Urlaub und dieses klapprige Auto wären, dann …
Das reicht jetzt, sagte die sonst so höfliche Brigitte plötzlich schroff. Wir haben dir alles gegeben, was wir konnten. Mehr, als du verdient hast.
Wir haben dir alle Wünsche erfüllt, obwohl deine Eltern nie nach dir geschaut haben. Wir haben dich nie verurteilt.
Aber Frechheit und Lüge das ist das Ende. Pack deine Sachen, du bist hier nicht mehr erwünscht.
Geht zum Teufel! Ann-Kathrin stürzte ins Zimmer, schmiss wahllos ihre Sachen in den Koffer. Philipp, du wirst dich noch wundern!
Ich fordere meinen Anteil an allem! Die Wohnung wurde gekauft, als wir schon zusammen waren! Ich zieh dich vor Gericht!
Viel Glück, erwiderte Philipp kalt. Die Wohnung gehört mir schon vor der Ehe Schenkung auf meinen Namen.
Und das Auto … weißt du was? Ich hab gestern im Handschuhfach das gefunden, was du versteckt hast.
Du wolltest den Wagen schon ins Pfandhaus bringen, oder? Hast sogar meine Unterschrift gefälscht?
Ann-Kathrin erstarrte, einen Sneaker in der Hand.
Das … ist nicht, wie du denkst, stammelte sie.
Es ist genau das. Betrug, Ann-Kathrin. Strafbar. Also folgende Abmachung: Du nimmst jetzt deinen Koffer, gehst hier raus und unterschreibst, dass du auf alle Ansprüche verzichtest.
Dafür gehe ich nicht zur Polizei.
Sie stand reglos.
Ich hab kein Zuhause, sagte sie leise. Nicht mal Geld für die Straßenbahn.
Ich bezahl dir die erste Monatsmiete für ein kleines Apartment in der Stadt, sagte Jürgen. Und gebe dir ein paar hundert Euro. Aber das ist alles. Keine Autos mehr, keine Anteile.
So ist es fair, stimmte Brigitte zu. Du wolltest Unabhängigkeit und Geld jetzt kannst dus dir selbst verdienen.
Ann-Kathrin packte schweigend ihre Sachen, und Philipp brachte sie zum Gartentor. Mit einem Taxi, bezahlt von der Schwiegermutter, fuhr sie in ein Hotel.
Als das Tor hinter ihr zuschlug, kehrte Philipp ins Haus zurück. Er ließ sich auf die Couch sinken und vergrub das Gesicht in den Händen. Brigitte setzte sich schweigend neben ihn und legte ihre Hand auf seine Schulter.
Es tut mir leid, Philipp. Wir dachten, es wäre das Richtige. Wir wollten es nur gut machen.
Ihr seid nicht schuld, Mama, murmelte er. Ich wollte an ein Märchen glauben. Wenn man jemanden mit Liebe und allem drum und dran überschüttet, wird alles gut.
Aber der Charakter bleibt, wie er ist. Kein Wunder, dass sie ihre Eltern nicht eingeladen hat sie ist denen ähnlicher, als sie denkt …
Jürgen setzte sich dazu.
Was machst du jetzt mit dem Auto?
Verkaufen. Ich tilge die Hälfte ihres Kredits, damit mich die Gläubiger in Ruhe lassen, und hake das Jahr ab.
Die Wohnung gebe ich wahrscheinlich auch auf … Da will ich nicht mehr wohnen.
Komm solange zu uns zurück, lächelte Brigitte. Dein altes Zimmer ist frei.
Philipp sah zum ersten Mal seit Langem auf und lächelte schwach.
Gern, Mama. Machen wir so.
***
Ann-Kathrin schwankte wochenlang zwischen Bitten, dass Philipp sie zurückhole, und Drohungen mit Anwälten. Die Scheidung dauerte lang, war voller Streitereien und Vorwürfe, aber Philipp kam mit geringem Schaden davon.
Den Kredit der Exfrau tilgte er zur Hälfte. Hätte Ann-Kathrin sich fair verhalten, hätte er ihn ganz übernommen.
Nach der Scheidung verschwand sie spurlos und Philipp war mehr als nur erleichtert.





