So ein Quatsch, sagte mir Annika triumphierend. Ilyas Mutter hat praktisch nur darauf gewartet, dass ihr Sohn heiratet und ihr Enkel schenkt. Sie hat sich echt darauf vorbereitet.
Ich muss von vorne anfangen. Ich, Miriam, habe mit 21 geheiratet aus Liebe und trotz der Warnungen meiner Mutter.
Er ist doch 22 Jahre älter als du! Überleg mal, in zehn Jahren bist du noch jung und voller Energie, aber er ist dann schon fast Rentner und bringt sicher seine Zipperlein mit! hat sie immer wieder gesagt.
Ach, Mama! Wo hast du denn diese dummen Sprüche her? habe ich genervt zurückgeblafft. Das ist echt nervig.
Ich bin bei Steffen wie hinter einer Mauer beschützt! Und wir lieben uns. Lieben! Kannst du das nicht akzeptieren?
Ich blieb stur. Und schließlich fand die Hochzeit statt.
Nach dem Fest bin ich direkt zu ihm nach Hannover gezogen. Er war zwar “nur” Sachbearbeiter, aber sehr umsorgend und hat mir fast jeden Wunsch erfüllt (obwohl das gar nicht so viele waren). Nur durch ihn konnte ich das Studium zu Ende bringen ohne blöde Nebenjobs, und er sorgte dafür, dass ich später im Büro eines seiner alten Freunde eine leichte Stelle bekam.
Die Jahre waren angenehm und leicht, wir lachten viel zusammen. Bald mussten die Skeptiker einsehen, dass wir eine glückliche kleine Familie waren.
Selbst meine Mutter fing an, Steffen zu mögen. Seine beiden Töchter hatten irgendwann aufgehört, mich schief anzusehen, und wir Frauen verstanden uns, wenn auch auf Abstand, höflich genug.
Bei der Scheidung von seiner ersten Frau hatte Steffen fast alles für die alte Familie dagelassen, obwohl der Trennungswunsch von ihr ausgegangen war.
Wir lebten nicht im Luxus, aber es fehlte an nichts.
Bis zu dem schrecklichen Tag, als Steffen plötzlich einen Herzinfarkt erlitt.
Diese Zeit war grauenvoll! Nächtelang saß ich im Krankenhaus, und als er zurückkam, pflegte ich ihn zu Hause aufopferungsvoll.
Zum Glück überstand er die Krise.
Aber nach der Reha in Baden-Baden hat Steffen dann seine Stelle aufgegeben und beriet nur noch sporadisch ein paar Leute. Raus aus dem Haus ging er fast nur noch für kurze Spaziergänge um den Maschsee.
Und was mich besonders bedrückte unser Liebesleben war praktisch vorbei.
Miriam, du weißt doch, alles, was in irgendeiner Form Stress bedeutet, ist für mich riskant, sagte er mit schwacher Stimme. Nimm’s mir nicht übel, ja?
Aber natürlich nehme ich dir nichts übel, Steffen! protestierte ich Hauptsache, du bleibst gesund.
Doch egal, was ich sagte die Natur ließ sich nicht betrügen. Schon früher waren unsere Temperamente nicht ganz auf einer Linie gewesen, aber jetzt das war schwer zu ertragen.
Ich begann zu leiden bis ich schließlich einen Verehrer fand. Dieser junge Mann, Paul, tauchte eines Tages in unserer Firma auf, etwa in meinem Alter.
Paul war zurückhaltend, höflich und leise. Er zog schnell die Blicke vieler Kolleginnen auf sich. Mir fielen, schon ab Tag eins, seine verstohlenen Blicke auf.
Paul, hör zu, ich sage dir gleich: Ich lasse mich nicht scheiden. Und niemand soll von uns erfahren, machte ich schon bei der ersten Einladung ins Café klar.
Wie du willst, nickte er ergeben.
Wir trafen uns heimlich in Hotels, denn Paul wohnte mit seiner pensionierten Mutter Monika in einer kleinen Einzimmerwohnung in Linden. Zu mir nach Hause konnte er natürlich auch nicht. Wir ließen größte Vorsicht walten trotzdem entdeckte Annika, eine Kollegin, nach acht Monaten unser kleines Geheimnis.
Na, was macht ihr denn hier? fragte Annika, als sie uns fröhlich aus dem Hotel gehen sah.
Ach, rein zufällig getroffen, stotterte ich.
Ganz zufällig eben, bekräftigte Paul.
Jaja, schon klar, lachte Annika, ihr habt ein kleines Techtelmechtel, hm?
Bitte, Annika, verrate uns nicht, flehte ich. Du weißt doch, wieso
Keine Sorge, Miriam. Von mir erfährt niemand was, beruhigte sie mich.
Sie hielt wirklich dicht. Wir wurden sogar Freundinnen, aßen mittags zusammen und vertrauten uns vieles an. Annika wusste, dass Paul und ich öfter mal aneinandergerieten.
Paul nörgelt schon wieder, ich solle mich endlich scheiden lassen und ihn heiraten, beklagte ich mich, er hat keine Lust, mich mit einem anderen zu “teilen”. Ich sage ihm immer, dass ich mit Steffen ja nicht mehr schlafe. Niemand teilt mich!
Und er?
Lamentiert. “Du weißt schon, was ich meine…”, sagt er dann.
Willst du ihn vielleicht doch heiraten?
Hör auf, Annika! Ich liebe Steffen. Er ist ein wunderbarer Mann. Die Trennung würde ihn ruinieren.
Soll ich ihn ins Grab treiben? Und wofür? Um in einer kleinen Wohnung mit Schwiegermutter zu sitzen? Nein, danke!
Ich war sicher, Paul bleibt eh er war total verschossen in mich und würde mit der Zeit aufhören, zu drängen.
Aber es kam anders…
Wie konntest du nur?! Paul war kaum zu bremsen vor Wut.
Ich war völlig überrumpelt, wie wütend er war, als ich zu unserem Treffen erschien.
Was ist denn los?
Weißt du das wirklich nicht?
Paul, sag’s doch einfach. Wir haben doch eh wenig Zeit…
Für mich hast du nie Zeit, aber für eine Abtreibung schon! seine Wangen wurden rot vor Zorn.
Ich verstehe nicht… setzte ich an, aber ließ es dann bleiben. Ja, ich habe das gemacht! Das war nur meine Entscheidung. Was wäre denn die Alternative gewesen?
Es war auch mein Kind! Du hättest wenigstens mit mir reden können.
Und dann? Was hättest du geraten? Scheiden lassen und heiraten? Dem Kind dann meinem Mann unterschieben? Du weißt genau, dass er nicht der Vater sein kann! ich schrie ihn an.
Wir hätten zusammenziehen und unser Kind großziehen können…
Haben wir alles schon besprochen. Ich kann dich nicht heiraten, sagte ich erschöpft und ruhig. Müssen wir das jetzt wieder alles durchkauen?
Damals gab’s noch kein Kind.
Jetzt auch nicht mehr. Paul, lass uns einfach vergessen, was passiert ist, und wieder weitermachen wie früher.
Echt jetzt? sah er mich schockiert an. Ich hätte es nie geglaubt… Ach, egal. Das war’s, Miriam. Hier und jetzt ist Schluss.
Dann geh doch! fuhr ich ihn an und ging nach Hause.
Er wird sich schon wieder beruhigen, dachte ich. War ja meistens so.
Doch er blieb diesmal lange stur. Einen Monat lang ignorierte er mich, dann war er auch noch einige Wochen auf Dienstreise und meldete sich nicht ein einziges Mal.
Mein Stolz hinderte mich daran, ihm zu schreiben. Doch schließlich hielt ich es nicht mehr aus.
Kaum war Paul zurück im Büro, lud ich ihn in unser Lieblingscafé ein.
Am liebsten hätte ich ihn gleich umarmt, aber da war etwas Komisches an ihm: distanziert, irgendwie unerreichbar.
Ich riss mich zusammen, fragte über die Dienstreise…
Lass uns kurz machen, Miriam, unterbrach Paul mich. Ich hab wenig Zeit.
Ich hab dich vermisst, stotterte ich. Komm schon, lass uns wieder ein Paar sein! Ich schwöre, ich werde nie wieder etwas vor dir…
Das ist nicht mehr wichtig, fiel er mir ins Wort. Ich erspare dir Zeit und Energie. Wir werden nicht wieder zusammenkommen, Miriam.
Ich heirate bald und werde Vater. Ich werde ein guter Ehemann, verzeih.
Das ging ja fix, sagte ich spöttisch, wollte es erst nicht glauben. Und wer ist die Glückliche?
Annika, sagte Paul ruhig. Sie erwartet mein Kind und wir planen die Hochzeit.
Übrigens kündige ich; ich habe eine besser bezahlte Stelle gefunden. Familie kostet Geld, weißt du? Entschuldige, ich muss los.
Und dann ließ er mich einfach sitzen, fassungslos. Mir fielen gar keine Worte für ihn ein.
Aber dann, als ich Annika in der Mittagspause traf, platzte es aus mir heraus:
Also, Annika, du meinst wohl, Paul gehört jetzt dir?! schnaubte ich. Ich dachte, du wärst meine Freundin!
Das ist dein Problem, was du dachtest, grinste sie nur. Es war nicht auszuhalten, wie du mit ihm umgegangen bist! Weder Fisch noch Fleisch, ehrlich!
Das geht dich gar nichts an!
Doch, tut es. Paul war mir schon immer sympathisch, aber ich hab mich nie eingemischt. Erst als du mir ständig erzählt hast, wie du ihn hinhalten und ausnutzen würdest…
Da hab ich ihm geholfen, sich zu entscheiden. Ich habe ihm von der Abtreibung erzählt. Und siehe da, ich hab mich in Paul nicht geirrt er ist ein guter, ehrlicher Kerl.
Wohl zu ehrlich…
Er kam nach eurer Trennung zu mir, fuhr sie fort, ohne auf meinen Ton zu achten. Wir haben was getrunken, und dann ist es passiert. Glaubs oder nicht ich war sofort schwanger. Und weißt du was? Als ich es Paul erzählte, hat er mich direkt gefragt, ob ich ihn heiraten will.
Herzlichen Glückwunsch, sagte ich spöttisch, mit der Schwiegermutter zu dritt in einer Einzimmerwohnung, wow…
Gar nicht, triumphierte Annika. Pauls Mutter hat immer nur darauf gewartet, dass er eine Familie gründet, und hat ordentlich vorgesorgt.
Wir ziehen bald in eine schöne Zweizimmerwohnung. Arbeiten muss ich nicht Annemarie, Pauls Mutter, will, dass ich mich schone. Geld ist genug da.
Ich konnte das alles nur schwer sacken lassen.
Gut, Miriam, ich muss los. Paul und ich haben noch einen Arzttermin in der Privatklinik. Und mach dir keinen Kopf, das Leben geht weiter.
Es wusste niemand, dass Pauls Mutter heimlich ein paar Immobilien in List besitzt, mit diesen Worten verabschiedete sich Annika.
Zwei Jahre später trennte sich auch Steffen von mir er hatte von einer neuen Affäre erfahren und reichte selbst die Scheidung ein.
Der neue Freund wollte mich nicht heiraten.
So blieb mir nur die Rückkehr zu meiner Mutter ins kleine Reihenhaus in Langenhagen. Irgendwie hatte ich mir das alles anders vorgestellt… Jetzt ist es wohl an der Zeit, über mein Leben nachzudenken.




