Schichtwechsel im Sanatorium: Zwei Wochen Auszeit zwischen Alltag und Neubeginn – Svetlanas leiser Neustart in einer deutschen Rehaklinik

Hey, ich muss dir mal was erzählen ganz entspannt, wie bei einem Kaffeekränzchen unter Freundinnen.

Also, das Ganze fängt an, als der Bus eine ruckartige Vollbremsung hinlegt und alle schon halb nach vorn auf die Straße kippen. Und du kannst dir vorstellen: Leute mit Taschen, Rucksäcken, jeder schiebt und drängelt. Am Ende steige ich also, nennen wir sie mal Britta, das ist so typisch deutsch als Letzte aus. Ihr rechtes Knie zieht ein bisschen, als sie die Stufen auf den matschig-vertrampelten Schneematsch tritt. Diese feuchte Februarluft schlägt ihr ins Gesicht, ein Mix aus Heizungsqualm von der Stadtwerke-Heizung und etwas Harzigem, das wohl von den hohen Kiefern am Waldrand dahinten rüberweht.

Vor ihr langgezogen der graue Klotz vom Kurheim, Architektur Marke DDR, mit diesen endlosen Reihen von gleichen Fenstern und oben drüber eine ausgeblichene Tafel: Kurklinik Fichtental, darunter das Wappen der Stadt. Drumherum die Kulisse, wie du sie in jedem Kurorten kennst: ein paar kleine Tannen an den Wegen, graue Betonblumenbeete, keine Blümchen, keine Farben, ein paar Einzelne schlurfen mit Koffern übers Gelände.

In der Anmeldung sitzt eine Frau mit grauhaarigem Dutt hinter einer Plexiglasscheibe. Ohne aufzusehen, klackert sie: Einweisung, Reservierungsbestätigung, Ausweis bitte. Britta schiebt ihre Mappe durch, und es riecht nach Aktenordnern und billigen Parfum. Hinter ihr wieder das typische Geräusch von Kofferrollen auf dem Linoleum.

Wie lange bleiben Sie? fragt die Frau, die schon in den Papieren blättert.

Zwei Wochen.

Alles klar. Haus Drei, zweiter Stock, Zimmer 206. Ärztin kommt morgen früh, Sprechzimmer sieben, Kantine läuft nach Zeitplan, Essens-Chips sind in der Mappe. Der nächste bitte.

Mit ihren Unterlagen und der CHIP-Karte in der Hand tritt Britta zur Seite. Und in ihrem Kopf hämmerts: Zwei Wochen. Zwei Wochen ohne Einkaufslisten, ohne Nachhilfe-Stress, ohne Laptop aufklappen in der Nacht.

Sie schleppt ihren Koffer den schmalen Gehweg entlang, das eine Rad hakt, der Koffer will ständig in den halben Schneehaufen rollen. Im Foyer von Haus Drei hängt der Geruch von gekochtem Kohl und Putzmittel. An der Pinnwand leiern vergilbte Infozettel: Kursplan Wassergymnastik, ein Akkordeonabend, Nordic-Walking-Gruppe für Anfänger.

Der Aufzug lebt noch, aber quietscht so beängstigend, dass Britta lieber die Treppe nimmt. Im langen Flur auf Etage zwei summen die Neonröhren, auf den Türen Nummernschilder, hier und da ein Kinderbild mit Sonne, Haus und Tannenbaum.

Sie klopft an die 206, so eine deutsche Angewohnheit. Im Zwei-Bett-Zimmer: Eisenbettgestelle mit grauen Überdecken, Tisch am Fenster mit Wachstuchtischdecke. Auf einem Bett schon alles bereitgelegt: ordentlich gefalteter Schlafanzug, Handtasche auf dem Stuhl. Aus der Nasszelle plätschert Wasser.

Reinkommen, ich bin gleich fertig!, ruft eine Stimme. Eine kleine Frau um die fünfzig, frisch geduscht, mit Turbanhandtuch auf dem Kopf, rundliches freundliches Gesicht, strahlende Augen sie stellt sich als Heike vor.

Britta, sagt sie. Händeschütteln, irgendwie vorsichtig, wie Leute, die sich im ICE das erste Mal begegnen. Heike beginnt sofort, ihre Tabletten in den Spind zu räumen.

Wie lange bleibst du?

Zwei Wochen.

Perfekt, ich bin drei da und schon zum dritten Mal hier! Weißt du, anfangs denkt man: Kurhaus, alte Leute, Langeweile. Aber mit der Zeit Tagesroutine, Luft, Therapieangebote. Und keiner nervt!

Britta nickt, zieht aus ihrem Koffer Jogginghosen, dicke Socken, Bademantel fühlt sich fast fremd an, als hätte sie plötzlich Zeit für Mittagsschlaf und Spaziergänge.

Was machst du hier für Therapien? fragt Heike weiter.

Orthopädie und Nerven Rücken, das Knie halt

Davon laufen hier einige rum. Bei mir gehts ums Herz. Na und die Nerven, klar. Mann, Kinder, Schule. Alles auf einmal.

Britta schweigt lieber. Über ihren Mann – schon zwei Jahre getrennt, Unterhalt auf dem Konto, ab und zu ein Anruf wegen dem Sohn.

Kommst du mit runter in die Kantine zum Abendessen? Ist besser zusammen, bei dem Gedränge.

Klar.

Abends in der Mensa: Schlange stehen wie früher in der Schule, niedrige Decken, Neonlampen, Vierertische. Frauen mit weißen Kitteln klappern mit Tabletts herum, es riecht irgendwie nach Seelachs und Hagebuttentee.

Sie finden einen Platz, und gleich setzen sich zwei dazu: Ein großer Mann mit silbergrauem Haar, Sportpulli, und eine pralle Frau mit knallrotem Lippenstift. Darf ich? Sonst wirds langweilig. Ich bin Bernd, das ist Monika.

Britta, sie stellt sich vor. Heike.

Na dann, kleines Grüppchen. Monika strahlt. Ich fahre jedes Jahr auf Kur. Früher mit Gewerkschaft, jetzt privat. Zu Hause gehts doch drunter und drüber: Enkel, Schrebergarten, Nachbarn.

Und woher seid ihr? fragt Bernd.

Aus Lüneburg.

Oh, also schon von der feinen Hansestadt! Ich komm aus Bielefeld, wir haben sogar eine richtige Kurtruppe hier, sagt Bernd und nickt in Richtung der anderen Tische. Wenn du Lust hast: abends spielen wir im Aufenthaltsraum Domino.

Britta muss grinsen, auch wenn Domino nicht so ihr Ding ist aber die Idee, man könnte mal einfach herumhocken und niemand erwartet irgendwas von einem, ist irgendwie nett.

Das Essen hier ist bodenständig wie in jeder traditionellen Betriebskantine: Graupen mit Fisch, Rote-Bete-Salat, Kompott aus Trockenfrüchten. Britta merkt, dass sie langsam isst, nicht wie sonst zwischen Chef-Mails und Whatsapp-Gruppen der Elternvertretung.

Nach dem Essen schlägt Heike einen Spaziergang bis zum Wald vor. Jetzt sind wir schon mal hier, die frische Luft nehmen wir mit!

Auf dem beleuchteten Weg zwischen den Tannen knirscht der Schnee, Lampen werfen warme Kreise aufs Pflaster. Irgendwo lachen Leute, eine Tür fällt ins Schloss.

Arbeitest du? fragt Heike.

Buchhalterin. In einer Handelsfirma.

Respekt, sagt Heike, ich bin Lehrerin Deutsch, 25 Jahre inzwischen. Aber wirklich, diese Kur rettet einen.

Britta denkt sich, dass sie schon ewig keinen Rettungsring mehr hatte. Sie schwimmt so vor sich hin Bilanzen, Abgabefristen, Elternabend, To-Do-Listen Das hier ist wie eine Pause. Aber noch so ungewohnt, eher wie Schuleschwänzen.

Nachts kann Britta ewig nicht einschlafen. Neben ihr Schnarchen durchs Zimmer, Heike atmet leise, irgendwo knallt eine Tür. Dieses ständige Ziehen im Bauch: Sollte sie ihren Sohn anrufen? Die E-Mails checken? Die Chefin schnell was schreiben? Sie nimmt das Handy, sieht aufs Display, schiebt den Messenger gleich wieder zu. Sie dreht das Handy um und zwingt sich: Ruhe!

Am nächsten Morgen sitzt sie wieder in der Warteschlange beim Arzt. Alles voller Menschen in Jogginghosen und Bademänteln, jeder mit Karte. An der Wand läuft ein stillgestellter Fernseher mit Garten-Tipps, Kaffee-Automat-Duft wabert durch den Flur.

Mit Nummer oder Wartenummer? fragt eine Frau mit grob gestrickter Mütze.

Mit Nummer, sagt Britta und hält den Zettel hoch.

Gut, dann sind Sie nach mir. Die zanken hier gern!

Schon palaverte die Frau mit Nachbarin Nummer drei über ihren Blutdruck. Britta hört mit halbem Ohr, sie fühlt sich eh seltsam in dieser Runde der Tabletten- und Diagnose-Talks.

Bei der Ärztin eine nüchterne Frau mit randloser Brille geht alles zackig. Beschwerden? Rücken, Knie, schnell k.o., schlecht schlafen. Diagnose, Vorschläge: Wir machen Krankengymnastik, Schwimmen, Massagen, Stromtherapie. Und, das Wichtigste, Rhythmus! Schlaf vor elf, Bewegung, Handy weg.

Britta grinst. Das ist doch das Schwerste.

Hier gehts leichter als zu Hause, sagt die Ärztin trocken. Nutzen Sie die Zeit.

Das Tagesprogramm steht: Morgens Gymnastik im Saal mit Trainerin, die Übungen mit Bällen und Stäben vormacht. Dann Schwimmen im kleinen Becken (alles gekachelte 80er Jahre), das Wasser kalt, Chlor in der Nase. Nachmittags Massage: Die resolute Schwester knetet Brittas Rücken, die kann einfach abschalten.

Wartezeiten vorm Therapieraum werden zum Treffpunkt: ein Schwatz da, eine Geschichte dort wie Bahnfahren. Heike ist schnell mittendrin: Monika, noch eine Dame mit bunten Ohrringen, Bernd sowieso.

Bernd bleibt meist dezent im Hintergrund, ist aber auffällig oft in Brittas Nähe. Beim Schwimmen sagt er mal: Ihr Stil sieht gut aus, nicht verschlucken! Ich war früher im Schwimmverein, sagt Britta, rubbelt sich die Haare trocken. Irgendwann kein Kopf mehr für sowas.

Kein Kopf ist ne Ausrede, meint Bernd. Nach meinem Herzinfarkt hab ich kapiert: Zeit hat man, man nimmt sie sich nur nicht.

Britta schaut unbewusst auf seine Brust unter dem Bademantel da läuft ein dünner Narbenstreifen.

War das schlimm? fragt sie.

Klar. Aber irgendwann gewöhnt man sich an den Gedanken, dass man nicht ewig ist. Für was investiert man seine Tage?

Das geht ihr nach. Sie weiß noch, wie sie letztens mit Fieber im Bett lag, trotzdem Laptop, trotzdem Excel, trotzdem alles. Niemand hat gesagt: Lass es, ruh dich aus. Sie selbst auch nicht.

Abends trifft sich alles im Gemeinschaftsraum. Einige schauen ARD, andere spielen Karten, Teeküche mit Krug, irgendwie duftets nach Keksen von Muttern.

Eigentlich will Britta lieber im Zimmer lesen, aber Heike schleppt sie ab. Komm, bleib nicht immer allein!

Ruckzuck hat sie einen Platz am Tisch. Bernd mischt Karten. Runde Mau-Mau?

Bin nicht gut. Wir bringens dir bei, ruft Monika.

Und so landet Britta mitten im Geschnatter. Wenn sie mal falsch abwirft egal, niemand stirbt daran.

Der Smalltalk hier ist so bodenständig: Wetter, der leckere Waldmeisterpudding, welche Schwester die beste Massage macht. Aber plötzlich werden die Themen auch mal ernster.

Früher dachte ich immer: Wenn die Kinder groß sind, atme ich auf, sinniert Monika in die Karten hinein. Jetzt brauchen sie mich immer noch. Mal Babysitten, mal Geld und sagen kann man nichts: Ist halt so als Mutter.

Kann man nicht einfach mal sagen, dasss reicht? Britta, ganz leise.

Monika schaut sie an. Und wie denn? Sind doch meine Kinder.

Britta denkt an ihren Sohn, wie er gefragt hat, wer ihm Essen macht während sie weg ist. Sie, total erledigt, stand trotzdem noch abends in der Küche. Warum eigentlich?

Man darf auch müde sein als Mutter, sagt Britta. Und das sagen ist nicht verboten.

Heike meint: Uns hat das keiner beigebracht. Nur immer durchhalten.

Pause. Am Nachbartisch wird gelacht, im Fernsehen singt Helene Fischer.

So plätschern die Tage dahin: aufstehen, Gymnastik, Mensa, Therapien, Spazieren, abends Gemeinschaftsraum. Mit der Zeit freut sich Britta sogar drauf: Sie merkt, wie ihr Körper sich erholt, sie freut sich auf das Eintauchen ins Wasser, auf die Gespräche mit Bernd nichts Erwartetes, kein Druck. Manchmal stehen sie einfach am Fenster und schauen schweigend zum dunklen Wald raus. Und wenn sie dann doch mal reden, dann über Bernds Garten, seine Zeit in der Motorradgang oder seine Angst, heute große Strecken Auto zu fahren.

Und du? Wovor hast du Angst? fragt er einmal.

Britta will erst einen banalen Spruch loslassen, dann sagt sie ehrlich: Dass alles so bleibt wie es ist. Alltag, Arbeit, Listen, und dann irgendwann Rente und dann

Sie bricht ab.

dann fehlt die Kraft, noch was zu ändern, ergänzt Bernd sanft. Und sie nicken beide.

Was würdest du ändern wollen?

Weiß nicht. Ich hab vergessen, was ich eigentlich will. Immer braucht jemand was von mir.

Er nickt verständnisvoll. Manche merken im Kuralltag, was wirklich zu einem gehört und was nur so an einen drangeklebt wurde.

Und ganz ehrlich, so fühlt es sich an. Alles läuft nach Plan: Essen, Therapien, ganze Abläufe. Man darf einfach liegen, endlich mal nicht nützlich sein. Draußen fällt Schnee, vereinzelt schlendern Spaziergänger vorbei, eingewickelt in riesige Schals.

Am siebten Tag ruft der Sohn endlich an. Mama, wo liegt das Ladegerät fürs Tablet? Im Schreibtisch, rechtes Fach. Und, wie gehts dir? Geht. Papa holt mich morgen. Wann kommst du zurück? In einer Woche. Kurz ist da dieser Anflug von beleidigtem Ton. Ist aber lang. Ich brauch das jetzt. Und sie wundert sich, dass sie das so ruhig sagen kann. Keine Entschuldigung.

Nach dem Gespräch sitzt sie noch lange mit dem Handy in der Hand auf der Bettkante. Fast fühlt es sich nach Freiheit an: Sie darf auch mal nur Patientin sein, nicht nur Mutter.

Am Abend ist Kennenlernabend in der Sitzecke. Teekanne auf dem Tisch, Kekse, Musikbox, eine Mitarbeiterin vom Kulturteam versucht, die Leute für Quizzes zu begeistern, aber wirklich will eigentlich jeder lieber quatschen.

Britta hört zu, wie ein Mann von seinem Schrebergarten erzählt, eine andere von der Scheidung, die Nächste von den Enkeln. Ein seltsames, vorübergehendes Gemeinschaftsgefühl verbunden nur durch ein Aussteigen auf Zeit.

Bernd setzt sich dazu. Ich fahr morgen zurück, sagt er. Da zuckt es in Britta, obwohl sie es ja wusste; jeder hat sein Ablaufdatum hier.

Schon nach zehn Tagen?

Ja. Ich muss. Mein Hund wartet, die Nachbarin füttert grad. Sie nicken sich zu, nichts Dramatisches.

Verschwinde da draußen nicht wieder ins Arbeits-Nirvana, sagt Bernd plötzlich. Lass dir ein Stück Alltag für dich selbst übrig.

Ich versuchs, sagt Britta.

Blickkontakt, ein Lächeln, dann schaut er zum Fernseher, ein alter Tatort läuft.

Am nächsten Mittag sieht sie Bernd mit Koffer vor dem Haus. Der Sportanzug, diesmal mit Daunenjacke.

Machs gut, sagt er. Alles Gute.

Dir auch!

Kurzes, festes Händeschütteln. Niemand fragt nach der Handynummer. Irgendwie stimmt das, so bleibt es Teil dieses kurzen Kurlebens.

Als der Bus wegfährt, schaut Britta noch eine Weile dem matschigen Streifen nach, den die Reifen ins Grau gezogen haben.

Die letzte Woche vergeht anders. Gemeinschaftsabend gibts immer noch, aber sie liest mehr. Endlich den dicken Roman, der seit Ewigkeiten rumlag. Sie braucht für eine Seite oft zehn Minuten aber wem juckts, sie hat Zeit.

Einmal kommt Heike gestresst vom Kardiologen: Der meint, ich soll weniger Nerven zeigen, als ob man das einfach abschalten könnte! Britta lacht: Vielleicht mal weniger Aufgaben in der Schule übernehmen?

Und wer macht das sonst? Die Kinder, will Heike sagen und muss selbst lachen: Jetzt rede ich schon wie mein Ex: Wenn ichs nicht mache, läuft nichts. Tja, aber wie beim ihm nach dem Schlaganfall läuft auch irgendwie alles weiter.

Vielleicht läufts sogar ohne dich gut, sagt Britta.

Heike mustert sie: Du hast in zwei Wochen mehr gelernt als ich in fünf Kursen. Oder ich bin einfach erschöpft, sagt Britta.

Das sagt sie so laut, dass es endlich echt wird.

Sie schlendert am Abreisetag durch die Flure, wie in einem Mini-Museum ihres eigenen Übergangs. Winkte der Gymnastikraum, schaute aufs Schwimmbecken durch die Scheibe, bedankte sich bei der Masseurin. Kommen Sie wieder, Ihr Rücken spricht gut an. Mal schauen, sagt Britta.

Dann packen: Bademantel, Jogginghosen, Badeanzug, alles wieder rein in den Koffer. Heikes Zugticket liegt noch auf dem Tisch, sie dreht es in den Fingern.

Will gar nicht weg hier, murmelt Heike. Hier ist alles so leicht.

Ist es nur, weil es nicht ewig ist, sagt Britta. Wären wir ein Jahr hier, gäb’s andere Sorgen.

Wahrscheinlich. Wenn du wieder kommst, meld dich. Heike gibt ihr ihre Nummer, typisch auf einen kleinen Zettel gekritzelt. Ich bin die Stammgast hier.

Britta speichert die Nummer. Melden wir uns.

Vor der Abfahrt gibts in der Mensa zum Abschied Pfannkuchen mit Apfelmus, fast schon Feiertagsstimmung. Alle kichern, als ob es die letzten Ferientage sind.

An der Bushaltestelle stehen alle mit Koffern. Ein paar machen Fotos vorm Kurheim, andere rauchen nervös. Britta steht einfach da und schaut nach oben ins graue Schmuddelwetter. Drinnen ganz ruhig, nicht himmelhochjauchzend, nicht traurig einfach angekommen.

Im Bus sucht sie sich einen Fensterplatz. Die Kurklinik gleitet langsam zurück Gebäude, Parkplatz, Bäume. Vielleicht kommt sie nochmal zurück, denkt sie sich. Aber wenn nicht, dann bleibt das jetzt als kleines, eigenes Stück Leben.

Die Rückfahrt nach Lüneburg dauert. Der Regen peitscht, die Stadt holt sie sofort wieder ein: Autos hupen, einer streitet am Handy, irgendwo läuft laute Musik durchs Fenster. Zuhause riechts nach Staub und ein bisschen Kuchen wahrscheinlich hat Jonas, ihr Sohn, in der Mikrowelle Aufbackbrötchen gemacht. Überall im Flur Sneaker, Jacke über dem Haken.

Mama, du bist da! Jonas stürmt in der Jogginghose aus seinem Zimmer, Kopfhörer noch halb auf den Ohren, umarmt sie ein bisschen ungelenk, pubertär halt.

Und, wie wars? fragt er.

Gut. Sie überlegt, dann sagt sie: Nein, richtig gut. Ich hab mich wirklich erholt.

Und? Hast du mir einen Magneten mitgebracht?

Liegt in meiner Tasche, sagt sie und lächelt.

Sie geht in die Küche, stellt den Wasserkocher an. Zwei Teller in der Spüle, Krümel auf dem Tisch früher hätte sie sofort geschimpft und aufgeräumt, jetzt hebt sie es sich auf. Erst mal einatmen.

Das Handy summt. Nachricht von der Chefin: Wie gehts? Kommst du morgen? Es gäbe da einiges

Britta schaut auf den Bildschirm, legt das Handy wieder weg. Dann tippt sie: Hallo. Ich bin morgen wie geplant zurück. Wir sollten die Aufgabenverteilung neu besprechen. Ich kann abends und am Wochenende keine Arbeit mehr übernehmen.

Sie liest die Nachricht nochmal. Früher hätte sie entschärft, jetzt tippt sie: Senden.

Jonas lugt um die Ecke. Mama, bist du morgen spät da? Ich wollte mit Leo noch los

Ich komme morgen pünktlich heim. Aber dafür machst du zu Hause mehr. Ich bin nicht aus Blech.

Große Augen. Wie, was?

Du bist alt genug, ab und zu selber das Geschirr zu spülen oder mal was zu kochen. Ich muss nicht alles allein machen.

Er zieht die Augenbrauen hoch, zuckt mit den Schultern, verschwindet im Zimmer. Die Tür klappt. Britta atmet aus aber kein Schuldgefühl wie sonst, eher Stolz. Endlich Grenzen gesetzt.

Das Teewasser kocht. Sie gießt sich eine Tasse ein, setzt sich an den Tisch. Draußen leuchten Laternen, im Hof springt irgendwo ein Hund. Sie denkt an Bernds Spruch, dass es darauf ankommt, wie man seine Tage füllt.

Sie spürt: Von Wunderheilung ist keine Rede, das Knie zwickt, der Job bleibt stressig. Aber drinnen ist was anders. Sie merkt ihren Körper, ihre Müdigkeit und dass sie ein Recht hat auf Pause.

Sie holt die Kurunterlagen aus der Tasche, legt sie neben den Notizblock. Morgen in der Mittagspause will sie sich gleich beim Personalbüro erkundigen für Sommerurlaub. Nicht, um zu Verwandten zu fahren und auf dem Hof zu helfen. Einfach für sich.

Jonas steckt wieder den Kopf raus: Mama? Gibts morgen Maultaschen?

Wenn du sie selber kochst, gern. Ich zeigs dir!

Er grinst verlegen aber in seinen Augen ein neugieriger Funke.

Britta grinst zurück. Ihr Leben ist nicht auf den Kopf gestellt aber es gibt jetzt ein kleines, eigenes Stück. Und das beginnt mit solchen Kleinigkeiten: Nein zu Überstunden, jemand anderem zuhause Aufgaben geben, einfach mal abends rausgehen nur so, zum Durchatmen, für sich.

Sie trinkt ihren Tee aus, macht das Licht in der Küche aus und geht rüber ins Wohnzimmer. Morgen wird wieder Alltag aber in diesem Alltag hat sie jetzt einen Platz für sich. Und das gibt ihr eine Wärme, die ganz unaufgeregt und ruhig in ihr bleibt.

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Homy
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Schichtwechsel im Sanatorium: Zwei Wochen Auszeit zwischen Alltag und Neubeginn – Svetlanas leiser Neustart in einer deutschen Rehaklinik
Meine schwangere Tochter lag im Sarg, und ihr Ehemann erschien, als käme er zu einer Feier.