Fernbedienung für Zwei Als die Uhr vier schlug, knallte die Tür so heftig, dass der alte Daunenmantel an der Garderobe schaukelte und gleich drei Leute in den Flur stolperten: zuerst der große Sascha mit Rucksack und einer Tüte Mandarinen, dann seine Frau Anna, eingepfercht zwischen Kindermantel und Brettspiel, und zum Schluss der achtjährige Leo, der schon die Strickmütze über die Augen zog und aus unerfindlichen Gründen laut brummte. „Wir sind da!“, rief Sascha in die Wohnung, ohne die Schuhe auszuziehen. Aus der Küche lugte sofort die Mutter, Frau Natalia Peters, mit einem Messer in der Hand und kariertem Schürzchen hervor. Die Wangen rosig, die Haare mit einer Klammer hochgesteckt, und auf dem Tisch hinter ihr thronte ein Berg bereits geschnittener Kartoffeln und Wurst. „Ach, meine Lieben!“ Sie klatschte das Messer auf das Brett und kam ihnen, die Hände am Schürzchen abschmierend, entgegen. „Kommt rein, zieht euch aus, macht es euch gemütlich. Nicht im Flur stehen, hier zieht’s.“ Aus dem Wohnzimmer drang die Stimme eines Ansagers und das gedämpfte Stimmengewirr einer Studiokulisse – im Fernsehen lief irgendein Nachmittagskonzert. Vater, Herr Waleri Sergejewitsch, meldete sich von dort, ohne aufzustehen: „Hallo, hallo! Ich bin hier, ich halte die Stellung am Bildschirm.“ Sascha half Leo beim Schuheausziehen und erhaschte schon einen Blick auf den vertrauten Wohnzimmeranblick: Tisch halb gedeckt, auf dem Couchtisch vor dem Sofa lag die Fernbedienung, daneben eine Schale mit Süßigkeiten, an der Wand blinkte die alte Lichterkette. Der Fernseher lief natürlich. Die Lautstärke war nicht hoch, aber das Surren blieb wie das Brummen eines Kühlschranks. Bestimmt läuft der schon den ganzen Tag, dachte Sascha und spürte das altbekannte Genervtsein, das er sich mühsam nicht anmerken ließ. „Mama, ich helfe dir“, sagte er und trug die Tüte in die Küche. „Das ist für dich. Da ist echtes Sekt drin, nicht so ein…“ Er stockte, als er die sowjetische Flasche mit goldener Etikette auf dem Tisch sah. „Na gut, dann haben wir eben zwei Sorten.“ „Ich hab schon alles gekauft“, sagte Frau Peters sanft, aber mit leisem Vorwurf. „Aber kann ruhig noch stehen bleiben – vielleicht schmeckt euer modernes ja besser. Anna, meine Liebe, zieh den Mantel aus. Ich mach grad noch Salat, dann gibt’s Tee.“ Anna lächelte und nickte, obwohl Sascha spürte, dass sie sich leicht verspannte. Auf dem Weg hierher hatten sie darüber gesprochen, dieses Jahr alles mal anders zu machen: Kein endloses Fernsehgedröhne, dafür Spiele, Musik, dass die Kinder nicht nur am Handy hängen. Doch kaum über die Schwelle, da stießen sie sogleich auf den vertrauten Geräuschteppich der ständig laufenden Sendungen. Herr Sergejewitsch hatte sich inzwischen auf seinem angestammten Platz in der Sofaecke eingerichtet, als säße er auf der Brücke eines Schiffes. Die Fernbedienung lag griffbereit, er berührte sie immer wieder, zappte durch die Programme, beinahe schon automatisch, ohne wirklich hinzusehen: Konzert, Glitzer, Moderator, wieder Konzert. Na wunderbar, dachte er mit leichter Sorge. Jetzt kommen sie gleich mit ihren Lautsprechern und Playlists. Soll ich dann etwa alles abschalten? Als gäbe es mein Silvester gar nicht mehr. Den Fernseher hatte er schon am Morgen eingeschaltet, als Frau Peters Kartoffeln schälte, und seitdem lief er durch. Herr Sergejewitsch mochte Stimmen und Musik im Raum. So war das immer gewesen. Schon als Sascha klein war, hin und her zwischen Tisch und Baum tollte, lief der Fernseher als Hintergrund, als Beweis, dass im ganzen Land Fest war. „Opa, dürfen wir Trickfilme gucken?“, polterte Leo ins Zimmer und warf den Rucksack auf den Boden. „Später, jetzt läuft ein gutes Konzert“, antwortete Herr Sergejewitsch, ohne den Blick zu heben. „Schau nur, wie die singen.“ „Aber ich mag die nicht“, brummte Leo und runzelte die Stirn. Sascha kam kurz in das Zimmer, um sich die Hände an der Jeans abzuwischen. „Papa, können wir’s abends wenigstens ein wenig leiser machen? Wir wollten mal ‚Carcassonne‘ spielen, hab ich mitgebracht.“ „Was?“ „Brettspiel, mit Karten, Burgen, Straßen. Macht Spaß.“ „Na spielt doch, euch hält doch keiner auf! Der Fernseher schreit ja nicht. Der kann ruhig weiterlaufen.“ Sascha wollte erklären, dass schon allein das ununterbrochene Gedudel störe, doch sein Blick traf den von Frau Peters, die gerade mit einem Teller Aufschnitt vorbeiging und die beiden abwartend musterte. „Esst erst mal, dann könnt ihr spielen, so viel ihr wollt. Bis Mitternacht ist noch ewig Zeit.“ Sascha kam das nicht wie ein Übermaß an Zeit vor. Er kannte das schon: Erst „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“, dann Konzert, dann Bundespräsident, dann wieder Konzert – und ehe man sich’s versieht, gähnen alle und sitzen immer noch über der Spiele-Box. In der Küche roch es nach Mayonnaise, frischer Petersilie und gebratenen Zwiebeln. Auf dem Fensterbrett kühlten Kartoffelspalten für Heringssalat aus. Frau Peters schnippelte flink Gewürzgurken in die Schüssel mit anderen Zutaten. „Mama, lass uns die Hälfte vom Kartoffelsalat mal ohne Wurst machen?“, fragte Anna vorsichtig beim Hinsetzen. „Ich mag’s lieber veggie, und Leo isst auch kaum Fleisch.“ „Ohne Wurst ist das kein richtiger Salat, sondern… keine Ahnung, irgendwas anderes. Na gut, ich leg ihm was auf die Seite.“ „Super,“ atmete Anna auf. Sie mochte ihre Schwiegermutter, wirklich, aber jedes Silvester fühlte sie sich wie Gast in einem Stück, in dem die Rollen fest vergeben waren, und Sashas Mutter hielt sich an ihre Rezepte und Rituale wie an Rettungsleinen. Anna verstand es, wollte aber, dass auch ihre und Sashas Gewohnheiten ihren Platz haben. Nicht nur zu Hause, sondern auch hier. „Du wieder mit deinen Experimente“, rief Herr Sergejewitsch aus dem Wohnzimmer. „Am Ende ist wieder alles ohne Salz und Geschmack. Ich würz’s dann eben nach.“ „Wird schon passen,“ brummte Frau Peters eingeschnappt. Sascha bemerkte den Unterton und dachte, es war vielleicht doch nicht so klug von Anna, die Wurstfrage anzusprechen. Aber er erinnerte sich auch daran, wie Leo letztes Silvester das Salatbesteck weglegte und leise vor sich hin nölte, dass ihm davon übel sei, und wusste: Nein, es war richtig. Nach einer halben Stunde saßen sie alle um den Tisch. Es war noch hell draußen, keine Kerzen angezündet, der Baum leuchtete in der Ecke, der Fernseher lief leiser – ein erster stiller Kompromiss: Sascha hatte im Vorbeigehen den Ton gedrosselt und Herr Sergejewitsch tat, als merkte er nichts. „Auf unser Wiedersehen“, hob Herr Sergejewitsch das Sektglas. „Gut, dass ihr gekommen seid. Wer weiß – die Kinder werden groß…“ Er brach ab und winkte ab. „Egal. Schön, dass ihr da seid.“ Sascha spürte ein Ziehen im Inneren. Er wusste, der Vater hatte Angst, allein zu bleiben in der dreizimmerigen Wohnung mit Teppichen und Vitrine. Angst, dass eines Tages die Kinder sagen: „Wir feiern lieber mit Freunden, wir haben eigene Rituale.“ Und der Fernseher, das Konzert, der Kartoffelsalat schienen Garantien für die Behauptung, dass das Vergangene noch da ist, nichts verschwindet. „Wir auch, wirklich“, sagte Sascha. Sie stießen an, der Sekt war herb mit einem Hauch Bitterkeit. Leo griff nach Mandarinen, Anna füllte Saft nach, Frau Peters portionierte Salat. „Schaut ihr heute wieder ‚Drei Haselnüsse für Aschenbrödel‘?“ fragte Anna möglichst neutral. „Natürlich! Ohne das – kein Silvester. Fängt um neun an. Erst essen, dann Tee, dann Film.“ „Könnten wir’s dieses Jahr auslassen…? Wir kennen den doch alle fast auswendig. Vielleicht könnten wir stattdessen…“ „Du brauchst mich nicht anschauen“, unterbrach Frau Peters, auch wenn Sascha sie gar nicht ansah. „Ohne den Film weiß ich gar nicht, dass Silvester ist. Seit meiner Jugend ist der dabei. Im Krankenhaus hab ich den einmal geschaut. Erinnerst du dich, Waleri, im Flur war damals ein Fernseher.“ „Stimmt“, nickte er. Sascha spürte, wie ihm die Argumente wegschwammen, als rede er nicht bloß über einen Film, sondern begehe einen Angriff auf ihre Lebensgeschichte. „Wir können ihn gucken,“ schob Anna rasch nach. „Nur vielleicht nachher mal spielen? Ich hab das Spiel extra mitgebracht.“ „Ja, ja, wir spielen später,“ winkte Herr Sergejewitsch ab. „Habt doch alle Zeit der Welt.“ Er griff wieder zur Fernbedienung und zappte, Sascha zählte unwillkürlich die Klicks wie Uhrenschläge. Nach dem Essen wurde Leo kribbelig. „Papa, wann spielen wir denn?“ „Gleich, wir räumen erst ab.“ „Ich mach das schon alleine“, mischte sich Frau Peters ein. „Geht und spielt, ich komm später dazu.“ „Mama, wir machen das doch zusammen!“ „Du bringst mir alles durcheinander. Ich hab mein System. Geht schon mal vor!“ Das System: alles in die Spüle, Salat abdecken, Gläser extra, und sie kannte die Platzierung mit verbundenen Augen. Sascha und Anna wechselten einen Blick – helfen wäre nett, aber ein Streit in diesem Moment hätte es verschärft. „Okay, dann machen wir uns schon mal fürs Spiel fertig.“ Sie gingen ins Wohnzimmer. Herr Sergejewitsch hatte zum Start von „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ gezappt. Die bekannte Melodie erklang. „Oh, jetzt wird’s spannend!“, freute sich der Vater. „Papa, wir wollten doch…“, setzte Sascha an. „Später, ich liebe den Anfang. Ihr könnt ja in der Küche spielen.“ „Da ist kaum Platz, und Mama räumt noch auf. Wir wollten eigentlich alle zusammen…“ „Wozu zusammen? Ihr spielt, ich schau, wie immer. Oder schaut einfach mit!“ Sascha atmete tief durch. Da war der Moment, vor dem er sich fürchtete. „Papa, jedes Jahr läuft’s gleich. Wir wollten… nur mal ein bisschen anders. Reden, spielen. Ohne Fernseh-Kulisse.“ „Stört dich der Fernseher? Er steht doch nur da. Ich mach leiser.“ „Der kommt nicht in den Teller, sondern in den Kopf“, platzte Sascha heraus. „Man kann einfach nicht reden, wenn immer irgendwas dröhnt.“ „Keiner dröhnt“, beleidigt nahm Herr Sergejewitsch noch lauter. Da kam Frau Peters rein, das Spannungsfeld war sofort spürbar. „Was ist los?“ „Nichts“, sagten Sascha und sein Vater fast gleichzeitig. Auf dem Bildschirm hob der Held schon das Glas in der Sauna. Sprüche, die sie alle kannten, legten sich über sie. „Wir wollen einfach spielen“, murmelte Anna. „Zusammen. Der Film geht bestimmt auch später…“ „Wir schauen den Film“, stellte Frau Peters fest. „So machen wir das immer.“ Sascha wurde wütend und schuldbewusst zugleich. Sie hören uns gar nicht, dachte er. Als wäre der Wunsch, was anders zu machen, bloß Laune. Als hätten sie das Recht auf Tradition und wir nicht. Leo stand in der Tür, drückte seinen Kuschel-Dino, schaute von Erwachsenen zum Fernseher, Enttäuschung stand ihm ins Gesicht geschrieben. „Ich will den Film nicht“, sagte er plötzlich. „Der ist langweilig.“ Pause. Der Fernseher plapperte ins Leere. „Leo, das ist kein langweiliger Film, du bist nur noch zu klein, um den zu verstehen.“ „Aber ich wollte doch spielen. Das war doch so abgemacht.“ Sascha drehte sich um und drückte im Affekt auf AUS. Die Mattscheibe wurde dunkel. Es war plötzlich still – Wasser tropfte, eine Kugel klimperte am Ast. „Sascha“, hauchte Frau Peters. „Papa“, gleichzeitig Herr Sergejewitsch. In beider Stimmen klangen Enttäuschung und Ratlosigkeit. „Wir spielen nur fünf Minuten“, setzte Sascha hastig nach. „Du bist bei mir zu Hause und machst meinen Fernseher aus. Als wär ich hier überflüssig.“ Das traf ihn härter als vermutet. „Ich wollt nicht… Nur, weil Leo…“ Leo schluchzte schon, Anna nahm ihn auf den Arm. „Ganz ruhig. Es wird alles gut.“ Frau Peters schaute Sascha an – Müdigkeit, Angst, Liebe und Sorge in einem Blick. Sie verstehen nicht, dachte sie. Der Film ist wie ein Anker; solange es ihn gibt, gibt es auch mein Früher noch. „Sascha“, sagte sie leise. „Wir sind den ganzen Tag auf den Beinen. Ich will einfach nur sitzen und meinen Film schauen. Spielt doch. Aber warum ausschalten?“ Saschas Argumente verpufften wie Spinnweben. „Weil… wenn er läuft, seid ihr nicht bei uns. Ihr seid beim Fernseher. Wir wollen MIT euch sein, nicht NUR neben euch.“ Das Wort hing im Raum. Herr Sergejewitsch schaute weg. Ich hab mein Lebenlang für dich geschafft, Fernseher angeschafft trotz wenig Geld, und jetzt…? Er dachte an die Abende in der leeren Wohnung, als nur das Gerät Stimmen bot, und seine Furcht vor der Stille. „Also gut“, sagte er plötzlich, sich selbst erstaunt. „Ihr spielt jetzt. Halbe Stunde, Stunde – dann schalten wir wieder ein. In Ordnung?“ Sascha blinzelte. „Papa…“ „Ich stör auch nicht, spiele sogar mit – nur später gucken wir dann weiter, ja?“ Frau Peters war baff, aber in seiner Stimme lag nicht Resignation, sondern der Wille, gemeinsam zu feiern und Altes zu behalten. „Okay“, meinte Anna. „Wir bauen auf dem Wohnzimmertisch auf, Fernseher bleibt aus. Wenn der Präsident kommt, gemeinsam schauen. Danach euer Film, aber leise. Wer will, spielt weiter.“ „Ich will mit Opa und Oma spielen!“, schniefte Leo – aber jetzt schon fröhlicher. Frau Peters atmete auf. Bin doch kein Unmensch, dachte sie. Fürs Kind können die Regeln auch mal lockerer werden. „Na dann her mit dem Spiel! Aber schnell erklären – sonst verlauf ich mich in euren Mini-Straßen.“ Saschas Anspannung wich langsam. Er schaltete den Fernseher auf Pause: der Held blieb mit erhobenem Glas eingefroren. „Der kann warten“, sagte er. „Andreas K. ist geduldig.“ Herr Sergejewitsch schmunzelte – der alte Witz saß. Sie legten das Spiel aus, schoben die Bonbonschale weg, Leo mischte voller Begeisterung die Kärtchen, Herr Sergejewitsch wurde plötzlich eifrig, als er bemerkte, wie viele Punkte seine Straße bringt. „Ich bin eben Stratege“, zwinkerte er. Anna lachte. Die ersten zehn Minuten waren chaotisch, doch langsam wurde es ein gemeinsames Werk, und Frau Peters ertappte sich dabei, dass sie ehrlich lachte. Später, als Leo auf die Toilette rannte, lehnt sich Sascha zu ihr: „Danke, dass du mitmachst.“ „Mach ich nicht. Ich probier nur mal – denk nicht, dass uns das nicht schwer fällt, alles zu ändern. Wir kennen den Ablauf seit Jahrzehnten.“ „Weiß ich. Aber wir brauchen auch mal unsre eigenen Sachen. Damit Leo sich später an unsere Spiele erinnert, nicht nur an Fernsehabende.“ „Wird er sowieso“, seufzte Frau Peters. „Hauptsache, wir sind zusammen.“ Gegen neun war das Spiel aus – überraschend gewann Herr Sergejewitsch, grinste und lugte zum Fernseher. „Jetzt bin ich dran!“ „Deins“, sagte Sascha. „Leg los.“ Alle setzten sich zum Fernsehen. Der Film begann, doch nun war der Kasten nicht mehr alles. Reste des Spiels lagen herum, und erstmals fühlte es sich nicht mehr so an, als sei der Bildschirm das Zentrum. Als der Bundespräsident sprach, holte Frau Peters standesgemäß Sekt und Gläser. „Schenk den Kindern Saft ein – sonst heißt’s, ich bring ihnen das Trinken bei!“ Sie standen beisammen, hörten vertraute Worte über Schwierigkeiten, Hoffnung, Zukunft – Herr Sergejewitsch schaute mehr die Familie als den Bildschirm an. Das sind sie, dachte er. Wenn es ihnen wichtig ist zu spielen, dann egal. Hauptsache, sie kommen. Als das Glockenspiel erklang, stießen sie an, Leo wünschte sicherheitshalber gleich dreimal was, weil er durcheinander war. Danach flimmerte der Fernseher wieder – aber leise, wie ein Flüstern. Der Film blieb Hintergrund statt Hauptfigur. Frau Peters saß am Sofarand, und Anna und Sascha diskutierten schon, wer die nächste Runde „Carcassonne“ anfangen dürfe. „Mama, willst du, dass wir morgen noch einmal den Film allein schauen – nur wir drei?“ „Wozu?“ „Na… du sagst, das ist DEIN Film. Lass uns daraus euer eigenes Ritual machen. Und abends wird gespielt. Dann gibts zwei Silvester für uns.“ Sie überlegte. Das klang so, als würde ihre Tradition nicht geraubt, sondern neues Gewicht bekommen. „Schauen wir morgen. Nach dem Aufstehen.“ Herr Sergejewitsch hörte es, tat aber, als schaute er den Film. Aber es wurde ihm ruhiger ums Herz. Nicht wegen des Kompromisses, sondern weil der Sohn wenigstens suchte, wie sie alle ihren Platz finden. Leo baute aus den Spielsteinen einen Turm, glücklich und konzentriert. Er wusste nicht, dass heute ein leiser Kampf um die Fernbedienung und das Recht auf das Richtige Silvester tobte. Für ihn wird dieser Abend der sein, an dem Opa überraschend gewann, Oma lachte und Mama und Papa sich nicht stritten. Gegen eins merkte Frau Peters, dass sie kaum auf den Bildschirm sah. Der Fernseher war Kulisse, aber erstmalig war ihr wichtiger, was HIER passierte. Sascha saß neben dem Vater, diskutierte die Spielregeln der nächsten Runde. Anna und Leo verstauten Sallatreste und Mandarinenschalen. Der Duft war nach Essen, Tanne und abgestandenen Sekt. „Mama, komm schon! Papa tüftelt an einem Strategieplan!“ „Komme gleich!“ Sie machte in der Küche das Licht aus, blieb sekundenlang in der Tür stehen. Der Fernseher beleuchtete die Gesichter, die Lichterkette blinkte. Das alles schien sehr heimisch. Na, soll doch. So und so – Hauptsache, sie sind hier. Sie setzte sich neben ihren Mann, der heimlich zur Seite rückte, damit sie Platz hatte. Die Fernbedienung lag zwischen ihnen – heute Symbol des Zusammenrückens, nicht des Streitens. „Na dann, zeigt mal eure Straßen.“ Das neue Jahr nahm seinen Lauf. Draußen krachte Feuerwerk, im Fernsehen liefen die Helden weiter durch vertraute Adressen. Doch im Wohnzimmer hatte sich eine eigene, kleine Landkarte gebildet: Fernsehzone, Spielzone, Küchenzone, und dazwischen kleine, feste Wege, auf denen man zueinander fand. Niemand hatte verloren oder gewonnen. Jeder war ein Stück gerückt. Und es wurde spürbar wärmer.

Fernbedienung für zwei

Um vier Uhr am Nachmittag fiel die Wohnungstür mit solchem Schwung ins Schloss, dass der alte Wintermantel an der Garderobe schwankte, und es strömten gleich drei Personen in den Flur: zuerst der große Thomas mit Rucksack und einer Tüte Clementinen, dann seine Frau Birte, eingezwängt zwischen Kindermantel und der Box mit dem Brettspiel, und schließlich der achtjährige Emil, der schon dabei war, sich die Wollmütze über die Augen zu ziehen und dabei aus unerklärlichem Grund laut brummte.

Wir sind da!, rief Thomas ins Innere der Wohnung, ohne die Schuhe auszuziehen.

Sofort steckte seine Mutter, Ursula Schröder, den Kopf aus der Küche, mit einem Messer in der Hand und kariertem Schürzenkleid. Die Wangen rosig, das Haar mit einer Klammer fixiert, hinter ihr auf dem Tisch ein Berg fein geschnittener Kartoffeln und Schinken.

Ach, meine Lieben!, rief sie, legte das Messer auf das Brett und kam ihnen entgegen, die Hände am Schürzenzipfel abgewischt. Kommt rein, zieht euch aus, geht durch. Nicht hier im Zug stehen, zieht’s nicht rein.

Aus dem Wohnzimmer drang die Stimme eines Fernsehmoderators und das leise Murmeln des Publikums: ein Nachmittagskonzert im Fernsehen. Vater, Ernst Schröder, grüßte von dort, ohne sich zu erheben.

Hallo, hallo! Ich bin da, ich halte alles im Blick.

Thomas half Emil beim Ausziehen der Schuhe und warf einen Seitenblick ins Wohnzimmer dort das altvertraute Bild aus der Kindheit: Der Tisch war schon teilweise gedeckt, auf dem Couchtisch lag die Fernbedienung, daneben eine Schale mit Pralinen, an der Wand blinkte eine alte Lichterkette. Natürlich lief der Fernseher. Nicht zu laut, aber immer da, wie das Brummen des Kühlschranks.

Wahrscheinlich läuft der Kasten schon seit dem Frühstück, dachte Thomas und unterdrückte das altgewohnte Unbehagen, das er sich mit einem Lächeln nicht anmerken ließ.

Mama, lass mich helfen, sagte er beim Hereingehen in die Küche, die Tüte in der Hand. Für dich Champagner, und zwar einen guten, nicht wie Er stockte, als er die sowjetische Sekt-Flasche mit goldener Kapsel sah. Also heute gibt es eben zwei Sorten.

Ich hab schon alles gekauft, erwiderte Ursula freundlich mit leichtem Vorwurf. Aber von mir aus, vielleicht schmeckt euer Moderner ja besser. Birte, Liebling, leg ab, ich mach gleich den Salat fertig, dann gibt’s Kaffee.

Birte lächelte, nickte, und Thomas merkte, dass sie leicht verkrampfte. Unterwegs hatten sie noch besprochen, wie sie dieses Jahr versuchen würden, alles etwas anders zu machen ohne das endlose Fernsehgedröhne, mit Spielen, Musik, und damit die Kinder mal von den Handys wegkommen. Doch kaum über die Türschwelle, versank der Plan sofort im vertrauten Hintergrundrauschen des Fernsehers und dem Rascheln umschaltender Kanäle.

Ernst Schröder hatte währenddessen seinen Platz auf dem Ecksofa eingenommen wie der Kapitän auf der Kommandobrücke. Die Fernbedienung lag griffbereit, immer wieder wanderte die Hand fast automatisch zum Zappen. Konzert, Lametta, Moderatoren in Glitzer, wieder Konzert.

Jetzt geht’s los, dachte er mit leiser Unruhe. Jetzt kommen sie gleich mit ihren Lautsprechern und Playlists und ich soll alles ausmachen? Als gäbe es meinen Silvester gar nicht mehr.

Er hatte den Fernseher schon am Morgen eingeschaltet, als Ursula die Kartoffeln schälte, und seitdem lief das Gerät. Ernst liebte es, wenn Stimmen und Musik aus dem Wohnzimmer kamen. So war es immer gewesen. Auch als Thomas klein war, rannte er zwischen Esstisch und Tannenbaum herum der Fernseher war steter Begleiter an Silvester, Zeichen, dass das ganze Land feiert.

Opa, darf ich Zeichentrick schauen?, stürmte Emil bereits ins Wohnzimmer und warf den Rucksack auf den Boden.

Später, Junge, antwortete Ernst, ohne den Blick zu heben. Jetzt läuft ein schönes Konzert. Siehst du, wie sie singen.

Aber ich mag das nicht, wie die singen, sagte Emil ehrlich und verzog das Gesicht.

Thomas schaute mit in die Stube, während er sich die Hände an der Jeans abwischte.

Papa, machst du vielleicht heute Abend mal etwas leiser, ja? Wir wollten doch mit den Kindern Carcassonne spielen, ich habs mitgebracht.

Was?, fragte Ernst verständnislos.

Ein Brettspiel. Mit Karten, Burgen, Straßen. Macht echt Spaß.

Na, dann spielt! Wer hindert euch?, sagte sein Vater völlig überrascht. Der Fernseher brüllt doch nicht. Soll doch laufen.

Thomas wollte erklären, dass es genau der ständige Hintergrund war, der störte, aber sein Blick traf den von Ursula, die gerade eine Platte mit Wurst reichte und sie aufmerksam beobachtete.

Esst erstmal, sagte sie. Danach spielt, was ihr wollt. Es ist doch noch ewig Zeit bis Mitternacht.

Viel Zeit schien Thomas gar nicht mehr. Er wusste, wie das läuft: Dinner for One, dann Konzert, dann die Ansprache des Bundespräsidenten, noch ein Konzert schon gähnen alle und das Brettspiel ruht weiter unberührt im Karton.

In der Küche roch es nach Mayonnaise, frischen Kräutern und Röstzwiebeln. Auf dem Fensterbrett kühlten heiße Kartoffelspalten für den Heringssalat aus. Ursula schnitt flink und geschickt Gurken in eine große Schüssel mit anderen Zutaten.

Mama, können wir die Hälfte vom Kartoffelsalat mal ohne Schinken machen?, fragte Birte vorsichtig und setzte sich an den Tisch. Ich esse jetzt lieber nur Gemüse, und Emil mag Fleisch eh kaum.

Salat ohne Schinken, das ist doch kein Salat!, sagte Ursula automatisch. Das ist na, ein Mischmasch. Aber ich kann ihm eine Portion in eine Schüssel tun, bevor ich alles vermenge.

Gern, sagte Birte erleichtert.

Birte mochte ihre Schwiegermutter wirklich aber jedes Silvester fühlte sie sich wie eine Statistin in einem Stück, in dem schon alle Rollen feststehen. Thomas Mutter hielt an ihren Rezepten und Ritualen fest wie an einer Lebensader. Birte verstand es, wünschte sich aber auch Akzeptanz für ihre eigenen Gewohnheiten nicht nur in der eigenen Wohnung, sondern auch hier.

Wirst du diesen Jahr wieder mit deinem Salat experimentieren?, schallte Ernsts Stimme aus dem Wohnzimmer. Ich kenn das schon: ohne Salz, ohne alles. Ich salze mir das später nach!

Es wird schon schmecken, rief Ursula zurück aber ihr Ton verriet Verstimmung.

Thomas bemerkte es und dachte, vielleicht hätte Birte das Thema Salat gar nicht wieder ansprechen sollen. Aber dann erinnerte er sich an letztes Silvester, als Emil lustlos im Salat stocherte und leise sagte, ihm sei übel davon, und wusste, es war schon richtig.

Eine halbe Stunde später saßen sie am Tisch. Es war noch hell, keine Kerzen brannten, und der Tannenbaum funkelte in der Ecke. Im Fernsehen lief immer noch das Konzert, doch der Ton war leiser. Der erste kleine Kompromiss Thomas hatte ihn beim Vorbeigehen einfach runtergeschaltet, Ernst tat, als merke er es nicht.

Auf unser Wiedersehen, hob Ernst sein Glas. Dass ihr gekommen seid. Die Kinder werden groß und dann Er brach ab und wedelte abwehrend. Also, schön, dass ihr da seid.

Thomas hatte einen Kloß im Hals. Er wusste, dass sein Vater Angst hatte, irgendwann allein in der Wohnung mit Teppichen und Schrankwand zu sein. Angst davor, dass die Kinder irgendwann sagen: Wir feiern lieber bei Freunden, mit unseren Traditionen. Dann bliebe eben der Trost: Glotze, Konzert, Kartoffelsalat Zeichen, dass Vergangenheit noch präsent ist.

Das freut uns auch, sagte Thomas. Wirklich.

Sie stießen an, der Champagner war trocken mit feiner Bitternote. Emil griff nach Clementinen, Birte schüttete sich Saft nach, Ursula teilte den Salat aus.

Schaut ihr heute Dinner for One?, fragte Birte neutral.

Natürlich!, rief Ernst begeistert. Ohne das kein Silvester. Fängt um neun an. Erst essen, Tee trinken, dann schauen.

Vielleicht lassen wir es dieses Jahr mal aus?, wagte Thomas. Wir kennen es doch schon in- und auswendig. Wir könnten doch stattdessen

Schau nicht mich an, unterbrach ihn Ursula, obwohl er sie gar nicht ansah. Ohne das versteh ich den Silvester gar nicht. Das ist mein Ritual damals war das schon im Krankenhaus meine Begleitung. Weißt du noch, Ernst, der Fernseher im Flur?

Klar, nickte er. Ich bin damals immer rausgerannt, um zu gucken.

Thomas merkte, wie seine Idee an Boden verlor als würde er nicht von einem Film sprechen, sondern an jemandes Erinnerungen rühren.

Wir können ja schauen, lenkte Birte rasch ein, als sie sein Zögern bemerkte. Nur vielleicht später, nach dem Spielen? Ich hab ein tolles Spiel mitgebracht. Gemeinsam!

Wir spielen, spielen, winkte Ernst ab. Zeit haben wir genug.

Er griff wieder zur Fernbedienung und zappte. Thomas ertappte sich dabei, die Klicks zu zählen. Eins, zwei, drei wie Uhrenschläge.

Nach dem Essen wurde Emil unruhig.

Papa, wann spielen wir endlich?, flüsterte er, laut genug für alle.

Gleich, antwortete Thomas. Wir räumen erst ab.

Ich mach das schon, mischte sich Ursula ein. Geht ihr. Ich stoß später dazu.

Ach Mama…, protestierte Thomas. Wir wollen doch helfen. Wenigstens abwaschen.

Du bringst doch alles durcheinander!, wehrte sie mit einem Lächeln ab. Ich hab mein System. Geht ruhig.

Ihr System: erst kommen alle Teller in die Spüle, Gläser beiseite, Salatboxen abgedeckt. Das war ihr Halt, jedes Jahr aufs Neue.

Thomas und Birte wechselten einen Blick. Helfen zu wollen hieß jetzt nur, die Spannung zu verstärken.

Gut, sagte Thomas. Dann richten wir das Spiel her.

Sie gingen ins Wohnzimmer. Ernst hatte schon den Kanal mit dem Start von Dinner for One gefunden. Die vertraute Musik begann.

Ah, jetzt wirds gut, freute er sich.

Papa, wir wollten doch jetzt, begann Thomas mit dem Spiel in der Hand.

Später! Du weißt, ich liebe den Anfang. Spielt doch solange in der Küche.

Dort ist zu eng, mischte sich Birte ein. Und da ist ja Mama mit dem Abwasch. Wir dachten eigentlich, dass wir zusammen spielen

Warum gemeinsam? Ihr erklärt eh immer eure neuen Regeln, ich versteh eh nichts. Ich schau lieber meinen Film. Wollt ihr dann setzt euch dazu.

Thomas atmete tief. Da war sie, die Situation, vor der er sich gefürchtet hatte. Alles lief darauf hinaus.

Papa, sagte er ruhig. Jedes Jahr läuft das Gleiche. Die gleichen Filme Wir wollten einfach mal anders feiern. Reden, spielen. Ohne Fernseher im Hintergrund.

Was stört dich daran?, in Ernsts Stimme schwang ein harter Ton mit. Springt der dir in die Suppe? Ich mach leiser, fertig.

Er springt mir nicht in die Suppe. Sondern in den Kopf, platzte es aus Thomas heraus. Dauernd plärrt einer!

Hier plärrt keiner!, Ernst war getroffen, stellte als Beweis den Ton wieder lauter. Die Musik schwoll leicht an.

Da betrat Ursula die Stube, das Handtuch in der Hand, und spürte sofort das Knistern.

Was ist hier los?, fragte sie.

Nichts, antworteten Thomas und Ernst fast gleichzeitig.

Im Fernseher prostete der Filmheld schon in der Umkleide zu. Die bekannten Sprüche überlagerten die Stimmung.

Wir wollten nur gemeinsam spielen, sagte Birte leise. Und den Film vielleicht

Den Film schauen wir das machen wir immer!, sagte Ursula bestimmt. Das wisst ihr doch.

Thomas spürte Wut und Schuld. Sie hören uns nicht, dachte er. Als wäre unser Wunsch nach kleinen Änderungen launenhaft. Sie haben das Recht auf Rituale, wir nicht.

Er schaute zu Emil. Der stand in der Tür, drückte das Kuscheltier an sich und blickte von den Erwachsenen zum Fernseher, enttäuscht.

Ich will den Film nicht sehen!, sagte er plötzlich. Der ist langweilig.

Pause. Der Fernseher plapperte weiter, aber keiner hörte mehr hin.

Emil…, sagte Ursula weich. Das ist kein langweiliger Film. Du bist nur noch zu klein.

Ich will spielen!, wiederholte Emil trotzig, die Stimme zitternd. Wir hatten das gesagt.

Thomas spürte, dass er das jetzt für den Jungen tun musste. Es ist für die Erwachsenen einfacher, nachzugeben, als einem Kind zu erklären, dass seine Wünsche unwichtig sind.

Er trat zum Fernseher, und bevor er es sich anders überlegen konnte, drückte er den Ausschaltknopf.

Der Bildschirm flackerte und wurde schwarz. Sofort wurde es im Raum still und weit. Man hörte das Tropfen aus dem Küchenhahn und das leise Klirren einer Weihnachtskugel am Baum.

Thomas, seufzte Ursula.

Papa, sagte Ernst gleichzeitig.

Beide Stimmen: Kränkung und Verwirrung.

Wir spielen nur fünf Minuten, sprach Thomas schnell, spürte selbst, dass er es übertrieben hatte. Nur kurz, dann

Du bist bei mir zu Hause!, fuhr Ernst dazwischen. Und schaltest meinen Fernseher aus. Als wär ich hier Störfaktor!

Diese Worte trafen Thomas härter als erwartet. Er öffnete den Mund zum Widerspruch, merkte aber, dass keiner mehr passte.

Ich wollte nur Emil

Emil schniefte, das Erwachsenen-Gezänk schlug voll auf ihn durch. Birte nahm ihn in den Arm.

Ganz ruhig, flüsterte sie. Alles gut, wir schaffen das.

Ursula blickte auf ihren Sohn. In ihrem Blick lag alles Müdigkeit, Sorge, Liebe und Angst. Angst, dass ihr Silvester in anderen Plänen aufging und sie mit leeren Händen dastünden.

Sie verstehen nicht, dachte sie. Der Film ist mein Halt. Solange es ihn gibt, bin ich noch die von früher. Fällt der weg, bin ich es auch nicht mehr.

Thomas, sagte sie leise. Wir rackern uns hier heute den Tag ab. Ich steh seit früh auf den Beinen. Ich will mein Filmritual. Ich störe euch doch nicht. Spiel halt aber warum gleich ausschalten?

Thomas fühlte, wie seine Argumente verpufften.

Weil ihr wenn er läuft immer nicht bei uns seid. Ihr seid beim Fernseher. Wir möchten aber mit euch sein. Wirklich mit euch, nicht nur daneben.

Der Satz blieb im Raum hängen. Ernst sah weg. Sein Herz stach plötzlich.

Ich war immer der, der alles möglich machte. Den Fernseher hab ich gekauft, als kaum Geld da war. Und jetzt versteck ich mich etwa dahinter? Kann ich ohne ihn gar nicht mehr reden?, dachte er traurig.

Er erinnerte sich, wie er in derselben Stube allein saß, als Ursula mal im Krankenhaus lag. Damals war der Fernseher der Einzige, der sprach. Egal, welche Sendung, Hauptsache nicht so still. Seitdem fürchtete er diese Stille.

Also gut, sagte er plötzlich und staunte selbst über seinen Ton. Jetzt spielt ihr. Halb, von mir aus eine Stunde. Dann schalten wir ihn wieder an und schauen zu Ende, einverstanden?

Thomas blinzelte.

Papa

Ich halte mich raus, fuhr Ernst fort. Ich spiele sogar mit, wenn ihr mir das erklärt. Aber danach schauen wir gemeinsam weiter, ja?

Ursula war erstaunt über diese Geste; es war kein Aufgeben, sondern der Versuch, gemeinsam zu bleiben, ohne das Eigene aufzugeben.

Gut, sagte Birte vorsichtig. Wir bauen das Spiel am Couchtisch auf, Fernseher bleibt aus. Bei der Bundespräsidentenansprache machen wir zusammen an, danach euren Film leise. Wer will, kann schauen, wer nicht, spielt in der anderen Ecke.

Ich will mit Opa spielen! Und mit Oma!, rief Emil, immer noch schluchzend, aber es legte sich.

Ursula seufzte.

Na, bin ich denn ein Unmensch?, dachte sie. Für das Kind kann ich meine Regeln schon mal lockern.

Na gut, sagte sie. Zeigt mir euer Spiel. Aber erklärt fix, sonst verläuf ich mich in euren Straßen!

Thomas spürte, wie sich die Anspannung lockerte. Er schaltete den Fernseher an, fror aber sofort das Bild ein. Der Hauptdarsteller prostete wie ausgestopft.

Der wartet schon, lachte Thomas. Der kann das.

Ernst musste lächeln. Der Witz war alt, aber heute passte er perfekt.

Sie arrangierten das Spiel am Couchtisch, schoben die Schale Pralinen beiseite, Carcassonne-Kärtchen und Meeple beanspruchten ihren Platz neben der Fernbedienung. Emil mischte begeistert die Kärtchen, als wären es Skatblätter.

Also, erläuterte Thomas, jeder legt reihum ein Kärtchen an die Karte, baut eine Straße oder eine Stadt. Dafür gibts Punkte.

Und wenn eine Straße ins Nichts endet?, fragte Ernst skeptisch.

Das geht nicht, erklärte Emil ernst. Es muss immer passen.

Wie im Leben, murmelte Ernst, unklar ob als Scherz.

Die ersten zehn Minuten war es chaotisch. Ursula setzte ständig die Spielfigur falsch, Emil vergaß die Regeln, Birte erklärte geduldig. Ernst tat erst gleichmütig, war dann aber euphorisch, als seine Straße mehr Punkte brachte als Thomas’ Stadt.

Ich hab eben Strategie!, blinzelte Ernst. Ihr unterschätzt mich!

Wir wussten das einfach nicht, lachte Birte.

In einem Moment ertappte sich Ursula beim Lachen ehrlich, nicht gezwungen. Sie sah, wie ihr Mann mit dem Enkel um die erste Spielfigur stritt, und dachte, dass man das Drehbuch wirklich etwas anpassen konnte: Es müssen nicht alle Szenen umgeschrieben werden, nur ergänzt.

Mama, sagte Thomas leise, als Emil auf Toilette verschwand. Danke, dass du mitmachst.

Ich hab noch gar nichts zugesagt!, brummte sie, diesmal milde. Weißt du, wie schwer das ist? Ein Leben lang Silvester gleich ich weiß immer, was wann kommt. Das gibt Sicherheit.

Ich weiß, nickte Thomas. Wir wollen aber auch unsere Sachen einbringen. Damit Emil sich später an mehr erinnert als an Filme, die er nicht mochte.

Das wird er sowieso, seufzte sie. Hauptsache, wir sind beisammen. Der Rest kommt.

Gegen neun war die Partie zu Ende. Zu aller Überraschung gewann Ernst. Stolz rieb er sich die Hände und schielte auf den Fernseher.

Jetzt bin ich dran?

Ja, Papa. Du bist dran.

Sie setzten sich wieder aufs Sofa. Die vertraute Melodie setzte ein, aber diesmal war der Fernseher nicht alles. Auf dem Couchtisch lagen noch die Spielkarten, Meeple und der Zettel mit den Punkten. Und dazwischen das Gefühl: Da lief heute mehr als nur Fernsehen.

Zur Präsidentenansprache holte Ursula wie immer Sekt und Gläser aus der Küche.

Den Kindern Saft einschenken, rief sie Birte zu. Sonst heißts wieder, ich setze sie unter Alkohol.

Sie standen mit den Gläsern, hörten die Rede wie jedes Jahr die gleichen Themen: Herausforderungen, Hoffnung, Zukunft. Ernst hörte nebenbei zu, mehr hing sein Blick an der Familie.

Da sind sie, dachte er. Meine Leute. Und wenn ihnen das Spielen so wichtig ist na ja, Hauptsache, sie kommen.

Als auf dem Bildschirm die Uhr schlug, stießen sie an. Einige hatten einen Wunsch parat, Emil wünschte sich aufgeregt gleich drei sicher ist sicher.

Der Fernseher lief weiter, doch diesmal fast lautlos. Der Film wurde zum Hintergrund, nicht mehr zum Zentrum.

Ursula saß am Sofarand, das Glas in der Hand, beobachtete auf dem Bildschirm die treppabsteigende Filmheldin; im Raum diskutierten Birte und Thomas, wer das nächste Mal anfangen durfte.

Mama, sagte Thomas plötzlich. Sollen wir morgen früh den Film nochmal schauen nur du, Papa und ich?

Überrascht sah sie ihn an.

Warum?

Na ja Du hast gesagt, das ist DEIN Film. Machen wir daraus doch euer ganz eigenes Ritual. Abends dann spielen und reden. So gibts zwei Silvester.

Sie überlegte. Irgendwie klang das schön nicht als Raub, sondern als Auszeichnung.

Schauen wir mal, sagte sie, ohne das Gefallen zu zeigen. Morgen, wenn wir wach sind.

Ernst hörte die Unterhaltung halb mit, tat dabei so, als ginge seine Aufmerksamkeit nicht vom Bildschirm. Doch ihm war leichter ums Herz. Nicht wegen des Films, sondern weil sein Sohn nach gemeinsamen Wegen suchte, bei denen jeder zählte.

Emil baute in diesem Moment einen Turm aus Spielsteinen konzentriertes Glück. Er wusste nicht, dass hier an diesem Abend ein leiser Kampf um Fernbedienung und Feiergestaltung tobte. Für ihn zählte, dass Opa mal gewann, Oma lachte und die Eltern nicht stritten.

Gegen ein Uhr nachts ertappte sich Ursula dabei, dass sie gar nicht mehr wirklich zum Fernseher sah. Er lief wie immer aber zum ersten Mal war ihr wichtiger, was im Raum geschah.

Thomas saß neben seinem Vater, beide analysierten noch Regeln für ein neues Spiel, das sie heute nicht mehr schafften. Birte und Emil räumten in der Küche Reste von Salat und Clementinenschalen weg. Die Wohnung roch nach Essen, Tanne und abgestandenem Sekt.

Mama!, rief Thomas. Komm her, Papa plant schon den nächsten Coup!

Bin gleich da, rief sie, deckte kurz Salat ab, löschte das Licht in der Küche und verweilte einen Moment im Türrahmen. Fernseher und Lichterkette malten weiche Lichtmuster ins Zimmer es war ein Bild voll Zuhause.

Na gut, dachte sie. Dann eben so. Hauptsache, sie sind hier.

Sie setzte sich zu ihrem Mann, der unmerklich zur Seite rückte. Die Fernbedienung lag zwischen ihnen, dieses kleine, wichtige Objekt, das heute niemand mehr allein beanspruchte.

Zeigt mal eure Straßen, sagte sie und blickte zu Sohn und Enkel.

Der Silvesterabend nahm seinen Lauf. Draußen knallte ein Feuerwerk, auf dem Bildschirm stolperten die Helden noch durch Hamburger oder Berliner Kulissen. Im Wohnzimmer aber entstanden eigene Wege: Fernseherecke, Spielecke, Küchenecke und Verbindungspfade zwischen ihnen, dünn aber tragfähig.

Keiner hat gewonnen oder verloren. Jeder rückte ein Stück näher. Und genau dadurch wurde es wärmer.

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Homy
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Fernbedienung für Zwei Als die Uhr vier schlug, knallte die Tür so heftig, dass der alte Daunenmantel an der Garderobe schaukelte und gleich drei Leute in den Flur stolperten: zuerst der große Sascha mit Rucksack und einer Tüte Mandarinen, dann seine Frau Anna, eingepfercht zwischen Kindermantel und Brettspiel, und zum Schluss der achtjährige Leo, der schon die Strickmütze über die Augen zog und aus unerfindlichen Gründen laut brummte. „Wir sind da!“, rief Sascha in die Wohnung, ohne die Schuhe auszuziehen. Aus der Küche lugte sofort die Mutter, Frau Natalia Peters, mit einem Messer in der Hand und kariertem Schürzchen hervor. Die Wangen rosig, die Haare mit einer Klammer hochgesteckt, und auf dem Tisch hinter ihr thronte ein Berg bereits geschnittener Kartoffeln und Wurst. „Ach, meine Lieben!“ Sie klatschte das Messer auf das Brett und kam ihnen, die Hände am Schürzchen abschmierend, entgegen. „Kommt rein, zieht euch aus, macht es euch gemütlich. Nicht im Flur stehen, hier zieht’s.“ Aus dem Wohnzimmer drang die Stimme eines Ansagers und das gedämpfte Stimmengewirr einer Studiokulisse – im Fernsehen lief irgendein Nachmittagskonzert. Vater, Herr Waleri Sergejewitsch, meldete sich von dort, ohne aufzustehen: „Hallo, hallo! Ich bin hier, ich halte die Stellung am Bildschirm.“ Sascha half Leo beim Schuheausziehen und erhaschte schon einen Blick auf den vertrauten Wohnzimmeranblick: Tisch halb gedeckt, auf dem Couchtisch vor dem Sofa lag die Fernbedienung, daneben eine Schale mit Süßigkeiten, an der Wand blinkte die alte Lichterkette. Der Fernseher lief natürlich. Die Lautstärke war nicht hoch, aber das Surren blieb wie das Brummen eines Kühlschranks. Bestimmt läuft der schon den ganzen Tag, dachte Sascha und spürte das altbekannte Genervtsein, das er sich mühsam nicht anmerken ließ. „Mama, ich helfe dir“, sagte er und trug die Tüte in die Küche. „Das ist für dich. Da ist echtes Sekt drin, nicht so ein…“ Er stockte, als er die sowjetische Flasche mit goldener Etikette auf dem Tisch sah. „Na gut, dann haben wir eben zwei Sorten.“ „Ich hab schon alles gekauft“, sagte Frau Peters sanft, aber mit leisem Vorwurf. „Aber kann ruhig noch stehen bleiben – vielleicht schmeckt euer modernes ja besser. Anna, meine Liebe, zieh den Mantel aus. Ich mach grad noch Salat, dann gibt’s Tee.“ Anna lächelte und nickte, obwohl Sascha spürte, dass sie sich leicht verspannte. Auf dem Weg hierher hatten sie darüber gesprochen, dieses Jahr alles mal anders zu machen: Kein endloses Fernsehgedröhne, dafür Spiele, Musik, dass die Kinder nicht nur am Handy hängen. Doch kaum über die Schwelle, da stießen sie sogleich auf den vertrauten Geräuschteppich der ständig laufenden Sendungen. Herr Sergejewitsch hatte sich inzwischen auf seinem angestammten Platz in der Sofaecke eingerichtet, als säße er auf der Brücke eines Schiffes. Die Fernbedienung lag griffbereit, er berührte sie immer wieder, zappte durch die Programme, beinahe schon automatisch, ohne wirklich hinzusehen: Konzert, Glitzer, Moderator, wieder Konzert. Na wunderbar, dachte er mit leichter Sorge. Jetzt kommen sie gleich mit ihren Lautsprechern und Playlists. Soll ich dann etwa alles abschalten? Als gäbe es mein Silvester gar nicht mehr. Den Fernseher hatte er schon am Morgen eingeschaltet, als Frau Peters Kartoffeln schälte, und seitdem lief er durch. Herr Sergejewitsch mochte Stimmen und Musik im Raum. So war das immer gewesen. Schon als Sascha klein war, hin und her zwischen Tisch und Baum tollte, lief der Fernseher als Hintergrund, als Beweis, dass im ganzen Land Fest war. „Opa, dürfen wir Trickfilme gucken?“, polterte Leo ins Zimmer und warf den Rucksack auf den Boden. „Später, jetzt läuft ein gutes Konzert“, antwortete Herr Sergejewitsch, ohne den Blick zu heben. „Schau nur, wie die singen.“ „Aber ich mag die nicht“, brummte Leo und runzelte die Stirn. Sascha kam kurz in das Zimmer, um sich die Hände an der Jeans abzuwischen. „Papa, können wir’s abends wenigstens ein wenig leiser machen? Wir wollten mal ‚Carcassonne‘ spielen, hab ich mitgebracht.“ „Was?“ „Brettspiel, mit Karten, Burgen, Straßen. Macht Spaß.“ „Na spielt doch, euch hält doch keiner auf! Der Fernseher schreit ja nicht. Der kann ruhig weiterlaufen.“ Sascha wollte erklären, dass schon allein das ununterbrochene Gedudel störe, doch sein Blick traf den von Frau Peters, die gerade mit einem Teller Aufschnitt vorbeiging und die beiden abwartend musterte. „Esst erst mal, dann könnt ihr spielen, so viel ihr wollt. Bis Mitternacht ist noch ewig Zeit.“ Sascha kam das nicht wie ein Übermaß an Zeit vor. Er kannte das schon: Erst „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“, dann Konzert, dann Bundespräsident, dann wieder Konzert – und ehe man sich’s versieht, gähnen alle und sitzen immer noch über der Spiele-Box. In der Küche roch es nach Mayonnaise, frischer Petersilie und gebratenen Zwiebeln. Auf dem Fensterbrett kühlten Kartoffelspalten für Heringssalat aus. Frau Peters schnippelte flink Gewürzgurken in die Schüssel mit anderen Zutaten. „Mama, lass uns die Hälfte vom Kartoffelsalat mal ohne Wurst machen?“, fragte Anna vorsichtig beim Hinsetzen. „Ich mag’s lieber veggie, und Leo isst auch kaum Fleisch.“ „Ohne Wurst ist das kein richtiger Salat, sondern… keine Ahnung, irgendwas anderes. Na gut, ich leg ihm was auf die Seite.“ „Super,“ atmete Anna auf. Sie mochte ihre Schwiegermutter, wirklich, aber jedes Silvester fühlte sie sich wie Gast in einem Stück, in dem die Rollen fest vergeben waren, und Sashas Mutter hielt sich an ihre Rezepte und Rituale wie an Rettungsleinen. Anna verstand es, wollte aber, dass auch ihre und Sashas Gewohnheiten ihren Platz haben. Nicht nur zu Hause, sondern auch hier. „Du wieder mit deinen Experimente“, rief Herr Sergejewitsch aus dem Wohnzimmer. „Am Ende ist wieder alles ohne Salz und Geschmack. Ich würz’s dann eben nach.“ „Wird schon passen,“ brummte Frau Peters eingeschnappt. Sascha bemerkte den Unterton und dachte, es war vielleicht doch nicht so klug von Anna, die Wurstfrage anzusprechen. Aber er erinnerte sich auch daran, wie Leo letztes Silvester das Salatbesteck weglegte und leise vor sich hin nölte, dass ihm davon übel sei, und wusste: Nein, es war richtig. Nach einer halben Stunde saßen sie alle um den Tisch. Es war noch hell draußen, keine Kerzen angezündet, der Baum leuchtete in der Ecke, der Fernseher lief leiser – ein erster stiller Kompromiss: Sascha hatte im Vorbeigehen den Ton gedrosselt und Herr Sergejewitsch tat, als merkte er nichts. „Auf unser Wiedersehen“, hob Herr Sergejewitsch das Sektglas. „Gut, dass ihr gekommen seid. Wer weiß – die Kinder werden groß…“ Er brach ab und winkte ab. „Egal. Schön, dass ihr da seid.“ Sascha spürte ein Ziehen im Inneren. Er wusste, der Vater hatte Angst, allein zu bleiben in der dreizimmerigen Wohnung mit Teppichen und Vitrine. Angst, dass eines Tages die Kinder sagen: „Wir feiern lieber mit Freunden, wir haben eigene Rituale.“ Und der Fernseher, das Konzert, der Kartoffelsalat schienen Garantien für die Behauptung, dass das Vergangene noch da ist, nichts verschwindet. „Wir auch, wirklich“, sagte Sascha. Sie stießen an, der Sekt war herb mit einem Hauch Bitterkeit. Leo griff nach Mandarinen, Anna füllte Saft nach, Frau Peters portionierte Salat. „Schaut ihr heute wieder ‚Drei Haselnüsse für Aschenbrödel‘?“ fragte Anna möglichst neutral. „Natürlich! Ohne das – kein Silvester. Fängt um neun an. Erst essen, dann Tee, dann Film.“ „Könnten wir’s dieses Jahr auslassen…? Wir kennen den doch alle fast auswendig. Vielleicht könnten wir stattdessen…“ „Du brauchst mich nicht anschauen“, unterbrach Frau Peters, auch wenn Sascha sie gar nicht ansah. „Ohne den Film weiß ich gar nicht, dass Silvester ist. Seit meiner Jugend ist der dabei. Im Krankenhaus hab ich den einmal geschaut. Erinnerst du dich, Waleri, im Flur war damals ein Fernseher.“ „Stimmt“, nickte er. Sascha spürte, wie ihm die Argumente wegschwammen, als rede er nicht bloß über einen Film, sondern begehe einen Angriff auf ihre Lebensgeschichte. „Wir können ihn gucken,“ schob Anna rasch nach. „Nur vielleicht nachher mal spielen? Ich hab das Spiel extra mitgebracht.“ „Ja, ja, wir spielen später,“ winkte Herr Sergejewitsch ab. „Habt doch alle Zeit der Welt.“ Er griff wieder zur Fernbedienung und zappte, Sascha zählte unwillkürlich die Klicks wie Uhrenschläge. Nach dem Essen wurde Leo kribbelig. „Papa, wann spielen wir denn?“ „Gleich, wir räumen erst ab.“ „Ich mach das schon alleine“, mischte sich Frau Peters ein. „Geht und spielt, ich komm später dazu.“ „Mama, wir machen das doch zusammen!“ „Du bringst mir alles durcheinander. Ich hab mein System. Geht schon mal vor!“ Das System: alles in die Spüle, Salat abdecken, Gläser extra, und sie kannte die Platzierung mit verbundenen Augen. Sascha und Anna wechselten einen Blick – helfen wäre nett, aber ein Streit in diesem Moment hätte es verschärft. „Okay, dann machen wir uns schon mal fürs Spiel fertig.“ Sie gingen ins Wohnzimmer. Herr Sergejewitsch hatte zum Start von „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ gezappt. Die bekannte Melodie erklang. „Oh, jetzt wird’s spannend!“, freute sich der Vater. „Papa, wir wollten doch…“, setzte Sascha an. „Später, ich liebe den Anfang. Ihr könnt ja in der Küche spielen.“ „Da ist kaum Platz, und Mama räumt noch auf. Wir wollten eigentlich alle zusammen…“ „Wozu zusammen? Ihr spielt, ich schau, wie immer. Oder schaut einfach mit!“ Sascha atmete tief durch. Da war der Moment, vor dem er sich fürchtete. „Papa, jedes Jahr läuft’s gleich. Wir wollten… nur mal ein bisschen anders. Reden, spielen. Ohne Fernseh-Kulisse.“ „Stört dich der Fernseher? Er steht doch nur da. Ich mach leiser.“ „Der kommt nicht in den Teller, sondern in den Kopf“, platzte Sascha heraus. „Man kann einfach nicht reden, wenn immer irgendwas dröhnt.“ „Keiner dröhnt“, beleidigt nahm Herr Sergejewitsch noch lauter. Da kam Frau Peters rein, das Spannungsfeld war sofort spürbar. „Was ist los?“ „Nichts“, sagten Sascha und sein Vater fast gleichzeitig. Auf dem Bildschirm hob der Held schon das Glas in der Sauna. Sprüche, die sie alle kannten, legten sich über sie. „Wir wollen einfach spielen“, murmelte Anna. „Zusammen. Der Film geht bestimmt auch später…“ „Wir schauen den Film“, stellte Frau Peters fest. „So machen wir das immer.“ Sascha wurde wütend und schuldbewusst zugleich. Sie hören uns gar nicht, dachte er. Als wäre der Wunsch, was anders zu machen, bloß Laune. Als hätten sie das Recht auf Tradition und wir nicht. Leo stand in der Tür, drückte seinen Kuschel-Dino, schaute von Erwachsenen zum Fernseher, Enttäuschung stand ihm ins Gesicht geschrieben. „Ich will den Film nicht“, sagte er plötzlich. „Der ist langweilig.“ Pause. Der Fernseher plapperte ins Leere. „Leo, das ist kein langweiliger Film, du bist nur noch zu klein, um den zu verstehen.“ „Aber ich wollte doch spielen. Das war doch so abgemacht.“ Sascha drehte sich um und drückte im Affekt auf AUS. Die Mattscheibe wurde dunkel. Es war plötzlich still – Wasser tropfte, eine Kugel klimperte am Ast. „Sascha“, hauchte Frau Peters. „Papa“, gleichzeitig Herr Sergejewitsch. In beider Stimmen klangen Enttäuschung und Ratlosigkeit. „Wir spielen nur fünf Minuten“, setzte Sascha hastig nach. „Du bist bei mir zu Hause und machst meinen Fernseher aus. Als wär ich hier überflüssig.“ Das traf ihn härter als vermutet. „Ich wollt nicht… Nur, weil Leo…“ Leo schluchzte schon, Anna nahm ihn auf den Arm. „Ganz ruhig. Es wird alles gut.“ Frau Peters schaute Sascha an – Müdigkeit, Angst, Liebe und Sorge in einem Blick. Sie verstehen nicht, dachte sie. Der Film ist wie ein Anker; solange es ihn gibt, gibt es auch mein Früher noch. „Sascha“, sagte sie leise. „Wir sind den ganzen Tag auf den Beinen. Ich will einfach nur sitzen und meinen Film schauen. Spielt doch. Aber warum ausschalten?“ Saschas Argumente verpufften wie Spinnweben. „Weil… wenn er läuft, seid ihr nicht bei uns. Ihr seid beim Fernseher. Wir wollen MIT euch sein, nicht NUR neben euch.“ Das Wort hing im Raum. Herr Sergejewitsch schaute weg. Ich hab mein Lebenlang für dich geschafft, Fernseher angeschafft trotz wenig Geld, und jetzt…? Er dachte an die Abende in der leeren Wohnung, als nur das Gerät Stimmen bot, und seine Furcht vor der Stille. „Also gut“, sagte er plötzlich, sich selbst erstaunt. „Ihr spielt jetzt. Halbe Stunde, Stunde – dann schalten wir wieder ein. In Ordnung?“ Sascha blinzelte. „Papa…“ „Ich stör auch nicht, spiele sogar mit – nur später gucken wir dann weiter, ja?“ Frau Peters war baff, aber in seiner Stimme lag nicht Resignation, sondern der Wille, gemeinsam zu feiern und Altes zu behalten. „Okay“, meinte Anna. „Wir bauen auf dem Wohnzimmertisch auf, Fernseher bleibt aus. Wenn der Präsident kommt, gemeinsam schauen. Danach euer Film, aber leise. Wer will, spielt weiter.“ „Ich will mit Opa und Oma spielen!“, schniefte Leo – aber jetzt schon fröhlicher. Frau Peters atmete auf. Bin doch kein Unmensch, dachte sie. Fürs Kind können die Regeln auch mal lockerer werden. „Na dann her mit dem Spiel! Aber schnell erklären – sonst verlauf ich mich in euren Mini-Straßen.“ Saschas Anspannung wich langsam. Er schaltete den Fernseher auf Pause: der Held blieb mit erhobenem Glas eingefroren. „Der kann warten“, sagte er. „Andreas K. ist geduldig.“ Herr Sergejewitsch schmunzelte – der alte Witz saß. Sie legten das Spiel aus, schoben die Bonbonschale weg, Leo mischte voller Begeisterung die Kärtchen, Herr Sergejewitsch wurde plötzlich eifrig, als er bemerkte, wie viele Punkte seine Straße bringt. „Ich bin eben Stratege“, zwinkerte er. Anna lachte. Die ersten zehn Minuten waren chaotisch, doch langsam wurde es ein gemeinsames Werk, und Frau Peters ertappte sich dabei, dass sie ehrlich lachte. Später, als Leo auf die Toilette rannte, lehnt sich Sascha zu ihr: „Danke, dass du mitmachst.“ „Mach ich nicht. Ich probier nur mal – denk nicht, dass uns das nicht schwer fällt, alles zu ändern. Wir kennen den Ablauf seit Jahrzehnten.“ „Weiß ich. Aber wir brauchen auch mal unsre eigenen Sachen. Damit Leo sich später an unsere Spiele erinnert, nicht nur an Fernsehabende.“ „Wird er sowieso“, seufzte Frau Peters. „Hauptsache, wir sind zusammen.“ Gegen neun war das Spiel aus – überraschend gewann Herr Sergejewitsch, grinste und lugte zum Fernseher. „Jetzt bin ich dran!“ „Deins“, sagte Sascha. „Leg los.“ Alle setzten sich zum Fernsehen. Der Film begann, doch nun war der Kasten nicht mehr alles. Reste des Spiels lagen herum, und erstmals fühlte es sich nicht mehr so an, als sei der Bildschirm das Zentrum. Als der Bundespräsident sprach, holte Frau Peters standesgemäß Sekt und Gläser. „Schenk den Kindern Saft ein – sonst heißt’s, ich bring ihnen das Trinken bei!“ Sie standen beisammen, hörten vertraute Worte über Schwierigkeiten, Hoffnung, Zukunft – Herr Sergejewitsch schaute mehr die Familie als den Bildschirm an. Das sind sie, dachte er. Wenn es ihnen wichtig ist zu spielen, dann egal. Hauptsache, sie kommen. Als das Glockenspiel erklang, stießen sie an, Leo wünschte sicherheitshalber gleich dreimal was, weil er durcheinander war. Danach flimmerte der Fernseher wieder – aber leise, wie ein Flüstern. Der Film blieb Hintergrund statt Hauptfigur. Frau Peters saß am Sofarand, und Anna und Sascha diskutierten schon, wer die nächste Runde „Carcassonne“ anfangen dürfe. „Mama, willst du, dass wir morgen noch einmal den Film allein schauen – nur wir drei?“ „Wozu?“ „Na… du sagst, das ist DEIN Film. Lass uns daraus euer eigenes Ritual machen. Und abends wird gespielt. Dann gibts zwei Silvester für uns.“ Sie überlegte. Das klang so, als würde ihre Tradition nicht geraubt, sondern neues Gewicht bekommen. „Schauen wir morgen. Nach dem Aufstehen.“ Herr Sergejewitsch hörte es, tat aber, als schaute er den Film. Aber es wurde ihm ruhiger ums Herz. Nicht wegen des Kompromisses, sondern weil der Sohn wenigstens suchte, wie sie alle ihren Platz finden. Leo baute aus den Spielsteinen einen Turm, glücklich und konzentriert. Er wusste nicht, dass heute ein leiser Kampf um die Fernbedienung und das Recht auf das Richtige Silvester tobte. Für ihn wird dieser Abend der sein, an dem Opa überraschend gewann, Oma lachte und Mama und Papa sich nicht stritten. Gegen eins merkte Frau Peters, dass sie kaum auf den Bildschirm sah. Der Fernseher war Kulisse, aber erstmalig war ihr wichtiger, was HIER passierte. Sascha saß neben dem Vater, diskutierte die Spielregeln der nächsten Runde. Anna und Leo verstauten Sallatreste und Mandarinenschalen. Der Duft war nach Essen, Tanne und abgestandenen Sekt. „Mama, komm schon! Papa tüftelt an einem Strategieplan!“ „Komme gleich!“ Sie machte in der Küche das Licht aus, blieb sekundenlang in der Tür stehen. Der Fernseher beleuchtete die Gesichter, die Lichterkette blinkte. Das alles schien sehr heimisch. Na, soll doch. So und so – Hauptsache, sie sind hier. Sie setzte sich neben ihren Mann, der heimlich zur Seite rückte, damit sie Platz hatte. Die Fernbedienung lag zwischen ihnen – heute Symbol des Zusammenrückens, nicht des Streitens. „Na dann, zeigt mal eure Straßen.“ Das neue Jahr nahm seinen Lauf. Draußen krachte Feuerwerk, im Fernsehen liefen die Helden weiter durch vertraute Adressen. Doch im Wohnzimmer hatte sich eine eigene, kleine Landkarte gebildet: Fernsehzone, Spielzone, Küchenzone, und dazwischen kleine, feste Wege, auf denen man zueinander fand. Niemand hatte verloren oder gewonnen. Jeder war ein Stück gerückt. Und es wurde spürbar wärmer.
Ihre zweite Herbstzeit