Fernbedienung für zwei
Um vier Uhr am Nachmittag fiel die Wohnungstür mit solchem Schwung ins Schloss, dass der alte Wintermantel an der Garderobe schwankte, und es strömten gleich drei Personen in den Flur: zuerst der große Thomas mit Rucksack und einer Tüte Clementinen, dann seine Frau Birte, eingezwängt zwischen Kindermantel und der Box mit dem Brettspiel, und schließlich der achtjährige Emil, der schon dabei war, sich die Wollmütze über die Augen zu ziehen und dabei aus unerklärlichem Grund laut brummte.
Wir sind da!, rief Thomas ins Innere der Wohnung, ohne die Schuhe auszuziehen.
Sofort steckte seine Mutter, Ursula Schröder, den Kopf aus der Küche, mit einem Messer in der Hand und kariertem Schürzenkleid. Die Wangen rosig, das Haar mit einer Klammer fixiert, hinter ihr auf dem Tisch ein Berg fein geschnittener Kartoffeln und Schinken.
Ach, meine Lieben!, rief sie, legte das Messer auf das Brett und kam ihnen entgegen, die Hände am Schürzenzipfel abgewischt. Kommt rein, zieht euch aus, geht durch. Nicht hier im Zug stehen, zieht’s nicht rein.
Aus dem Wohnzimmer drang die Stimme eines Fernsehmoderators und das leise Murmeln des Publikums: ein Nachmittagskonzert im Fernsehen. Vater, Ernst Schröder, grüßte von dort, ohne sich zu erheben.
Hallo, hallo! Ich bin da, ich halte alles im Blick.
Thomas half Emil beim Ausziehen der Schuhe und warf einen Seitenblick ins Wohnzimmer dort das altvertraute Bild aus der Kindheit: Der Tisch war schon teilweise gedeckt, auf dem Couchtisch lag die Fernbedienung, daneben eine Schale mit Pralinen, an der Wand blinkte eine alte Lichterkette. Natürlich lief der Fernseher. Nicht zu laut, aber immer da, wie das Brummen des Kühlschranks.
Wahrscheinlich läuft der Kasten schon seit dem Frühstück, dachte Thomas und unterdrückte das altgewohnte Unbehagen, das er sich mit einem Lächeln nicht anmerken ließ.
Mama, lass mich helfen, sagte er beim Hereingehen in die Küche, die Tüte in der Hand. Für dich Champagner, und zwar einen guten, nicht wie Er stockte, als er die sowjetische Sekt-Flasche mit goldener Kapsel sah. Also heute gibt es eben zwei Sorten.
Ich hab schon alles gekauft, erwiderte Ursula freundlich mit leichtem Vorwurf. Aber von mir aus, vielleicht schmeckt euer Moderner ja besser. Birte, Liebling, leg ab, ich mach gleich den Salat fertig, dann gibt’s Kaffee.
Birte lächelte, nickte, und Thomas merkte, dass sie leicht verkrampfte. Unterwegs hatten sie noch besprochen, wie sie dieses Jahr versuchen würden, alles etwas anders zu machen ohne das endlose Fernsehgedröhne, mit Spielen, Musik, und damit die Kinder mal von den Handys wegkommen. Doch kaum über die Türschwelle, versank der Plan sofort im vertrauten Hintergrundrauschen des Fernsehers und dem Rascheln umschaltender Kanäle.
Ernst Schröder hatte währenddessen seinen Platz auf dem Ecksofa eingenommen wie der Kapitän auf der Kommandobrücke. Die Fernbedienung lag griffbereit, immer wieder wanderte die Hand fast automatisch zum Zappen. Konzert, Lametta, Moderatoren in Glitzer, wieder Konzert.
Jetzt geht’s los, dachte er mit leiser Unruhe. Jetzt kommen sie gleich mit ihren Lautsprechern und Playlists und ich soll alles ausmachen? Als gäbe es meinen Silvester gar nicht mehr.
Er hatte den Fernseher schon am Morgen eingeschaltet, als Ursula die Kartoffeln schälte, und seitdem lief das Gerät. Ernst liebte es, wenn Stimmen und Musik aus dem Wohnzimmer kamen. So war es immer gewesen. Auch als Thomas klein war, rannte er zwischen Esstisch und Tannenbaum herum der Fernseher war steter Begleiter an Silvester, Zeichen, dass das ganze Land feiert.
Opa, darf ich Zeichentrick schauen?, stürmte Emil bereits ins Wohnzimmer und warf den Rucksack auf den Boden.
Später, Junge, antwortete Ernst, ohne den Blick zu heben. Jetzt läuft ein schönes Konzert. Siehst du, wie sie singen.
Aber ich mag das nicht, wie die singen, sagte Emil ehrlich und verzog das Gesicht.
Thomas schaute mit in die Stube, während er sich die Hände an der Jeans abwischte.
Papa, machst du vielleicht heute Abend mal etwas leiser, ja? Wir wollten doch mit den Kindern Carcassonne spielen, ich habs mitgebracht.
Was?, fragte Ernst verständnislos.
Ein Brettspiel. Mit Karten, Burgen, Straßen. Macht echt Spaß.
Na, dann spielt! Wer hindert euch?, sagte sein Vater völlig überrascht. Der Fernseher brüllt doch nicht. Soll doch laufen.
Thomas wollte erklären, dass es genau der ständige Hintergrund war, der störte, aber sein Blick traf den von Ursula, die gerade eine Platte mit Wurst reichte und sie aufmerksam beobachtete.
Esst erstmal, sagte sie. Danach spielt, was ihr wollt. Es ist doch noch ewig Zeit bis Mitternacht.
Viel Zeit schien Thomas gar nicht mehr. Er wusste, wie das läuft: Dinner for One, dann Konzert, dann die Ansprache des Bundespräsidenten, noch ein Konzert schon gähnen alle und das Brettspiel ruht weiter unberührt im Karton.
In der Küche roch es nach Mayonnaise, frischen Kräutern und Röstzwiebeln. Auf dem Fensterbrett kühlten heiße Kartoffelspalten für den Heringssalat aus. Ursula schnitt flink und geschickt Gurken in eine große Schüssel mit anderen Zutaten.
Mama, können wir die Hälfte vom Kartoffelsalat mal ohne Schinken machen?, fragte Birte vorsichtig und setzte sich an den Tisch. Ich esse jetzt lieber nur Gemüse, und Emil mag Fleisch eh kaum.
Salat ohne Schinken, das ist doch kein Salat!, sagte Ursula automatisch. Das ist na, ein Mischmasch. Aber ich kann ihm eine Portion in eine Schüssel tun, bevor ich alles vermenge.
Gern, sagte Birte erleichtert.
Birte mochte ihre Schwiegermutter wirklich aber jedes Silvester fühlte sie sich wie eine Statistin in einem Stück, in dem schon alle Rollen feststehen. Thomas Mutter hielt an ihren Rezepten und Ritualen fest wie an einer Lebensader. Birte verstand es, wünschte sich aber auch Akzeptanz für ihre eigenen Gewohnheiten nicht nur in der eigenen Wohnung, sondern auch hier.
Wirst du diesen Jahr wieder mit deinem Salat experimentieren?, schallte Ernsts Stimme aus dem Wohnzimmer. Ich kenn das schon: ohne Salz, ohne alles. Ich salze mir das später nach!
Es wird schon schmecken, rief Ursula zurück aber ihr Ton verriet Verstimmung.
Thomas bemerkte es und dachte, vielleicht hätte Birte das Thema Salat gar nicht wieder ansprechen sollen. Aber dann erinnerte er sich an letztes Silvester, als Emil lustlos im Salat stocherte und leise sagte, ihm sei übel davon, und wusste, es war schon richtig.
Eine halbe Stunde später saßen sie am Tisch. Es war noch hell, keine Kerzen brannten, und der Tannenbaum funkelte in der Ecke. Im Fernsehen lief immer noch das Konzert, doch der Ton war leiser. Der erste kleine Kompromiss Thomas hatte ihn beim Vorbeigehen einfach runtergeschaltet, Ernst tat, als merke er es nicht.
Auf unser Wiedersehen, hob Ernst sein Glas. Dass ihr gekommen seid. Die Kinder werden groß und dann Er brach ab und wedelte abwehrend. Also, schön, dass ihr da seid.
Thomas hatte einen Kloß im Hals. Er wusste, dass sein Vater Angst hatte, irgendwann allein in der Wohnung mit Teppichen und Schrankwand zu sein. Angst davor, dass die Kinder irgendwann sagen: Wir feiern lieber bei Freunden, mit unseren Traditionen. Dann bliebe eben der Trost: Glotze, Konzert, Kartoffelsalat Zeichen, dass Vergangenheit noch präsent ist.
Das freut uns auch, sagte Thomas. Wirklich.
Sie stießen an, der Champagner war trocken mit feiner Bitternote. Emil griff nach Clementinen, Birte schüttete sich Saft nach, Ursula teilte den Salat aus.
Schaut ihr heute Dinner for One?, fragte Birte neutral.
Natürlich!, rief Ernst begeistert. Ohne das kein Silvester. Fängt um neun an. Erst essen, Tee trinken, dann schauen.
Vielleicht lassen wir es dieses Jahr mal aus?, wagte Thomas. Wir kennen es doch schon in- und auswendig. Wir könnten doch stattdessen
Schau nicht mich an, unterbrach ihn Ursula, obwohl er sie gar nicht ansah. Ohne das versteh ich den Silvester gar nicht. Das ist mein Ritual damals war das schon im Krankenhaus meine Begleitung. Weißt du noch, Ernst, der Fernseher im Flur?
Klar, nickte er. Ich bin damals immer rausgerannt, um zu gucken.
Thomas merkte, wie seine Idee an Boden verlor als würde er nicht von einem Film sprechen, sondern an jemandes Erinnerungen rühren.
Wir können ja schauen, lenkte Birte rasch ein, als sie sein Zögern bemerkte. Nur vielleicht später, nach dem Spielen? Ich hab ein tolles Spiel mitgebracht. Gemeinsam!
Wir spielen, spielen, winkte Ernst ab. Zeit haben wir genug.
Er griff wieder zur Fernbedienung und zappte. Thomas ertappte sich dabei, die Klicks zu zählen. Eins, zwei, drei wie Uhrenschläge.
Nach dem Essen wurde Emil unruhig.
Papa, wann spielen wir endlich?, flüsterte er, laut genug für alle.
Gleich, antwortete Thomas. Wir räumen erst ab.
Ich mach das schon, mischte sich Ursula ein. Geht ihr. Ich stoß später dazu.
Ach Mama…, protestierte Thomas. Wir wollen doch helfen. Wenigstens abwaschen.
Du bringst doch alles durcheinander!, wehrte sie mit einem Lächeln ab. Ich hab mein System. Geht ruhig.
Ihr System: erst kommen alle Teller in die Spüle, Gläser beiseite, Salatboxen abgedeckt. Das war ihr Halt, jedes Jahr aufs Neue.
Thomas und Birte wechselten einen Blick. Helfen zu wollen hieß jetzt nur, die Spannung zu verstärken.
Gut, sagte Thomas. Dann richten wir das Spiel her.
Sie gingen ins Wohnzimmer. Ernst hatte schon den Kanal mit dem Start von Dinner for One gefunden. Die vertraute Musik begann.
Ah, jetzt wirds gut, freute er sich.
Papa, wir wollten doch jetzt, begann Thomas mit dem Spiel in der Hand.
Später! Du weißt, ich liebe den Anfang. Spielt doch solange in der Küche.
Dort ist zu eng, mischte sich Birte ein. Und da ist ja Mama mit dem Abwasch. Wir dachten eigentlich, dass wir zusammen spielen
Warum gemeinsam? Ihr erklärt eh immer eure neuen Regeln, ich versteh eh nichts. Ich schau lieber meinen Film. Wollt ihr dann setzt euch dazu.
Thomas atmete tief. Da war sie, die Situation, vor der er sich gefürchtet hatte. Alles lief darauf hinaus.
Papa, sagte er ruhig. Jedes Jahr läuft das Gleiche. Die gleichen Filme Wir wollten einfach mal anders feiern. Reden, spielen. Ohne Fernseher im Hintergrund.
Was stört dich daran?, in Ernsts Stimme schwang ein harter Ton mit. Springt der dir in die Suppe? Ich mach leiser, fertig.
Er springt mir nicht in die Suppe. Sondern in den Kopf, platzte es aus Thomas heraus. Dauernd plärrt einer!
Hier plärrt keiner!, Ernst war getroffen, stellte als Beweis den Ton wieder lauter. Die Musik schwoll leicht an.
Da betrat Ursula die Stube, das Handtuch in der Hand, und spürte sofort das Knistern.
Was ist hier los?, fragte sie.
Nichts, antworteten Thomas und Ernst fast gleichzeitig.
Im Fernseher prostete der Filmheld schon in der Umkleide zu. Die bekannten Sprüche überlagerten die Stimmung.
Wir wollten nur gemeinsam spielen, sagte Birte leise. Und den Film vielleicht
Den Film schauen wir das machen wir immer!, sagte Ursula bestimmt. Das wisst ihr doch.
Thomas spürte Wut und Schuld. Sie hören uns nicht, dachte er. Als wäre unser Wunsch nach kleinen Änderungen launenhaft. Sie haben das Recht auf Rituale, wir nicht.
Er schaute zu Emil. Der stand in der Tür, drückte das Kuscheltier an sich und blickte von den Erwachsenen zum Fernseher, enttäuscht.
Ich will den Film nicht sehen!, sagte er plötzlich. Der ist langweilig.
Pause. Der Fernseher plapperte weiter, aber keiner hörte mehr hin.
Emil…, sagte Ursula weich. Das ist kein langweiliger Film. Du bist nur noch zu klein.
Ich will spielen!, wiederholte Emil trotzig, die Stimme zitternd. Wir hatten das gesagt.
Thomas spürte, dass er das jetzt für den Jungen tun musste. Es ist für die Erwachsenen einfacher, nachzugeben, als einem Kind zu erklären, dass seine Wünsche unwichtig sind.
Er trat zum Fernseher, und bevor er es sich anders überlegen konnte, drückte er den Ausschaltknopf.
Der Bildschirm flackerte und wurde schwarz. Sofort wurde es im Raum still und weit. Man hörte das Tropfen aus dem Küchenhahn und das leise Klirren einer Weihnachtskugel am Baum.
Thomas, seufzte Ursula.
Papa, sagte Ernst gleichzeitig.
Beide Stimmen: Kränkung und Verwirrung.
Wir spielen nur fünf Minuten, sprach Thomas schnell, spürte selbst, dass er es übertrieben hatte. Nur kurz, dann
Du bist bei mir zu Hause!, fuhr Ernst dazwischen. Und schaltest meinen Fernseher aus. Als wär ich hier Störfaktor!
Diese Worte trafen Thomas härter als erwartet. Er öffnete den Mund zum Widerspruch, merkte aber, dass keiner mehr passte.
Ich wollte nur Emil
Emil schniefte, das Erwachsenen-Gezänk schlug voll auf ihn durch. Birte nahm ihn in den Arm.
Ganz ruhig, flüsterte sie. Alles gut, wir schaffen das.
Ursula blickte auf ihren Sohn. In ihrem Blick lag alles Müdigkeit, Sorge, Liebe und Angst. Angst, dass ihr Silvester in anderen Plänen aufging und sie mit leeren Händen dastünden.
Sie verstehen nicht, dachte sie. Der Film ist mein Halt. Solange es ihn gibt, bin ich noch die von früher. Fällt der weg, bin ich es auch nicht mehr.
Thomas, sagte sie leise. Wir rackern uns hier heute den Tag ab. Ich steh seit früh auf den Beinen. Ich will mein Filmritual. Ich störe euch doch nicht. Spiel halt aber warum gleich ausschalten?
Thomas fühlte, wie seine Argumente verpufften.
Weil ihr wenn er läuft immer nicht bei uns seid. Ihr seid beim Fernseher. Wir möchten aber mit euch sein. Wirklich mit euch, nicht nur daneben.
Der Satz blieb im Raum hängen. Ernst sah weg. Sein Herz stach plötzlich.
Ich war immer der, der alles möglich machte. Den Fernseher hab ich gekauft, als kaum Geld da war. Und jetzt versteck ich mich etwa dahinter? Kann ich ohne ihn gar nicht mehr reden?, dachte er traurig.
Er erinnerte sich, wie er in derselben Stube allein saß, als Ursula mal im Krankenhaus lag. Damals war der Fernseher der Einzige, der sprach. Egal, welche Sendung, Hauptsache nicht so still. Seitdem fürchtete er diese Stille.
Also gut, sagte er plötzlich und staunte selbst über seinen Ton. Jetzt spielt ihr. Halb, von mir aus eine Stunde. Dann schalten wir ihn wieder an und schauen zu Ende, einverstanden?
Thomas blinzelte.
Papa
Ich halte mich raus, fuhr Ernst fort. Ich spiele sogar mit, wenn ihr mir das erklärt. Aber danach schauen wir gemeinsam weiter, ja?
Ursula war erstaunt über diese Geste; es war kein Aufgeben, sondern der Versuch, gemeinsam zu bleiben, ohne das Eigene aufzugeben.
Gut, sagte Birte vorsichtig. Wir bauen das Spiel am Couchtisch auf, Fernseher bleibt aus. Bei der Bundespräsidentenansprache machen wir zusammen an, danach euren Film leise. Wer will, kann schauen, wer nicht, spielt in der anderen Ecke.
Ich will mit Opa spielen! Und mit Oma!, rief Emil, immer noch schluchzend, aber es legte sich.
Ursula seufzte.
Na, bin ich denn ein Unmensch?, dachte sie. Für das Kind kann ich meine Regeln schon mal lockern.
Na gut, sagte sie. Zeigt mir euer Spiel. Aber erklärt fix, sonst verläuf ich mich in euren Straßen!
Thomas spürte, wie sich die Anspannung lockerte. Er schaltete den Fernseher an, fror aber sofort das Bild ein. Der Hauptdarsteller prostete wie ausgestopft.
Der wartet schon, lachte Thomas. Der kann das.
Ernst musste lächeln. Der Witz war alt, aber heute passte er perfekt.
Sie arrangierten das Spiel am Couchtisch, schoben die Schale Pralinen beiseite, Carcassonne-Kärtchen und Meeple beanspruchten ihren Platz neben der Fernbedienung. Emil mischte begeistert die Kärtchen, als wären es Skatblätter.
Also, erläuterte Thomas, jeder legt reihum ein Kärtchen an die Karte, baut eine Straße oder eine Stadt. Dafür gibts Punkte.
Und wenn eine Straße ins Nichts endet?, fragte Ernst skeptisch.
Das geht nicht, erklärte Emil ernst. Es muss immer passen.
Wie im Leben, murmelte Ernst, unklar ob als Scherz.
Die ersten zehn Minuten war es chaotisch. Ursula setzte ständig die Spielfigur falsch, Emil vergaß die Regeln, Birte erklärte geduldig. Ernst tat erst gleichmütig, war dann aber euphorisch, als seine Straße mehr Punkte brachte als Thomas’ Stadt.
Ich hab eben Strategie!, blinzelte Ernst. Ihr unterschätzt mich!
Wir wussten das einfach nicht, lachte Birte.
In einem Moment ertappte sich Ursula beim Lachen ehrlich, nicht gezwungen. Sie sah, wie ihr Mann mit dem Enkel um die erste Spielfigur stritt, und dachte, dass man das Drehbuch wirklich etwas anpassen konnte: Es müssen nicht alle Szenen umgeschrieben werden, nur ergänzt.
Mama, sagte Thomas leise, als Emil auf Toilette verschwand. Danke, dass du mitmachst.
Ich hab noch gar nichts zugesagt!, brummte sie, diesmal milde. Weißt du, wie schwer das ist? Ein Leben lang Silvester gleich ich weiß immer, was wann kommt. Das gibt Sicherheit.
Ich weiß, nickte Thomas. Wir wollen aber auch unsere Sachen einbringen. Damit Emil sich später an mehr erinnert als an Filme, die er nicht mochte.
Das wird er sowieso, seufzte sie. Hauptsache, wir sind beisammen. Der Rest kommt.
Gegen neun war die Partie zu Ende. Zu aller Überraschung gewann Ernst. Stolz rieb er sich die Hände und schielte auf den Fernseher.
Jetzt bin ich dran?
Ja, Papa. Du bist dran.
Sie setzten sich wieder aufs Sofa. Die vertraute Melodie setzte ein, aber diesmal war der Fernseher nicht alles. Auf dem Couchtisch lagen noch die Spielkarten, Meeple und der Zettel mit den Punkten. Und dazwischen das Gefühl: Da lief heute mehr als nur Fernsehen.
Zur Präsidentenansprache holte Ursula wie immer Sekt und Gläser aus der Küche.
Den Kindern Saft einschenken, rief sie Birte zu. Sonst heißts wieder, ich setze sie unter Alkohol.
Sie standen mit den Gläsern, hörten die Rede wie jedes Jahr die gleichen Themen: Herausforderungen, Hoffnung, Zukunft. Ernst hörte nebenbei zu, mehr hing sein Blick an der Familie.
Da sind sie, dachte er. Meine Leute. Und wenn ihnen das Spielen so wichtig ist na ja, Hauptsache, sie kommen.
Als auf dem Bildschirm die Uhr schlug, stießen sie an. Einige hatten einen Wunsch parat, Emil wünschte sich aufgeregt gleich drei sicher ist sicher.
Der Fernseher lief weiter, doch diesmal fast lautlos. Der Film wurde zum Hintergrund, nicht mehr zum Zentrum.
Ursula saß am Sofarand, das Glas in der Hand, beobachtete auf dem Bildschirm die treppabsteigende Filmheldin; im Raum diskutierten Birte und Thomas, wer das nächste Mal anfangen durfte.
Mama, sagte Thomas plötzlich. Sollen wir morgen früh den Film nochmal schauen nur du, Papa und ich?
Überrascht sah sie ihn an.
Warum?
Na ja Du hast gesagt, das ist DEIN Film. Machen wir daraus doch euer ganz eigenes Ritual. Abends dann spielen und reden. So gibts zwei Silvester.
Sie überlegte. Irgendwie klang das schön nicht als Raub, sondern als Auszeichnung.
Schauen wir mal, sagte sie, ohne das Gefallen zu zeigen. Morgen, wenn wir wach sind.
Ernst hörte die Unterhaltung halb mit, tat dabei so, als ginge seine Aufmerksamkeit nicht vom Bildschirm. Doch ihm war leichter ums Herz. Nicht wegen des Films, sondern weil sein Sohn nach gemeinsamen Wegen suchte, bei denen jeder zählte.
Emil baute in diesem Moment einen Turm aus Spielsteinen konzentriertes Glück. Er wusste nicht, dass hier an diesem Abend ein leiser Kampf um Fernbedienung und Feiergestaltung tobte. Für ihn zählte, dass Opa mal gewann, Oma lachte und die Eltern nicht stritten.
Gegen ein Uhr nachts ertappte sich Ursula dabei, dass sie gar nicht mehr wirklich zum Fernseher sah. Er lief wie immer aber zum ersten Mal war ihr wichtiger, was im Raum geschah.
Thomas saß neben seinem Vater, beide analysierten noch Regeln für ein neues Spiel, das sie heute nicht mehr schafften. Birte und Emil räumten in der Küche Reste von Salat und Clementinenschalen weg. Die Wohnung roch nach Essen, Tanne und abgestandenem Sekt.
Mama!, rief Thomas. Komm her, Papa plant schon den nächsten Coup!
Bin gleich da, rief sie, deckte kurz Salat ab, löschte das Licht in der Küche und verweilte einen Moment im Türrahmen. Fernseher und Lichterkette malten weiche Lichtmuster ins Zimmer es war ein Bild voll Zuhause.
Na gut, dachte sie. Dann eben so. Hauptsache, sie sind hier.
Sie setzte sich zu ihrem Mann, der unmerklich zur Seite rückte. Die Fernbedienung lag zwischen ihnen, dieses kleine, wichtige Objekt, das heute niemand mehr allein beanspruchte.
Zeigt mal eure Straßen, sagte sie und blickte zu Sohn und Enkel.
Der Silvesterabend nahm seinen Lauf. Draußen knallte ein Feuerwerk, auf dem Bildschirm stolperten die Helden noch durch Hamburger oder Berliner Kulissen. Im Wohnzimmer aber entstanden eigene Wege: Fernseherecke, Spielecke, Küchenecke und Verbindungspfade zwischen ihnen, dünn aber tragfähig.
Keiner hat gewonnen oder verloren. Jeder rückte ein Stück näher. Und genau dadurch wurde es wärmer.





