Das Kind als Spielball
Sie hat mir schon wieder verboten, Lena zu sehen. Kannst du dir das vorstellen?
Andreas warf die Schlüssel achtlos auf die Kommode und lehnte sich schwer an den Türrahmen. Sein Gesicht war fahl, müde, als hätte er nicht im Büro gearbeitet, sondern den ganzen Tag Säcke geschleppt.
Klara legte das Buch beiseite, zog die Beine an und machte Platz auf dem Sofa. Ihr Mann sah so erschöpft aus, dass sie einen schmerzhaften Stich in der Brust verspürte.
Was war es diesmal?
Sie meinte, ich sei zu geizig, dann könnte ich meine Tochter eben nicht sehen. Andreas zog die Krawatte ab und warf sie über den Sessel. Zwei Wochen lang durfte ich nicht einmal telefonieren, heute hat sie mich dann überall blockiert.
Klara atmete tief ein. Fünfhundert Euro Unterhalt zahlte er ihr laut Gerichtsbeschluss jeden Monat. Und Andreas hatte nie gezögert, für Lenas wirkliche Bedürfnisse aufzukommen. Neue Stiefel? Kein Problem. Förderunterricht? Selbstverständlich. Aber für Katharina war das nie genug.
Lass mich raten, Klara klopfte neben sich auf das Sofa, sie braucht dringend Geld für etwas Unaufschiebbares?
Andreas ließ sich fallen, legte den Kopf in den Nacken.
Für einen Make-Up-Artist-Kurs. Sie will endlich eigenes Geld verdienen. Hat um achthundert Euro gebeten.
Arbeiten gehen auf ganz normale Weise, das wäre ihr natürlich nicht eingefallen?
Klara, du kennst sie doch.
Natürlich. In den drei Jahren, die sie nun zusammen waren, hatte Katharina schon rund ein Dutzend großartiger Pläne zur Selbstverwirklichung ausprobiert. Nail-Design-Kurse, Floristikschule, Online-Seminare zum schnellen Geldverdienen. Nichts hielt länger als zwei Wochen. Aber immer musste der Ex-Mann zahlen.
Immer dieselbe Masche, Klara verschränkte ihre Finger mit seinen. Sie will Geld, blockiert Lena. Du zahlst, dann darfst du sie sehen. Typische Erpressung.
Ich kann nicht einfach aufhören zu zahlen. Es ist meine Tochter.
Ich weiß. Aber das nutzt sie aus.
Andreas schwieg. Klara sah, wie sein Kiefer zuckte. Er hasste diese Situation, seine Machtlosigkeit doch die Liebe zu seiner Tochter wog jedes Mal schwerer als jedes Argument.
…An einem Samstagmorgen klingelte es. Klara öffnete die Tür: Vor ihr stand Lena klein, blond, mit riesigen blauen, verweinten Augen. Der Fahrstuhl brummte noch; Katharina hatte das Weite gesucht.
Na, Sonnenschein, was ist denn passiert? Klara hockte sich zu ihr.
Das Kind schniefte, ging an ihr vorbei in die Wohnung, ohne ein Wort. Andreas kam aus der Küche gelaufen, noch das Geschirrtuch in der Hand.
Lena! Mein kleiner Schatz!
Er wollte sie hochheben, doch Lena wand sich aus seinem Griff und trat einen Schritt zurück.
Papa, du liebst Mama nicht mehr!
Andreas erstarrte.
Was? Wer hat dir das erzählt?
Mama hat geweint! Sie sagt, du hast sie verlassen, jetzt ist sie alleine und traurig!
Klara biss sich auf die Lippe. So spricht kein fünfjähriges Kind von sich aus das waren vorgefertigte Sätze, geschickt in Kinderohren gelegt.
Sonnenschein, Andreas ging vor ihr auf die Knie, Mama und Papa wohnen jetzt getrennt, das passiert manchmal bei Erwachsenen. Aber ich hab dich unendlich lieb, verstehst du?
Nein! Lena stampfte mit dem Fuß. Mama sagt, du bist böse! Und wenn du nicht nett zu Mama bist, komme ich nie wieder zu dir!
Klara blickte zum Fenster, damit Lena ihr Gesicht nicht sah. Ihre Hände ballten sich unwillkürlich zu Fäusten. Das eigene Kind als Waffe einzusetzen das war so widerlich, dass sie am liebsten Katharina so einiges gesagt hätte. Aber was hätte das schon gebracht?
Andreas versuchte den ganzen Tag, Lena aufzuheitern. Sie sahen sich Märchenfilme an, bauten eine Turm aus Bauklötzen, backten Kekse. Am Abend war Lena etwas ruhiger geworden, ließ sich von Klara sogar die Haare flechten. Doch die Worte der Mutter hingen weiterhin wie ein Schatten über ihnen.
…Am Sonntag brachte Andreas seine Tochter zurück. Klara räumte die Küche auf und schaute immer wieder auf die Uhr. Eine Stunde. Anderthalb. Zwei.
Als die Tür endlich aufflog, warf sie einen Blick in den Flur. Andreas lehnte mit der Stirn gegen die Wand, atmete schwer.
Was hat sie jetzt verlangt?
Tausendfünfhundert Euro. Für neue Kleidung. Für sich.
Klara ließ sich langsam auf den Hocker sinken.
Und?
Ich habe abgelehnt. Sie fing an zu weinen. Vor Lena. Die hat alles gesehen und natürlich auch losgeheult. “Papa, bitte hilf Mama! Papa, sei doch nicht so gemein!” Andreas glitt an der Wand nach unten. Ich hab das Geld dann doch gegeben. Ich wollte nur, dass Lena aufhört zu weinen.
Klara schwieg. Was hätte sie auch sagen sollen? Katharina hatte die perfekte Druckstelle gefunden und nutzte sie gnadenlos aus.
…Einen Monat später das gleiche Spiel. Diesmal wollte Katharina Geld für den Urlaub. Lena träumt vom Meer, aber Mama kann sich das nicht leisten! Wieder zahlte Andreas, wohl wissend, dass Lena bei der Oma bleiben und die Ex-Frau allein verreisen würde.
Wieder einen Monat später Maniküre und Pediküre. Ich muss doch gut aussehen, wenn ich deine Tochter in den Kindergarten bringe! Und wieder Tränen, wieder ein Drama, wieder ein Umschlag mit Geld, den Andreas zornig in Empfang nahm.
An diesem Tag stand Katharina plötzlich unangemeldet in ihrer Wohnung.
Ich habe es satt, jedes Mal zu betteln! rief sie schon im Flur, die Schuhe ließ sie an. Ich will monatlich einfach fünfhundert Euro extra. Überweise das, dann gibt es keine Probleme mehr.
Andreas verschränkte die Arme.
Nein.
Was soll das heißen nein? Du hast doch genug Geld!
Ja, aber nicht für deine Launen. Den Unterhalt überweise ich regelmäßig, alles Nötige für Lena bezahle ich extra. Mehr gibt es nicht.
Katharina keifte, wandte sich an Klara, die im Küchentürrahmen stand.
Das ist alles deine Schuld! Du hast ihn mir ausgespannt! Du hast ihn gegen mich aufgehetzt!
Katharina, jetzt reicht’s, unterbrach Andreas. Du bist selbst fremdgegangen. Ich war längst ausgezogen, als ich Klara kennenlernte. Die Scheidung lief schon.
Ich hätte dich zurückgekriegt! Wenn sie nicht gewesen wäre!
Katharina stürmte auf Klara zu, Wut in den Augen. Andreas packte sie rechtzeitig am Handgelenk und zog sie zurück.
Bist du verrückt geworden?! fuhr er sie an. Noch so eine Nummer und ich rufe die Polizei.
Sie riss sich los, zischte:
Das wagst du nicht!
Doch. Und weißt du was? Wenn du mit diesem Theater nicht aufhörst, kündige ich und zahle dir nur noch den Mindestunterhalt laut Gesetz. Extra-Geld kannst du dann vergessen.
Das würdest du nicht tun. Du liebst Lena doch.
Ja. Aber ich bin bereit, für eine Weile der böse Papa zu sein, damit du endlich verstehst: Mit Erpressung kommst du nicht weiter. Ich habe es satt, für deine Nägel, deine Klamotten, deine ewigen Kurse, die du nach zwei Wochen hinschmeißt, zu zahlen. Und ich kann nicht mehr zusehen, wie du unsere Tochter als Druckmittel benutzt.
Katharinas Gesicht wurde bleich. Geld war für sie immer das Einzige gewesen, was zählte. Das wusste Andreas und zum ersten Mal nutzte er dieses Wissen als Waffe.
Das wirst du bereuen, fauchte sie, während sie zur Tür zurückwich. Ihr beide werdet das bereuen.
Die Tür knallte zu. Klara atmete aus.
Meinst du, es wirkt?
Keine Ahnung. Aber ich musste es probieren.
Es wirkte. Die nächsten Monate war Katharina erstaunlich ruhig. Sie gab Lena ohne Dramen heraus, verlangte keine Extrazahlungen, antwortete manchmal sogar auf Andreas Nachrichten wegen Lenas Gesundheit. Klara freute sich vorsichtig, zu ängstlich, um das fragile Gleichgewicht zu stören.
Dann aber lernte Katharina einen Mann kennen. Einen Geschäftsmann aus München, wie die Fotos im Internet verrieten. Schicke Lokale, Blumensträuße, Reisen.
Eines Abends klingelte es.
Andreas, ich ziehe weg, sagte Katharina nüchtern am Telefon. Viktor hat mich gebeten, zu ihm zu kommen. Hochzeit und so weiter. Lena bleibt bei dir.
Andreas hätte fast das Handy fallen lassen.
Wie, sie bleibt bei mir?
Genau so. Ich muss mir ein neues Leben aufbauen. Das Kind steht mir da nur im Weg.
Klara, die alles auf Lautsprecher mithörte, schlug sich die Hand auf den Mund. Einfach so. Das Kind steht im Weg. Jahre voller Manipulationen und Erpressung und am Ende war die eigene Tochter nur eine Münze, die sie einfach aus der Hand gab, sobald sich etwas Besseres bot.
Eine Woche später brachte Katharina Lena mit einem Koffer und einem großen Stoffbären zu ihnen.
Tschüss, Liebling. Mama ruft an.
Sie meldete sich nie…
Andreas verlangte keinen Unterhalt. Ich will mit ihr nichts mehr zu tun haben, sagte er zu Klara. Wir haben genug Geld. Jede Überweisung von ihr wäre eine Erinnerung daran, was wir alles durchgemacht haben.
Klara gab ihm recht.
Lena gewöhnte sich langsam ein. In den ersten Wochen fragte sie oft nach ihrer Mutter, weinte nachts, verweigerte das Essen. Dann wurde es besser. Klara versuchte nicht, ihre Mutter zu ersetzen sie war einfach da. Sie las Geschichten vor, flocht Zöpfe, zeigte ihr das Kochen.
…Eines Abends, als sie Lena ins Bett brachte, hörte Klara:
Klara, hast du mich lieb?
Sehr, mein Schatz.
So wie Mama?
Klara schwieg kurz, suchte nach Worten.
Anders. Aber nicht weniger.
Lena nickte, als wäre das die einzig richtige Antwort, und schloss die Augen.
Klara trat in den Flur Andreas stand da, die Stirn an die Wand gelehnt, und lächelte.
Danke, sagte er leise.
Wofür?
Für alles. Für deine Geduld. Dass du nicht weggelaufen bist, als es schwierig war. Und dass du sie liebst.
Klara trat zu ihm und umarmte ihn.
Wir haben es geschafft.
Ja, er vergrub die Nase in ihrem Haar. Endlich ist alles gut.
Draußen leuchtete das letzte Licht des Sonnenuntergangs. Im Haus roch es nach frischen Keksen und Kindershampoo. Aus Lenas Zimmer drang kein Laut das Mädchen schlief fest, den Kuschelbären im Arm.
Sie waren endlich eine richtige Familie.





