Ich weiß gar nicht, wie ich meine Kinder so erziehen konnte
Vor einem Jahr stand ich plötzlich alleine da. Nach der Beerdigung meines Mannes kam ich allmählich wieder zu mir und bemerkte dabei, dass ich neben der Einsamkeit auch noch ein weiteres Problem hatte: Das Geld wurde immer knapper. Ich lebe schon sehr sparsam, gönne mir keinen Luxus, aber die unerwarteten Ausgaben vor allem für Medikamente und Arztbesuche tauchen natürlich trotzdem laufend auf.
Mein Mann und ich haben zwei Kinder großgezogen. Wir wollten immer das Beste für sie und haben ihnen jeden Cent gegeben, den wir übrig hatten. Auch beim Kauf ihrer Häuser haben wir großzügig mitgeholfen. Wie lange mir das Schicksal noch Lebenszeit gönnt, weiß ich nicht aber auf jeden Fall würden meine Wohnung am Ende mein Sohn und meine Tochter erben, es sei denn, ich ändere mein Testament, was nicht in meinem Plan steht. Sie sind schließlich gebildete Leute, die wissen, wie viel so eine Immobilie wert ist und welche Perspektiven das eröffnet.
Mehrmals habe ich versucht, meinen Kindern subtil klarzumachen, dass ich Schwierigkeiten habe, am Monatsende mit meiner Rente über die Runden zu kommen. Wenn sie wenigstens die ständig steigenden Nebenkosten übernehmen würden, müsste ich mir nicht jedes Mal den Kopf zerbrechen, wie ich bis zur nächsten Rentenzahlung durchhalte. Meine Tochter, Annemarie, tat so, als hätte sie kein Wort verstanden. Und die Frau meines Sohnes sie hat bei denen die Hosen an, wenn es ums Familiengeld geht schwieg vielsagend.
Ich weiß ungefähr, was meine Tochter und mein Sohn verdienen. Ich freue mich, dass sie sich Autos und Urlaube leisten können. Auch für die Enkel ist immer Taschengeld da. Und wenn ich sehe, wie sorglos sie Beträge ausgeben, die meiner gesamten Monatsrente entsprechen, frage ich mich schon: Haben wir wirklich so gefühllose Kinder großgezogen, die meine Not gar nicht sehen wollen? Tun sie wirklich nichts, obwohl wir mein Mann und ich ihnen in der Hinsicht stets ein gutes Vorbild waren? Wir sind immer erst mit Tüten voller Lebensmittel zu meinen Schwiegereltern gefahren, haben Medikamente gekauft, Arztkosten übernommen und was sonst noch so anfiel.
Eine Bekannte meinte letztens, ich sollte doch einfach ohne großes Vorreden bei meinem Sohn oder meiner Tochter einziehen und meine eigene Wohnung vermieten. Also ehrlich, das möchte ich wirklich ungern machen, aber wahrscheinlich bleibt mir keine Wahl, falls das nächste Gespräch keine Besserung bringt. Von der Rente alleine kann ich auf Dauer nicht leben. Meine ganzen Ersparnisse sind schließlich für die Kinder draufgegangen…





