Der Nachbar im falschen Alter – Wie Herr Petersen und der Student aus 237 lernten, zwischen Generationen und Geräuschen Nachbarn zu werden

Der Nachbar im falschen Alter

Die Morgende von Herr Peter Schreiber liefen alle gleich ab. Der Wasserkessel begann zu rauschen, das Radio auf der Küchenablage knackte und berichtete eifrig über Staus auf der B96 und das Wetter in Berlin, im Treppenhaus fielen ein oder zwei Türen ins Schloss die Nachbarn machten sich zur Arbeit. Peter aber hatte es nicht mehr eilig, schon seit Jahren nicht mehr, aber die Angewohnheit, früh aufzustehen, blieb ihm ebenso wie die Runde durch die Wohnung: Ist das Fenster zu, der Herd aus, der Schlüssel am Platz?

Seit fast vierzig Jahren bewohnte er seine Wohnung im achten Stock eines Plattenbaus am Rande von Leipzig. Er kannte jedes Klingelschild, wusste, wer die Türen am heftigsten schloß, welcher Rentner fortwährend seinen Rollator im Flur parkte. Auf seinem Stockwerk war es still, und das gefiel ihm. Abends ließ er sich gerne in seinen abgenutzten Sessel nieder, schaltete einen alten Tatort ein, hörte, wie Frau Helene, die Witwe am Ende des Ganges, in den verstopften Hals hustete, und fühlte sich dann geborgen, als Teil eines ruhigen, aber lebendigen Hauses.

Auch im Treppenhaus ging alles seinen üblichen Gang. Die Aushänge am schwarzen Brett rückte Peter zurecht, wenn sie schief hingen. Einmal hatte er sich sogar Klebeband und Druckerpapier besorgt, um den Zettel zur Hausreinigung neu und fehlerfrei anzubringen. Auf der Fensterbank zwischen den Etagen stand sein Gummibaum, eingepflanzt in einer abgeschnittenen PET-Flasche, wie es früher oft gemacht wurde. Im Sommer stellte er ihn oft nach draußen, damits ein bisschen freundlicher aussieht, wie er meinte.

An jenem Tag, als alles ein wenig ins Rutschen geriet, goss Peter gerade den Gummibaum. Aus einer Wohnung im Erdgeschoss roch es nach gebratenen Frikadellen, der Geruch stieg träge in die Höhe. Der Fahrstuhl ruckte und kreischte, dann gingen die Türen auf. Ein junger Mann trat heraus, einen Koffer mit Rollen hinter sich herziehend, ein Rucksack auf dem Rücken. Kopfhörer in den Ohren, ein Kabel baumelte zum Handy, aus dem leise rhythmische Musik drang.

Der Junge blieb stehen, sah auf die Nummern der Wohnungen und dann auf Peter.

Guten Tag, sagte er und zog einen Kopfhörer heraus. Wissen Sie, wo die 237 ist?

Zwei Wohnungen weiter links, erwiderte Peter. Die Nummerierung ist hier etwas wirr, das ist die DDRes war schon immer so.

Der Junge nickte, zog den Koffer auf die Fliesen, die Räder ratterten laut. Sein Rucksack streifte Peter.

Ach, Entschuldigung ich ziehe gerade ein, murmelte der Junge rasch.

Das Wort einziehen irritierte Peter. In die 237 war bisher Frau Helene eingezogen, eine Witwe mit Katze, die immer freundlich grüßte. Vor einiger Zeit hatte sie erwähnt, sie wolle wegen der knappen Rente ein Zimmer vermieten. Die Studenten sind ja ruhig. Na ja. Ruhig.

Peter trat in seine Wohnung 235 zurück, schloss ab, blieb in der Diele stehen und lauschte. Hinter der Wand wurde Möbel verschoben, Schranktüren fielen zu. Mehrere Türklingeln läuteten offenbar kam noch Besuch. Die Stimmen hörten sich jung an, hektisch und mit diesem hellen Lachen.

Er ging in die Küche, schenkte sich starken Schwarztee nach, trank und dachte an Helenes Worte: Na, das bisschen Geld, lass sie wohnen, die jungen Leute stören doch nicht. Stören nicht.

Am Abend war klar, wie ruhig es wirklich werden würde. Nachdem es dunkel wurde, raschelten eingekaufte Tüten auf dem Flur, eine Tür schlug kräftig zu. Dann ertönte Musik in der Nachbarwohnung nicht zu laut, aber die Bässe wanderten durch die Wände. Peter schaltete den Fernseher aus und hörte verstimmt zu. Die Bässe schlugen so gleichmäßig, als trommelte jemand mit der Faust auf seine Brust.

Zehn Minuten hielt er still, dann klopfte er ans Nachbarzimmer. Nichts änderte sich. Das zweite Mal pochte er lauter. Schließlich wurde der Bass leiser, aber nicht stumm.

Von wegen ruhig, murmelte er, zurück im Sessel, halb resigniert.

Die Nacht war unruhig. Gegen Mitternacht knallte die Flurtür so heftig, dass es sogar seine Wohnzimmeruhr scheppern ließ. Gekicher, Geflüster, ein Schlüssel, der nicht ins Loch fand. Im Bett zählte Peter Herzschläge und erinnerte sich an die Meldung im Hauschat: Liebe Nachbarn, bitte nach 22 Uhr an die Nachtruhe denken. Die hatte er selbst mal verschickt.

Morgens, Flur. Zwei Paar Sneaker standen vor der Tür zur 237, eine Jacke hing an der Garderobe, wo sonst nur sein Mantel und Helenes Halstuch hingen. Daneben lehnte ein sauber gefalteter Pizzakarton.

Peter betrachtete die Szene, ging zurück, schnappte sich sein Handy und tippte ins Haus-Chat: Bitte keine Gegenstände im Hausflur lagern und an die Nachtruhe denken. Dann löschte er es wieder. Schrieb stattdessen: Wer wohnt jetzt in 237? Gestern Nacht war Lärm. Auch das löschte er, am Ende schickte er gequält: Bitte Pizzakarton entfernen.

Nach ein paar Minuten kam ein Smiley als einzige Antwort. Dann noch jemand: Wo ist da Müll? Bei uns ist alles sauber. Helene schrieb nie im Chat, hielt das für Unsinn.

Später traf er sie am Aufzug, eine Tüte mit Lauch und Brötchen baumelte an ihrer Hand.

Na, den jungen Mann eingewöhnt?, fragte Peter vorsichtig.

Ach, der Jonas, lächelte sie. Student aus Dresden, Informatiker. Ein höflicher, netter Kerl. Keine Sorge, ich hab ihm gleich gesagt bitte keinen Krach.

Natürlich, erwiderte Peter, höflich.

Als er abends Nachrichten schauen wollte, tönte wieder Musik durch die Wand, diesmal mit englischen Texten. Peter schaltete ab, zog die Pantoffeln an und marschierte in den Flur.

Vor Helenes Tür drang die Musik gedämpft, aber deutlich zu ihm durch. Auf sein – nicht allzu zartes – Klopfen erschien Jonas im Shirt und Jogginghose.

Guten Abend, begann Peter, es ist spät. Bitte machen Sie leiser.

Jonas nickte, zog schnell den anderen Kopfhörer ab, sah entschuldigend aus.

Natürlich, Entschuldigung. Ich hab gar nicht gemerkt, dass die Boxen so laut waren. Ich sitz sonst immer mit Kopfhörer!

Besser gar keine Musik um die Uhrzeit. Hier ist kein Studentenwohnheim.

Alles klar, ich schalte aus. Kommt nicht wieder vor.

Wenig später war Ruhe. Peter setzte sich, aber Unmut blieb. Wie kann man nicht merken, dass einem die Musikbox durch die Wand hämmert?

Am nächsten Tag klingelte es zur besten Nachrichtenzeit. Jonas stand vor der Tür, diesmal in Jeans und mit Laptop.

Guten Abend, Herr Schreiber. Ich wollte mich kurz entschuldigen wegen gestern und fragen, ob ihr WLAN normal geht? Ich komm irgendwie nicht rein… Helene meinte, Sie kennen hier den Techniker vom Anbieter?

Peter wollte sagen, der WLAN-Zugang gehe niemanden etwas an, aber Jonas drückte den Laptop wie ein Schulkind das Matheheft.

WLAN, ja… ich hab Kabel, eigentlich. Was geht denn nicht?

Mein Router zickt. Ich geb den Code ein, aber es verbindet nicht. Helene meinte, Sie hätten mal einen Reparaturdienst gerufen, als Ihres ausfiel.

Das stimmte, die Nummer hing noch mit einem Magnet am Kühlschrank.

Moment, sagte Peter und holte den Zettel. Wie heißen Sie nochmal?

Jonas, kam es aus dem Flur.

Peter Schreiber. Hier steht die Nummer. Lassen Sie den mal kommen, der kennt sich aus.

Tausend Dank! Ohne Netz ists für die Uni echt schwierig, atmete Jonas auf. Dann stockte er, winkte mit dem Laptop. Wenn Sie mal was mit Computer oder Handy haben gern helfen!

Läuft alles, winkte Peter streng ab. Jonas nickte ergeben und verschwand.

Später, als Peter auf dem Handy nach einem Update plötzlich die Uhrzeit verschwunden war und die Icons verstellt waren, dachte er an Jonas Angebot. Aber der Stolz war stärker. Er fummelte selbst herum, fluchte über die kleinen Buchstaben, und am Ende war gar nichts mehr wie vorher.

Zwei Tage später gab es im Chat wieder Diskussionen jemand stellte Bilder ein, auf denen eindeutig die Sneaker von Jonas vor der Tür standen. Das ist sicher der aus 237! Könnten alle bitte Rücksicht nehmen?

Nach einigem Zögern schrieb Peter: Vielleicht einfach mal direkt reden, statt im Chat zu schimpfen? Überrascht sah er, dass das ausgerechnet von ihm stammte.

Kurz darauf kehrte er mit einem schweren Netz Kartoffeln vom Markt zurück und begegnete Jonas auf den Stufen vor der Tür, der rauchend am Handy spielte.

Vor dem Haus ist Rauchen verboten, warf Peter im Vorbeigehen hin.

Jonas erschrak, schnippte die Zigarette in den Mülleimer.

Verzeihung, ich gehe schon…

Hat sich eh erledigt, brummte Peter, verqualmt haben Sie es ja trotzdem!

Jonas hielt ihm anstandslos die Tür auf.

Danke, murmelte Peter widerwillig.

Im Fahrstuhl fuhren sie schweigend gemeinsam nach oben. Zwischen drittem und viertem Stock ruckte es wie immer, Jonas hielt seinen Einkauf dicht an sich.

Wohnst du schon lange hier?, fragte er auf die Leuchtanzeige starrend.

Sehr lange, konterte Peter.

Ich muss mich erst gewöhnen. Bei uns daheim Kleinstadt, da sagt man einem das ins Gesicht, wenn die Schuhe im Weg sind. Nicht gleich ein Foto in den Gruppenchat.

Da hat Ihr Vater Sie wahrscheinlich mit dem Hausschuh beworfen, was? knurrte Peter.

Jonas lachte. Ja, so ungefähr.

Hier kann man auch reden. Aber erst Schuhe weg, dann diskutieren.

Jonas grinste. Verstanden.

Ein paar Tage später bekam Peter Post von der Hausverwaltung: Man hatte angeblich keine Wasserzählerdaten erhalten, die Abrechnung käme sonst nach Pauschale. Er krabbelte unter die Spüle, versuchte die winzigen Zahlen zu erkennen vergeblich, die Brille beschlug, der Rücken protestierte.

Schwitzend, etwas wütend, erinnerte er sich an Jonas: Kann helfen, wenns brennt. Zögernd stand er auf und klopfte an 237.

Die Tür ging fast sofort auf. Jonas stand mit Kopfhörern dieses Mal aber ohne Musik.

Peter Schreiber hier. Sie kennen sich da doch aus können Sie mir helfen, die Zählerstände melden? Ich seh nix, der Rücken…

Na klar! Augenblick, ich hol mein Handy.

Er zog die Schuhe ordentlich aus, schaute unter die Spüle, diktierte die Zahlen und tippte sie selbst online ein.

Erledigt. Sie bekommen eine SMS zur Bestätigung.

Danke, murmelte Peter. Am Telefon erklären die immer so, als wär ich Ingenieur.

Die reden mit allen so. Sie könnten sich übrigens die App der Hausverwaltung laden, das ist leichter.

Keine Apps, lieber. Ich hab schon Probleme mit dem Handy.

Ich kanns Ihnen kurz zeigen? Jonas deutete an. Peter ließ ihn gewähren. Der Junge tippe flink, aber mit Sorgfalt, bis schließlich das Icon auf dem Startbildschirm zu sehen war.

Nach diesem Vorfall sah Peter Jonas mit anderen Augen. Zwar ärgerten ihn nach wie vor die nächtlichen Gäste, die Essensgerüche oder das Gelächter, aber plötzlich fühlte er sich auch als Teil einer Welt, die schneller und lauter war als seine eigene.

Eines Nachts, fast Mitternacht, wurde es übermäßig laut nebenan. Stimmengewirr, Lachen, aus dem Laptop tönende Videos. Im Chat tauchten empörte Meldungen auf: Schon wieder 237? Wollen wir diesmal Anzeige erstatten?

Peter schaute aufs Display, die Wut stieg in ihm wie das Pfeifen des Kessels. Schließlich griff er sich entschlossen und klingelte energisch an der 237.

Drinnen wurde es still. Dann öffnete Jonas, zerzaust, hinter ihm ein Mädchen und ein weiterer junger Mann.

Herr Schreiber

Wissen Sie eigentlich, wie spät es ist?, sagte Peter leise, aber direkt. Leute schlafen hier. Manche müssen raus, andere haben Kreislauf. Würde Ihnen das gefallen, wenn nebenan so ein Krawall ist?

Jonas senkte den Kopf. Verzeihung. Wir gehen gleich, ehrlich.

Andauernd dieser Lärm, Sie denken nur an Ihretwegen, dass der ganze Block sich nach Ihnen richtet!

Das Mädchen trat vor. Tut uns ehrlich leid. Wir gehen gleich weiter.

Peter atmete durch. Ab jetzt kein Radau mehr. Im Chat drohen sie schon mit Polizei.

Kommt nicht wieder vor, versprochen, sagte Jonas.

Als sich die Tür schloss, wurde es ruhig. Doch Erleichterung stellte sich bei Peter nicht ein. Im Brustkorb blieb eine Schwere, als hätte er etwas zerbrochen.

Ein paar Tage später stand Jonas am Müllraum, las nachdenklich den neuen Infozettel über Mülltrennung, während er zwei Säcke in Händen hielt.

Hallo, grüßte er dieses Mal zuerst. Ich… wollte nochmal wegen neulich entschuldigen. Wir hatten nicht gedacht, dass das schon so laut rüberkommt.

Die Wände sind wie Papier, grummelte Peter. Hier hört man alles.

Sie schwiegen, Jonas nestelte an der Tüte.

Sie wohnen allein, oder?, fragte Jonas unvermittelt.

Peter spürte, wie eine kleine Kränkung in ihm aufstieg. Warum willst du das wissen?

Gar nicht, wich Jonas sofort zurück. Helene hat nur erzählt, dass Sie schon ewig wohnen. Ich dachte nur…

Kümmer dich um deinen Kram, sagte Peter zu barsch und ging.

Im Fahrstuhl betrachtete er sich lange im matten Spiegel. Das Gesicht faltig, die Lippen zusammengepresst. Was sollte denn das jetzt?, dachte er, sagte es aber nicht laut.

Einige Wochen später, an einem Samstagmorgen, weckte ihn ein seltsames Geräusch: tropf tropf tropf. Zuerst suchte Peter den Fehler in der Küche, aber das Wasser kam vom Flur. Ein feiner Strahl rann vom Deckenbalken, direkt auf den Teppich.

Fluchend stellte er eine Schüssel unter, rief die Hausverwaltung. Techniker ist schon auf dem Weg irgendwo im neunten Stock steht das Wasser, hieß es lapidar. Im Chat kursierten schon Fotos von nassen Decken und Steckdosen.

Mitten im Stress klingelte Jonas, mit einer Plastikschüssel in der Hand.

Bei Ihnen auch?, fragte er.

Schon angefangen, erwiderte Peter, zeigte auf den Fleck über der Tür.

Bei uns tropfts genau aufs Verlängerungskabel. Helene ist schon los zur Verwaltung. Sagen Sie, soll ich beim Möbelrücken helfen?

Gemeinsam schoben sie Peters alten Kleiderschrank zur Seite, Jonas hob die schweren Kisten, Peter half so gut es eben noch ging.

Sie sollten das besser lassen, murmelte Jonas.

Ich bin nicht aus Zucker, erwiderte Peter störrisch.

Als das Wasser abgestellt war, saßen sie in Peters Küche, jeder mit seiner Tasse Tee. Jonas Haare tropften, das Shirt war fleckig.

Nach ein paar Schlucken sagte Jonas gedankenverloren: Bei uns daheim, als das Dach undicht war, hat mein Vater drei Tage lang geschimpft, dann aber selbst repariert. Ich war schon weggezogen, er erzählte mir später alles am Telefon.

Warum bist du denn überhaupt weg?, fragte Peter, erstaunt, dass ihm die Frage plötzlich nahe ging.

Studium. In Zwickau gibts nur die Berufsschule, ich aber wollte an die Uni gleich nach Leipzig. Die Eltern haben gesagt: Los, versuche es. Aber hier… es ist alles fremd. Riesige Stadt, niemand kennt einen, alle sind in Eile. Im Studentenwohnheim war erst recht Krach deswegen bin ich hergezogen, wollte mehr Ruhe.

Und, bist du angekommen? Peter schmunzelte.

Jonas lächelte matt. Ein bisschen. Aber manchmal ists wie in einer Bibliothek. So still, dass man zu viel Gedanken kriegt.

Stille. Aus dem Nachbarhaus hörte man die Schlagbohrmaschine.

Du bist also Informatiker?

Ja na ja. Ich krieg mehr Angst als Programme zum Laufen. Bei der ersten Prüfung hätte ich fast alles versemmelt. Manchmal frag ich mich, ob ich nicht einfach hätte daheimbleiben sollen. Aber dann hätte mein Vater gesagt, ich sei ein Feigling.

Das können sie gut, die Väter.

Peter erzählte nicht, wie er selbst vor Jahrzehnten aus einem kleinen Brandenburger Dorf hierhergezogen war, wie er auf Baustellen arbeitete, abends fürs Studium büffelte. Aber in Jonas Worten erkannte er plötzlich die alte, eigene Angst, es nicht zu schaffen.

Nach dem Wasserrohrbruch begegneten sie sich häufiger. Bei den Briefkästen, im Treppenhaus, auf dem Marktplatz. Jonas drehte die Musik leiser und wurde vorsichtiger; Peter erwischte sich, wie er ihn immer öfter beobachtete.

Eines Abends, es war Anfang Dezember, wurde Peters Knie steif. Er schaffte es kaum bis zum Kühlschrank, die Tabletten lagen im Schlafzimmer. Er überlegte, rief dann Jonas an: Ich könnte kurz deine Hilfe brauchen.

Wenige Minuten später stand Jonas da. Ohne ein Wort brachte er ein Glas Wasser und die Tabletten, half Peter ins Sessel und stützte sein Bein mit einem Kissen.

Soll ich einen Arzt holen? fragte Jonas.

Wird schon wieder, winkte Peter ab.

Was ist denn passiert?

Alte Sache. Bin mal jung die Treppe runtergeflogen.

Jonas blieb noch sitzen, bot wieder an, jederzeit zu helfen nachts lerne er meist sowieso.

Lernen Sie ruhig weiter, meinte Peter. Zu meiner Zeit konnten wir nur Zementsäcke schleppen.

Dafür können Sie jetzt mit Leuten umgehen, lachte Jonas. Unsere Generation kann nur chatten.

Peter musste selbst schmunzeln.

Der Winter kam leise, das Haus wurde kühler. Auf den Fluren zog es, niemand blieb mehr lange stehen. Anfang Januar fuhr Helene zu ihrer Tochter nach Hannover, schrieb in den Chat: Jonas ist zuhause, falls etwas ist.

Peter las es und grinste: Jetzt ist er der Senior.

An einem Abend, als draußen große Schneeflocken fielen und in Peters Küche die Zwiebeln in Butter schmurgelten, klopfte es. Jonas stand da mit einer Tupperdose.

Ich hab einen Eintopf gekocht, eine Portion übrig. Wollen Sie probieren, Herr Schreiber?

Ach was, behalten Sie das für sich.

Helene ist weg, ich allein, Sie mögen doch Suppen.

Peter nahm an der Eintopf war ein wenig zu salzig, aber überraschend gut. Beim Essen dachte er: Der Junge, den er erst nur als Störenfried empfand, versorgt ihn jetzt mit Abendbrot.

Wenige Tage später kam Jonas mit Laptop vorbei.

Herr Schreiber, heute ist wichtiges Fußballspiel. Mein Stream wurde gesperrt, aber Helene meinte, Sie besitzen noch Kabelfernsehen. Darf ich?

Peter wollte erst absagen, dann erinnerte er sich, wie er früher mit Freunden Spiele schaute, brüllte, über Schiedsrichter meckerte.

Rein, aber Schuhe aus!

So saßen sie auf dem alten Sofa. Jonas machte Tee, lachte über Peters Kommentare. Als der Lieblingsklub gewann, schrie Peter ein Stück weit in seine alte Jugend zurück.

Mein Vater hat beim Fußball immer zu laut geschimpft, meinte Jonas. Ich fühl mich hier fast wie zu Hause.

Beschweren Sie sich nicht, ich kann auch meckern!

Ach, Sie sind kein Fremder mehr, sagte Jonas leise.

Das blieb in der Luft hängen. Peter nickte nur.

Dann kam der Frühling, plötzlich. Auf dem Spielplatz lag Sand von letztem Jahr und Süßigkeitenpapier, im Hausgang roch es nach neuem Anstrich, der Maler malte nachlässig die alten Graffiti weg.

Eines Nachmittags, als Sonne schon warm den Gummibaum streichelte, klingelte Helene.

Peter, bald zieht unser Jonas wohl aus. Prüfungen, Praxis. Ich weiß nicht, ob ich neu vermieten soll. Geld würde helfen, aber es ist auch stressig. Was meinst du?

Peter zuckte die Schultern. Innen stach es seltsam.

Musst selbst wissen, sagte er. Ist ja deine Wohnung.

Man gewöhnt sich ja. Laut ist er manchmal, aber freundlich. Wer weiß, wer als Nächstes kommt.

Am Abend traf Peter Jonas im Fahrstuhl.

Du ziehst also? fragte er beiläufig.

Wahrscheinlich. Hab was direkt an der Uni gefunden. Spart viel Zeit, ist bequemer zur Prüfung. Ist wohl richtig so.

Junge Leute müssen weiterziehen.

Im Aufzug standen sie still. Am fünften Stock öffnete niemand. Jonas nickte Peter zu: Ich lass dir mein WLAN-Passwort. Falls Helene nochmal vermietet oder du was brauchst. Mein alter Router bleibt gern hier.

Ich komme kaum mit deinem neuen Zeug klar.

Wie Sie wollen.

Die letzten Wochen aßen sie nochmal gemeinsam, diskutierten alte Filme, halfen sich beim Einkauf oder Tischstühle reparieren. Am Abreisetag rumpelte der Koffer erneut durch den Gang. Helene schwirrte drumherum.

Peter trat auf den Flur: Na dann, auf ins neue Leben.

Vielen Dank für alles. Auch für die Toleranz beim Fußball.

Nicht für den Lärm, schob Peter nach, grimmig, aber ohne echten Groll.

Jonas senkte den Kopf. Für den auch Entschuldigung.

Pass auf dich auf. Nicht das Studium hinschmeißen sonst wirst du alt wie ich und rennst mit Eimern durchs Haus.

Jonas lachte. Nein, das mach ich nicht. Wenn Sie Hilfe brauchen Sie haben meine Handynummer.

Ist gut.

Der Fahrstuhl kam, die Türen rollten zu.

Tschüss, Herr Schreiber!

Machs gut, Jonas.

Als der Lift verschwand, war der Gang zu ruhig. Nur sein Mantel hing an der Garderobe; Sneaker, Kisten fehlten. Es roch nach Farbe und dem Gebäck aus Marzipan, das jemand im Erdgeschoss buk.

Am Abend saß er im Sessel und hörte Radio. Die Stille war so vollkommen, dass er das Wasser in der Heizung gleiten hörte. Er nahm das Handy, fand Jonas in der Kontaktliste. Schrieb Bist du gut angekommen?, zögerte lange und schickte es.

Nach ein paar Minuten kam Antwort: Alles gut! Danke fürs Nachfragen. Dann: Ist bei Ihnen alles ruhig? mit Smiley.

Peter musste lachen: Zu ruhig. Viel zu ruhig. Dann schrieb er noch: Hier wohnen Menschen, kein Wohnheim, vergiss das nicht, und setzte selbst einen Smiley.

Mach ich!, kam zurück.

Peter legte das Handy hin, stellte Wasser auf und holte aus alter Gewohnheit zwei Tassen aus dem Schrank, schob aber eine wieder zurück.

Am Fenster sah er zu, wie Jungen im Hof Fußball kickten, jemand mit einem Dackel spazieren ging, unten eine Tür zuknallte.

Er goss sich Tee ein, setzte sich. Der Gummibaum streckte sich zur Sonne. Der leere Stuhl gegenüber wirkte plötzlich nicht mehr beängstigend. Vielleicht, dachte Peter, würde ja noch jemand darauf Platz nehmen nicht unbedingt ein junger Student, aber einer, mit dem man streiten, um Rat bitten oder gemeinsam ein Fußballspiel schauen könnte.

Der Gedanke war tröstlich.

Er nahm einen Schluck Tee. Die Stille im Wohnzimmer fühlte sich nicht mehr leer an, sondern wie eine Atempause zwischen zwei Gesprächen als habe der andere bloß kurz den Raum verlassen und käme gleich wieder herein, die Tür nicht zu laut, aber hörbar schließend.

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Homy
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