Du bist trotzdem die Beste
Die Hochzeit im Dorf war eine große Sache. Lotte und Heinrich hatten geheiratet. Eine Dorfhochzeit im alten Bayern das war immer ein Fest: tagelang wurde getanzt und gefeiert, und die Feierlaune ebbte nie ganz ab. Wer feiern will, findet immer einen Grund sei es auf einer Holzbank vor Nachbars Haus oder heimlich in der Scheune.
Lotte und Heinrich begannen ihr gemeinsames Leben gleich im Haus von Heinrichs Großmutter, ein bisschen abseits vom Trubel. Heinrich arbeitete als Fahrer für einen Lieferservice. Mit seinem alten Mercedes-Transporter brachte er Waren aus München zu den beiden kleinen Läden im Ort.
Die beiden kannten sich seit der Schulzeit, aber zusammengefunden hatten sie erst vor kurzem zwei Monate waren sie ein Paar, dann folgte schnell der Entschluss zu heiraten.
»Lotte, lass uns heiraten«, schlug Heinrich beim Spaziergang durchs Dorf vor.
»Meinst du nicht, das geht schnell?«, erwiderte sie schüchtern.
»Warum warten? Wir kennen uns doch schon ewig! Ich hab halt zwei Jahre vorher mit der Schule aufgehört, aber wir wissen doch, wie wir ticken. Also?«
Lottes Ja kam fröhlich und herzlich.
Als sie es ihrer Mutter erzählte, staunte die nicht schlecht.
»Du meine Güte, das geht aber fix mit deinem Heinzi! Ist das wirklich Liebe? Wie denkst du eigentlich über ihn?«
»Ich mag ihn. Sehr sogar«, gestand Lotte.
»Na, Kind, wenn du meinst. Der Ehemann soll dir schon Halt geben wie eine feste Wand denk dran.«
Im Dorf hatten alle bemerkt, dass Matthias Sohn von Tilla in letzter Zeit oft betrunken war. Früher war er ein zuverlässiger Junge, ein wenig schüchtern, aber gewissenhaft. Doch nun hielt er sich an ein paar Arbeitslose, die sich täglich in der Dorfwirtschaft betranken.
»Tilla, was ist bloß mit deinem Matthias los?«, tuschelten die Nachbarn. »So ein guter Landwirt, kennt sich mit den Maschinen aus, aber jetzt wenn das so weitergeht, verliert er noch den Job.«
Wochenlang wurde Matthias nicht mehr richtig nüchtern. Verzweiflung und Bitten halfen nichts seine Mutter rang um ihn. Die Ernteeinfahrt stand bevor, doch Matthias erschien nicht. Am Ende musste der Hof ihn entlassen. Früher kannte er jede Schraube am Mähdrescher jetzt lag er nur noch zu Hause.
»Was ist bloß passiert mit Matthias?«, murmelte die alte Großmutter Frieda zu Tilla, als sie diese beim Bäcker traf. »Habe ihn wieder lallend gesehen neulich. So ein stiller, anständiger Junge wars jetzt hat er sich kaum mehr nach Hause geschleppt.«
Tilla selbst wusste nicht, was mit ihm los war. Eines Tages, als sie daheim nachsah, lag Matthias auf dem Sofa und murmelte vor sich hin. Sie beugte sich zu ihm und horchte.
»Lotte Lotterl warum hast du warum hast du den Heinrich genommen warum dabei liebe ich dich«
»Ach Gott«, erschrak Tilla, »geht das alles wegen der Lotte, unserer Briefträgerin? Liebt er die etwa? Wer hätte das gedacht! Matthias war ja immer schüchtern, dass er deswegen versinkt?«
Lotte kam an demselben Tag vorbei und brachte die Post ins Haus. Tilla wartete schon auf sie.
»Sag, Lotte, warum hast du den Heinrich geheiratet? Wegen dir ist mein Matthi so er leidet, da wunderts ja keinen, dass er zu trinken anfängt! Warum tust du ihm das an?«
Lotte war sprachlos.
»Tilla, wie kommst du darauf? Ich versteh gar nicht, was du meinst.«
»Du willsts nicht verstehen«, fauchte Tilla. »Hast du nicht mit meinem Buben angebandelt?«
»Nein, Tilla, wirklich nicht. Wir sind uns mal über den Weg gelaufen, haben Hallo gesagt, aber nie mehr. Du irrst dich. Matthias hat doch nie Interesse gezeigt.«
»Gestern hab ich ihn aber gehört«, erwiderte Tilla, »er liebt dich halt, war immer zu scheu, das zu sagen. Jetzt ertränkt er die Gefühle.«
»Ach, Tilla, das wusste ich nicht. Ehrlich. Es tut mir leid, aber darauf hätte ich nie gekommen«
Zwei Tage später ging Lotte mit ihrer schweren Posttasche durch das Dorf und traf zufällig auf Matthias, der mit anderen Jungs an alten Baumstämmen neben der Dorfstraße saß. Die Bierflaschen klirrten.
»So, sauft ihr wieder«, sagte sie scharf. »Matthias, komm mal kurz.« Die Clique verdrückte sich rasch, Matthias blieb mit gesenktem Kopf sitzen. Lotte setzte sich zu ihm.
»Na, wie lange geht das schon mit deiner Schwärmerei?«, fragte sie.
»Womit?«, wich er aus.
»Du bist doch seit der Schule in mich verliebt.«
»Woher weißt du das?«
»Ich habs gehört. Sag einfach, stimmts?«
»Seit damals«, murmelte er.
Lotte schwieg erst und sagte dann leise: »Matthias, wenn man jemanden liebt, will man sein Bestes und verliert nicht sich selbst. Was du jetzt tust, ist nicht richtig du schadest dir und deiner Mutter. Passen deine Freunde zu dir? Sei doch kein Narr, denk an deine Mutter. Jeder im Dorf schüttelt den Kopf, wie schnell du dich verändert hast.«
»Ich weiß es fällt mir trotzdem schwer«, räumte er ein.
»Matthias, du bist ein Mann. Reiß dich zusammen! Und schau mich mal gut an so außergewöhnlich bin ich wirklich nicht. Schiefe Knie, schlechte Hausfrau bin ich obendrein. Daheim herrscht Chaos. Was ist denn so bewunderswert? Und bockig bin ich auch noch! Du wirst noch deine Liebe finden, die zu dir passt. Quäle nicht deine Mutter, bitte.«
Lotte erhob sich und ging, doch Matthias sah ihr traurig nach.
»Trotzdem bist du die Beste«, sagte er leise.
Als Lotte später am Laden vorbeistratzte, sah sie Heinrichs Transporter.
»Komisch«, dachte sie, »eigentlich sollte er noch in München sein«
Im Laden war niemand zu sehen, aber da kam Monika, die Verkäuferin, mit roten Wangen aus dem Lagerraum gehuscht.
»Lotte, brauchst du was?«, fragte sie hastig.
»Nur… Ich hab den Wagen von Heinrich gesehen, dachte, er wäre noch unterwegs.«
»Äh, der hat ne Panne, er ist wegen Ersatzteilen in der Werkstatt«, stammelte Monika.
»Ach so Dann bis später!« Lotte verließ das Geschäft.
Das Dorfleben ging weiter, wie es immer war. Lotte austrug Briefe, Zeitungen und die Rente. Matthias sah sie nicht mehr, nicht mit seinen alten Kumpels, nicht auf der Straße. Besorgt fragte sie nach den Wochen Tilla beim Zeitungsaustragen:
»Tilla, ich seh Matthias gar nicht mehr.«
»Er ist zuhause, hat das Trinken gelassen, hackt Holz, hilft im Hof. Kein Tropfen mehr, und seine Kumpels hat er nach Hause geschickt.«
»Das freut mich wirklich, Tilla. Siehst du, alles wird gut!«
»Gott segne dich, Lotte! Er hat gesagt, du hast mit ihm geredet.«
Bald darauf sah Lotte den Transporter ihres Mannes wieder am Laden stehen. Sie eilte hinein und blieb wie angewurzelt stehen: Heinrich hielt Monika im Arm, küsste sie. Die beiden bemerkten sie erst spät.
»Oh«, entfuhr es Lotte, »ich glaube, ich störe…« Sie fuhren auseinander.
»Lotte, wir klären das zuhause«, murmelte Heinrich, während Monika ihr spöttisch in die Augen sah.
»Wieso? Jetzt ist der richtige Moment«, grinste sie süffisant, »Heinrich und ich lieben uns schon lange. Ich hab ihn mal betrogen, dann war er wütend und ist dir zuliebe mit dir zusammengekommen. Gell, Heinrich?« Der nickte betreten. »Aber unsere Liebe, die war immer da.«
»Lotte, wir sprechen zuhause«, wiederholte Heinrich.
»Das kannst du dir sparen«, konterte Lotte und verließ das Geschäft.
Die Mutter tröstete sie abends:
»Kind, ich habs ahnen können auf dein Herz musst du besser aufpassen. Aber einen Irrtum kann man immer wiedergutmachen.«
Die Nachricht von der anstehenden Scheidung verbreitete sich im Dorf rasch. Man tuschelte, und wie so oft war es die Ehefrau, die als letzte von den Affären erfuhr.
»Matthias, ich erzähl dir was Neues«, sagte Tilla, als sie aus dem Laden heimkam. »Lotte lässt sich scheiden, Heinrich war ihr untreu mit Monika. Los! Mach was aus dir. Dein alter Chef, der Herr Klein, hat nach dir gefragt wenn du willst, bist du wieder als Landwirt dabei. Du hast dich ja zusammengerissen.«
»Mama, ich wusste, dass Heinrich so ist Aber Lotte hätte mir nie geglaubt.«
Monate vergingen. Dann verbreitete sich im Dorf die Neuigkeit:
»Hast du gehört? Matthias und Lotte, die Postlerin, heiraten bald!«, erzählte Frieda vor dem Laden, »und Tilla ist überglücklich so jung schaut sie aus, wie nie!«
»Das ist gut Matthias ist ein anständiger, ruhiger Kerl. Hat das Trinken aufgegeben. Die Liebe hat ihn gerettet!«, bestätigte Nachbarin Waltraud.
»Und Heinrich mit Monika das ist ein eigenes Kapitel! Warum er Lotte geheiratet hat, versteht keiner. Monika wird dem schon noch Hörner aufsetzen, da bin ich mir sicher.«
Matthias kam müde heim. Lotte stellte ihm frisch gekochte Suppe und Bratlinge auf den Tisch, aus dem Ofen zog sie einen warmen Apfelkuchen. Gemeinsam saßen sie, Lotte lächelte verschmitzt.
»Du sagtest doch, ich bin eine schlechte Hausfrau!«, lachte sie.
Matthias sah sich um: alles war sauber, ordentlich, heimelig.
»Ich wusste immer, dass du die Beste bist«
»Und weißt du, Matthias? Ich bin schwanger.« Lotte grinste und Matthias Augen wurden groß.
»Wirklich? Wie schön! Ich habe ja gesagt: Du bist die Beste!« Freudestrahlend sprang er auf und umarmte sie.
Mit der Zeit gebar Lotte eine Tochter und drei Jahre später noch einen Sohn. Alle waren glücklich, vor allem Tilla, die ihre Schwiegertochter und die Enkelkinder über alles liebte. Das Dorfleben ging seinen gewohnten Gang und manchmal, in stillen Momenten, blickt man zurück und erkennt: Das Leben ist voller Prüfungen, doch das Glück lässt sich am Ende doch finden.




