Lasst mich bitte gehen
Ich fahre nirgendwohin… flüsterte die Frau mit brüchiger Stimme. Das ist mein Zuhause, ich lasse es nicht zurück. In ihrer Stimme klangen ungeweinte Tränen mit.
Mama, sagte der Mann. Du verstehst doch, dass ich nicht jeden Tag für dich sorgen kann… Das musst du doch einsehen.
Johannes war traurig. Er sah, wie seine Mutter litt und sich sorgte. Sie saß auf dem alten, durchgesessenen Sofa im Wohnzimmer ihres kleinen Fachwerkhauses im Dorf Südfeld bei Kassel und blickte in die vertraute Stube.
Es geht schon, ich komme klar, ihr müsst euch nicht kümmern, sagte sie stur. Lasst mich einfach.
Aber Johannes wusste, dass sie es nicht schaffen würde. Es war ein Schlaganfall gewesen. Waltraud Baumann war schon immer kränklich gewesen. Er erinnerte sich gut daran, wie er monatelang Urlaub nehmen musste, um nach einem Beinbruch für seine Mutter zu sorgen. Sie versuchte damals zwar tapfer zu sein, doch in den ersten Wochen war sie völlig auf ihn angewiesen.
In letzter Zeit verdiente Johannes endlich gut und hatte für den Sommer vorgehabt, das alte Haus zu renovieren, damit die Mutter es bequemer hatte. Aber nach dem Schlag kam alles anders an eine Renovierung war nicht mehr zu denken, stattdessen musste er sie in die Stadt holen.
Klara packt deine Sachen zusammen, sagte er mit einem nickenden Blick zur Frau. Sag ihr, was du brauchst.
Waltraud schwieg, sie schaute weiterhin aus dem Fenster, wo der milde Herbstwind die gelben Blätter der uralten Linden, die sie Zeit ihres Lebens gesehen hatte, zu Boden wehte. Ihre rechte, noch gesunde Hand drückte fest die schwache Linke.
Klara kramte im Kleiderschrank und fragte immer wieder, was sie mitnehmen sollte. Waltraud antwortete nicht sie blickte stumm aus dem Fenster, als wären ihre Gedanken fern von Schwiegertochter und kaputten Brillen, fern von abgetragenen Nachthemden.
…Waltraud wurde vor achtundsechzig Jahren hier in Südfeld geboren und hatte ihr ganzes Leben im Ort zugebracht. Sie arbeitete jahrzehntelang als Schneiderin. Erst im Atelier, das schloss, als immer mehr Menschen wegzogen, dann von zu Hause. Doch irgendwann wurde die Arbeit immer weniger, und so konzentrierte sie sich fortan auf den Garten und ihr Haus. Sie steckte ihre ganze Liebe hinein. Und nun jetzt sollte sie all das aufgeben und in eine große, fremde Wohnung nach Kassel ziehen?
…
Hansi, sie isst schon wieder nichts seufzte Klara in der Berliner Küche, die das Paar nach dem Umzug bezog, und stellte mit müden Händen den unangerührten Teller ab. Ich schaffe das nicht mehr. Ich habe keine Kraft mehr…
Johannes sah schweigend auf seine Frau, dann auf das Essen. Er atmete schwer, ging hinüber ins Zimmer seiner Mutter. Waltraud saß auf dem alten Sofa, sah aus dem Fenster, ganz in sich gekehrt. Ihre grauen, stumpfen Augen waren auf den Horizont gerichtet. Die funktionierende Hand lag auf der anderen, als wollte sie ihr Leben einhauchen. Im Raum standen Therapiegeräte, überall klemmten Handtrainer, auf dem Nachttisch stapelten sich Tablettenpackungen. Ohne Johannes Drängen hätte sie davon wohl kaum etwas angerührt.
Mama?
Waltraud reagierte nicht.
Mama?
Ja, mein Junge? Ihre Stimme war leise und undeutlich. Seit dem Schlaganfall fiel ihr das Sprechen schwer, sie rang die Worte oft nur mühsam heraus. Es ging schon besser, aber manches klang noch immer verschliffen.
Warum isst du nichts? Klara bemüht sich doch, sie kocht extra für dich. Seit Tagen rührst du kaum etwas an.
Ich habe keinen Hunger, Hansi wisperte sie und wandte sich langsam zu ihm. Wirklich nicht. Du musst mich nicht zwingen.
Was willst du denn, Mama? Sag es nur…
Er setzte sich zu ihr, sie griff zaghaft nach seiner Hand.
Du weißt es doch, Hansi. Ich will nach Hause. Ich habe Angst, ich werde es nie wieder sehen.
Johannes seufzte und schüttelte den Kopf.
Du weißt doch, ich arbeite jetzt jeden Tag, und Klara ist dauernd mit dir bei Ärzten. Draußen ist Winter. Lass uns wenigstens bis zum Frühling abwarten.
Waltraud nickte, Johannes lächelte schwach und verließ das Zimmer.
Nur… dass es nicht zu spät ist, mein Sohn. Nicht zu spät…
…
Es tut mir leid, das IVF hat wieder nicht geklappt, murmelte die Ärztin in der Frankfurter Klinik, nahm die Brille ab und blickte Klara an.
Klara stöhnte auf und presste die Hände vors Gesicht:
Warum klappt es bloß bei allen anderen? Sie sagten doch, beim ersten Mal sei es normal. Vierzig Prozent schaffen es dann. Aber jetzt das ist schon die dritte Behandlung! Wieso nur?!
Johannes saß stumm daneben, hielt ihre Hand, nervös. Im anderen Flügel bekam Waltraud gerade Massage, und es war beinahe Zeit, sie abzuholen.
Hören Sie begann die Ärztin sanft. Ich kann Sie verstehen. Für Sie ist die Schwangerschaft ein Traum, aber Sie sind viel zu angespannt. Immer gestresst. Der Körper kann so nicht…
Natürlich bin ich gestresst! Ich arbeite von zu Hause, damit wir das sündhaft teure IVF bezahlen können! Ständig diese Prozeduren, die Tabletten, die mich kaputtmachen, und dann noch die Schwiegermutter, für die ich sorgen muss und die ständig verweigert zu essen, kein Medikament nimmt! Ja, ich will endlich ein Kind! Vielleicht schenkt mein Mann mir dann mal Beachtung, nicht bloß seiner Mutter!
Klara verstummte plötzlich, begriff, dass sie zu weit gegangen war, griff nach der Tasche und stürmte hinaus.
Entschuldigung, flüsterte Johannes.
Ach, das ist nicht das erste Mal winkte die Ärztin ab. Kein Problem.
Johannes folgte seiner Frau auf den Flur. Klara saß auf einer Bank im Wartebereich und weinte still, das Gesicht in den Händen verborgen. Ihr Körper bebte. Sie hob die geröteten, nassen Augen und schluchzte.
Es tut mir leid… Wirklich… Ich wollte nichts gegen deine Mutter sagen. Ich bin nur so müde. Es macht mich fertig, ständig einen sterbenden Menschen zu sehen. Ich ertrage den negativen Test und diese Unsummen für die nächste Behandlung einfach nicht mehr. Ich kann nicht mehr.
Wenn ich es könnte, würde ich alles tun, um euch beiden zu helfen, aber… er stockte.
Ich weiß, sie lächelte tapfer durch die Tränen. Ich weiß es.
Sie saßen ein paar Minuten schweigend beieinander, hielten sich fest an den Händen. Dann stand Klara resolut auf, rückte den Kragen zurecht und lächelte schwach.
Los. Waltraud ist bestimmt schon fertig. Du weißt, sie hasst Krankenhäuser. Nachher ist sie wieder tagelang niedergeschlagen.
…
Es gibt kaum Fortschritte bei Ihrer Mutter, sagte der ältere, kleine Herr in runder Brille und zog Johannes diskret beiseite, damit Waltraud nichts mitbekam. Klara blieb bei ihr. Wissen Sie… Als Sie zu mir kamen, hatte ich Hoffnung auf Besserung. Nach einem Schlaganfall sind die Chancen meistens schlecht, aber sie hatte nie geraucht, getrunken oder Krankheiten gehabt. Sie hatte gute Voraussetzungen.
Aber… Es tut sich nichts. Ich sehe es ja auch.
Ich glaube, sie will einfach nicht mehr. Sie hat aufgegeben. Da ist kein Feuer mehr in ihren Augen. Es wirkt, als habe sie ihren Lebenswillen verloren…
Johannes stimmte stumm zu. Er hatte es selbst gesehen. Sie war um fünfzehn Kilo abgemagert, kaum wiederzuerkennen. Stundenlang saß sie auf ihrem Platz und starrte hinaus. Keine Bücher, kein Fernsehen, keine Gespräche. Nur der Blick aus dem Fenster.
Nach Schlaganfällen können Verhaltensstörungen auftreten, je nachdem, welche Hirnareale betroffen sind fügte der Arzt leise an. Aber so massiv hätte ich es bei Ihrer Mutter nicht erwartet. Beim ersten Besuch war davon nichts zu merken.
Ich glaube, das liegt an etwas anderem, flüsterte Johannes.
…
Hansi, sagte Klara traurig am Telefon, kannst du die Dienstreise absagen? Mit Waltraud geht es rapide bergab. Ich weiß nicht, ob du es rechtzeitig schaffst…
Es fiel ihr schwer, es auszusprechen. Sie wusste, was seine Mutter für ihn bedeutete. Auch ihr selbst brach es das Herz, zu sehen, wie die Schwiegermutter so teilnahmslos auf dem Sofa lag. Früher hörte sie manchmal noch Musik von den alten Schallplatten, die von ihrem Mann, dem Musiklehrer, stammten. Doch jetzt lag Waltraud still, blickte an die Decke tagelang kein Bissen gegessen, nur etwas Milch getrunken. “Schlechtes Stadtkühe-Milch”, pflegte sie oft zu meckern. Nun trank sie sie dennoch.
Johannes kam am selben Abend eilig nach Hause und setzte sich an ihr Bett.
Du weißt, was ich will. Du hast es mir versprochen.
Johannes nickte. Ja, das hatte er.
Tags darauf fuhren sie nach Südfeld zurück. Den Arzt wollte Waltraud nicht mehr sehen.
Keine Klinik. Ich will nur heim.
Obwohl März war, waren die Straßen erstaunlich fest und schneefrei. Sie kamen direkt bis vor die Tür. Johannes half der Mutter aus dem Auto in den Rollstuhl.
Ringsum schmolz der letzte Schnee, es glitzerte vor Tau, die Bäume beugten sich leicht im Wind und die Sonne wurde warm. Waltraud saß stundenlang im Hof. Zum ersten Mal seit Monaten war ein Lächeln auf ihrem Gesicht. Sie atmete tief durch, schaute in den Himmel, ließ Tränen der Freude laufen. Endlich war sie daheim. Sie betrachtete ihr schiefes Häuschen, das sonnige Licht, lauschte den Vögeln, spürte die Kälte des Schmelzwassers im Frühling…
Am Abend aß sie noch etwas, saß noch eine Zeit lang draußen. Das Lächeln wich nicht mehr von ihrem Gesicht. In jener Nacht ist sie eingeschlafen. Mit genau diesem Lächeln ist sie gegangen. Sie starb, aber war glücklich.
Johannes und Klara nahmen sich frei, um Waltraud in Südfeld zu begraben, das Haus zu entrümpeln, alles Nötige zu regeln. Johannes wollte einfach Zeit an diesem besonderen Ort verbringen, den Kopf frei bekommen. Seit Jahren war er nie mehr als zwei Tage geblieben.
…Am Tag vor der Rückfahrt in die Stadt wurde Klara plötzlich übel. Sie lief zur Toilette, wo sie sich übergeben musste. Als sie zurück zu Johannes kam, waren ihre Augen riesengroß in der Hand hielt sie einen Schwangerschaftstest. Sie trug ihn fast ständig bei sich, aber bislang umsonst. Dieses Mal zwei Streifen. Zwei!
Es war deine Mutter… Waltraud hat uns geholfen, wisperte Klara, noch ganz ungläubig, Tränen in den Augen.
Johannes blickte in den strahlend blauen Himmel, nickte fest und schloss seine Frau innig in die Arme. Ja, es war ein Geschenk seiner Mutter. Ihr letztes, und das allerkostbarste.




