Sommerregeln – Wenn die Enkel in den Ferien aufs Land kommen und das Familienleben zwischen WhatsApp, Gartenarbeit und Großmutters Frikadellen neue Wege sucht

Sommerregeln

Damals, als die Regionalbahn langsam am kleinen Bahnsteig von Hohenstedt zum Stehen kam, stand Frau Helene Becker schon ganz vorne an der Kante die grobe Stofftasche fest an die Brust gedrückt. In der Tasche rollten Äpfel umher, ein Glas Kirschmarmelade und eine Tupperdose voller Quarktaschen. Eigentlich hätte es das alles gar nicht gebraucht die Enkel kamen doch satt aus Hamburg, mit Rucksäcken und Tüten und trotzdem wollte ihre Hand immer etwas zum Vorbereiten haben.

Der Zug zuckte, die Türen sprangen auf, und gleich drei Gestalten purzelten heraus: der lange, dünne Max, seine jüngere Schwester Frieda und dazu ein Rucksack, so schwer, dass er fast ein Eigenleben hatte.

Omi! Frieda war die Erste, die sie sah, wedelte so heftig mit der Hand, dass die bunten Armreifen klimperten.

Ein warmes Gefühl stieg Helene die Kehle hinauf. Behutsam stellte sie die Tasche ab und breitete die Arme aus.

Ach, was seid ihr nur Sie wollte eigentlich groß geworden sagen, verschluckte es aber. Die beiden wussten das schon selbst.

Max kam etwas langsamer näher, umarmte sie mit einer Hand, mit der anderen hielt er den Rucksack fest.

Hallo, Oma.

Er war fast einen Kopf größer als sie inzwischen. Bartschatten am Kinn, dünne Handgelenke, Kopfhörer, deren Kabel aus dem T-Shirt hing. Helene ertappte sich dabei, dass sie in seinem Gesicht nach dem Jungen suchte, der früher im Garten barfuß durch die Wiese rannte, fand aber immer nur neue Erwachsenenspuren.

Opa wartet unten am Auto, sagte sie. Kommt, sonst werden meine Frikadellen noch kalt.

Nur kurz ein Foto, rief Frieda schon und zückte ihr Handy, knipste den Bahnsteig, den Zug, die Oma Für die Story!

Das Wort Story flatterte an Helenes Ohr vorbei wie ein Vogel. Sie hatte im Winter schon ihre Tochter gefragt, was das bedeutet, aber die Erklärung war verflogen. Hauptsache, das Enkelkind lachte.

Sie stiegen die Betontreppe hinab. Unten am alten VW Golf stand Gustav Becker. Er kam ihnen entgegen, klopfte Max auf die Schulter, drückte Frieda und nickte seiner Frau zu. Äußerlich blieb Gustav reserviert, aber Helene wusste, auch in ihm war die Freude groß.

Na, Schulferien?, fragte er.

Ja, Ferien, antwortete Max und schleuderte seinen Rucksack in den Kofferraum.

Auf dem Heimweg wurden die zwei stiller. Draußen zogen Gärten und Schrebergärten vorbei, irgendwo hüpfte eine Ziege durchs Gras. Frieda scrollte ein paar Mal am Handy, Max lachte schließlich leise über etwas auf dem Bildschirm, und Helene ertappte sich, dass sie auf ihre Hände achtete, auf die Finger, die ständig diese schwarzen Rechtecke berührten.

Macht nichts, dachte sie. Hauptsache, zu Hause läuft noch alles nach unseren Regeln. Alles andere sollen sie machen, wie sie wollen.

Das Haus empfing sie mit dem Duft von Bratfrikadellen und frischem Dill. Auf der Veranda stand der alte Holztisch, mit einer Wachstuchtischdecke mit Zitronen bedeckt. Auf dem Herd blubberte die Pfanne, im Ofen backte noch ein Kohlkuchen.

Mensch, Festessen!, rief Max und lugte in die Küche.

Das ist kein Festessen, das ist Mittagessen, erwiderte Helene automatisch, bremste sich aber gleich. Jetzt beeilt euch und geht euch die Hände waschen. Da drüben bei der Pumpe.

Frieda zückte sofort wieder das Handy. Während Helene Salat, Brot, Frikadellen und einen Teller auf den Tisch stellte, sah sie aus dem Augenwinkel, wie das Enkelkind Teller, Fenster und Katze Bubi fotografierte, die sich vorsichtig unter dem Stuhl vorkämpfte.

Am Tisch gibts keine Handys, bemerkte sie scheinbar unauffällig, als alle saßen.

Max blickte auf.

Wie bitte?

Genau so, schaltete sich Gustav ein. Nach dem Essen könnt ihr machen, was ihr wollt.

Frieda stoppte kurz, stellte das Handy Displays nach unten neben den Teller.

Ich wollte bloß ein

Hast doch schon, sagte Helene sanft. Jetzt essen wir erstmal, dann kannst du posten.

Das letzte Wort klang bei ihr unsicher. Sie wusste nicht, wie es korrekt hieß, aber es genügte.

Max legte ebenfalls das Handy neben den Teller. Er wirkte, als hätte man ihn in einer Rakete gebeten, den Helm abzunehmen.

Hier läuft es eben nach festen Zeiten, goss Helene den Saft ein. Mittagessen um eins, Abendbrot um sieben. Morgen nicht später als neun aufstehen. Danach könnt ihr machen, worauf ihr Lust habt.

Nicht später als neun?, zog Max die Worte in die Länge. Und wenn ich nachts einen Film schauen will?

Nachts wird geschlafen, murmelte Gustav über dem Teller.

Helene spürte, wie eine dünne Spannungslinie durch den Raum lief. Schnell ergänzte sie:

Ist doch kein Kasernenhof. Nur wenn ihr bis mittags pennt, ist der halbe Tag vorbei, und ihr verpasst alles. Es gibt Fluss, Wald, Fahrräder.

Ich will zum Fluss, sagte Frieda prompt. Und Rad fahren. Und ein Fotoshooting im Garten!

Das Wort Fotoshooting saß schon besser.

Sehr schön, nickte Helene. Aber erst wird geholfen. Kartoffeln müssen gejätet, Erdbeeren gegossen werden. Ihr seid nicht zu Besuch auf einem Gutshof.

Omi, es sind Ferien, setzte Max an, aber Gustav sah ihn an.

Ferien, kein Wellnesshotel.

Max seufzte, schwieg dann. Frieda stupste ihn unterm Tisch an, streifte seinen Turnschuh mit dem Fuß. Er schmunzelte.

Nach dem Mittag gingen die Kinder in ihre Zimmer, um Sachen auszupacken. Helene schaute eine halbe Stunde später nach ihnen. Frieda hatte schon T-Shirts über die Stuhllehne gehängt, ihr Schminktäschchen und das Ladegerät aufs Fensterbrett gestellt. Max saß auf dem Bett, den Rücken zur Wand, fuhr mit dem Finger über den Bildschirm.

Ich habe die Bettwäsche gewechselt, sagte Helene. Wenn was fehlt, sag Bescheid.

Ist alles gut, Oma, antwortete Max, ohne aufzusehen.

Das gut pikste ein wenig. Sie nickte einfach.

Abends grillen wir, sagte sie noch. Und jetzt, wenn ihr euch ausgeruht habt, kommt bitte zum Garten. Ein Stündchen Arbeit.

Mhm, machte Max.

Sie schloss die Tür, blieb kurz im Flur stehen. Durch die Tür hörte sie Friedas Lachen sie telefonierte anscheinend per Video mit jemandem. Plötzlich fühlte sich Helene wirklich alt, aber anders als durch schmerzenden Rücken: Eher, als würde das Leben der Kinder auf einer unsichtbaren Ebene ablaufen, zu der sie keinen Zugang hatte.

Macht nichts, sagte sie sich. Nicht zu sehr drücken das ist wichtig.

Am Abend, als die Sonne schon tief über die Felder leuchtete, standen sie zu dritt im Garten. Der Boden war warm, das trockene Gras raschelte unter den Füßen. Gustav zeigte, welches Kraut rausgerissen werden musste und welche Karotten stehen blieben.

Das bitte zupfen, das kann bleiben, erklärte er Frieda.

Was, wenn ichs verwechsele?, Frieda hockte sich und verzog das Gesicht.

Keine Sorge, warf Helene ein. Das ist hier kein Bauernhof im Akkord.

Max stand ein Stück abseits, stützte sich auf die Hacke und warf Blicke Richtung Haus. Im Fenster seines Zimmers leuchtete das blaue Licht des Monitors.

Vergisst du da nicht was?, fragte Gustav.

Hab das Handy oben gelassen, murmelte Max.

Weshalb dies Helene mehr freute, als erwartet.

Die ersten Tage waren ein vorsichtiges Gleichgewicht. Helene klopfte morgens an die Türen, die beiden schimpften, aber um halb zehn waren sie doch in der Küche. Frühstückten, halfen ein bisschen, dann verschwanden sie: Frieda veranstaltete Fotos mit Bubi und Erdbeeren, postete irgendwas; Max las, hörte Musik, fuhr Fahrrad.

Die Regeln hielten durch kleine Dinge. Keine Handys am Tisch. Nachts war es ruhig im Haus. Nur einmal, in der dritten Nacht, hörte Helene spät ein Kichern hinter Max Tür. Halb eins zeigte die Uhr.

Sollte sie hingehen oder es lassen? Grübelnd blieb sie kurz liegen.

Das Lachen kam noch einmal. Dann der Ton einer Sprachnachricht. Sie atmete durch, zog den Bademantel über und klopfte.

Max, schläfst du?

Augenblicklich Stille.

Gleich, murmelte es.

Max öffnete, blinzelte in den Flur, die Augen rot, Haare wirr, Handy in der Hand.

Warum schläfst du nicht?, fragte sie sanft.

Ich schaue ‘nen Film.

Um eins nachts?

Wir hatten abgemacht, dass wir den gleichzeitig schauen und schreiben mit meinen Freunden.

Sie stellte sich vor, wie überall in Hamburg Jugendliche heimlich im Dunkeln Filmbesprechungen tippten.

Schau, sagte sie, ist mir egal, was du guckst. Aber wenn du nachts nicht schläfst, bist du morgens zu nichts zu gebrauchen. Und dann krieg ich dich nicht in den Garten. Bis zwölf geht klar, danach Schluss.

Er grinste schief.

Aber die anderen

Die sind in Hamburg, du bist bei uns. Unsere Hausordnung. Ist ja nicht wie zu Mutters Zeiten aber ein bisschen Ordnung muss sein.

Er kratzte sich am Kopf.

Okay. Bis zwölf.

Mach die Tür zu, sonst blendet das Licht, und bitte Ton leiser.

Beim Zurückgehen ins Bett dachte sie, vielleicht war sie zu nachsichtig gewesen. Strenger müsste man Wie früher bei ihrer Tochter. Aber alles fühlte sich anders an.

Die Konflikte keimten an den Kleinigkeiten. An einem der heißeren Tage bat Helene Max, seinem Opa beim Tragen der Bretter zum Schuppen zu helfen.

Gleich, murmelte er, ohne vom Bildschirm aufzusehen.

Nach zehn Minuten noch immer kein Max, die Bretter unverändert.

Max, der Opa schleppt schon alleine, sagte sie, mit einem spitzen Tonfall.

Ich schreib das eben fertig!, kam es ungehalten zurück.

Was schreibst du denn ständig? Als ob die Welt dich jetzt dringend bräuchte!

Max hob empört den Kopf.

Ist voll wichtig wir spielen Turnier!

Welches Turnier denn?

Online-Spiel. Team. Wenn ich weg bin, verlieren die.

Sie wollte sagen, dass es Wichtigeres gibt, sah aber seine gespannten Schultern, die verkniffenen Lippen.

Wie lange noch?

Noch zwanzig Minuten.

Okay. Dann kommst du runter und hilfst. Abgemacht?

Er nickte und schaute weiter aufs Handy. In zwanzig Minuten stand er in Turnschuhen vor der Tür.

Bin dabei, sagte er schon, bevor sie was sagen konnte.

Solche kleinen Absprachen gaben Helene das Gefühl, noch nicht ganz die Zügel zu verlieren.

Aber dann kam es doch anders.

Mitte Juli, am Vorabend eines Markttages, sprach Gustav vom schweren Einkauf und davon, wie er Hilfe bräuchte.

Max, morgen fährst du mit Opa zum Markt, sagte Helene beim Abendessen. Frieda und ich bleiben hier und machen Marmelade.

Kann ich nicht, antwortete er sofort.

Und warum?

Hab mit Freunden verabredet in Hamburg beim Festival. Musik, Streetfood Frieda weiß Bescheid. Er blickte zu ihr, die aber abwinkte. Hab ich euch gesagt.

Sie erinnerte sich nicht. Vielleicht war es auch untergegangen so viele Gespräche dieser Tage.

Nach Hamburg?, runzelte Gustav die Stirn.

Jaja. S-Bahn. Nicht weit vom Bahnhof.

Kennst du den Weg überhaupt?, fragte Gustav.

Alle meine Freunde sind dabei. Und ich bin sechzehn!

Es klang wie der ultimative Gegenbeweis.

Dein Vater hat uns eindeutig gesagt: Du gehst nirgendwo alleine hin, sagte Gustav.

Ja, aber ich bin doch nicht allein. Wir sind als Gruppe.

Umso schlimmer.

Helene spürte die Spannung, als würde die Luft dicker im Raum. Frieda schob ihren Teller beiseite.

Vielleicht könnt ihr heute schon zum Markt und Max morgen ins Festival lassen, versuchte sie zu schlichten.

Markt ist nur morgen!, unterbrach Gustav. Ich brauch einen Träger.

Ich kann!, rief Frieda überraschend.

Du hilfst Helene, erwiderte Gustav automatisch.

Ich kann das alleine, winkte Helene ab. Marmelade läuft nicht weg. Nimm Frieda mit zum Markt.

Gustav war erst verwundert, dann dankbar, dann wieder stur.

Und Max? Gibts Sonderrechte?

Ich, setzte Max an.

Du hast wohl nicht verstanden, dass hier nicht alles wie in der Stadt läuft! Wir sind für dich verantwortlich!

Immer ist jemand für mich verantwortlich, platzte es aus Max. Darf ich nie mal wirklich selber entscheiden?!

Stille. Helene spürte einen Schmerz im Magen. Sie wollte sagen, dass sie ihn versteht, aber stattdessen hörte sie ihre eigene Stimme, trocken:

Solange du bei uns bist, gelten unsere Regeln.

Max schob den Stuhl zurück.

Dann eben nicht. Ich bleib hier.

Er schlug die Tür hinter sich zu. Von oben klang ein dumpfes Geräusch vielleicht Rucksack auf den Boden oder ein Sturz aufs Bett.

Der Abend blieb stockend. Frieda erzählte zerstreut von Influencern, Gustav schwieg, Helene spülte und grübelte, ob sie es zu scharf gesagt hatte. Das unsere Regeln hallte nach wie ein Löffel auf Glas.

Mitten in der Nacht, ungewöhnlich still, lag Helene wach. Keine Schritte, kein Licht aus Max’ Tür, alles zu ruhig. Na, vielleicht schläft er wenigstens, dachte sie.

Als sie morgens die Küche betrat, war es kurz vor neun. Frieda saß schon da, gähnend. Gustav trank Kaffee, blätterte Zeitung.

Wo ist Max?, fragte Helene.

Bestimmt pennt er noch, meinte Frieda.

Helene ging nach oben, klopfte.

Max, aufstehen!

Keine Antwort. Sie öffnete. Das Bett nachlässig gemacht, wie immer, aber leer. Seine Jacke übern Stuhl, Ladegerät auf dem Tisch. Das Handy fehlte.

Ein Loch tat sich in ihr auf.

Er ist nicht da, sagte sie unten.

Wie nicht da?, Gustav sprang auf.

Nirgends. Handy ist auch weg.

Vielleicht draußen?, mutmaßte Frieda.

Sie suchten Hof und Garten ab, kein Max. Das Fahrrad stand da.

Die S-Bahn geht um 8:45 Uhr, sagte Gustav mit Blick zur Straße.

Helenes Hände zitterten.

Vielleicht ist er nur mit den Dorfjungs unterwegs, warf sie ein.

Welche Jungs? Hier kennt er doch niemanden.

Frieda tippte aufs Handy. Ich schreib ihm.

Sie blickte immer unruhiger aufs Display.

Keine Antwort. Nur ein Häkchen.

Das Häkchen bedeutete ihr nichts, aber Friedas Gesicht verriet, dass es kein gutes Zeichen war.

Was machen wir jetzt?, fragte sie Gustav.

Ich fahr zum Bahnhof, sagte er nach kurzem Schweigen. Vielleicht hat ihn jemand gesehen.

Muss das sein?, versuchte sie leise einzuwenden. Vielleicht

Er ist einfach weg, ohne was zu sagen!, schnitt er ihr das Wort ab. Das ist nicht mehr normal.

Er zog sich an, griff den Autoschlüssel.

Du bleibst hier, sagte er zu Helene. Vielleicht kommt er. Frieda wenn er sich meldet, sag sofort Bescheid.

Als das Auto vom Hof fuhr, blieb Helene auf der Veranda sitzen, die Hände krampfhaft im Putzlappen gekrallt. Im Kopf liefen unzählige Bilder durch: Max am Gleis, Max in der Bahn, Max ohne Handy Sie schüttelte sich.

Ruhig bleiben. Er ist kein kleines Kind mehr.

Eine Stunde verging. Dann noch eine. Frieda blickte immer wieder aufs Handy, schüttelte den Kopf.

Nichts. Nicht mal online.

Um elf kam Gustav zurück. Ganz ausgezehrt sah er aus.

Keine Spur. Auch nicht am Bahnhof.

Helene wusste, dass die Suche nicht erfolgreich war.

Vielleicht ist er doch in Hamburg. Bei seinem Festival, flüsterte sie.

Ohne Geld? Ohne irgendwas?

Frieda mischte sich ein. Er hat doch alles auf der Karte. Und im Handy.

Sie schauten sich an. Für sie waren Euro-Münzen greifbar, für die Enkel nur virtuelle Zahlen.

Sollen wir seinen Vater anrufen?, fragte sie leise.

Mach das, nickte Gustav. Er erfährt es eh.

Das Telefonat war schwer. Ihr Sohn schwieg, schimpfte, fragte dann vorwurfsvoll, warum sie nicht besser aufgepasst hatten. Helene war nur noch müde nach all dem.

Er ist doch nicht verloren, Omi, sagte Frieda schließlich leise. Der war einfach sauer.

Er ist beleidigt gegangen. Als wären wir die Feinde, murmelte Helene.

Der Tag zäh und endlos. Marmelade kochen, Gustav werkelte im Schuppen, alles schleppte sich. Friedas Handy blieb stumm.

Als der Sonnenuntergang die Bäume vergoldete, quietschten die Gartentore. Helene, mit Teetasse auf der Veranda, fuhr erschrocken zusammen. Im Torbogen stand Max.

Er sah verstaubt aus, Rucksack auf den Schultern, die Jeans schmutzig, aber unversehrt.

Hallo, sagte er leise.

Helene stand auf. Kurz wollte sie auf ihn zurennen und ihn umarmen, aber sie hielt sich zurück.

Wo warst du?

In Hamburg. Er blickte auf den Boden. Beim Festival.

Allein?

Mit Freunden. Naja, fast. Freunde aus dem Nachbardorf. Hatte sie angeschrieben.

Gustav kam, die Putzlappen noch in der Hand.

Ist dir klar, was wir hier, stotterte er, dann brach die Stimme.

Hab euch geschrieben, warf Max schnell ein. Das Netz ging weg. Dann war mein Akku leer Ladegerät vergessen.

Frieda stand inzwischen am Handy. Ich hab dir auch geschrieben immer nur ein Haken.

Wollte euch nichts Böses, sagte Max und blickte zwischen ihnen hin und her. Ich wusste: wenn ich frage, sagt ihr nein. Und

Er schluckte.

Also besser gar nichts sagen?, ergänzte Gustav bitter.

Schweigen. Aber jetzt war da auch eine große Müdigkeit darunter.

Komm erst mal rein, iss was, sagte Helene ruhig.

Er folgte still, setzte sich an den Tisch. Sie stellte Suppe hin, Brot, goss Saft ein. Max aß gierig.

Die Stände da sind unbezahlbar, murmelte er. Eure Foodtrucks!

Dass eure klang fremd, aber sie wollte keinen Streit.

Nach dem Essen saßen sie wieder gemeinsam draußen. Es war kühler, bald würde die Dunkelheit kommen.

Also, begann Gustav, du willst mehr Freiheit, verstehe ich. Vielleicht haben wir übertrieben. Aber solange du bei uns bist, tragen wir die Verantwortung. Du sagst beim nächsten Mal vorher Bescheid, okay? Nicht erst abends, sondern am Tag davor. Dann sehen wir gemeinsam, wie du hinkommst, wie du wieder zurückkommst, wer dich begleitet. Wenns passt, dann lass ich dich fahren sonst bleibst du daheim. Aber einfach so abhauen das geht nicht.

Max schwieg trotzig.

Und wenn ihr nein sagt?, fragte er schließlich.

Dann nervst du, aber bleibst hier und kommst mit auf den Markt, warf Helene ein.

Er blickte sie an. In seinem Gesicht lag alles: Kränkung, Müdigkeit, Unsicherheit.

Ich wollte nicht, dass ihr euch Sorgen macht, sagte er. Ich wollte nur einmal selber entscheiden.

Selbst entscheiden ist gut, sagte Helene. Aber heißt auch, die Verantwortung für die zu übernehmen, die sich um dich sorgen.

Es klang nicht wie ein Vorwurf, sondern als Feststellung.

Max nickte.

Abgemacht.

Noch ein Punkt, sagte Gustav schließlich. Wenn der Akku leer ist, such eine Steckdose. Bahnhof, Café, egal. Hauptsache, du meldest dich. Auch wenns Ärger gibt.

Verstanden, nickte Max.

Sie schwiegen noch. Hinterm Zaun bellte irgendwo der Nachbarshund. Bubi schnurrte im Beet.

Wie war’s beim Festival?, fragte Frieda.

Okay. Musik mittel, das Essen war gut.

Fotos?

Akku war tot.

Na toll kein Beweis, kein Content!

Max grinste matt. Doch das Lächeln war ehrlich.

Von da an wurde das Hausleben leichter. Die Regeln blieben, wurden aber biegsamer. Helene und Gustav setzten sich abends zusammen und schrieben einen Zettel: spätestens um zehn aufstehen, zwei Stunden Hausarbeit am Tag, jeder Weg muss abgesprochen werden, keine Handys am Tisch. Diesen Zettel pinnten sie an den Kühlschrank.

Fast wie Ferienlagerplan, kicherte Max.

Nur halt Familienlager, konterte Helene.

Frieda schlug eigene Regeln vor.

Ihr ruft mich auch nicht alle fünf Minuten an, wenn ich am Fluss bin, sagte sie. Und ihr klopft vorher an, bevor ihr reinkommt.

Tun wir immer, wunderte sich Helene.

Schreibts trotzdem dazu, mischte sich Max ein. Dann ists fair.

Also ergänzten sie noch. Gustav grummelte, aber unterschrieb.

Plötzlich gabs gemeinsame Beschäftigungen, die nicht wie Pflicht wirkten. Einmal schleppte Frieda ein altes Brettspiel aus der Veranda herbei.

Wollen wir abends spielen?

Das haben wir schon als Kinder gespielt!, rief Max.

Gustav ließ sich erst bitten, saß dann aber dabei. Er wusste die Regeln immer noch am besten. Sie lachten, stritten, schoben heimlich Plättchen unter. Die Handys blieben vergessen.

Auch Kochen wurde Teamsache. An einem Samstag erklärte Helene mit einem Zwinkern:

Am Wochenende seid ihr dran. Ich sag nur, wo was steht.

Wir?!, riefen beide bestürzt.

Ja. Hauptsache, es ist essbar.

Sie machten ernst, suchten per Handy ein Rezept, max schälte das Gemüse und stritt mit Frieda übers richtige Schneiden. Die Küche duftete nach Röstaromen; der Tisch bückte sich unter dem Geschirr.

Beschwert euch nicht, wenn wir dann Schlange am Bad stehen, grummelte Gustav, aß aber alles brav auf.

Auch im Garten gab es einen Kompromiss. Keine tägliche Jätepflicht mehr. Stattdessen bekamen die beiden je ein Beet Frieda Erdbeeren, Max Karotten.

Macht, was ihr wollt. Wenns nichts wird nicht jammern!

Experiment, kommentierte Max.

Kontroll- und Testgruppe!, lachte Frieda.

Abends zählte Frieda stolz ihre Beeren, knipste Fotos, postete sie als Mein Garten. Max goss anfangs zweimal die Karotten, dann vergaß er sie. Am Ende des Sommers war der Unterschied deutlich: Friedas Korb voll, Max Ausbeute kümmerlich.

Was lernen wir?, fragte Helene.

Karotten sind nichts für mich, meinte Max trocken.

Und alle lachten ganz befreit.

Gegen Ende des Sommers lebte das Haus in seinem eigenen, gewachsenen Rhythmus. Morgens frühstückten sie alle zusammen, tagsüber ging jeder seinen Weg, abends traf man sich wieder am Tisch. Max war manchmal lang am Handy, schaltete aber spätestens um zwölf aus. Helene hörte dann nur noch leises Atmen, wenn sie vorbeiging. Frieda war gern stundenlang am Fluss, schrieb jedoch stets, wann sie wiederkam.

Manchmal stritten sie über Musik, Salz im Essen oder den Geschirrberg aber es war kein Krieg, vielmehr Nachbarschaft unter einem Dach.

Am letzten Abend buk Helene einen Apfelkuchen. Das Haus roch süß, auf der Veranda ein sanfter Wind. Auf dem Tisch lagen gepackte Rucksäcke.

Lasst uns ein Selfie machen!, schlug Frieda beim Kuchen aufschneiden vor.

Wieder für diesen Kram?, stöhnte Gustav, verstummte dann.

Nur für uns, erklärte sie.

Im Garten stellte sie das Handy aufs umgedrehte Eimerchen, aktivierte Timer, rannte zurück.

Oma in die Mitte! Opa rechts, Max links.

Sie stellten sich ein wenig steif, Arm an Arm. Helene spürte, wie Max an ihrem Ellenbogen berührte; Gustav zog sie ein Stück näher. Frieda legte die Arme um sie.

Und lächeln!, sagte sie noch.

Der Auslöser klickte. Noch mal.

Fertig!, Frieda blickte aufs Handy, grinste. Super!

Zeig mal!, bat Helene.

Auf dem kleinen Bildschirm sahen sie etwas schräg aus: Helene mit Schürze, Gustav im karierten Hemd, Max mit wirrem Haar, Frieda in knalligem T-Shirt. Aber in ihrer Art zu stehen lag Nähe.

Darf ich das Bild ausdrucken lassen?, fragte Helene.

Klar, schick ich dir, nickte Frieda.

Aber wie denn? Du hast es doch im Telefon, Helene war ratlos.

Ich helfe dir Max lächelte. Komm uns besuchen, dann machen wir das. Oder ich brings im Herbst vorbei.

Sie nickte, ganz ruhig. Sie wusste ganz werden sie nie ohne Streit auskommen. Aber irgendwo zwischen deren Freiraum und ihren Regeln lag inzwischen ein Pfad, auf dem beide Seiten gehen konnten.

Als es spät war, ging Helene nochmal raus. Über den Dächern glühte der Himmel, nur wenige Sterne funkelten. Im Haus war Stille. Sie setzte sich auf die Treppe, umarmte die Knie.

Gustav setzte sich nach.

Morgen fahren sie., sagte er.

Morgen, bestätigte sie.

Sie schwiegen.

Weißt du letztlich ist alles gut gegangen, meinte Gustav.

Ja. Vielleicht haben wir sogar etwas gelernt.

Manchmal auch wir von ihnen, lachte er leise.

Sie lächelte. In Max Fenster brannte kein Licht mehr, bei Frieda genauso wenig. Ihr Handy lag vermutlich angeschlossen aufgeladen da und sammelte Kraft für den nächsten Tag.

Helene schloss leise das Haus ab, betrachtete den Zettel mit den Regeln an der Kühlschranktür, die Ecken leicht gewellt. Vielleicht schreiben sie im nächsten Sommer neue dazu, dachte sie. Manche fallen weg, andere kommen hinzu. Aber das Wichtigste bleibt.

Sie löschte das Licht in der Küche und ging schlafen das Gefühl, dass das Haus in sich ruhig atmete, mit allem, was dieser Sommer gebracht hatte. Und mit Raum für das, was kommen würde.

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Homy
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