Die Wohnung der Schwester schenken? – Von wegen! „Du bist wirklich…“, sagte Frau Petermann streng. „Ich hab dich auch lieb, Mama“, antwortete Julia leise. Was muss eine Tochter tun, um für die Mutter… „die Richtige“ zu sein? Manchmal nichts – sondern einfach aufhören, der anderen, immer bevorzugten Tochter zu helfen. Schließlich gibt es in jeder Familie jemanden, der geliebter ist als die anderen… Und das war natürlich nie Julia. Schon seit der Geburt von Alina war klar: „Gib nach – du bist doch die Ältere! Das Kleine braucht’s mehr, für sie ist’s wichtiger, bequemer, besser – such’s dir aus.“ Und Julia gab immer nach. Sie liebte ja ihre kleine, etwas hilflose Schwester! Hilflos? Na ja, weil Alina nie etwas alleine geschafft hat – immer musste ihr jemand helfen: die Eltern, oder eben Julia. Alle sprangen sofort für sie. Oder wie Oma Olga sagte „kIedelten gleich los“. Im Gegensatz zu anderen liebte die alte Dame ihre ältere Enkelin mehr. Sie meinte, die Eltern würden Julia nicht fair behandeln. Und außerdem waren sie überzeugt: Die Jüngere ist viel hübscher als ihre Schwester, „so eine hübsche Puppe, ganz anders als du!“ Ja, das hat ihre Mutter Julia eines Tages wirklich so direkt ins Gesicht gesagt: „Und dich kann man halt einfach nicht lieben, Punkt!“ Und das, obwohl Julia hervorragend in der Schule war und keinen Ärger machte. Während der Kleinen bis fünfzehn der Zucker in den Tee gerührt wurde… Julia fuhr am liebsten zu Oma: Dort war alles gut und geborgen. Das hat man eben an Orten, wo man einen wirklich mag. Oma Olga wohnte in einer großen 2-Zimmer-Wohnung in Berlin-Charlottenburg. Die hatte noch ihr Mann, Opa Peter, bekommen, als er damals im Siemens-Werk arbeitete. Da wurde Julias Vater Arne geboren und groß – und dahin brachte er später auch seine Frau Alla. Irgendwann nahmen Arne und Alla einen Kredit auf und zogen endlich in die eigene Wohnung. Omas Wohnung war voll mit „ihrem guten Zeug“, wie sie ihre Schätze nannte. Die Mutter schimpfte nur: „Alles Gerümpel!“ Es roch nach Büchern und Gewürzen. Überall lagen gehäkelte Deckchen, von Oma handgemacht. Alle Geräte alt, aber noch funktionstüchtig: „Früher war Qualität eben selbstverständlich!“ „Schmeiß doch das alles raus, dann hast du’s leichter mit dem Putzen!“, meckerte Alla jedes Mal. „Mir fällt das Putzen auch so nicht schwer. Das ist mein Leben! Ich misch mich doch auch nicht in euer Leben ein! Dann lasst mich einfach machen!“ Die Mutter schwieg, gegen Oma hatte sie nie eine Chance. Julia merkte jedes Mal, wie gut das Gefühl war, wenn Oma ihre Mama „besiegte“. Für Mama war das… weniger schön. Oma mischte sich nie in irgendwelche Angelegenheiten ein. Sie kritisierte ihre Schwiegertochter nicht – dabei wusste sie natürlich genau, wie unfair vieles in dieser Familie lief. Oma Olga versuchte mit Arne zu reden: „Was habt ihr eigentlich mit dem Mädchen vor? Ihr hängt alles auf Julia ab!“ Doch sein einziges Kommentar: „Wir regeln das schon!“ Damit war das Gespräch beendet. Die Zeit verging. Zwischen den beiden Schwestern lagen fünf Jahre. Mit 22 heiratete die hübsche Alina. Julia war 27, klug, sympathisch, kein Kind von Traurigkeit – aber an Männern ging trotzdem immer irgendwas schief. Dann starb Oma Olga. Ganz sanft, im Schlaf. Wie sie es sich gewünscht hatte. Was jedoch niemand erwartet hatte: Oma hatte ein Testament gemacht. Alles ging an Julia. Nur an Julia! Die Eltern waren fassungslos – wie bitte? Die geliebte Alina geht leer aus? Unfassbar! Alina hatte inzwischen Mann, Zwillinge und wohnte mit der Familie zur Miete. Julia hatte niemanden, kein Haustier, kein Kind – wozu also ihr eine Wohnung?! Die sollte sie doch gleich der Schwester schenken! Am besten, sie überreicht Alina die Wohnung direkt als Neujahrsgeschenk – wie großherzig. Der Plan: Die ganze Familie feiert Silvester in Omas alter Wohnung. Julia richtet das Essen, macht alles schön, dann steht sie auf und sagt: „Ich schenke die Wohnung Alina, das ist am fairsten!“ Großartige (eigentlich königliche) Idee, fanden die Eltern. Julia sollte die Wohnung bis dahin entrümpeln – alles raus, als Erstes natürlich die verhassten Häkeldeckchen! Selbstverständlich organisiert Julia auch Essen, Geschenke, Schlafplätze für alle – so wie sie es jedes Jahr gemacht hat. Doch diesmal beschließt Julia: Das war’s! Keine Wohnung für die Schwester, kein Familienfest auf ihre Kosten. Sie hat jemanden kennengelernt – Oleg, ein netter Kollege. Er möchte Silvester nur mit ihr feiern! Zum ersten Mal wird Julia an sich selbst denken. Mit einer Freundin und deren Bekannten, einem Makler, verkauft Julia die 2-Zimmer-Wohnung. Sie kauft sich von dem Geld eine Einzimmerwohnung mit großer Küche in Berlin – renoviert, möbliert und direkt an der U-Bahn! Kurz vor Silvester zieht Julia aus. Die Familie glaubt noch, Julia sei in der alten Omi-Wohnung und macht alles für sie bereit. „Hast du den Baum schon geschmückt?“, fragt Mama. „Hab ich“, lügt Julia – tatsächlich hat sie gemeinsam mit Oleg geschmückt. „Hast du guten Sekt?“ „Klar!“ (Den bringt Oleg mit.) „Sind genügend Betten für alle gerichtet?“ „Natürlich, Mama.“ Am Silvesterabend fährt die Familie zu Omas alter Wohnung und wähnt sich im Glück. Doch der Schlüssel passt nicht. Und statt Julia öffnet ein bärtiger, schlecht gelaunter Typ, der in Unterhemd und langen schwarzen Uroma-Schlafhosen mit einem riesigen Hund dasteht. „Was wollt ihr hier?“, knurrt er. „Gleich haut’s was!“ „Wer sind Sie überhaupt?“, fragt Alinas Mann leise. „Ich? Ich bin der neue Bewohner! Sorry, hab’s Smoking nicht mehr aus der Reinigung bekommen, Silvester und so…“ „Und Julia?“ fragt Mama ängstlich. „Ach, die! Die ist weg. Hat gesagt, sie zieht in ein neues Leben!“ Die Familie steht ratlos da. „Und was heißt das?“ „Heißt: Sie hat aus- und ich bin eingezogen! – Ach ja, sie schickt Grüße. Hat gesagt: Wenn die Bagage kommt, schöne Grüße ausrichten und dann ab nach Hause!“ Der neue Besitzer klappt die Tür zu. Die Familie bleibt draußen – und merkt, dass Julia es diesmal wirklich ernst meint. „Du bist wirklich …“, sagt Alla zu ihrer Tochter am Telefon. „Ich hab dich auch lieb, Mama. Frohes Neues Jahr!“ Und Julia ging – diesmal wirklich – in ein neues Leben. Eines, auf das sie sich endlich freuen konnte.

Die Wohnung gibst du deiner Schwester? Träum weiter!

Du bist wirklich unglaublich, sagte Frau Petra Wagner.
Ich hab dich auch lieb, Mama, erwiderte Johanna leise.
Was muss man eigentlich tun, um für die eigene Mutter … zu sein? Manchmal: einfach gar nichts.

Man lehnt es einfach ab, der anderen, der Lieblings-Tochter zu helfen. In jeder Familie gibt es jemanden, den man mehr liebt als die anderen…

Und das war natürlich nicht Johanna…

Das fing direkt nach der Geburt von Annemarie an: Gib nach du bist doch die Ältere! Für das Kind ist das bequemer, besser, wichtiger je nachdem, was gerade passte.

Und Johanna gab immer nach.

Sie liebte ja ihre etwas unbeholfene kleine Schwester!

Warum unbeholfen? Weil Annemarie wirklich nichts allein schaffte: Sie brauchte für alles Hilfe sei es von den Eltern oder eben von Johanna.

Ist das nicht Unbeholfenheit?

Und stets sprangen alle für sie. Oder sprangen, wie einmal die alte Oma Olga sagte, die anders als der Rest der Familie immer die ältere Enkelin ein bisschen mehr mochte.

Sie sagte auch offen: Die Eltern hätten Johanna völlig verheizt.

Dazu glaubten sie, Annemarie sei so viel hübscher als Johanna: wie eine kleine Puppe nicht so wie du!

Ja, so hatte es die Mutter irgendwann einmal knallhart zu Johanna gesagt. Kurz: An dir, Kind, gibts nun wirklich nichts Liebenswertes!

Und das, obwohl Johanna immer eine sehr gute Schülerin war und nie Ärger machte. An die kleine Schwester wurde hingegen bis zum fünfzehnten Lebensjahr noch Zucker im Tee angerührt…

Johanna liebte es, zu Oma zu kommen: Dort fühlte sie sich wohl und geborgen. So ist es immer dort, wo man wirklich angenommen wird.

Oma Olga lebte in einer großzügigen Altbauwohnung in Leipzig, die ihr Mann, Opa Peter, nach dem Krieg dank seiner Arbeit in der Fabrik bekommen hatte.

Dort war auch ihr Sohn Michael, der Vater der Mädchen, aufgewachsen. Und dorthin hatte er seine Frau Petra gebracht.

Später nahmen sie einen Kredit auf und zogen in eine eigene Wohnung.

Omas Wohnung war vollgestopft mit allem möglichen ihrem Schätzchen, wie sie es nannte. Oder Kram, wie ihre Schwiegertochter sagte.

In den Räumen roch es nach alten Büchern und Gewürzen. Überall lagen selbstgehäkelte Tischdecken der kreativen Oma.

Alle Geräte waren alt, funktionierten aber noch immer. Damals wurde noch für die Ewigkeit gebaut!, so Oma Olga.

Man sollte all diese Staubfänger entsorgen! empörte sich Petra Wagner bei jedem Besuch. Dann hätten Sie es leichter mit dem Putzen!

Für mich ist das kein Problem, konterte die Großmutter. Das ist mein Leben! Ich gebe Ihnen ja auch keine Ratschläge also mischen Sie sich nicht ein!

Jeder lebt so, wie er es will! Auch ich habe genügend an euch auszusetzen! Ich möchte schließlich auch mein eigenes Leben leben.

Petra presste dann immer die Lippen zusammen und schwieg. Was sollte sie auch gegen die kluge Oma Olga erwidern?

Und Johanna spürte, dass Oma jedes Mal gewonnen hatte. Und das tat ihr gut.

Der Mutter eher weniger…

Oma mischte sich nie in die Rolle als Schwiegermutter ein. Sie war klug und stellte auch Johanna nie gegen ihre Mutter auf, obwohl sie das Ungerechte ihres Verhaltens sehr wohl sah.

Einmal hatte Olga versucht, mit Michael zu reden: Was macht ihr nur mit dem Kind? Sie hat ja gar kein eigenes Leben. Alles ladet ihr Annemarie auf!

Die Antwort des Sohnes war kurz: Wir wissen schon, was wir tun!

Das hieß: Misch dich nicht ein, Mama. Und die Mutter schwieg.

So verging die Zeit. Die Töchter, dazwischen fünf Jahre Altersunterschied, wurden erwachsen. Mit zweiundzwanzig heiratete die hübsche Annemarie. Johanna, die kluge, schaffte es mit siebenundzwanzig nicht, mit ihrem Intellekt Herzen zu gewinnen.

Charisma hatte sie, klug war sie, hübsch auch aber mit den Männern klappte es einfach nicht.

Dann kam der Tag, an dem Oma Olga starb. Still und friedlich im Schlaf ein goldener Tod.

Das war, ehrlich gesagt, nicht unerwartet. Was dann aber geschah, überraschte alle: Oma hatte ein Testament hinterlassen nur auf Johanna.

Ja, nur auf die ältere Enkelin! Die Eltern waren absolut fassungslos: Wie konnte es sein, dass die Lieblings-Tochter Annemarie leer ausging? Unmöglich!

Sie hatte doch inzwischen einen Mann, zwei Kinder Annemarie hatte schon Zwillinge bekommen. Aber sie wohnten auf engstem Raum in einer kleinen Mietwohnung.

Und Johanna? Kein Haustier, kein Kind! Wozu braucht sie die Wohnung? Die kann doch ruhig weiter bei Mama und Papa leben! Hat sie es da etwa schlecht?

Du teilst doch mit der Schwester, oder besser noch: Gib Annemarie die Wohnung! Also schenk sie ihr zu Weihnachten, das steht doch bald bevor!

Ein schönes, gerechtes Zeichen wäre das. Die ganze Verwandtschaft versammelt sich wie jedes Jahr am 31. Dezember in Omas Wohnung und du stehst auf und sagst: Ich finde, die Wohnung steht Annemarie zu! Wem sonst?

Klingt doch nach einer tollen Idee, wie die Eltern fanden. Die reinste Großzügigkeit!

Was Annemarie betraf zumindest. Für Johanna gabs mal wieder: Nichts als heiße Luft, Kindchen!

Und Petra spielte das ganze Szenario im Kopf durch, schmückte es aus, schmiedete Pläne.

Bis Silvester musste Omas Wohnung entrümpelt werden alles raus, was nicht gebraucht wurde! Na ja, eigentlich alles, befand Petra. Vor allem die gehäkelten Tischdecken machten sie wütend…

Wem blieb das Aufräumen überlassen? Natürlich der älteren Tochter!

Ebenso musste sie Betten herrichten gefeiert werden sollte schließlich dort. So jedenfalls hatte es Petra bestimmt.

Das andere: ein schönes Festessen musste vorbereitet werden Silvester eben!

Menü und Aufgaben waren von Petra akribisch geplant und Johanna vorab mitgeteilt: Vergiss den Kaviar nicht Annemarie liebt ihn!

Und Geschenke für alle Johanna schenkte immer besonders schöne Geschenke! Meistens bekam sie zu Silvester einen Bonus. Den gab sie nie für sich selbst aus…

Und wer sollte sich bitte sonst um alles kümmern? Annemaries Kinder brauchen sie, ich arbeite schließlich! Und mein Gehalt ist viel niedriger als deins. Was willst du denn mit dem Geld?

Also unterstütze deine Familie! Das alles wurde Johanna mit vorwurfsvollem Unterton nahegebracht: Hättest übrigens selbst draufkommen können!

So lief es seit Jahren: seit Johanna arbeitete, feierte die Familie auf ihre Kosten früher aber zu Hause bei den Eltern. Doch immer war Johanna verantwortlich für alles.

Alle hatten sich daran gewöhnt: Ach, Johanna macht das schon. Was soll sie sonst tun?

Doch zum ersten Mal in ihrem Leben erkannte Johanna: Sie will weder die Wohnung herschenken noch das Fest für die Familie schmeißen.

Es ging nicht einmal ums Geld sie hatte einfach genug.

Schluss jetzt! Jahrelang tat sie alles und keiner sagte je Danke. Jetzt wurde das kostenlose Familienrestaurant geschlossen.

Außerdem zum allerersten Mal zeichnete sich etwas in Liebesdingen ab! Ein netter Kollege aus dem Büro war um sie bemüht, ein paar Mal waren sie schon ausgegangen.

Und Oskar hatte angedeutet, dass er Silvester gern mit ihr zusammen feiern würde. Und nicht nur das…

Noch gut ein Monat bis Weihnachten. Johanna entschloss sich, mit ihrer besten Freundin zu reden: Die kannte eine Maklerin.

Die Folge: Omas Altbauwohnung wurde verkauft, und mit dem Erlös kaufte sie eine kleine, frisch renovierte Wohnung mit großer Küche und guter S-Bahn-Anbindung. Sogar die Einbauküche blieb drin!

Mit dem Rest kaufte sie ein paar Möbel. Einen kleinen Betrag legte Johanna bei der Sparkasse an.

Mitgenommen hat sie nur Omas Bücher sie hätte sie nicht wegwerfen können. Den Rest holte ein Antiquitätenhändler ab die Oma hatte wirklich festgehaltene Schätze gesammelt.

Eine Woche vor Silvester war alles bezugsfertig. Am Abend des 30. Dezembers zog Johanna endgültig aus.

Die anderen dachten, sie sei bereits in Omas Wohnung, um das Fest vorzubereiten.

Hast du den Baum schon geschmückt? fragte die Mutter.
Der steht schon, erwiderte Johanna wahrheitsgemäß, denn gestern hatte sie mit Oskar geschmückt.

Und hast du guten Sekt besorgt? hakte Petra nach.
Ich denke schon! Oskar wollte den Sekt mitbringen.

Betten auch für alle vorbereitet?
Natürlich, Mama! Sie hatte alles vorbereitet aber nicht für die Familie, sondern für Oskar und sich. Diese Nacht würde für sie mehr bedeuten als nur Silvester…

Schön. Wir sind gegen acht da! Es soll alles fertig sein, damit wir gleich feiern können!

Da wurde Johanna klar: Sie hatte das einzig Richtige getan.

Danach lief alles wie in einem jener Witze aus dem Internet: Wir kommen gleich zu euch! Fahrt doch zu euch selbst…

Punkt acht trudelte die ganze feierwütige Verwandtschaft in Omas alter Wohnung ein. Sie erwarteten festlich gedeckten Tisch, Geschenke und Übernachtung alles sollte Johanna bereit haben! Und wie sie die Großfamilie dort unterbringen sollte, war ihr Problem.

In der besten aller Welten sollte Johanna zu Mitternacht feierlich erklären, sie übergebe die Wohnung Annemarie! Dann ein paar Höflichkeitsapplaus und fertig.

Nur diesmal kam alles anders: Der Schlüssel passte nicht mehr ins Schloss! Sie hatten noch Ersatzschlüssel von Oma.

Und als sie klingelten, öffnete ein ziemlich verschlafen wirkender, bärtiger Herr. Neben ihm ein riesiger, zotteliger Hund.

Der Typ sah aus wie ein Schauspieler auf dem Fasching sollte das eine Überraschung sein? Hatte Johanna Animatoren engagiert? Und wo kam der Hund her?

Der Animator trug ein gestreiftes Unterhemd und eine karierte Schlafanzughose aus den Fünfzigern, dazu Filzpantoffeln.

Was wollt ihr hier? brummte der Mann und fügte hinzu: Hör auf zu klingeln, sonst reiße ich dir noch die Hand ab! an Petra Wagner gerichtet.

Wer sind Sie denn überhaupt? fragte Annemaries Mann vorsichtig.

Ich bin der neue Mieter und ohne Mantel! ulkte der Typ, lallend, und lachte über seinen eigenen Witz. Sorry wegen meines Outfits, mein Frack ist leider noch in der Reinigung…

Man sagt, alle lassen zur Zeit ihre Fräcke putzen! Und dabei soll es uns so schlecht gehen.

Wo ist Johanna? wollte die Mutter mit brüchiger Stimme wissen.

Wer? fragte er erstaunt zurück.

Na, die junge Dame… Michael versuchte, eine Frauenfigur anzudeuten.

Ach, DIE! Jetzt verstand es der Fremde. Die ist fort!

Was heißt das fort? Wo soll sie denn hin, bitte? Unsinn! Michael war empört.

Na, ins neue Leben! Sie hat wörtlich gesagt: Ich ziehe jetzt ins neue Leben!

Ich bin jetzt der neue Besitzer dieser Wohnung sehr erfreut! Der Mann verbeugte sich leicht. Dann fügte er hinzu: Ach ja, sie hat gebeten, euch herzlich zu grüßen!

Ihr seid doch die Familie? Na, dann Grüße von Johanna! Sie meinte: Wenn die Familie kommt, Grüße also, hier sind sie!

So, damit bin ich dann raus Zeit, weiter zu feiern, ihr Lieben!

Und ihr solltet euch sputen, sonst verpasst ihr noch den Glockenschlag! Also, beeilt euch! Mein Hund Robert sieht das übrigens auch so!

Robert bellte leise.

Oh, fast vergessen! fuhr der Mann fort. Frohes neues Jahr allerseits!

Mit diesem freundlichen Abschluss schloss der neue Eigentümer die Tür.

Du bist wirklich unglaublich … sagte Petra Wagner zu Johanna, die sie per Handy erreicht hatte.

Ich hab dich auch lieb, Mama, flüsterte Johanna, beendete das Gespräch und ließ ihr altes Leben endgültig hinter sich. Ihr neues Leben versprach besser zu werden.

Manche müssen erst gehen, um sich zu finden. Und manchmal ist es wichtig, endlich an sich selbst zu denken denn niemand sonst wird es wirklich tun.

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Homy
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Die Wohnung der Schwester schenken? – Von wegen! „Du bist wirklich…“, sagte Frau Petermann streng. „Ich hab dich auch lieb, Mama“, antwortete Julia leise. Was muss eine Tochter tun, um für die Mutter… „die Richtige“ zu sein? Manchmal nichts – sondern einfach aufhören, der anderen, immer bevorzugten Tochter zu helfen. Schließlich gibt es in jeder Familie jemanden, der geliebter ist als die anderen… Und das war natürlich nie Julia. Schon seit der Geburt von Alina war klar: „Gib nach – du bist doch die Ältere! Das Kleine braucht’s mehr, für sie ist’s wichtiger, bequemer, besser – such’s dir aus.“ Und Julia gab immer nach. Sie liebte ja ihre kleine, etwas hilflose Schwester! Hilflos? Na ja, weil Alina nie etwas alleine geschafft hat – immer musste ihr jemand helfen: die Eltern, oder eben Julia. Alle sprangen sofort für sie. Oder wie Oma Olga sagte „kIedelten gleich los“. Im Gegensatz zu anderen liebte die alte Dame ihre ältere Enkelin mehr. Sie meinte, die Eltern würden Julia nicht fair behandeln. Und außerdem waren sie überzeugt: Die Jüngere ist viel hübscher als ihre Schwester, „so eine hübsche Puppe, ganz anders als du!“ Ja, das hat ihre Mutter Julia eines Tages wirklich so direkt ins Gesicht gesagt: „Und dich kann man halt einfach nicht lieben, Punkt!“ Und das, obwohl Julia hervorragend in der Schule war und keinen Ärger machte. Während der Kleinen bis fünfzehn der Zucker in den Tee gerührt wurde… Julia fuhr am liebsten zu Oma: Dort war alles gut und geborgen. Das hat man eben an Orten, wo man einen wirklich mag. Oma Olga wohnte in einer großen 2-Zimmer-Wohnung in Berlin-Charlottenburg. Die hatte noch ihr Mann, Opa Peter, bekommen, als er damals im Siemens-Werk arbeitete. Da wurde Julias Vater Arne geboren und groß – und dahin brachte er später auch seine Frau Alla. Irgendwann nahmen Arne und Alla einen Kredit auf und zogen endlich in die eigene Wohnung. Omas Wohnung war voll mit „ihrem guten Zeug“, wie sie ihre Schätze nannte. Die Mutter schimpfte nur: „Alles Gerümpel!“ Es roch nach Büchern und Gewürzen. Überall lagen gehäkelte Deckchen, von Oma handgemacht. Alle Geräte alt, aber noch funktionstüchtig: „Früher war Qualität eben selbstverständlich!“ „Schmeiß doch das alles raus, dann hast du’s leichter mit dem Putzen!“, meckerte Alla jedes Mal. „Mir fällt das Putzen auch so nicht schwer. Das ist mein Leben! Ich misch mich doch auch nicht in euer Leben ein! Dann lasst mich einfach machen!“ Die Mutter schwieg, gegen Oma hatte sie nie eine Chance. Julia merkte jedes Mal, wie gut das Gefühl war, wenn Oma ihre Mama „besiegte“. Für Mama war das… weniger schön. Oma mischte sich nie in irgendwelche Angelegenheiten ein. Sie kritisierte ihre Schwiegertochter nicht – dabei wusste sie natürlich genau, wie unfair vieles in dieser Familie lief. Oma Olga versuchte mit Arne zu reden: „Was habt ihr eigentlich mit dem Mädchen vor? Ihr hängt alles auf Julia ab!“ Doch sein einziges Kommentar: „Wir regeln das schon!“ Damit war das Gespräch beendet. Die Zeit verging. Zwischen den beiden Schwestern lagen fünf Jahre. Mit 22 heiratete die hübsche Alina. Julia war 27, klug, sympathisch, kein Kind von Traurigkeit – aber an Männern ging trotzdem immer irgendwas schief. Dann starb Oma Olga. Ganz sanft, im Schlaf. Wie sie es sich gewünscht hatte. Was jedoch niemand erwartet hatte: Oma hatte ein Testament gemacht. Alles ging an Julia. Nur an Julia! Die Eltern waren fassungslos – wie bitte? Die geliebte Alina geht leer aus? Unfassbar! Alina hatte inzwischen Mann, Zwillinge und wohnte mit der Familie zur Miete. Julia hatte niemanden, kein Haustier, kein Kind – wozu also ihr eine Wohnung?! Die sollte sie doch gleich der Schwester schenken! Am besten, sie überreicht Alina die Wohnung direkt als Neujahrsgeschenk – wie großherzig. Der Plan: Die ganze Familie feiert Silvester in Omas alter Wohnung. Julia richtet das Essen, macht alles schön, dann steht sie auf und sagt: „Ich schenke die Wohnung Alina, das ist am fairsten!“ Großartige (eigentlich königliche) Idee, fanden die Eltern. Julia sollte die Wohnung bis dahin entrümpeln – alles raus, als Erstes natürlich die verhassten Häkeldeckchen! Selbstverständlich organisiert Julia auch Essen, Geschenke, Schlafplätze für alle – so wie sie es jedes Jahr gemacht hat. Doch diesmal beschließt Julia: Das war’s! Keine Wohnung für die Schwester, kein Familienfest auf ihre Kosten. Sie hat jemanden kennengelernt – Oleg, ein netter Kollege. Er möchte Silvester nur mit ihr feiern! Zum ersten Mal wird Julia an sich selbst denken. Mit einer Freundin und deren Bekannten, einem Makler, verkauft Julia die 2-Zimmer-Wohnung. Sie kauft sich von dem Geld eine Einzimmerwohnung mit großer Küche in Berlin – renoviert, möbliert und direkt an der U-Bahn! Kurz vor Silvester zieht Julia aus. Die Familie glaubt noch, Julia sei in der alten Omi-Wohnung und macht alles für sie bereit. „Hast du den Baum schon geschmückt?“, fragt Mama. „Hab ich“, lügt Julia – tatsächlich hat sie gemeinsam mit Oleg geschmückt. „Hast du guten Sekt?“ „Klar!“ (Den bringt Oleg mit.) „Sind genügend Betten für alle gerichtet?“ „Natürlich, Mama.“ Am Silvesterabend fährt die Familie zu Omas alter Wohnung und wähnt sich im Glück. Doch der Schlüssel passt nicht. Und statt Julia öffnet ein bärtiger, schlecht gelaunter Typ, der in Unterhemd und langen schwarzen Uroma-Schlafhosen mit einem riesigen Hund dasteht. „Was wollt ihr hier?“, knurrt er. „Gleich haut’s was!“ „Wer sind Sie überhaupt?“, fragt Alinas Mann leise. „Ich? Ich bin der neue Bewohner! Sorry, hab’s Smoking nicht mehr aus der Reinigung bekommen, Silvester und so…“ „Und Julia?“ fragt Mama ängstlich. „Ach, die! Die ist weg. Hat gesagt, sie zieht in ein neues Leben!“ Die Familie steht ratlos da. „Und was heißt das?“ „Heißt: Sie hat aus- und ich bin eingezogen! – Ach ja, sie schickt Grüße. Hat gesagt: Wenn die Bagage kommt, schöne Grüße ausrichten und dann ab nach Hause!“ Der neue Besitzer klappt die Tür zu. Die Familie bleibt draußen – und merkt, dass Julia es diesmal wirklich ernst meint. „Du bist wirklich …“, sagt Alla zu ihrer Tochter am Telefon. „Ich hab dich auch lieb, Mama. Frohes Neues Jahr!“ Und Julia ging – diesmal wirklich – in ein neues Leben. Eines, auf das sie sich endlich freuen konnte.
Der Besitzer ließ einen Obdachlosen in seinem geschlossenen Restaurant wohnen, bis es verkauft wurde. Wegen ihr scheiterte der Deal.