Mama, darf ich dir Annika vorstellen, sagte Johannes etwas verlegen und zeigte auf die junge Frau, die er zu so später Stunde mit nach Hause brachte.
Guten Abend, erwiderte Margarete mit missmutigem Blick auf die unerwartete Besucherin. Welch ein reizender Zeitpunkt für eine Vorstellung! In fünf Minuten ist Mitternacht
Ich habe Johannes wirklich gesagt, dass es schon zu spät ist, verteidigte sich Annika sofort, aber hört er auf mich? Der ist richtig stur!
Clever gemacht, dachte Margarete bitter. Sie rechtfertigt sich und macht ihn zum Tyrannen. Sympathisch ist die mir nicht.
Kommt rein, seufzte sie schließlich und verzog sich ohne weitere Worte in ihr Schlafzimmer.
Was hätte sie auch tun sollen? Ihren einzigen Sohn mitten in der Nacht vor die Tür setzen? Wegen einer Fremden? Wenn die beiden zusammenleben wollten bitte! Eine Mutter ist schließlich dazu da, ihren Sohn zu beschützen und ihm die Augen zu öffnen. Und Margarete würde das auch erledigen. Johannes würde seine Freundin zurückschicken, dahin wo sie herkam, und das ohne Gewissensbisse. Es würde ihm sicher sogar Erleichterung bringen!
Die ganze Nacht grübelte Margarete über einen Plan, Annika aus der Wohnung zu vertreiben.
Nicht, dass sie grundsätzlich gegen eine Hochzeit von Johannes gewesen wäre. Mit dreißig wurde es auch langsam Zeit, dass er eine Familie gründete.
Aber nicht mit DER!
Erstens viel zu jung. Keine Stabilität im Kopf, das sah man doch.
Soll das eine Ehefrau sein? Eine Mutter? Eine gute Hausfrau?
Und dann dieses Auftreten: taucht mitten in der Nacht auf, nicht einmal eine richtige Entschuldigung auf den Lippen! Sie hatte auch noch die Frechheit, ohne Grund ihren geliebten Sohn zu beschuldigen
Und dann bleibt sie einfach über Nacht!
War das jetzt das erste Mal oder schon Routine?
Wie dem auch sei Margarete mochte sie einfach nicht.
Und deshalb würde Johannes auch bald Abstand nehmen.
Warum noch Zeit verschwenden?
Doch ihr Plan erwies sich als unnötig.
Annika lieferte am nächsten Morgen selbst genug Gründe, die Sache zu klären.
Das erste Warnsignal kam gleich zum Frühstück.
Sie verschwand eine ganze Stunde im Bad.
Johannes lief in der Wohnung herum und wurde immer ungehaltener.
Was ist los, mein Schatz? fragte Margarete in übertrieben fürsorglichem Ton. Die junge Dame macht sich hübsch, um dir zu gefallen
Aber ich muss zur Arbeit!
Dann klopf an die Tür und erklär ihr, dass sie nicht alleine ist, schlug seine Mutter vor.
Das wär unangenehm, murmelte er. Wir reden später darüber. Und du, Mama kommst du nicht zu spät?
Ich? Ach nein, ich bin längst fertig. Schau, ich habe Pfannkuchen gemacht. Komm, frühstück mit mir.
Ich konnte mich ja noch nicht mal waschen!
Dann machst du das eben später, meinte sie. Jetzt iss erst mal, du brauchst Energie für den Tag.
Johannes setzte sich an den Tisch.
In diesem Moment kam Annika mit einem Handtuch um den Kopf, strahlend, aus dem Bad.
Endlich! rief Johannes, stürzte zum Spiegel und begann sich rasch zu waschen und zu rasieren, schlang einen Pfannkuchen in drei Bissen herunter und rief schon an der Tür
Bis später! Ich hoffe, ihr versteht euch gut.
Johannes! rief Annika ihm nach. Du wolltest heute mit mir meine Sachen holen!
Machen wir. Nach Feierabend. Lass dich nicht langweilen! Seine Stimme hallte schon die Treppe hinunter.
Margarete schloss ab, drehte sich zu Annika um und fragte scharf:
Hast du kein Schamgefühl?
Nein, sagte die junge Frau lächelnd. Sollte ich?
Johannes kommt deinetwegen zu spät zur Arbeit!
Ach was, er nimmt bestimmt ein Taxi. Keine Sorge, alles wird gut.
Wie dem auch sei, merke dir eins: Du bist hier nicht allein. Wenn du das Bad morgens eine Stunde blockieren willst, steh früher auf. Zum Glück habe ich heute frei.
Es wird nicht wieder vorkommen, sagte Annika einfach. Entschuldigung.
Margarete war sprachlos. Sie hatte mit einem Krach gerechnet, stattdessen
Na gut, brummte sie und ging ins Bad.
Das erste, was ihr auffiel, war eine neue Tube Zahnpasta angebrochen, obwohl die alte noch fast voll war.
Annika, warum hast du eine neue Zahnpasta angefangen?
Ich mag meine lieber.
Ich hoffe, du bringst deine eigene mit? Und Shampoo?
Natürlich, Frau Stein
Und Handtücher!
Die bringe ich mit
Annika ließ sich von keinem Streit provozieren. Sie nickte höflich, gab Versprechen ab und machte sich kleine Notizen über künftige Pflichten.
Schließlich griff Margarete direkt an.
Warum bist du überhaupt hier?
Johannes und ich, wir lieben uns
Dass du ihn liebst, seh ich. Aber ich versteh nicht: Was findet er an dir?
Ich habe ihn nie gefragt
Und deine Eltern?
Meine Mutter arbeitet in einer Schneiderei. Schneiderin.
Und dein Vater?
Den habe ich nie kennengelernt.
So so. Ein Kind ohne Vater. Wie willst du mal eine gute Ehefrau für meinen Sohn werden?
Ich gebe mein Bestes
Das nützt dir nichts. Mein Sohn liebt dich nicht. Er glaubt es nur. Ich kenne ihn! Er wird dich nie heiraten! Warum auch du bist ihm längst zu Füßen.
Doch, er liebt mich, flüsterte Annika mit zitternder Stimme. Das weiß ich.
Du machst dir was vor. Glaubst du, du bist die Erste?
Nein aber das ist egal
Egal? In einer Woche langweilt er sich mit dir! Du bist ihm nicht gewachsen! Schon mal was von Intelligenz gehört?
Ja. Aber hier passt das Wort wohl kaum.
Und warum nicht?
Ich habe einen Hochschulabschluss.
Und? Hör zu, Mädchen, geh nach Hause. Hier gehörst du nicht her. Ich sag dir das den ganzen Morgen, aber du hörst nicht.
Gut, ich werde gehen. Aber was sagen Sie Johannes? Ihm wird das nicht gefallen.
Das soll dich nicht kümmern! Geh einfach und komm nicht wieder. Du bist hier nicht willkommen.
Margarete erschrak selbst über ihre Härte. So etwas hätte sie nie für möglich gehalten. Die Worte sprudelten bitter aus ihr heraus.
Und Annika?
Die junge Frau schaute sie an, völlig verständig.
Ihre Mutter war einfach nur eifersüchtig. Sie kannten sich kaum, und schon gärte die Feindschaft. Und das war erst der Anfang
Da knallte die Wohnungstür: Johannes kam früher als gedacht zurück.
Schon wieder da? fuhr Margarete auf, die wollte Annika längst loswerden, bevor er wieder auftauchte.
Man hat mich gehen lassen! rief er fröhlich. Ich habe gesagt, es geht um Familie. Hörst du, Annika? Familie!
Und was soll das heißen? fragte Margarete grimmig.
Wir gehen aufs Standesamt und melden unsere Partnerschaft an, dann holen wir deine Sachen! Annika, mach dich fertig! Margarete wurde heiß ums Herz ihr wurde klar, dass sie mehr als nur einen kleinen Kampf verloren hatte: Vielleicht hatte sie ihre Chance verschenkt, eines Tages Oma zu werden.
Ich habe an diesem Tag gelernt, dass man Loslassen lernen muss. Manchmal muss man seinen Kindern ihr Glück selbst suchen lassen, auch wenn es anders aussieht, als man sich selbst gewünscht hätte.




