Niemand braucht sie. Heute ist ihr siebzigster Geburtstag, doch weder ihr Sohn noch ihre Tochter sind erschienen.
Brunhilde saß auf einer Bank im kleinen Park neben dem Altenheim in der Nähe von Hamburg und ließ die Tränen fließen.
Heute war ihr siebzigster Geburtstag, und dennoch hatte keines ihrer Kinder den Weg zu ihr gefunden. Nur eine Kollegin von der Station gratulierte ihr herzlich, überreichte ihr sogar ein kleines Päckchen, während eine Pflegerin ihr einen Apfel reichte. Das Altenheim war ordentlich, jedoch war das Personal meist abweisend und zeigte nur selten echtes Interesse. Allen war bewusst, dass die Senioren von ihren Kindern hierhergebracht wurden. Brunhilde schien auch so ein Fall ihr Sohn hatte sie vor zwei Jahren ins Heim gebracht, angeblich, damit sie sich erholen und neue Kraft schöpfen könne, aber in Wahrheit hatte sie nach Ansicht der Schwiegertochter einfach zu sehr gestört. Einst gehörte Brunhilde die Wohnung in Altona ganz allein, doch auf Drängen des Sohnes schrieb sie ein Übergabedokument mit der Zusicherung, dass sie wie zuvor darin wohnen dürfte.
Doch es kam anders. Kaum war alles unterschrieben, zog ihr Sohn samt Schwiegertochter und Kindern in die Wohnung, und der tägliche Kleinkrieg begann die Schwiegertochter war unzufrieden, kochte schlecht, hinterließ Unordnung im Bad und kritisierte an Brunhilde herum. Anfangs stellte sich der Sohn noch schützend vor seine Mutter, doch irgendwann verstummte er und fing selbst an zu brüllen. Bald merkte Brunhilde, dass ihre Familie tuschelte; sobald sie einen Raum betrat, wurde es still. Eines Morgens kam der Sohn mit belegter Stimme und meinte, sie müsse sich ausruhen eine kleine Kur, das täte ihr gut. Brunhilde sah ihm in die Augen und fragte mit Bitterkeit:
“Bringst du mich ins Heim, mein Sohn?”
Er wurde rot, stammelte und erwiderte:
“Nein, Mama, das ist doch nur ein Erholungsheim. Ein Monat, dann holen wir dich wieder ab.”
Er brachte sie hin, unterschrieb hastig die Unterlagen, versprach, bald wiederzukommen und verschwand, ohne ihr Gehör zu schenken. Inzwischen lebte sie schon im zweiten Jahr hier. Nach dem ersten Monat hatte sie den Mut, zu Hause anzurufen es meldeten sich Fremde, und sie erfuhr, dass ihr Sohn die Wohnung längst verkauft hatte. Wo er hingezogen war, wusste niemand. Nächtelang weinte Brunhilde, sie erkannte, dass sie nie wieder in ihr altes Leben zurückkehren würde. Am meisten schmerzte, dass sie für das Glück ihres Sohnes ihr Verhältnis zur Tochter geopfert hatte.
Brunhilde war auf einem kleinen Hof im Schwarzwald geboren und hatte dort auch den Schulfreund Wilhelm geheiratet. Sie betrieben gemeinsam einen Bauernhof mit großem Stolz. Eines Tages kam ein Bekannter aus München zu Besuch und pries das Leben in der Großstadt gut bezahlte Arbeit, sofortige Wohnung. Sie verkauften alles, zogen mit Sack und Pack nach München.
Und tatsächlich bekamen sie eine Wohnung, Möbel und sogar einen alten VW-Käfer. Doch schon wenige Monate später hatte Wilhelm einen schweren Unfall mit dem Wagen und starb. Nach der Beerdigung blieb Brunhilde allein mit ihren zwei Kindern zurück. Um über die Runden zu kommen, putzte sie nach Feierabend die Treppen in Mietshäusern.
Sie war überzeugt, die Kinder würden sie später unterstützen. Doch es kam anders. Der Sohn geriet an fragwürdige Bekannte, und Brunhilde musste sich Geld leihen, um ihn vor ernsten Problemen zu bewahren; es dauerte zwei Jahre, bis sie alles abbezahlt hatte. Die Tochter heiratete, bekam ein Kind, alles schien gut, bis das Enkelkind schwer erkrankte. Brunhilde gab ihren Job auf, nachdem die Ärzte lange keine Diagnose fanden. Erst nach vielem Warten konnte das Kind in einer Spezialklinik behandelt werden, die Warteliste war endlos. Während der vielen Krankenhausaufenthalte ließ sich der Mann ihrer Tochter scheiden, ließ zumindest die Wohnung zurück. Im Krankenhaus lernte die Tochter einen Witwer kennen, auch er hatte eine schwer kranke Tochter. Die beiden verstanden sich gut, zogen zusammen und fanden ein kleines Glück.
Fünf Jahre später wurde der neue Lebensgefährte schwer krank, brauchte dringend Geld für eine Operation. Brunhilde, die etwas Geld gespart hatte, wollte dies ursprünglich als Anzahlung für eine Wohnung des Sohnes zurücklegen, aber als die Tochter um Unterstützung bat, lehnte Brunhilde ab schweren Herzens entschied sie, das Geld lieber dem Sohn vorzubehalten. Die Tochter war zutiefst enttäuscht, sprach beim Abschied bittere Worte: Sie sei nicht mehr ihre Mutter, sie solle sich nie mehr melden, wenn sie in Not gerate.
Wüsste Brunhilde damals, was sie heute weiß sie hätte vieles anders gemacht. Aber die Vergangenheit lässt sich nicht zurückdrehen. Sie stand langsam auf, schlurfte in ihr Zimmer zurück.
Plötzlich hörte sie:
“Mama!”
Ihr Herz schlug wild. Langsam drehte sie sich um da stand ihre Tochter, Gisela. Ihre Knie wurden weich, beinahe wäre sie gefallen, doch Gisela kam ihr entgegen und fing sie in den Armen auf.
Ich habe dich endlich gefunden Mein Bruder hat mir deine Adresse nie geben wollen. Ich habe ihm mit einer Klage gedroht, weil er die Wohnung rechtswidrig verkauft hat.
Gemeinsam gingen sie ins Haus und setzten sich aufs kleine Sofa.
Es tut mir leid, Mama, dass ich mich so lange nicht gemeldet habe. Zuerst war ich verletzt, dann habe ich es nur noch hinausgezögert, irgendwann war da nur noch Scham. Aber vor einer Woche hatte ich einen Traum: Du bist durch den dunklen Wald gelaufen und hast bitterlich geweint. Da bin ich aufgewacht, mein Herz so schwer wie nie. Ich habe alles meinem Mann erzählt er sagte, ich solle dich holen und alles wieder gut machen. Als ich ankam, wohnten schon Fremde in deiner alten Wohnung. Aber jetzt weiß ich, wo du bist. Mach dich fertig, du kommst mit uns. Weißt du, was für ein Haus wir haben? Riesengroß, direkt an der Ostsee. Mein Mann sagt: Wenn deiner Mutter etwas fehlt, dann bring sie zu uns.
Tränen der Erleichterung und Freude strömten über Brunhildes Gesicht, sie drückte Gisela fest an sich diesmal waren es Tränen des Glücks.





