Oma hat unserem Vater immer so wehgetan, wie sie nur konnte, und wir Kinder haben diese Einstellung stets zu spüren bekommen.
Wenn mein kleiner Bruder und ich alleine mit unserer Großmutter waren, sei es an Wochenenden oder während der Sommerferien in ihrer Wohnung in München, lauschten wir stundenlang ihrem Gerede über die Nachbarn, alten Geschichten aus ihrer Jugendzeit in Bayern und vor allem ihren endlosen Klagen über unseren Vater, ihren Schwiegersohn. Für sie war unser Vater nach der Hochzeit angeblich nicht mehr derselbe Mensch.
Noch keine fünfzig und schon lichtes Haar! Und erst dieser Bauch! Wie kannst du ihn dir nur ansehen, Annalena? Hoffentlich wirst du ihm nie ähnlich!
Sein Äußeres war jedoch bei weitem nicht ihr einziges Thema. Oma mochte auch nicht, dass er so viel arbeitet, nicht alles Mögliche erlaubt oder meiner Mutter mal widerspricht. Weil wir nicht jedes Jahr an die Ostsee fahren, meinte sie, Papa kümmere sich nicht richtig um uns. Im Gegensatz dazu war unsere Mutter, die nicht ständig arbeitete und sich für allerlei, für uns meist unverständliche, Fortbildungskurse anmeldete, immer perfekt in Omas Augen auch wenn Papa ihr das Geld dafür gab. Aber über Mama wurde nie geschimpft, es ging immer nur um ihn.
Meiner Meinung nach ist mein Vater großartig. Uns fehlt es an nichts, wir leben ziemlich gut, und trotzdem findet Oma immer einen Grund, um auf Papa wütend zu sein. Jetzt mit sechzehn verstehe ich ihre Anspielungen, doch mein Bruder ist erst acht Jahre alt und nimmt Omas Worte wortwörtlich. Ich frage mich manchmal, ob er wegen Omas Gerede später Groll gegen Papa entwickelt.
Was gibts da zu lieben? Dein Vater hat keinen Handschlag getan, um die Wohnung zu kaufen, in der ihr wohnt! Ohne deinen Opa und mich könntet ihr gar nicht hier leben, ihr würdet doch zur Miete wohnen! Ihr solltet euch mal dankbar zeigen, dass wir so viel für euch tun! Und weißt du, wie es mit den anderen Großeltern aussieht? Die haben sich scheiden lassen, neue Familien gegründet und wohnen irgendwo am Bodensee. Ich bin die Einzige, bei der ihr noch bleiben könnt! so zog Oma oft vom Leder.
Papa hat diese Vorwürfe von seiner Schwiegermutter schon häufig anhören müssen. Als wir kleiner waren, sind mein Bruder und ich immer zu ihm gegangen, um ihn zu trösten, und eigentlich machen wir es heute noch. Oma müht sich nach Kräften, sein Selbstbewusstsein zu schwächen und ihn für uns weniger wichtig erscheinen zu lassen. Aber wir halten immer zu ihm. Wenn wir also die Wahl haben, sie zu besuchen oder einfach zu Hause mit Papa zu bleiben, entscheiden wir uns meistens für Zuhause. Oma ist gekränkt und beklagt sich dann bei Mama, dass wir angeblich den Kontakt zu ihr vermeiden. Dabei merkt sie gar nicht, weshalb uns der Umgang mit ihr so schwerfällt.
Ich frage mich, ob Oma jemals begreifen wird, dass sie mit all den Sticheleien gegen unseren Vater auch uns sehr weh tut.




