Handwerker auf Zeit
Der Vater von Lorelei war ganz plötzlich gestorben. Einfach so für alle unerwartet. In nur drei Monaten hatte ihn diese verdammte Krankheit dahingerafft. Aber er hatte bis zum letzten Atemzug gekämpft. Sein größter Traum war es gewesen, seine einzige Tochter glücklich verheiratet zu sehen.
Leider sollte dieser Wunsch unerfüllt bleiben. Loreleis Vater starb im Winter, kurz nach Weihnachten.
“Wenigstens hat er ihrer Tochter das Fest nicht für immer verdorben”, tuschelten die Nachbarn mitfühlend und schüttelten die Köpfe.
Sein Traum sollte sich nicht mehr erfüllen, denn Lorelei hatte niemanden von diesem unschlüssigen Online-Bewerber abgesehen, mit dem sie seit Jahren eher lustlos Nachrichten austauschte. Über ein, zwei Treffen pro Monat ging es nie hinaus. Ihr Vater wusste also, dass er sein Kind ganz allein auf dieser Welt zurückließ.
Loreleis Mutter hatte sie und den Vater verlassen und war schon während ihrer Kindheit nach Italien gezogen, um dort zu arbeiten. Anfangs schickte sie noch Geld, Spielsachen und Leckereien aus dem sonnigen Florenz für ihr liebstes Töchterchen, aber irgendwann wurden die Päckchen und Briefe immer seltener. Das letzte Mal hörte Lorelei mit zehn Jahren von ihrer Mutter: Im Abschiedsbrief schrieb sie, sie habe ihr Glück gefunden und lebe nun bei ihrem italienischen Ehemann Lorenzo auf einem Landsitz außerhalb der Stadt. Sie bat Loreleis Vater, ihr nicht mehr zu schreiben, weil ihr Mann so eifersüchtig war. Lorelei und ihr Vater mögen ihr bitte verzeihen und verstehen, dass sie ihnen keine Briefe und Geschenke mehr schicken könne.
“Immerhin ist das Kind nicht allein, sondern hat noch seinen Vater. Der soll für sie sorgen, statt auf das Geld einer Frau zu warten”, stand im Brief.
Loreleis Vater hatte nie etwas von ihr verlangt. Zusammen schlugen sie sich so gut es ging durch. Er arbeitete mal als Elektriker, mal als Installateur, mal als Bauhelfer obwohl er eigentlich studiert hatte. Aber für Lorelei sorgte er. Sicher, es fehlte an Luxus, aber das Nötigste hatte sie immer. Klagen war nicht angebracht. Oft verzichtete er auf kleine Dinge wie ein neues Paar Schuhe oder Kleidung. Wozu auch, so wie er arbeitete?
“Installateure gehen nicht im Anzug auf Baustelle”, sagte er immer zu der erwachsenen Lorelei, wenn sie ihm Pullover oder eine Ledergeldbörse schenkte. Und drückte ihr das Geschenk wieder in die Hand.
“Gib das deinem Mann irgendwann. Dem wird es gefallen. Ich wühle mich bei der Arbeit lieber im alten Kram durch die Rohre.”
Wie die vierzig Tage nach seinem Tod vergingen, kann Lorelei kaum sagen. Alle Tage verschwimmen. In der Kirche ließ sie eine Messe für ihren Vater lesen und ging dann zu Fuß nach Hause.
Sie vermisste seine Gespräche, die Zeichentrickfilme, die sie zusammen schauten längst, nachdem Kindheit vorbei war; seine Unterstützung und Fürsorge. Zum Beispiel, wenn er nach Feierabend immer mit seinem alten klapprigen Opel vor ihrem Büro wartete, damit seine einzige Tochter nicht im Regen nasse Füße bekam.
Draußen dämmerte es, kalter Regen fiel, unter den Füßen quetschte nasser, schmutziger Schneematsch. Kurz vor dem Haus sah Lorelei im grauen Dunst des Winterabends einen winzigen orangefarbenen Lichtpunkt. Sie ging darauf zu da saß ein winziges, zitterndes, rot-weißes Kätzchen. Es fror und miaute leise vor dem Mehrfamilienhaus, in dem sie wohnte.
“Wieder hat jemand ein Tier ausgesetzt”, schoss es Lorelei schmerzlich durch den Kopf.
Das Kätzchen blickte sie an und sie wusste, lässt sie es hier, bedeutet das seinen sicheren Tod. Noch einen Verlust wollte Lorelei nicht verkraften. Behutsam hob sie das nasse, zitternde Häufchen Elend hoch und legte es unter ihren warmen Mantel. Das Kätzchen begann sofort zu schnurren und stupste sie sanft mit der Nase.
“Hast du Hunger?”, fragte sie.
Das Tier sah sie mit so klugen Augen an, dass ihr eine Gänsehaut überlief. Sie beruhigte sich selbst: “Das ist der Hunger. Wer leben will, findet ganz neue Blicke.”
Mit dem Kätzchen war es nicht mehr ganz so trostlos in der leeren Wohnung.
“Besser, als allein zu sein”, entschied Lorelei und stellte ein Schälchen für das Kätzchen hin, während sie ihren Lieblings-Animationsfilm anschaltete den, den sie mit ihrem Vater hundert Mal gesehen hatte.
Doch das Tier stürzte sich entgegen ihrer Erwartung nicht auf das Futter. Es drehte den Kopf zum Fernseher und beobachtete gebannt die Szene. Seine Augen hingen an der Lieblingsfigur. Also schob Lorelei den Napf näher, sodass das Kätzchen gleichzeitig essen und zuschauen konnte. Zufrieden begann es zu schmatzen.
“Fast wie Papa”, schoss es ihr für einen Moment durch den Kopf, “und es sieht ihm auch richtig ähnlich.”
Bei näherem Hinsehen entdeckte sie, dass die roten Flecken auf den Backen wie Sommersprossen wirkten genauso wie bei ihrem Vater. Hinter dem Ohr war ein großes rotbraunes Mal, in derselben Form wie Papas Muttermal. Die riesigen grau-blauen Augen erinnerten sie ebenfalls an ihn. Für einen Moment wurde ihr schwermütig, aber als vernünftige, nicht abergläubische Frau verscheuchte sie die düsteren Gedanken. Müde vom Tag, aß sie etwas und schlief ein zusammen mit dem Kätzchen, das sich wie eine kleine Flamme an sie schmiegte.
***
Wie sich zeigte, war das Sterben gar nicht so schlimm. Viel schlimmer war das Wissen um die unerledigten Dinge und die wichtigste davon war seine Tochter! Wie sollte er in Frieden gehen, wenn Lorelei nun ganz allein in der Welt war? Sie mag stark gewirkt haben, aber er kannte seine Kleine. In Wahrheit braucht sie Rückhalt, eine Schulter, gerade jetzt, da sie niemanden mehr hat.
Und Enkel wollte er sehen! Das war sein Traum mit kleinen Lausbuben zu spielen, ihnen Geschichten zu erzählen, sie in kleinen Handwerksdingen zu unterweisen. Aber es hatte nicht sein sollen
Der letzte Atemzug war getan, endlich Linderung. Plötzlich überkam ihn ein Gefühl, leichter zu sein als Luft. Leicht und frei. Über ihm drehte sich ein Strudel aus Licht und Wärme. Wie ein Tornado zog er ihn irgendwohin. Alles war Licht, Liebe, göttliches Lächeln, das die Seele wärmte. Es war, als sei alles Lebendige Bäume, Steine, Luft, Himmel, Erde, Sterne und jede Materie eins, verbunden in Gottes ewiger Liebe. Und Teil davon war auch er selbst, nur eine Zelle in diesem unendlichen Organismus.
Er wusste nicht, woher dieses Wissen kam, aber nie zuvor war ihm so wohl und sicher gewesen. Doch plötzlich erinnerte er sich an Lorelei. Ihr Gesicht tauchte vor seinem inneren Auge auf. Nein, nur ins Licht zu gehen wäre zu egoistisch. Er hatte seine Tochter nie allein gelassen, also auch jetzt nicht.
“Ich muss zurück!” entschied er.
Mit einem Mal war das Licht fort, als hätte jemand den Schalter umgelegt. Im nächsten Augenblick stand er in einem alten Garten genauso, wie er ihn aus seiner Kindheit kannte, und doch war alles ein wenig anders. Da war das Fachwerkhaus der Großeltern, der Gemüsegarten am Zaun, der Apfelbaum alles im sanften Schein der untergehenden Abendsonne. Dort kam ihm auch schon seine verstorbene Mutter und sein Vater entgegen. Und Verwandte, die er seit Jahren nicht gesehen hatte. Am Brunnen war eine seltsame Teichstelle, die er nie zuvor bemerkt hatte. Und darauf wartete eine Warteschlange von Leuten.
“Einiges ist hier neu”, verstand er. “Was tun die da? Angeln? Baden sie?”
Er winkte seiner Familie. Die Eltern sahen nicht aus wie früher in ihren letzten Tagen, sondern jung und frisch. Die Großmutter deckte gemächlich einen Tisch im Garten.
“Schön, euch zu sehen! Wie gehts euch hier? Gibts Neues?”
“Nicht schlecht, mein Junge”, wischte die Oma sich mit dem Taschentuch die Stirn, obwohl sie gar nicht schwitzte.
“Die Sonne sollte doch schon untergegangen sein”, dachte er, aber schnell vergaß er das wieder.
“Warum habt ihr nie gemeldet, dass es euch gut geht?”
Der Opa grinste.
“Schlechte Verbindung hier. Seit dem Anschluss damals ist immer irgendwas kaputt mal im Reparatur, mal besetzt. Zu Feiertagen geht’s mal durch. Beschweren tun wir uns nicht. Passt schon alles.”
“Lebt ihr alle zusammen?”
“Ach wo! Das ist heute wegen deines Besuchs. Jeder hat seinen eigenen Hof. Nur der Onkel Herbert schaut ein bisschen runtergekommen aus, aber seine Frau soll bald kommen. Die Ordnung bringt sie schon mit. Und da Cousin Franz, hat sich mit seiner neuen Nachbarin eingelassen, und die haben gleich heimlich geheiratet. Und der alte Onkel Heinrich ist an den Teich.”
“Abgesoffen?”, fragte er entgeistert.
“Quatsch. Ins Wasser gestiegen und abgetaucht, weg ist er.”
Der Mann runzelte die Stirn.
“Wo kommt der Teich her? Den habe ich nie gesehen.”
“Stimmt gabs nie früher. Komm, ich zeigs dir.”
Sie gingen durch den Garten, am Teich sah alles aus wie ein schwarzes Loch, tief ohne Ufer. Das Wasser war eisig, aber nicht unangenehm. Es roch nach Reinigung und Stärke. Die Leute standen Schlange, einer nach dem anderen tauchte im Wasser unter und keiner kam wieder hoch, aber es störte keinen.
“Opa, warum kommen die nicht wieder an die Oberfläche?”
Lange antwortete der Großvater nicht.
“Das ist die Tür, mein Junge. Wer zurück will ins Leben, steigt ins Wasser.”
“So einfach? Man kann wieder auferstehen?”
“Nicht auferstehen aber zurückkehren. Jeder muss früher oder später ins Wasser. Aber nur, wenn die Zeit reif ist. Bei dir drängts wohl, du willst zu meiner Enkelin.”
Der Vater errötete leicht, Opa durchschaute immer alles.
“Wenn ich eintauche, komme ich zurück?”
“Ja, aber nicht wie vorher. Keiner geht zweimal im selben Anzug durchs Wasser. Du brauchst neue Kleider da drüben bekommt jeder etwas Passendes.”
“Dann geh ich wohl. Du bist nicht sauer?”
“Nein, du hast deine Entscheidung getroffen. Die Oma schimpft nur, weil du nicht gegessen hast”, lachte er. “Aber geh schon.”
“Und du, Opa? Wann ist deine Zeit?”
“Das weiß nur der Herrgott, Junge. So wie er will.”
Der Großvater segnete ihn und schob ihn lachend vor. Mit einem Stoß glitt er ins Wasser in die Tiefe, die ihn augenblicklich verschlang, und Opa blieb am Rand stehen und genoss die Strahlen des ewigen Abends.
***
Das Telefon weckte Lorelei. Zusammen mit Flämmchen, wie sie das Kätzchen genannt hatte, hatte sie so fest geschlafen, dass sie erst beim dritten Klingeln aufwachte.
Am anderen Ende war eine angenehme Männerstimme.
“Hallo, habe ich dich geweckt? Nicht verschlafen! Möchtest du nicht mal vorbeikommen? Ich vermisse dich.”
Lorelei hatte keine Lust, abends durch die Gegend zu gurken, selbst nicht für ihr Date. Erst recht nicht heute. Und wohin mit dem Kätzchen, das sie mit großen Augen ansah, als hörte es das Gespräch mit?
“Komm schon, Schätzchen. Hör auf zu grübeln! Man muss weiterleben. Du bist nicht die Einzige, die ihre Eltern verliert. Das ist der Lauf der Zeit. Ich habe schon eine Flasche von deinem Lieblingswein bereitgestellt. Kommst du?”, lockte der Mann, doch diesmal ekelte sie sein selbstverliebter Ton fast an, mitten im frischen Schmerz ihres Verlustes.
Sie blickte Flämmchen an, das sich schnurrend an ihre Hand schmiegte, und seufzte:
“Nicht heute. Ich habe ein Kätzchen gefunden das braucht Pflege. Ein anderes Mal, ja?”
“Na dann, wenn du leiden willst, dann leide eben”, schnappte er und legte auf.
Lorelei schluckte den Kloß im Hals hinunter und sah ihr neues Haustier an.
“Glaubst du, ich bleib jetzt für immer allein? Immerhin habe ich dich schon gefunden”, sagte sie ernst zum Kätzchen, als könnte es antworten.
Stattdessen schnurrte Flämmchen noch lauter, die grauen Augen vor Zustimmung halb geschlossen.
“Na dann. Zusammen schaffen wir das. Und wenns sein muss, nehme ich noch zehn Katzen mehr, sterbe dann eines Tages einsam in meiner Wohnung”, witzelte sie.
Vor all dem vergaß sie völlig die Berichte, die sie schon vor zwei Tagen beim Chef hätte abgeben müssen nun häuften sich die Aufgaben.
“Ich mach mir jetzt Tee du bist brav, verstanden?”, sagte sie zu Flämmchen und verließ das Zimmer.
Doch Flämmchen hörte nicht sondern jagte seinem Schwanz hinterher. Plötzlich wurde sein Interesse vom blauen Bildschirm geweckt. Schon turnte es auf der Tastatur herum und nagte am Kabel des Laptops.
“Verdammte Axt!”, fluchte Lorelei, als sie das Malheur sah. “Ein Glück, dass dir nichts passiert ist, Dummerchen! Den Bericht kannst du jetzt vergessen”
Sie sackte auf den Boden. Der Frust, die Überforderung, all das überrollte sie. Tränen liefen über ihre Wangen heiß und endlos, als hätte jemand einen Staudamm geöffnet. Flämmchen kroch schuldbewusst auf ihren Schoß und leckte ihr Gesicht trocken. Das wirkte tatsächlich beruhigend. Irgendwann hörte sie auf zu weinen, lächelte schwach ihrem kleinen Trostpflaster zu.
“Was mach ich bloß mit dir? Als gäbe es nicht schon genug Sorgen”, strich sie ihm übers Köpfchen das Kätzchen begann prompt zu putzen.
“Es ist schon Morgen”, murmelte sie zu sich selbst, während sie Futter in den Napf schüttete.
“Ich bring den Laptop gleich in die Werkstatt. Du wartest brav zu Hause, verstanden?”
Flämmchen schnurrte zufrieden und stürzte sich ins Futter.
Lorelei warf sich das rot-karierte Mantel direkt über den lustigen Fleecepulli mit Pinguinen und wollte schon zur Tür da sauste Flämmchen blitzschnell hinaus. Alles, was sie in der Hand hielt, blieb achtlos zurück.
“Flämmchen, bleib! Himmel, was machst du bloß?”
Doch das Kätzchen hörte nicht, sondern flitzte in den Keller das Tor stand, wie durch Zufall, offen. Lorelei rannte ihm nach.
“Verdammte Katze, raus da! Nur Ärger mit dir!”, wurde sie langsam hysterisch.
Im Keller begegnete sie statt des Kätzchens einem jungen Mann, der gerade eine Reparatur vollendete.
“Entschuldigen Sie, haben Sie hier ein Kätzchen gesehen? Klein, rot und ziemlich flink”, fragte sie außer Atem den Handwerker.
“Ausgebüxt?”
Trotz seines Jobs wirkte der junge Mann erstaunlich gepflegt. In der Hand hielt er einen Lappen, am Gürtel ein Werkzeugset ganz wie ihr Vater.
“Irgendwie vertraut”, dachte Lorelei, schwieg jedoch.
“Ich mach den Job noch fertig, dann helfe ich suchen. Bleiben Sie einfach kurz hier?”
Er drehte noch eine Schraube, lächelte und sagte:
“Fertig. Jetzt suchen wir die kleine Ausreißerin.”
Er kramte eine Taschenlampe heraus und leuchtete hinter die klapprigen Rohre und tatsächlich, da blitze ein roter Pelz auf.
“Da ist sie! Packen Sie sie! Ganz schön flink!”
Mit geschicktem Griff nahm er Flämmchen am Genick und reichte es ihr.
“Ihr Tier?”
“Längst”, strahlte Lorelei, drückte Flämmchen an sich. “Vielen Dank!”
Doch die Freude wich schnell.
“Und jetzt?”, fragte der junge Mann.
“Ich komme wohl nicht mehr in die Wohnung. Die Tür fiel ins Schloss und der Schlüssel liegt drinnen.”
“Keine Panik!”, schmunzelte der Handwerker. “Mal sehen, ob ich helfen kann.”
“Echt jetzt?” Lorelei war überrascht.
“Zeigen Sie mir mal die Tür.”
Nach einer halben Stunde hatte er das Schloss geöffnet, gereinigt und geschmiert. Die Tür war wieder benutzbar.
“Jetzt können Sie wieder rein nur passen Sie auf den Ausreißer besser auf.”
Lorelei war sichtlich dankbar.
“Ich weiß nicht, wie ich Ihnen danken soll. Schon am Morgen haben Sie mich zweimal gerettet”, bedankte sie sich.
“Gern geschehen. Jungen Damen aus der Patsche zu helfen, ist reine Freude”, erwiderte er scherzhaft.
Lorelei wurde leicht rot.
“Mit Geld siehts bei mir gerade schlecht aus, für den Laptop reichts sowieso nicht. Aber ich hab von meinem Vater noch Werkzeuge, vielleicht können Sie die eher gebrauchen als ich? Möchten Sie mal sehen?”
Sie bat ihn herein, verschwand gleich darin, um die Sachen zu suchen. Er blieb bescheiden im Flur stehen Flämmchen betrachtete den Besuch mit strengem Blick.
Der junge Mann war schlank, kräftig, mit leuchtend blauen Augen und dichtem braunen Kurzhaarschnitt. Für einen Handwerker machte er einen überaus gepflegten Eindruck. Wie das ging ein Rätsel. Modische Jacke und Jeans passten erstaunlich zu Schraubenzieher und Zangen am Gürtel.
Wartend kraulte er das Kätzchen, das wohlig schnurrte.
“Hier”, reichte Lorelei das Werkzeug.
“Nicht schlecht! Ihr Vater war wohl ein wahrer Allrounder.”
“Er war auch Installateur, so wie Sie.”
“Aber ich bin kein Installateur ich bin ‘Handwerker auf Zeit'”, lachte er.
“‘Handwerker auf Zeit’? Was heißt das?”
“Ich werde gerufen, repariere, was ich kann, oder bringe es zur Reparatur, solange die Kundschaft beschäftigt ist. Im Grunde mache ich also das, was Männer üblicherweise für ihre Frauen tun. Für mich ist es keine Arbeit, auch Ihnen zu helfen.”
“Vor zwei Jahren bin ich aus einer kleinen Stadt hergezogen, wollte eigentlich Lehrer werden. Aber ich wusste schnell, dass eigenständig arbeiten besser passt. Mit meinen Händen hab ich immer schon gern etwas gemacht. Es wird gut bezahlt und Arbeit gibts immer”, erzählte der junge Mann.
Das alles erinnerte Lorelei so stark an ihren Papa, dass ihr kurz war, als wäre sie wieder Kind.
“So einen Schraubendreher wie der Ihres Vaters habe ich aber nicht”, lachte er.
“Hier ist meine Visitenkarte. Falls Sie mich mal brauchen.”
Lorelei betrachtete die Karte und steckte sie ein.
“Danke. Vielleicht eines Tages. Erst mal muss ich meinen Laptop reparieren lassen.”
Sie zeigte auf das zernagte Kabel.
“Wenn Sie möchten, fahre ich Sie hin. Ich kenne einen guten und günstigen Laden. Für Ihren ‘Lohn’ arbeite ich mindestens eine Woche für Sie!” zwinkerte er.
“Geben Sie mir zwei Minuten, ich bin noch im Schlafanzug.”
Am Abend war ihr Laptop wieder einsatzbereit der Schaden war minimal. Glücklich kam Lorelei nach Hause.
Flämmchen begrüßte sie verspielt und trug einen dunklen Gegenstand im Maul heran.
“Das ist doch der Geldbeutel von Anton! Den hat er heute Früh hier liegen lassen!”
Sie nahm das zerfetzte Lederportemonnaie aus der Katzenfresse. Karten und Geld waren kaum beschädigt, aber außen war es nur noch ein Fetzen.
“Was sage ich ihm denn jetzt?”, murmelte sie beschämt.
Das Kätzchen schielte schuldbewusst, wusste aber nicht, was sie wieder ärgerte.
Da fiel Lorelei die Visitenkarte ein, die ihr der junge Mann gegeben hatte. Sie wählte die Nummer.
“Anton am Apparat!”
“Guten Abend, Anton. Die Frau mit dem Kätzchen hier. Sie haben Ihren Geldbeutel bei mir liegen lassen.”
Antons Stimme klang gleich freudig.
“Den habe ich den ganzen Tag gesucht. Ich komme sofort vorbei. Ist das in Ordnung?”
Kurz zögerte Lorelei.
“Ist etwas nicht in Ordnung? Wir können auch ein anderes Mal”
“Nein, nur Flämmchen hat Ihren Geldbeutel ziemlich zerlegt.”
“Ach was. Ich komm vorbei!”
Sie wurde etwas aufgeregt, dann griff ihr Blick wieder das Kätzchen. Plötzlich hatte sie eine Idee. Sie fand das Portemonnaie, das sie einst für ihren Vater gekauft hatte: dunkelbraunes, weiches Leder, noch mit dem Duft des Neuen.
“Papa hätte nichts dagegen”, sagte sie ernst zum Kätzchen.
Das schnurrte zustimmend und sprang vor Freude auf den Tisch.
“Meinst du, ich soll Tee für den Gast machen?”
Flämmchen blinzelte zufrieden.
Da läutete es schon.
Vor der Tür stand Anton mit einem Päckchen voller Katzenspielzeug.
“Das ist für den kleinen Schelm, damit er keinen Unsinn macht. Und unten im Päckchen ist was für Sie.”
Sie reichte ihm das neue Portemonnaie und das zerbissene Original.
“Haben Sie immer das, was ich brauche?”, lachte Anton erstaunt.
“Das verdanken Sie ihm”, sie nickte zum Kätzchen. “Übrigens in der Küche tropft der Wasserhahn. Können Sie mal schauen?”
“Na klar. Ich hab noch Zeit.”
“Gut. Ich habe gerade Wasser für Tee aufgesetzt. Wollen Sie Tee? Oder lieber Kaffee?”
“Tee, grüner bitte mit Honig, wenns recht ist”, lächelte Anton.
Und plötzlich war es so heimelig in Loreleis Wohnung, als wäre es immer so gewesen. Nur Flämmchen blinzelte rätselhaft-glücklich vielleicht wegen der Geschenke, vielleicht aus tiefem Katzenfrieden. Für einen Moment meinte Lorelei, genau so lächle Gott.




