Angezogen, aufgepäppelt – und jetzt zurück auf Los: Die Geschichte einer Liebe, die zur Lebenshilfe wurde

Angezogen, gepflegt, jetzt gib zurück

Veronika, du musst mir wirklich verzeihen. Du bist im Grunde ein heiliger Mensch…
Ja, ja. Nur heiratest du ja nicht eine Heilige wie mich, sondern die Elsa, die dich verraten und mit Füßen getreten hat. Warum? fragte Veronika mit stiller Empörung, ihre Stimme zitterte leicht vor unterdrücktem Schmerz.

Markus schluckte schwer. Sein Blick wich zu Seite, dann starrte er auf das Muster der Tischdecke. Er schaute überallhin, nur nicht Veronika in die Augen. War sie überhaupt noch seine Geliebte?..

Weißt du, Nika Für mich bist du wie eine Schwester. Oder mein bester Freund. Und Elsa da habe ich mich einfach verheddert. Ich dachte, ich hasse sie, würde ihr nie vergeben, aber es kam alles anders. Ich kann sie nicht vergessen. Es tut mir leid…

Veronika bewegte sich kaum. Sie saß Markus gegenüber, kerzengerade, aber unter dem Tisch zupften ihre eisigen Finger nervös an der Stoffkante. Die Anspannung schnürte ihr die Hände kalt.

Das ist schon interessant, sagte sie leise. Und als du damals meintest, du könntest dir deine Zukunft ohne mich nicht vorstellen, war das dann auch nur freundschaftlich? Die Liebeserklärungen ins Ohr war das geschwisterliche Zuneigung?
Nika Damals war das eben anders. Du weißt doch, wie es mir ging. Ich hatte nur dich. Und du bist so stark, so klasse, murmelte Markus. Und Elsa sie ist ganz anders. Sie ist schwach. Als ich zusammenbrach, ist sie halt abgehauen

Veronika zog die Augenbrauen hoch. Es bleibt schwer zu begreifen: Ihre Geduld und ihr Wille zu helfen galten plötzlich als Makel auf dem Heiratsmarkt. Und die Rolle der geliebten Frau fiel der zu, die in der ersten schweren Stunde reißaus nahm.

Und dennoch das Leben ging weiter. Auch wenn es Veronika schmerzte.

Es ist alles klar mit dir. Pack deine Sachen, fahr weg. Was soll ich jetzt tun? Sie stand auf und ging in den Flur.
Veronika, warte! rief Markus ihr nach. Du bist doch nicht böse?

Veronika war am Rande. Noch ein Wort, dachte sie, und sie würde entweder weinen oder schreien oder beides auf einmal.

Nein, ich bin nicht böse. Die Geschichte ist zu Ende. Ich habe dir geholfen, dir Flügel wachsen zu lassen, und du bist davon geflogen. Das wars.

Sie winkte ab, verschwand ins Wohnzimmer und schloss die Tür. Veronika wollte keine sinnlosen Diskussionen mehr. Sie wusste, sie konnte niemandem die Schuld geben es war ihre eigene Entscheidung gewesen, sich darauf einzulassen.

Alles hatte damals ganz zufällig angefangen. Veronika war ihre Mutter in München besuchen, und zu Gast war auch Frau Tamara Fuchs, eine alte Freundin der Familie. Die begrüßte sie mit strahlenden Augen.

Ach, Veronika, wie groß du geworden bist! Ich erinnere mich noch, wie du als kleines Mädchen unter dem Tisch herumgerannt bist. Und jetzt eine Schönheit! lächelte Frau Fuchs. Wie läufts bei dir, alles gut? Wann überraschst du deine Mutter endlich mal mit Enkeln?

Veronika war derartige Fragen gewohnt. Die Hälfte der Freundinnen ihrer Mutter stellte gerne neugierige Fragen zur privaten Situation. Veronika habe das nie mehr als Unhöflichkeit genommen, eher als deutschen Gesprächseinstieg.

Ach, ich hetze da nicht. Mir geht es gut, so wie es ist.
Wirklich? Hast du wenigstens jemanden im Blick?
Noch nicht. Und ich suche auch ehrlich gesagt gar nicht so sehr.
Du, mein Markus, das wär doch was! Seit seine Frau ihn sitzen ließ sie hat ihn betrogen geht es mit ihm nur abwärts. Solange das Geschäft lief, brauchte sie ihn, dann hat sie ihn sitzen gelassen, Frau Fuchs seufzte tief. Die Jugend heute, sobald Probleme kommen zack, weg sind sie. Und Markus, der Arme, hat in letzter Zeit nur noch zur Flasche gegriffen. Ich weiß wirklich nicht mehr weiter

Verkuppeln versuchten viele, aber diese Geschichte ließ Veronika nicht mehr los. Vielleicht, weil sie selbst gerade von einem anderen Mann hintergangen worden war. Auch ihr Ex hatte sie für eine andere verlassen.

Die Nacht wälzte sie sich im Bett, am Morgen fragte sie die Mutter nach Frau Fuchs Nummer.

Veronika, denk nach! Warum willst du dir das antun? Kümmere dich lieber um dich selbst, warnte die Mutter.

Doch Veronikas Dickkopf war bekannt.

Mama, Menschen müssen sich gegenseitig helfen. Besonders, wenn jemand so am Boden liegt. Ich weiß noch, wie du mich damals aufgefangen hast, als ich diese Fotos auf Stefans Handy fand. Nicht jeder hat so eine Mutter. Und nicht jeder ist so stark. Mir fällt es leicht vielleicht rette ich damit wirklich jemanden.

Die Mutter schimpfte noch und warnte davor, Männer zu retten, gab aber schließlich die Nummer. Sie kannte ja ihre Tochter.

Zwei Tage später stand Veronika mit einem Korb voller Lebensmittel bei Markus vor der Tür. Nur Obst, Fleisch, Gemüse keinen Tropfen Alkohol. Die Wohnung roch nach scharfem Kölnisch Wasser und Schnaps.

Na, ist das der Service für gebrochene Herzen? fragte Markus mit schiefem Grinsen und ließ sie herein. Veronika Fuchs, stimmts?
Genau. Ihre Mutter hat mir erzählt, wie es Ihnen geht ich wollte einfach helfen. Ich kenne so eine Situation selbst nur zu gut.

Eine halbe Stunde später stand Veronika schon am Herd, erzählte und hörte Markus zu. Nach zwei Stunden wischte sie Staub, sammelte Müll und schrubbte den Boden. Markus schaute anfangs skeptisch zu, half dann aber fleißig mit.

Und ab dann änderte sich viel. Nach der Arbeit fuhr Veronika oft zu Markus, putzte, kochte. Am Abend schauten sie Serien, spielten Schach oder Karten. Listig brachte Veronika ihn sogar dazu, eine Psychologin aufzusuchen, besorgte ihm neue Kleidung. Sie kümmerte sich wirklich.

Markus machte mit und schien Gefallen daran zu finden.

Einmal aber betrank er sich mit Freunden. Veronika war verletzt so viel Mühe hatte sie sich gegeben, und wieder das Gleiche. Sie blieb fort und hoffte, Markus würde die Lektion begreifen.

Und es klappte vermeintlich sogar besser, als sie gedacht hatte.

Veronika Sei mir nicht böse. Alleinsein frisst mich auf, da kamen die Jungs vorbei, und ich habs nicht geschafft, Nein zu sagen erklärte Markus am dritten Tag.
Tja, warum hast du nicht einfach angerufen? Du kannst immer vorbeikommen.
Wirklich?
Natürlich!

Markus kam ein Mal, zweimal dann zog er direkt bei Veronika ein. Für beide fühlte es sich wie eine Familie an: Zuwendung, Nähe warum nicht?

Mit ihrer Hilfe bekam Markus einen Job. Ein Bekannter von ihr hatte ein Glaserei-Betrieb; Veronika sprach für Markus vor, und er packte die Chance das muss man ihm lassen. Von seinem ersten Gehalt schenkte er ihr Parfüm.

Das ist für dich. Ich wollte dir einfach eine Freude machen. Ohne dich hätte ich das nie geschafft, sagte Markus und gab ihr einen Kuss auf die Wange. Du bist mein Schutzengel. Ich weiß nicht, was ich ohne dich gemacht hätte

Damals war Veronika überzeugt, er liebe sie. Vielleicht hat er das auch geglaubt. In seinen Blick schien so viel Zuneigung zu liegen Veronika glaubte an das Wunder: Dass Liebe die Kraft hat, Menschen wirklich zu ändern.

Sie täuschte sich

Und als die Geschichte dann endete, Markus ausgezogen war, suchte Veronika Trost bei ihrer Mutter.

Ach, mein Kind Ich habs dir doch gesagt Die Mutter drückte Veronika und seufzte tief.

Nach einer Stunde hatte sich Veronika schon wieder gefangen, lächelte sogar, und die Mutter wurde entspannter.

Ach, weißt du, die Trinker werden uns nie ausgehen, witzelte sie. So viele Männer sitzen und warten auf ihren Ritter oder ihre Prinzessin. Es gibt noch genug, die aufgepäppelt, eingekleidet und sauber gemacht werden wollen…
Nein, Mama, danke. lachte Veronika. Ich rette keine Prinzen vor dem Alkohol mehr. Sollen sie selbst schauen, wo sie bleiben. Wenn ich nochmal helfen will, spende ich lieber ans Tierheim. Die Tiere suchen sich ihr Schicksal wenigstens nicht aus.

Das tat sie dann auch.

Ein halbes Jahr verging. Veronika sprang nicht mehr jedem Hilferuf nach. Ihre Hilfe galt nur noch den Nächsten. Doch jemand Neues war doch in ihr Leben gekommen.

Veronika war gerade dabei, mit Hermine, ihrer kleinen roten Hündin aus dem Tierheim, spazieren zu gehen. Hermine brauchte nichts außer Bewegung, Futter und Streicheleinheiten und dankte es mit stiller Treue.

Da klingelte plötzlich das Handy. Markus. Veronika zögerte kurz, hob dann aber ab die Neugier war zu groß.

Nika Hallo, krächzte er. Wollen wir mal plaudern wie früher? Du hast doch gesagt, ich könnte mich immer an dich wenden…
Aha, kaum läuft was schief, schon sucht er wieder Halt bei mir, dachte Veronika.

Nein, Markus. Es tut mir leid, aber die Rettung von Ertrinkenden bleibt deren eigene Sache. Alles Gute dir.

Früher hätte sie das Gespräch allein aus Mitleid nicht beendet. Nun war es anders. Diese Geschichte war abgeschlossen, und sie hatte keine Lust, die Vergangenheit aufzuwärmen. Außerdem winselte Hermine an der Tür und wollte raus.

Später sprach sie mit der Mutter und erfuhr: Markus trinkt wieder. Er hatte seinen Job verloren, Elsa hatte sich erneut getrennt. Nun lebte er wieder auf Mutters Kosten.

Tja, sagte Veronika nur. Mir tut Frau Fuchs leid.

Am selben Abend blockierte sie Markus Nummer. Ein halbes Jahr später lernte sie einen Kollegen kennen diesmal ohne Gepäck voller Probleme. Da wurde Veronika endgültig klar: Helfen ist gut, aber man muss Lösungen von sich selber trennen und Beziehungen auf Augenhöhe führen.

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Homy
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