Weißt du, ich muss dir mal von Gisela erzählen. Gisela hat immer zugegeben, dass sie eigentlich nie Kinder haben wollte und ehrlich gesagt, Kinder waren ihr stets ein bisschen suspekt. Sie hat ziemlich jung, mit zwanzig, geheiratet und dann mit dreißig doch noch einen Sohn bekommen. Warum? Ja, sie weiß es selbst nicht so genau. Damals hat man das halt so gemacht. Ihre Mutter hat ihr eingeredet: Du musst kein Kinderzimmer voll bekommen, aber ein Kind gehört einfach dazu, sonst ist die Familie nicht komplett. Und dann könne sie ja machen, was sie will, solange das eine Kind da ist. In ihrer Familie hat man das eben erwartet.
Die ganze Verwandtschaft und auch der Freundeskreis haben Gisela jahrelang auf das Mutter-Sein angesprochen, als ob sie eines Tages plötzlich ihre Bestimmung finden müsste. Es war, als hätten alle nur darauf gewartet, dass sie endlich den Sinn ihres Frauseins erkennt. Immer wieder hat sie den Spruch gehört, Kinder seien das größte Glück die Blumen des Lebens und so weiter. Keiner hat verstanden, warum sie zögerte, man hat sie fast schon dazu gedrängt, Mutter zu werden. Manche haben sogar gemeint, sie würde es im Alter sicher bereuen.
Naja, am Ende hat sie sich halt gefügt und ist Mutter geworden. Aber dieses überschwängliche Mutterglück, das alle beschwören, hat sie bei sich nie gefunden. Sie blieb ihrem Sohn gegenüber irgendwie gleichgültig, da passierte einfach kein Wunder. Sie konnte weder dem pausbäckigen Baby etwas abgewinnen noch dem Grundschüler, der mit einem Strauß Sonnenblumen am letzten Schultag nach Hause kam. Sogar als der Junge schon ein netter, ambitionierter Erwachsener war, war bei ihr nichts außer Pflichtgefühl. Gisela hat alles versucht, ihren Mutterinstinkt zu entdecken und nach irgendeiner Verbindung zu suchen, aber da war einfach nichts.
Sie hat sich oft in die Arbeit gestürzt, jede Gelegenheit genutzt, um in der Küche zu werkeln oder die Wohnung zu putzen, nur um dem Zusammensein mit ihrem Sohn zu entgehen. Sie hat einfach versucht, sich durch Aufgaben abzulenken.
Und weißt du, sie hat mal erzählt: Eine Freundin von mir schickte ihre Tochter im Sommer zu den Großeltern. Sie hat vor Sehnsucht fast geheult und immer gesagt, wie traurig und leer das Haus ohne ihr Kind ist. Ich konnte das nie nachvollziehen. Ich dachte nur, dann hätte ich endlich mal meine Ruhe. Aber ich hatte niemanden, zu dem ich meinen Sohn hätte schicken können, meinte Gisela nachdenklich.
Trotzdem hat sie sich als Mutter nicht gehen lassen. Es war ihr klar, dass das Kind nichts dafür konnte, dass sie sich zu allem überreden ließ. Sie hatte ihn nun mal bekommen also hat sie sich bemüht, ihm eine schöne Kindheit zu bereiten, ihm vorzulesen, mit ihm Brettspiele zu spielen, über die Rummelplätze zu ziehen oder in den Tiergarten zu gehen. Sie hat sich mit seinen Problemen auseinandergesetzt, kannte seine Freunde und hat versucht, ihm ein ganz normales Leben zu ermöglichen, auch wenn sie innerlich Abstand hielt.
Mit zwölf haben sich Gisela und ihr Mann getrennt, ab da hat sie ihren Sohn alleine großgezogen. Der Vater war kein großes Thema mehr, schickte ab und zu ein bisschen Unterhalt nichts Besonderes. Ihr Sohn war ziemlich pflegeleicht, höflich und selbständig. Große Sorgen hat er ihr nie gemacht.
Sie hat sich dann auch um seine Ausbildung gekümmert, eine gute Lehrstelle für ihn gefunden, und ihm etwas Startkapital für seinen Anteil an der Wohnung gegeben so wie es eben in München üblich ist.
Da hab ich zum ersten Mal tief durchgeatmet und gemerkt: Jetzt bin ich wirklich frei. Mein Sohn ist erwachsen, er steht auf eigenen Beinen, braucht mich nicht mehr. Endlich kann ich mein eigenes Leben führen, das, was ich mir insgeheim so lange gewünscht habe, hat sie lachend erzählt.
Ihr Sohn ist heute 28, verheiratet, hat zwei Kinder. Ihre Schwiegertochter, Julia, ist total fassungslos darüber, wie distanziert Gisela ist. Wie kann man denn so weit weg von seiner Mutter leben? fragt sie sich immer. Gisela ruft nicht an, fragt nie nach den Enkelkindern, hat auch keine Lust, sonntags zum Familienkaffee zu kommen. Ihren Enkelkindern begegnet sie eigentlich nur an Weihnachten oder Ostern mehr Kontakt gibt es nicht.
Einmal hat die Schwiegertochter versucht, sie mit dem Besuchsrecht der Enkelkinder unter Druck zu setzen: Wenn du dich nicht mehr bemühst, siehst du die Kinder gar nicht mehr. Aber Gisela hat nur gedacht: Das ist doch keine Strafe für mich. Ich habe einfach kein Bedürfnis danach, ehrlich. Inzwischen hat Julia gemerkt, dass Gisela tatsächlich kein Interesse heuchelt es ist ihr schlicht egal. Außer zu den Festtagen sieht man sich kaum, und das stört sie nicht weiter.
Vielleicht bin ich, sagt sie selbst, keine besonders gute Mutter oder Oma, aber was soll ich machen? Die ganze Zeit hat sie sich damit getröstet, dass ihr Sohn sich einfach deswegen nicht meldet, weil es ihm gut geht. Würde irgendwas nicht passen, dann wäre er schon da.
Mittlerweile haben sich ihre Leben komplett getrennt. Gisela lebt ruhig am Stadtrand von Augsburg, kümmert sich voller Freude um ihren Hund Fritzi und ihren kleinen Gemüsegarten. Zeit, um über ihren Sohn nachzudenken, bleibt da kaum. Ob sie jetzt eine schlechte oder eine gute Mutter ist schwer zu sagen. Schließlich hat ihr Sohn seinen Weg gemacht durch ihre Unterstützung und das zählt ja auch irgendwie.





