Die Mutter, der ich nichts schulde
Katharina und Markus standen kurz vor ihrer Hochzeit. Am Tag davor kam die Mutter der Braut, Johanna Schmitt, zu Besuch, um die zukünftige Schwiegermutter kennenzulernen. Das Treffen fand im Haus von Markus Mutter Ingrid Bauer statt. Sie besprachen die Einzelheiten der Hochzeit und saßen gemeinsam am Esstisch. Am nächsten Morgen machte sich Johanna Schmitt bereit, nach Hause zu fahren. Katharina begleitete sie zur Tür.
Na, wie findest du Markus?, fragte sie ihre Mutter.
Er ist ein guter Junge, lächelte sie, aber seufzte tief.
Mama, was ist los?, wunderte sich Katharina.
Meine Tochter, sei vorsichtig mit seiner Mutter. Du weißt noch wenig über sie.
Die wahre Bedeutung dieser Worte wurde bald klar.
Als Katharina erfuhr, dass die Schwiegermutter plante, dauerhaft bei ihnen zu wohnen, sagte sie offen zu ihrem Mann:
Du musst dich entscheiden: Entweder ich oder deine Mutter.
Ich werde niemanden auswählen, erwiderte Markus ruhig. Wir bleiben wie wir sind, und meine Mutter soll ihre Angelegenheiten selbst regeln.
Also lässt du sie nicht zu uns ziehen?
Das habe ich ihr schon gesagt.
Und wie hat sie reagiert?
Sie war gekränkt. Sie hat mich undankbar genannt und gesagt, ich würde es bereuen.
Das war wohl zu erwarten
Ingrid Bauer war früh in Rente gegangen sie hatte viele Jahre als Flugbegleiterin gearbeitet.
Jetzt ist Schluss, ich habe genug gearbeitet, sagte sie überzeugt, als sie ihre ansehnliche Rente bekam. Sie verdiente deutlich mehr als die meisten.
Doch schon bald wurde ihr klar, dass ihr Lebensstil mehr kostete als die Rente hergab. Ihre Lösung war einfach: Die Kosten auf ihren Sohn übertragen.
Ich habe dich großgezogen, und dir eine gute Ausbildung ermöglicht. Jetzt bist du an der Reihe, deine Pflicht als Sohn zu erfüllen, sagte sie zu Markus, als er gerade 23 geworden war. Ab nächsten Monat bezahlst du Miete und Essen.
Okay, antwortete er. Aber wenn ich mich um unser Zuhause kümmere, mischst du dich nicht mehr in mein Leben ein.
Sie war einverstanden und tatsächlich hielt sie sich daran und ließ ihn in Ruhe. Das Leben ihres Sohnes interessierte sie wenig. Markus war zum größten Teil von seinen Großeltern erzogen worden, während sie erfolglos versuchte, ihr eigenes Leben zu ordnen.
Die Jahre vergingen. Ihr Sohn wurde erwachsen und zog in der Oberstufe zu ihr. Fünf Jahre lang zahlte er die Miete und versorgte die Mutter. Sie genoss ihr Leben und gab ihre Rente nur für sich selbst aus.
Als Ingrid fünfzig wurde, brachte Markus seine Frau ins Haus.
Wie gepflegt Sie sind! Katharina, bei der ersten Begegnung mit ihrer Schwiegermutter, war erstaunt. Sie sehen gar nicht aus wie eine Rentnerin.
Als sie hörte, dass das junge Paar bei ihr wohnen würde, freute sich Ingrid: Sehr schön, dachte sie bei sich. Jetzt muss ich nicht mal mehr selbst kochen.
Katharina glaubte ihr aber Markus klärte sie auf:
Meine Mutter hat sich nie getraut, uns rauszuwerfen. In den letzten fünf Jahren habe ich alles alleine bezahlt.
Der Besuch von Johanna Schmitt ließ auch die letzten Illusionen schwinden:
Kind, pass auf. Diese Frau lebt nur für sich. Wenns ihr unbequem wird, seid ihr schnell vergessen. Wichtig ist, dass du an deinem Mann festhältst. Er ist okay. Aber mit seiner Mutter habt ihr kein Glück.
Nach sechs Monaten verliebte sich Ingrid Bauer. Ein Mann namens Andreas tauchte immer öfter auf. Und dann
Ihr habt jetzt zwei Wochen, um auszuziehen. Ich verkaufe die Wohnung. Ich ziehe nach Leipzig.
Meinst du das ernst?, fragte Markus geschockt.
Was denn? Das ist mein Recht. Die Wohnung gehört mir. Meine Eltern haben sie mir vermacht.
Du schmeißt uns also raus?
Ja. Alles legal.
Markus zog wortlos sein Jackett an und ging. Am Abend packte er mit Katharina schon die Kisten. Sie zogen zu einem Freund, der gerade Mieter suchte. Nach einem Monat verkaufte Ingrid die Wohnung und ging mit Andreas nach Leipzig.
Wenige Tage später bat Markus seine Mutter um ein Darlehen:
Nein, natürlich nicht. Ich habe andere Ausgaben geplant, antwortete sie kalt.
Na dann, viel Glück, sagte er.
Dir ebenso, lächelte sie, ohne ihn zum Abschied zu umarmen.
Ein Jahr verging. Ingrid rief an, hatte sich von Andreas getrennter hatte ihr alles Geld abgenommen und war verschwunden. Sie war allein, ohne eigene Wohnung. Sie kehrte zurück und verkündete sofort:
Ich werde bei euch wohnen.
Nein. Nimm das restliche Geld und hole dir einen Immobilienkredit.
Einen Kredit? In meinem Alter? Von der Rente?
Such dir einen Job. Du musst klar kommen, wie jeder andere auch.
Du hilfst mir also nicht?
Ich schulde dir nichts, Mutter.
Sie brach in Vorwürfe aus:
Du bist undankbar! Ich habe dich großgezogen!
Ich mache nur, was du mir vorgelebt hast, antwortete Markus ruhig.
Ingrid blieb so lange bei Freundinnen, wie sie Geld hatte. Dann, eine Absage nach der anderen. Und wieder kam sie zu ihrem Sohn.
Mama, du bist nicht krank, auch nicht alt. Such dir Arbeit. Miet wenigstens ein Zimmer. Bemüh dich.
Du hast kein Mitleid mit mir?
Nein. Du erinnerst mich an die Heuschrecke die den ganzen Sommer lang gesungen hat.
Später ergatterte Ingrid nicht einen Job, sondern eine neue Ehe. Der Erstbeste. Aber immerhin hatte sie wieder ein Zuhause.
Doch das ist schon wieder eine ganz andere Geschichte
Eine Lebenslektion bleibt: Im Leben sollte man nicht nur an sich selbst denken. Wer immer nur nimmt, ohne je zu geben, steht irgendwann alleine da. Verantwortung und Fürsorge sind keine Einbahnstraße.




