Du bist mein Wunder. Als Eva die Klinik verließ, hallten die Worte des Arztes wie ein Donnerschlag in ihrem Kopf: „Es tut mir leid, es ist zu spät… Sie sollten Ihre Angelegenheiten regeln… nur ein Wunder könnte jetzt noch helfen…“ Diagnose: Schonungslos, laut, unerbittlich – obwohl sie „die stille Krankheit“ genannt wird. Dieser heimliche Fresser hatte sich unbemerkt herangeschlichen. Vielleicht in jenem Jahr, als Eva nicht zum Medizinstudium zugelassen wurde, ihre Träume wie Seifenblasen zerplatzten. Vielleicht auch damals, als ihre Mutter hinter dem Haus ausrutschte, stundenlang auf dem eisigen Boden lag und nach wenigen Tagen leise für immer ging. Zu viele „Vielleichts“ sammelten sich in Evas Gedanken. Was wirklich der Auslöser war, blieb ungewiss. „Bringen Sie Ihre Angelegenheiten in Ordnung“, klang es nach. Doch was sollte sie noch regeln? Kinder hatte sie keine, Vermögen auch nicht, niemandem verpflichtet. Nur das Warten blieb. Und die vage Hoffnung auf ein Wunder. Tränen liefen über ihr Gesicht, während sie mechanisch die Hand hob, um sie fortzuwischen. Ohne es zu bemerken, hatte sie bereits das große Kliniktor hinter sich gelassen, war durch die platanengesäumte Allee auf die belebte Straße gelangt – Autos rauschten vorbei, die Menschen hetzten dem Leben entgegen. „Alle haben es so eilig zu leben, und ich…“ Eva seufzte. Plötzlich überkam sie ungeheure Müdigkeit, das Herz hämmerte wild. Sie lehnte sich an einen massiven Baum, rang nach Fassung. Ein, zwei, drei Minuten, dann schlug ihr Herz wieder gleichmäßig. Da kam auch schon das Taxi. Nur noch nach Hause. Zu den Wänden, zu den Erinnerungen, zu den Fotos. Gegenüber von Evas Wohnhaus begann der Wald – fernab der Neubauten blühte Alt-Berlin: Birken, Tannen, Fichten, Büsche, Pilze. Stille. Dort tankte Eva Kraft, lauschte dem Vogelgesang, atmete Nebel und betrachtete Spinnweben im Licht. Auch heute zog es sie dorthin. Im Regenmantel betrat sie den Wald, das Himmel trüb, ein feiner Niesel. Ungewohnte Stille empfing sie; die Natur hielt, als erwarte sie ein Gewitter, selbst die kleinen Stechmücken fehlten. Ein Schritt nach dem anderen, Biegung um Biegung – bis Eva plötzlich inne hielt: Ein seltsames Gefühl, etwas Schweres in der Seele. Sie lauschte – und sah dann, ein paar Meter neben dem Weg, einen verdreckten, kaum beweglichen Haufen. Hatte das Ding gestöhnt? Mit zwei Sätzen war sie bei dem Bündel. „Was ist das? Ach du meine Güte – ein Hund!“ Unterm Baum lag ein völlig verdreckter, abgemagerter Hund, festgebunden am Stamm. Mit blutigen Fingern öffnete Eva die klammen Knoten. Endlich frei, sah sie das Tier genauer an – eine riesige, faustgroße Geschwulst im Bauchbereich. Eva sackte nieder, weinte still, die Finger verschmierten Tränen und Dreck im Gesicht. Schließlich redete sie leise auf den Hund ein, bekam aber nur ein Stöhnen als Antwort. Kein Leben mehr in den müden Augen. Eva bastelte aus Regenmantel und Jacke eine Decke, wickelte das kaum wiegende Fellbündel vorsichtig ein und rannte Richtung Stadt. Die Tierärzte waren beim Anblick des Hundes erschüttert, stellten aber keine Fragen. „Alle Untersuchungen, alles was nötig ist, bitte – ich will ihr helfen“, keuchte Eva, dann fiel sie vor Erschöpfung auf der Liege in Ohnmacht. Der Hund blieb in der Praxis, Eva musste heim. Am nächsten Morgen wartete sie an der Klinikpforte. Der Tierarzt kam: „Noch ist es zu früh für Einschätzungen – wir päppeln sie erst einmal auf, machen weitere Untersuchungen. Ein paar Tage Geduld.“ „Übrigens: Wissen Sie, wie der Hund heißt? Sie ist gechippt, und wir haben den Eigentümer ermittelt.“ Eva schüttelte den Kopf: „Ich habe sie im Wald gefunden, krank, allein, angebunden.“ „Ich hab den Namen und meine Nummer notiert“, sagte der junge Mann und überreichte ihr einen Zettel. Im Krankenhaus blieb Eva täglich an der Seite der Hündin, streichelte, flüsterte, versorgte sie liebevoll – doch das Tier ignorierte alles. Kein Fressen, kein Trinken, keine Reaktion. „Sie will nicht mehr“, murmelte die Schwester, „sie ist verraten worden.“ Die Ergebnisse aller Untersuchungen kamen bald. Abends bat der Tierarzt Eva zum Gespräch. „Ich will nichts beschönigen: Es sieht schlimm aus, fast hoffnungslos. Wenn sie Hoffnung hätte, Lebenswillen und Fürsorge, dann vielleicht – aber auch dann… nur ein Wunder.“ „Lassen Sie es uns versuchen!“, Eva griff nach der Hand des Arztes. „Was, wenn genau das Wunder passiert?“ Am nächsten Morgen saß Eva wieder am Krankenbett. Die Hündin baute weiter ab, Eva weinte, redete ihr zu, kraulte sie. „Wenn du stirbst, sterbe ich auch“, hörte die Schwester. Schnell drehte sie sich weg, die Tränen liefen. Da spürte Eva, wie die Hundezunge sanft die Hand leckte. Sie schob ihr vorsichtig den Napf hin. Die Operation dauerte drei Stunden. Endlich kam der erschöpfte Chirurg heraus: „Die OP ist gut verlaufen, aber garantieren kann ich nichts. Bitte bleiben Sie bei ihr, wenn sie wieder zu sich kommt. Vielleicht ist heute ein Wunder geschehen.“ Eva nannte den Hund Marvel – ihr Wunder. Die Genesung war mühsam: Fieber, Medikamente, schlaflose Nächte, viele Spritzen. *** Vier Monate später: Der Herbst zog ins Land. Eva und Marvel spazierten wieder gemeinsam durch den Wald – Marvel blieb an ihrer Seite, vertraute ihr nun vollkommen, während Eva immer öfter mit Schrecken daran dachte: Wer wird sich kümmern, wenn meine Krankheit zurückkommt? Deshalb suchte sie eine Familie für Marvel. Ein Treffen wurde vereinbart, doch am Vormittag musste Eva noch zu ihren Kontrolluntersuchungen ins Krankenhaus. „Morgen erfahre ich die Wahrheit“, dachte sie angsterfüllt. „Ich muss es schaffen, bevor Marvel sich an jemand Neues gewöhnt. Oh Gott, wie fürchte ich mich…“ Nach schlafloser Nacht ging sie apathisch in die Klinik – nur Marvel zählte für sie. Die Schwester rief sie ins Arztzimmer. „Ihre Ergebnisse sind erstaunlich“, sagte der Onkologe mit warmer Stimme. „Es ist selten, doch in Ihrem Körper haben sich Veränderungen vollzogen – zum Guten. Sie sind in Remission. Sie müssen weiterhin unter Beobachtung bleiben, doch die Zeichen stehen gut – ein wahres Wunder!“ Zuhause erwartete sie Marvel mit freudigem Schwanzwedeln, als wolle sie fragen: „Wo warst du so lange? Ich hab mir Sorgen gemacht!“ Eva sank zu ihr auf den Boden, küsste die treue Schnauze. „Marvel! Du bist mein Wunder! Mein ganz persönliches Wunder!“ Und sie blieben noch lange gemeinsam auf dem Boden sitzen, in glücklichster Umarmung. Gibt es ein größeres Glück, als zu wissen: Das Universum schenkt uns Zeit – und wir schenken einander Liebe?

Du bist mein Wunder.

Johanna schlenderte ziellos durch die Straßen Hamburgs. In ihrem Kopf hallten immer wieder dieselben Wörter wider: Es tut mir leid, es ist zu spät wir können nichts ich kann nichts sagen, aber Sie sollten all Ihre Angelegenheiten regeln Schmerzmittel schade nur ein Wunder

Die Worte des Arztes hatten eingeschlagen wie ein Donnerschlag an einem klaren Sommertag. Die Diagnose kam abrupt, laut, unbarmherzig obwohl sie von einem stillen Leiden sprachen.

Dieser stille Fresser hatte sich heimlich angeschlichen, irgendwann vielleicht damals, als Johanna nicht an der Uni für Medizin angenommen wurde und ihr Traum wie eine Seifenblase zerplatzte. Vielleicht schon in dem Winter, als ihre Mutter hinter dem Altbau ausrutschte, fast drei Stunden im Schnee lag und dann, ohne je wirklich aufzuwachen, leise einige Tage später entschlief. Oder vielleicht vielleicht

Dieses Vielleicht, dachte Johanna, konnte man unendlich fortführen. Niemand wusste, was der Auslöser gewesen war.

Regeln Sie Ihre Angelegenheiten, klang es nach. Ach, welche Angelegenheiten denn keine Kinder, kein Vermögen, sie schuldete niemandem etwas. Nur warten nur warten nur ein Wunder

Johanna bemerkte nicht, wie Tränen über ihr Gesicht liefen, sie strich sie mechanisch mit dem Handrücken weg. Kaum war sie durch das schmiedeeiserne Tor des Universitätsklinikum Eppendorf getreten, folgte sie der langen Allee, in deren schwerem Schatten mächtige Linden standen. Die Straße lag vor ihr, hektische Autofahrer preschten vorbei. Alle hatten es eilig, wollten leben und sie?

Alle hetzen sie durchs Leben, und ich seufzte Johanna bitter.

Plötzlich überkam sie schlagartig eine bleierne Müdigkeit, ihr Herz pochte wild, sie musste sich an einem Baumstamm abstützen.

Eine Minute, zwei, drei ihr Herz beruhigte sich wieder. Da ein Taxi. Nach Hause. Dort waren die Wände, die Erinnerungen, die Fotos.

Gegenüber ihrer Mietwohnung in Hamburg-Volksdorf begann der Wald. Hier hatte die Stadt das Bauprojekt noch nicht ausgeweitet, der alte Stadtteil atmete tief: Birken, Fichten, Kiefern; Kräuter, Büsche, Pilze. Johanna liebte es, im Wald spazieren zu gehen er gab ihr Kraft, schenkte ihr Nebel, Vogelgesang, kleine Spinnen in funkelndem Tau.

Auch heute beschloss Johanna, einen Spaziergang zu wagen. Sie schlüpfte in ihren Regenmantel, der Himmel war grau, feiner Nieselregen setzte ein. Der Wald empfing sie mit einer ungewohnten Stille. Die Natur schien den Atem anzuhalten, sogar die Mücken hielten sich zurück.

Sie schlenderte einen Pfad nach dem anderen entlang, bog um eine Ecke, dann noch eine. Ohne es zu bemerken, war sie weit ins Grün vorgedrungen. Ein schweres Gefühl regte sich in ihr. Sie blieb stehen, lauschte in die Stille was war das? Etwas hatte sie beunruhigt. Wachsam blickte sie sich um, suchte nach dem Ursprung ihres Unbehagens.

Am Rand eines kleinen Dickichts, ein paar Meter abseits des Wegs, bemerkte sie einen Haufen, der sich zart bewegte. Für einen Moment meinte Johanna, ein leises Stöhnen zu hören.

Mit zwei schnellen Schritten war sie dort.

Was ist das? Ach du Schreck, ein Hund! rief sie.

Unter einer alten Eiche lag eine Hündin schmutzig, abgemagert, an den Baum gebunden. Mit aufgeschürften Fingern löste Johanna das nasse Seil. Als das Tier endlich frei war, erkannte Johanna den schmerzhaften Ernst der Lage eine große Schwellung am Unterleib, fast so groß wie eine Männerfaust. Johanna lehnte sich hilflos gegen den Baum, Tränen verschleierten ihr Gesicht, das sich mit Dreck verschmierte.

Nachdem sie sich gefangen hatte, hockte Johanna sich hin und versuchte, mit der Hündin zu sprechen, doch die stöhnte nur und war zu schwach, um die Augen zu öffnen.

Mit dem Regenmantel und ihrem Kapuzenpullover fertigte Johanna eine Decke, in die sie die Hündin vorsichtig einwickelte. Das kleine, leichte Tier trug sie Richtung Stadt.

Die Tierärzte waren überrascht beim Anblick der Hündin, verzichteten aber auf Fragen.

Bluttests, Ultraschall, Röntgen machen Sie alles, was nötig ist, ich will ihr helfen, sagte Johanna und sank auf die Untersuchungsliege, bevor sie kurz das Bewusstsein verlor.

Die Hündin blieb zur Beobachtung in der Tierklinik, während Johanna nach Hause geschickt wurde.

Am nächsten Morgen stand sie wieder am Gartenzaun der Klinik. Der Tierarzt kam heraus und meinte, es sei noch zu früh für ein Urteil; in ein paar Tagen wisse man mehr.

Bis dahin sorgen Sie sich nicht, sie ist hier gut aufgehoben. Kennen Sie überhaupt den Namen der Hündin oder dass sie reinrassig ist?

Nein, ich fand sie im Wald angebunden, krank und schmutzig.

Ihr Schützling ist tätowiert, schwer zu erkennen, aber wir konnten den Besitzer ausfindig machen. Der junge Tierarzt reichte Johanna einen Zettel mit Zahlen.

Meine Nummer steht auch drauf. Ihre hat der Empfang. Sobald wir mehr wissen, rufe ich an.

Johanna saß bei der Hündin, während diese Infusionen bekam, streichelte sie, flüsterte ihr leise ins Ohr. Doch die Hündin blieb apathisch, zeigte keinerlei Reaktion auf die Spritzen, die Streicheleinheiten, das Futter.

Sie will nicht mehr leben, flüsterte die Schwester. Verraten worden wissen Sie, wir haben angerufen, aber sie sagten nur wir hatten nie einen Hund.

Die Untersuchungsergebnisse waren nun vollständig. Der Chirurg bat Johanna am Abend zum Gespräch.

Ich will Sie nicht anlügen: die Situation ist katastrophal, fast aussichtslos. Zumal die Hündin den Lebenswillen verloren hat. Hätte sie Hoffnung, Hunger, den Wunsch zu trinken und Fürsorge einer liebenden Person, dann könnte man es wagen. Aber selbst dann nur ein Wunder Er stockte, so viele gingen schon durch meine Hände, aber jeder Fall ist der erste

Lassen Sie es uns versuchen!, Johanna ergriff seine Hand, Vielleicht geschieht ein Wunder.

Von morgens an saß Johanna an ihrem Platz, während die Hündin vor sich hinsiechte. Tränen liefen, sie flüsterte ihr Mut zu, kraulte hinterm Ohr, nahm ihren Kopf in die Hände, suchte Kontakt zu den starren Augen.

Wenn du stirbst, dann sterbe auch ich, hörte die Schwester. Als sie sich umdrehte, sah sie, wie Johanna mit dem Rücken zur Wand lehnte, Augen geschlossen, Tränen auf den Wangen. Schniefend wandte sich die Schwester ab.

Da spürte Johanna einen schwachen, warmen Hundezungenlecken auf ihrer Hand. Rasch schob sie den Wassernapf zur Hündin.

Die Operation dauerte nun schon drei Stunden. Johanna wartete, der Chirurg kam erschöpft heraus.

Die OP war erfolgreich, aber nichts ist garantiert. Sie ist noch in Narkose, es wäre besser, wenn Sie da sind, wenn sie aufwacht. Vielleicht gab es heute ein Wunder. Wir werden sehen.

Die Genesungszeit war schwer. Johanna nannte die Hündin Wunder. Fieber, Medikamente, schlaflose Nächte, Spritze um Spritze, immer wieder.

***

Vier Monate vergingen. Der Herbst zog golden durch die Straßen. Johanna und Wunder spazierten jeden Tag durch die Wälder. Die Hündin hatte verstanden, dass sie nicht erneut verlassen werden würde, sie hing immer mehr an ihrer neuen Herrin. Und doch

Johanna fürchtete, was passieren würde, wenn ihre Krankheit das letzte Wort sprach.

Sie begann, für Wunder nach einer Familie zu suchen. Endlich fand sich eine Möglichkeit. Die Übergabe sollte am Abend stattfinden, denn morgens brauchte Johanna einen Arzttermin. Die Ergebnisse ihrer eigenen Nachuntersuchungen lagen bereit.

Morgen erfahre ich die Wahrheit. Ich habe Angst, aber es muss sein. Ich muss es schaffen, damit Wunder neue Hände kennenlernt. Mein Gott, ich habe solche Angst

Nach einer schlaflosen Nacht fühlte Johanna sich leer; nur der Hund beschäftigte sie noch. Die Schwester rief sie ins Büro des Oberarztes.

Ihre Ergebnisse haben mich überrascht, erklang sanft die Stimme des Onkologen. Es kommt selten vor, aber scheinbar hat Ihr Körper reagiert. Es gibt Fortschritte Sie sind in Remission. Wir müssen Sie weiterhin beobachten. Ich wünsche Ihnen schnelle seelische Heilung. Glückwunsch! Es ist, wissen Sie wie ein Wunder!

Zu Hause begrüßte Wunder sie voller Freude, winselte, wedelte aufgeregt mit dem Schwanz, als wollte sie sagen: Wo warst du denn so lange? Ich hab mir Sorgen gemacht!

Johanna sank zu Boden und küsste die weiche Schnauze.

Wunder! Du bist ein Wunder. Du bist mein Wunder! Sie blieben lange umschlungen auf dem Teppich sitzen.

Gibt es ein größeres Glück, als zu spüren: Das Universum schenkt uns Zeit und wir schenken einander Liebe?

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Homy
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Du bist mein Wunder. Als Eva die Klinik verließ, hallten die Worte des Arztes wie ein Donnerschlag in ihrem Kopf: „Es tut mir leid, es ist zu spät… Sie sollten Ihre Angelegenheiten regeln… nur ein Wunder könnte jetzt noch helfen…“ Diagnose: Schonungslos, laut, unerbittlich – obwohl sie „die stille Krankheit“ genannt wird. Dieser heimliche Fresser hatte sich unbemerkt herangeschlichen. Vielleicht in jenem Jahr, als Eva nicht zum Medizinstudium zugelassen wurde, ihre Träume wie Seifenblasen zerplatzten. Vielleicht auch damals, als ihre Mutter hinter dem Haus ausrutschte, stundenlang auf dem eisigen Boden lag und nach wenigen Tagen leise für immer ging. Zu viele „Vielleichts“ sammelten sich in Evas Gedanken. Was wirklich der Auslöser war, blieb ungewiss. „Bringen Sie Ihre Angelegenheiten in Ordnung“, klang es nach. Doch was sollte sie noch regeln? Kinder hatte sie keine, Vermögen auch nicht, niemandem verpflichtet. Nur das Warten blieb. Und die vage Hoffnung auf ein Wunder. Tränen liefen über ihr Gesicht, während sie mechanisch die Hand hob, um sie fortzuwischen. Ohne es zu bemerken, hatte sie bereits das große Kliniktor hinter sich gelassen, war durch die platanengesäumte Allee auf die belebte Straße gelangt – Autos rauschten vorbei, die Menschen hetzten dem Leben entgegen. „Alle haben es so eilig zu leben, und ich…“ Eva seufzte. Plötzlich überkam sie ungeheure Müdigkeit, das Herz hämmerte wild. Sie lehnte sich an einen massiven Baum, rang nach Fassung. Ein, zwei, drei Minuten, dann schlug ihr Herz wieder gleichmäßig. Da kam auch schon das Taxi. Nur noch nach Hause. Zu den Wänden, zu den Erinnerungen, zu den Fotos. Gegenüber von Evas Wohnhaus begann der Wald – fernab der Neubauten blühte Alt-Berlin: Birken, Tannen, Fichten, Büsche, Pilze. Stille. Dort tankte Eva Kraft, lauschte dem Vogelgesang, atmete Nebel und betrachtete Spinnweben im Licht. Auch heute zog es sie dorthin. Im Regenmantel betrat sie den Wald, das Himmel trüb, ein feiner Niesel. Ungewohnte Stille empfing sie; die Natur hielt, als erwarte sie ein Gewitter, selbst die kleinen Stechmücken fehlten. Ein Schritt nach dem anderen, Biegung um Biegung – bis Eva plötzlich inne hielt: Ein seltsames Gefühl, etwas Schweres in der Seele. Sie lauschte – und sah dann, ein paar Meter neben dem Weg, einen verdreckten, kaum beweglichen Haufen. Hatte das Ding gestöhnt? Mit zwei Sätzen war sie bei dem Bündel. „Was ist das? Ach du meine Güte – ein Hund!“ Unterm Baum lag ein völlig verdreckter, abgemagerter Hund, festgebunden am Stamm. Mit blutigen Fingern öffnete Eva die klammen Knoten. Endlich frei, sah sie das Tier genauer an – eine riesige, faustgroße Geschwulst im Bauchbereich. Eva sackte nieder, weinte still, die Finger verschmierten Tränen und Dreck im Gesicht. Schließlich redete sie leise auf den Hund ein, bekam aber nur ein Stöhnen als Antwort. Kein Leben mehr in den müden Augen. Eva bastelte aus Regenmantel und Jacke eine Decke, wickelte das kaum wiegende Fellbündel vorsichtig ein und rannte Richtung Stadt. Die Tierärzte waren beim Anblick des Hundes erschüttert, stellten aber keine Fragen. „Alle Untersuchungen, alles was nötig ist, bitte – ich will ihr helfen“, keuchte Eva, dann fiel sie vor Erschöpfung auf der Liege in Ohnmacht. Der Hund blieb in der Praxis, Eva musste heim. Am nächsten Morgen wartete sie an der Klinikpforte. Der Tierarzt kam: „Noch ist es zu früh für Einschätzungen – wir päppeln sie erst einmal auf, machen weitere Untersuchungen. Ein paar Tage Geduld.“ „Übrigens: Wissen Sie, wie der Hund heißt? Sie ist gechippt, und wir haben den Eigentümer ermittelt.“ Eva schüttelte den Kopf: „Ich habe sie im Wald gefunden, krank, allein, angebunden.“ „Ich hab den Namen und meine Nummer notiert“, sagte der junge Mann und überreichte ihr einen Zettel. Im Krankenhaus blieb Eva täglich an der Seite der Hündin, streichelte, flüsterte, versorgte sie liebevoll – doch das Tier ignorierte alles. Kein Fressen, kein Trinken, keine Reaktion. „Sie will nicht mehr“, murmelte die Schwester, „sie ist verraten worden.“ Die Ergebnisse aller Untersuchungen kamen bald. Abends bat der Tierarzt Eva zum Gespräch. „Ich will nichts beschönigen: Es sieht schlimm aus, fast hoffnungslos. Wenn sie Hoffnung hätte, Lebenswillen und Fürsorge, dann vielleicht – aber auch dann… nur ein Wunder.“ „Lassen Sie es uns versuchen!“, Eva griff nach der Hand des Arztes. „Was, wenn genau das Wunder passiert?“ Am nächsten Morgen saß Eva wieder am Krankenbett. Die Hündin baute weiter ab, Eva weinte, redete ihr zu, kraulte sie. „Wenn du stirbst, sterbe ich auch“, hörte die Schwester. Schnell drehte sie sich weg, die Tränen liefen. Da spürte Eva, wie die Hundezunge sanft die Hand leckte. Sie schob ihr vorsichtig den Napf hin. Die Operation dauerte drei Stunden. Endlich kam der erschöpfte Chirurg heraus: „Die OP ist gut verlaufen, aber garantieren kann ich nichts. Bitte bleiben Sie bei ihr, wenn sie wieder zu sich kommt. Vielleicht ist heute ein Wunder geschehen.“ Eva nannte den Hund Marvel – ihr Wunder. Die Genesung war mühsam: Fieber, Medikamente, schlaflose Nächte, viele Spritzen. *** Vier Monate später: Der Herbst zog ins Land. Eva und Marvel spazierten wieder gemeinsam durch den Wald – Marvel blieb an ihrer Seite, vertraute ihr nun vollkommen, während Eva immer öfter mit Schrecken daran dachte: Wer wird sich kümmern, wenn meine Krankheit zurückkommt? Deshalb suchte sie eine Familie für Marvel. Ein Treffen wurde vereinbart, doch am Vormittag musste Eva noch zu ihren Kontrolluntersuchungen ins Krankenhaus. „Morgen erfahre ich die Wahrheit“, dachte sie angsterfüllt. „Ich muss es schaffen, bevor Marvel sich an jemand Neues gewöhnt. Oh Gott, wie fürchte ich mich…“ Nach schlafloser Nacht ging sie apathisch in die Klinik – nur Marvel zählte für sie. Die Schwester rief sie ins Arztzimmer. „Ihre Ergebnisse sind erstaunlich“, sagte der Onkologe mit warmer Stimme. „Es ist selten, doch in Ihrem Körper haben sich Veränderungen vollzogen – zum Guten. Sie sind in Remission. Sie müssen weiterhin unter Beobachtung bleiben, doch die Zeichen stehen gut – ein wahres Wunder!“ Zuhause erwartete sie Marvel mit freudigem Schwanzwedeln, als wolle sie fragen: „Wo warst du so lange? Ich hab mir Sorgen gemacht!“ Eva sank zu ihr auf den Boden, küsste die treue Schnauze. „Marvel! Du bist mein Wunder! Mein ganz persönliches Wunder!“ Und sie blieben noch lange gemeinsam auf dem Boden sitzen, in glücklichster Umarmung. Gibt es ein größeres Glück, als zu wissen: Das Universum schenkt uns Zeit – und wir schenken einander Liebe?
Wo das Licht nicht hinreicht