Du bist mein Wunder.
Johanna schlenderte ziellos durch die Straßen Hamburgs. In ihrem Kopf hallten immer wieder dieselben Wörter wider: Es tut mir leid, es ist zu spät wir können nichts ich kann nichts sagen, aber Sie sollten all Ihre Angelegenheiten regeln Schmerzmittel schade nur ein Wunder
Die Worte des Arztes hatten eingeschlagen wie ein Donnerschlag an einem klaren Sommertag. Die Diagnose kam abrupt, laut, unbarmherzig obwohl sie von einem stillen Leiden sprachen.
Dieser stille Fresser hatte sich heimlich angeschlichen, irgendwann vielleicht damals, als Johanna nicht an der Uni für Medizin angenommen wurde und ihr Traum wie eine Seifenblase zerplatzte. Vielleicht schon in dem Winter, als ihre Mutter hinter dem Altbau ausrutschte, fast drei Stunden im Schnee lag und dann, ohne je wirklich aufzuwachen, leise einige Tage später entschlief. Oder vielleicht vielleicht
Dieses Vielleicht, dachte Johanna, konnte man unendlich fortführen. Niemand wusste, was der Auslöser gewesen war.
Regeln Sie Ihre Angelegenheiten, klang es nach. Ach, welche Angelegenheiten denn keine Kinder, kein Vermögen, sie schuldete niemandem etwas. Nur warten nur warten nur ein Wunder
Johanna bemerkte nicht, wie Tränen über ihr Gesicht liefen, sie strich sie mechanisch mit dem Handrücken weg. Kaum war sie durch das schmiedeeiserne Tor des Universitätsklinikum Eppendorf getreten, folgte sie der langen Allee, in deren schwerem Schatten mächtige Linden standen. Die Straße lag vor ihr, hektische Autofahrer preschten vorbei. Alle hatten es eilig, wollten leben und sie?
Alle hetzen sie durchs Leben, und ich seufzte Johanna bitter.
Plötzlich überkam sie schlagartig eine bleierne Müdigkeit, ihr Herz pochte wild, sie musste sich an einem Baumstamm abstützen.
Eine Minute, zwei, drei ihr Herz beruhigte sich wieder. Da ein Taxi. Nach Hause. Dort waren die Wände, die Erinnerungen, die Fotos.
Gegenüber ihrer Mietwohnung in Hamburg-Volksdorf begann der Wald. Hier hatte die Stadt das Bauprojekt noch nicht ausgeweitet, der alte Stadtteil atmete tief: Birken, Fichten, Kiefern; Kräuter, Büsche, Pilze. Johanna liebte es, im Wald spazieren zu gehen er gab ihr Kraft, schenkte ihr Nebel, Vogelgesang, kleine Spinnen in funkelndem Tau.
Auch heute beschloss Johanna, einen Spaziergang zu wagen. Sie schlüpfte in ihren Regenmantel, der Himmel war grau, feiner Nieselregen setzte ein. Der Wald empfing sie mit einer ungewohnten Stille. Die Natur schien den Atem anzuhalten, sogar die Mücken hielten sich zurück.
Sie schlenderte einen Pfad nach dem anderen entlang, bog um eine Ecke, dann noch eine. Ohne es zu bemerken, war sie weit ins Grün vorgedrungen. Ein schweres Gefühl regte sich in ihr. Sie blieb stehen, lauschte in die Stille was war das? Etwas hatte sie beunruhigt. Wachsam blickte sie sich um, suchte nach dem Ursprung ihres Unbehagens.
Am Rand eines kleinen Dickichts, ein paar Meter abseits des Wegs, bemerkte sie einen Haufen, der sich zart bewegte. Für einen Moment meinte Johanna, ein leises Stöhnen zu hören.
Mit zwei schnellen Schritten war sie dort.
Was ist das? Ach du Schreck, ein Hund! rief sie.
Unter einer alten Eiche lag eine Hündin schmutzig, abgemagert, an den Baum gebunden. Mit aufgeschürften Fingern löste Johanna das nasse Seil. Als das Tier endlich frei war, erkannte Johanna den schmerzhaften Ernst der Lage eine große Schwellung am Unterleib, fast so groß wie eine Männerfaust. Johanna lehnte sich hilflos gegen den Baum, Tränen verschleierten ihr Gesicht, das sich mit Dreck verschmierte.
Nachdem sie sich gefangen hatte, hockte Johanna sich hin und versuchte, mit der Hündin zu sprechen, doch die stöhnte nur und war zu schwach, um die Augen zu öffnen.
Mit dem Regenmantel und ihrem Kapuzenpullover fertigte Johanna eine Decke, in die sie die Hündin vorsichtig einwickelte. Das kleine, leichte Tier trug sie Richtung Stadt.
Die Tierärzte waren überrascht beim Anblick der Hündin, verzichteten aber auf Fragen.
Bluttests, Ultraschall, Röntgen machen Sie alles, was nötig ist, ich will ihr helfen, sagte Johanna und sank auf die Untersuchungsliege, bevor sie kurz das Bewusstsein verlor.
Die Hündin blieb zur Beobachtung in der Tierklinik, während Johanna nach Hause geschickt wurde.
Am nächsten Morgen stand sie wieder am Gartenzaun der Klinik. Der Tierarzt kam heraus und meinte, es sei noch zu früh für ein Urteil; in ein paar Tagen wisse man mehr.
Bis dahin sorgen Sie sich nicht, sie ist hier gut aufgehoben. Kennen Sie überhaupt den Namen der Hündin oder dass sie reinrassig ist?
Nein, ich fand sie im Wald angebunden, krank und schmutzig.
Ihr Schützling ist tätowiert, schwer zu erkennen, aber wir konnten den Besitzer ausfindig machen. Der junge Tierarzt reichte Johanna einen Zettel mit Zahlen.
Meine Nummer steht auch drauf. Ihre hat der Empfang. Sobald wir mehr wissen, rufe ich an.
Johanna saß bei der Hündin, während diese Infusionen bekam, streichelte sie, flüsterte ihr leise ins Ohr. Doch die Hündin blieb apathisch, zeigte keinerlei Reaktion auf die Spritzen, die Streicheleinheiten, das Futter.
Sie will nicht mehr leben, flüsterte die Schwester. Verraten worden wissen Sie, wir haben angerufen, aber sie sagten nur wir hatten nie einen Hund.
Die Untersuchungsergebnisse waren nun vollständig. Der Chirurg bat Johanna am Abend zum Gespräch.
Ich will Sie nicht anlügen: die Situation ist katastrophal, fast aussichtslos. Zumal die Hündin den Lebenswillen verloren hat. Hätte sie Hoffnung, Hunger, den Wunsch zu trinken und Fürsorge einer liebenden Person, dann könnte man es wagen. Aber selbst dann nur ein Wunder Er stockte, so viele gingen schon durch meine Hände, aber jeder Fall ist der erste
Lassen Sie es uns versuchen!, Johanna ergriff seine Hand, Vielleicht geschieht ein Wunder.
Von morgens an saß Johanna an ihrem Platz, während die Hündin vor sich hinsiechte. Tränen liefen, sie flüsterte ihr Mut zu, kraulte hinterm Ohr, nahm ihren Kopf in die Hände, suchte Kontakt zu den starren Augen.
Wenn du stirbst, dann sterbe auch ich, hörte die Schwester. Als sie sich umdrehte, sah sie, wie Johanna mit dem Rücken zur Wand lehnte, Augen geschlossen, Tränen auf den Wangen. Schniefend wandte sich die Schwester ab.
Da spürte Johanna einen schwachen, warmen Hundezungenlecken auf ihrer Hand. Rasch schob sie den Wassernapf zur Hündin.
Die Operation dauerte nun schon drei Stunden. Johanna wartete, der Chirurg kam erschöpft heraus.
Die OP war erfolgreich, aber nichts ist garantiert. Sie ist noch in Narkose, es wäre besser, wenn Sie da sind, wenn sie aufwacht. Vielleicht gab es heute ein Wunder. Wir werden sehen.
Die Genesungszeit war schwer. Johanna nannte die Hündin Wunder. Fieber, Medikamente, schlaflose Nächte, Spritze um Spritze, immer wieder.
***
Vier Monate vergingen. Der Herbst zog golden durch die Straßen. Johanna und Wunder spazierten jeden Tag durch die Wälder. Die Hündin hatte verstanden, dass sie nicht erneut verlassen werden würde, sie hing immer mehr an ihrer neuen Herrin. Und doch
Johanna fürchtete, was passieren würde, wenn ihre Krankheit das letzte Wort sprach.
Sie begann, für Wunder nach einer Familie zu suchen. Endlich fand sich eine Möglichkeit. Die Übergabe sollte am Abend stattfinden, denn morgens brauchte Johanna einen Arzttermin. Die Ergebnisse ihrer eigenen Nachuntersuchungen lagen bereit.
Morgen erfahre ich die Wahrheit. Ich habe Angst, aber es muss sein. Ich muss es schaffen, damit Wunder neue Hände kennenlernt. Mein Gott, ich habe solche Angst
Nach einer schlaflosen Nacht fühlte Johanna sich leer; nur der Hund beschäftigte sie noch. Die Schwester rief sie ins Büro des Oberarztes.
Ihre Ergebnisse haben mich überrascht, erklang sanft die Stimme des Onkologen. Es kommt selten vor, aber scheinbar hat Ihr Körper reagiert. Es gibt Fortschritte Sie sind in Remission. Wir müssen Sie weiterhin beobachten. Ich wünsche Ihnen schnelle seelische Heilung. Glückwunsch! Es ist, wissen Sie wie ein Wunder!
Zu Hause begrüßte Wunder sie voller Freude, winselte, wedelte aufgeregt mit dem Schwanz, als wollte sie sagen: Wo warst du denn so lange? Ich hab mir Sorgen gemacht!
Johanna sank zu Boden und küsste die weiche Schnauze.
Wunder! Du bist ein Wunder. Du bist mein Wunder! Sie blieben lange umschlungen auf dem Teppich sitzen.
Gibt es ein größeres Glück, als zu spüren: Das Universum schenkt uns Zeit und wir schenken einander Liebe?




