Das Erbe – Eine große, energische Frau mit goldblondem Haarkranz und strahlend blauen Augen mischt das Zugabteil auf, sorgt für Ruhe und schüchtert mühelos selbst die breitesten Männer ein. Ihr zerbrechlicher Lebensgefährte, Nikolaus, ein verträumter, liebenswerter Tüftler mit kindlichem Blick, ist gänzlich auf sie angewiesen. Beim Abendessen im Speisewagen erzählt Anna, wie sie Nikolaus von seiner verstorbenen Ehefrau Lidia „geerbt“ hat: Er ein Genie, doch im Alltag hilflos wie ein Kind, völlig verloren nach dem Tod seiner Frau. Lidia bat kurz vor ihrem Tod Anna, für ihren Mann zu sorgen. Anna übernahm liebevoll diese Aufgabe, zog sogar bei Nikolaus ein – zum Erstaunen und Spott ihrer Umgebung. Doch sie bewies, dass auch ein Mensch – wie ein ausgesetztes Tier – ein neues Zuhause finden kann. Jetzt reist Anna mit Nikolaus zu seinem Sohn, sorgt rührend für ihn, hält ihn inmitten des Menschenstroms fest am Jackenkragen – und schon wird klar: Dieses ungleiche Paar, zwei Sonnenkinder, hat gemeinsam ein neues Glück gefunden.

Das Erbe

Eine große, resolute Frau trat aus dem Abteil des Zuges und räumte mit fester Stimme und entschlossenen Schritten jeden aus dem Weg, der den anderen Fahrgästen die Ruhe raubte. Es war erstaunlich zu sehen, wie sogar selbstbewusste Männer, ohne zu zögern, zur Seite traten, als hätte jemand den Befehl dazu gegeben.

Ihr Haar war zu dicken, weizenblonden Zöpfen geflochten, die sie wie eine Krone um den Kopf legte. Ihre stahlblauen Augen blitzten entschlossen, dazu leuchteten kräftige Wangen vor gesunder Röte. Ihr Blick ging in Richtung der Zugtoilette. Dort kam gerade ein schmächtiger, älterer Herr herauseilt, das weiße Haar so fein wie Flusen, das Gesicht kindlich rührend.

Niklas! Da bist du ja endlich! Ich hatte dich schon verloren. Ach, ich höre draußen Lärm, die Schaffnerin traut sich kaum heran da dachte ich schon, hoffentlich ist dir nichts passiert! Dich kann man ja alleine nirgends lassen! sagte die Frau laut und voll Besorgnis.

Ach, Annerose! Ich hätte es ihnen schon gezeigt! Was machst du denn hier draußen, liebste Annerose? Du bist doch die Dame! Niklas lächelte verlegen und huschte in das Abteil zurück.

Mit prüfendem Blick sah Annerose die übrigen Fahrgäste kurz an, fand wohl keinen Anlass zur Sorge und verschwand ebenfalls.

Später begegneten wir uns erneut im Speisewagen des Zuges. Es war kein Platz frei, also setzte ich mich zu Annerose an den Tisch. Niklas war nicht zu sehen. Nachdem sie mit bemerkenswerter Entschlossenheit ihr Fleisch und die Kartoffeln verzehrt hatte, sagte sie mit sonorer Stimme:

Mein Name ist Annerose Althaus. Sie können ruhig Annerose sagen.

Sind Sie allein unterwegs? Kommt Ihr Mann noch? fragte ich.

Der ruht sich aus. Er kommt nicht mehr. Ich hab ihm den Hals sorgfältig mit einem Schal umwickelt, Preiselbeersaft geholt. Stellen Sie sich vor, da fährt man weg und Niklas wird krank! Was soll man da machen! Er flitzte doch tatsächlich nur im Pullover über den Flur. Da habe ich wohl zu wenig aufgepasst! erklärte sie mit Nachdruck.

Sie scheinen ihn wirklich sehr zu lieben, meinte ich träumerisch. Sie wollten schon vor den Unruhestiftern draußen für ihn einstehen ja, Sie sind es, die ihn beschützen, nicht er Sie. Und wie fürsorglich Sie über ihn sprechen!

Annerose winkte ab. Ach, Niklas ist mir in gewissem Sinne vererbt worden. Eigentlich ist er gar nicht mein Mann aber wir leben zusammen. Seine erste Frau ist vor kurzem gestorben. Eine heilige Frau, wirklich gutherzig!

Wie bitte? Vererbt? entgegnete ich erstaunt.

Da begann Annerose zu erzählen.

Niklas hatte früher mit Lidia zusammengelebt sie kannten sich noch aus der Schulzeit, studierten gemeinsam, heirateten. Niklas war ein außergewöhnlicher Kopf erfinderisch, voller Fantasie; Aufträge von großen Firmen kamen herein, finanziell fehlte es ihnen an nichts. Nur im Alltag da war Niklas verloren. Er vergaß im Supermarkt regelmäßig das Rückgeld, überquerte Straßen an den ungünstigsten Stellen, wusste nie, wo was einzukaufen war, wie man überhaupt lebt. Naiv, wie aus einer anderen Welt. Er gab sogar Fremden Geld, wenn sie ihn darum baten.

Dein Mann ist wie von einem fremden Stern als hätte ihn jemand irrtümlich auf die Erde geschickt! Und wir rackern und kriegen kaum etwas hin, während ihm das Geld nur so zufließt! wunderten sich ihre Freunde.

Lidia beklagte sich nie. Ihre Energie reichte für beide; sie kleidete ihren Mann für die Arbeit an, kontrollierte die Handschuhe, band den Schal, kaufte später ein Auto, um ihn zu fahren einmal hatte Niklas im Taxi sogar die eigene Adresse vergessen, weil er so vertieft in seine Gedanken war. Sie ergänzten sich auf wundersame Weise.

Als Lidia einmal für eine Woche im Krankenhaus lag, fiel sie bei der Rückkehr fast in Ohnmacht: Niklas hatte die ganze Zeit nur trockene Nudeln gegessen, getrunken wurde Wasser. Nicht einmal den Wasserkocher hatte er benutzt, das Essen im Gefrierfach war unberührt.

Ohne dich macht es keinen Spaß. Ich habe nicht einmal Hunger ohne dich! grinste Niklas schüchtern.

Ihr Sohn, Andreas, kam ganz nach ihm hochintelligent, doch schüchtern und zerstreut. Andreas Intelligenz wurde überall geschätzt, für das Alltägliche hingegen suchte er sich wie sein Vater eine ruhige, bodenständige Frau: eine Elisabeth vom Land. Das Oberhaupt der Familie blieb unangefochten Lidia. Und gerade, als sie sich darauf vorbereitet hatte, weiterhin die Familie zu tragen, wurde der kleine Enkel Alexander geboren und Lidia wurde krank, schwer krank.

Das Haus verdüsterte sich, Niklas war in Panik. Er suchte Hilfe bei den besten Ärzten, wollte jede Summe bezahlen doch dagegen half kein Geld der Welt.

Lidias Herz blutete, aber nicht für sich. Sie hielt tapfer durch, doch sie fürchtete: Wie sollen Niklas und Andreas ohne sie zurechtkommen? Sie würden untergehen wie eine zarte Orchidee, die man im Herbst nach draußen setzt, in der Hoffnung, sie würde Wurzeln schlagen!

Sie betete, nicht für sich, sondern dass Gott Niklas, Andreas und dem Enkel helfen möge. In dieser Zeit tauchte Annerose auf. Sie arbeitete als Pflegerin und war eine entfernte Verwandte des behandelnden Arztes.

Beim ersten Besuch öffnete ihr ein beinah zerbrechlich wirkender Mann, sprach so leise, dass man ihn kaum verstand. Überall Unordnung und Verzweiflung: Wäscheberge, ungewaschenes Geschirr obwohl eine Spülmaschine dastand das ganze Haus war von Trostlosigkeit erfüllt.

Im Schlafzimmer, auf dem Bett, lag die kranke Lidia, schwach und abgemagert. Sie schenkte Annerose ein dankbares Lächeln, und Annerose krempelte sofort die Ärmel hoch.

Am Abend war alles verwandelt: Die Wohnung duftete nach frisch gebratenen Frikadellen und Brathähnchen, alles war blitzsauber, die Fenster geöffnet. Lidia schlief im frisch bezogenen Bett ein. Niklas, der gerade in dünner Windjacke das Haus verlassen wollte, wurde von Annerose energisch angewiesen:

Stopp! Wo wollen Sie denn so, Herrmann? In der Kälte ohne Jacke hinaus das fehlt noch, dass wir Sie auch noch verlieren! Ihre Frau braucht Sie gesund. Also, hier Jacke an, Schal drum, Mütze auf. So, nun los und keine Diskussion!

Lidia hatte Tränen in den Augen. Krach herrschte nun nicht mehr alles war geordnet. Zwar war Annerose laut, bewegte sich wie ein Elefant im Porzellanladen, aber sie hatte ein großes Herz und flinke Hände.

Danke, lieber Gott. Jetzt sind sie in guten Händen, flüsterte Lidia.

Als es ihr schließlich schlechter ging, wollte sie mit Annerose sprechen. Sie plauderte über dies und das Annerose lebte mit Mutter und der Familie der Schwester in einer engen Zweizimmerwohnung. Daheim war es immer voll, daher arbeitete sie viel. Annerose war 45, nie verheiratet gewesen, Affären gab es, aber nie einen Hochzeitsmarsch. Sie machte sich nichts daraus, war zufrieden.

Da erklärte Lidia ihr: Annerose, bitte pass auf Niklas auf, wenn ich gehe. Ich hinterlasse ihn dir sozusagen per Testament. Er ist so ein Gutmütiger der braucht einfach jemanden!

Annerose war perplex, wollte ablehnen, aber Lidia räumte alle Bedenken aus:

Lehn nicht ab. Kümmere dich nur ein bisschen um ihn. Annerose, ich würde vor dir auf die Knie fallen, wenn ich könnte, flüsterte sie, und Annerose versprach es ihr.

Nach Lidias Tod war Annerose hin- und hergerissen. Sie dachte: Ach was, die Leute fangen eh an zu reden, als ob ich nur wegen der Wohnung gekommen wäre. Zumal Niklas ihr überhaupt nicht gefiel und sie ihm scheinbar auch nicht. Was für ein Mensch war das? Wie Sonnenschein.

Aber ein Versprechen ist ein Versprechen. Sie beschloss, ihn zu besuchen. Niemand öffnete. Sie drückte die Tür auf nicht abgeschlossen. Im hinteren Zimmer, da, wo Lidia auf dem Boden gelegen hatte, hockte Niklas. Er hielt den Bademantel seiner Frau fest umschlungen und schluchzte, so verzweifelt wie ein von seinem Herrn verlassener Hund. Annerose trat zu ihm, nahm seine Hand, er klammerte sich fest, weinte.

Ach, du armer Kerl. Lidia hatte Recht du bist ganz verloren. Aber jetzt, jetzt trinken wir erstmal einen Tee, ja? Nur ruhig, ich bin ja da!

Annerose war voller Mitleid, voller Güte.

Das Leben kehrte zurück ins Haus. Niklas wartete auf sie bei jedem Besuch, freute sich wie ein Kind.

Bald bin ich dann bei ihm eingezogen, erzählte Annerose mir stolz. Warum sollte ich ihn allein lassen? Meine Familie war froh, dass ich auszog, sie hatten dann mehr Platz. Im Grunde habe ich ein großes Kind bekommen, keinen Mann aber einen klugen! Geldsorgen gibt es mit Niklas keine. Er überzeugte mich sogar, meine Nebenjobs als Pflegekraft aufzugeben. Einige Nachbarn lästerten, doch ich habe ihnen schnell beigebracht, ihren Mund zu halten. Die Leute retten Hunde und Katzen von der Straße warum denn nicht auch einen Menschen? So einer wie Niklas, ganz hilflos, so wie eine auf den Rücken gedrehte Schildkröte! Wie soll der denn klarkommen? Ich helfe, so lange ich kann. Er ist freundlich. Wir brauchen einander! Jetzt sind wir auf dem Weg zu seinem Sohn, er bat um Hilfe mit dem Enkel. Annerose lachte zufrieden. Ich schaffe auch zehn, wenns sein muss!

Da öffnete sich die Tür des Speisewagens. Niklas kam herein, trug einen langen Schal und hielt ein Sträußchen bunter Wiesenblumen fest umklammert.

Warum bist du aufgestanden? Du bist doch noch schwach! Ach, man kann dich wirklich nicht allein lassen! Du schwitzt schon wieder, du musst dich umziehen! schimpfte Annerose, nahm ihren lebendigen Erben bei der Hand und eilte zur Tür.

Und Niklas flüsterte: Annerose! Ich hab dir Blumen gekauft, von den Omas am Bahnhof! Gefallen sie dir?

Annerose errötete noch stärker und legte ihm zärtlich die Hand auf die Schulter.

Sie stiegen an einem früheren Bahnhof aus Annerose mit dem großen Koffer, Niklas mit einer kleinen Tasche, sie hielt ihn stets fest am Jackenkragen, damit er im Menschentrubel nicht verlorenging. Und sie lächelten beide, wie zwei Sonnen, dass jedem klar wurde: Sie wird ihm eine wirklich gute, zweite Frau sein.

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Homy
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Das Erbe – Eine große, energische Frau mit goldblondem Haarkranz und strahlend blauen Augen mischt das Zugabteil auf, sorgt für Ruhe und schüchtert mühelos selbst die breitesten Männer ein. Ihr zerbrechlicher Lebensgefährte, Nikolaus, ein verträumter, liebenswerter Tüftler mit kindlichem Blick, ist gänzlich auf sie angewiesen. Beim Abendessen im Speisewagen erzählt Anna, wie sie Nikolaus von seiner verstorbenen Ehefrau Lidia „geerbt“ hat: Er ein Genie, doch im Alltag hilflos wie ein Kind, völlig verloren nach dem Tod seiner Frau. Lidia bat kurz vor ihrem Tod Anna, für ihren Mann zu sorgen. Anna übernahm liebevoll diese Aufgabe, zog sogar bei Nikolaus ein – zum Erstaunen und Spott ihrer Umgebung. Doch sie bewies, dass auch ein Mensch – wie ein ausgesetztes Tier – ein neues Zuhause finden kann. Jetzt reist Anna mit Nikolaus zu seinem Sohn, sorgt rührend für ihn, hält ihn inmitten des Menschenstroms fest am Jackenkragen – und schon wird klar: Dieses ungleiche Paar, zwei Sonnenkinder, hat gemeinsam ein neues Glück gefunden.
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