In jener Nacht habe ich meinen Sohn und seine Frau kurzerhand vor die Tür gesetzt und ihnen die Schlüssel abgenommen: Es war der Moment, in dem mir klar wurde es reicht.
Es war eine bittere Szene. Nach all den Monaten kam der Tag, an dem ich Michael und seine Frau Annemarie einfach hinauswarf. Ich hatte gefühlt, wie sich etwas in mir verhärtete. Keine Schuldgefühle. Kein schlechtes Gewissen. Nur Klarheit das war der letzte Tropfen. Sie selbst hatten mich zu dieser Entscheidung getrieben.
Alles begann ein halbes Jahr zuvor. Wie gewohnt kam ich abends völlig erschöpft von der Arbeit nach Hause, sehnte mich nach einer Tasse Tee, nach Ruhe. Als ich die Tür aufschloss, empfing mich in der Küche ein unerwartetes Bild: Mein Sohn Michael, seine Frau Annemarie. Sie schnitt Wurst, er blätterte entspannt in der Süddeutschen, lächelte mich wie selbstverständlich an:
Hallo, Mama! Wir dachten, wir schauen mal vorbei!
Zunächst schien es harmlos. Ich freute mich immer, Michael zu sehen. Doch dann zog es mir buchstäblich den Boden unter den Füßen weg: Sie waren nicht zu Besuch sie waren mit Sack und Pack eingezogen. Ohne Ankündigung, ohne zu fragen, einfach da.
Schnell wurde klar, sie waren aus ihrer Wohnung in München rausgeflogen monatelang keine Miete gezahlt. Ich hatte ihnen immer geraten: Lebt bescheiden, gebt nicht mehr aus, als ihr habt! Aber sie wollten Altbau in Schwabing mit Parkett und Balkon. Als das schiefging, kamen sie natürlich zu mir.
Mama, nur eine Woche. Versprochen, wir suchen sofort was Eigenes, versicherte Michael.
Ich, die Gutmütige, habe ihnen geglaubt. Dachte, eine Woche werde ich überstehen wir sind doch Familie. Hätte ich geahnt, was daraus würde
Eine Woche verging, dann noch eine. Dann Monate. Niemand suchte eine Wohnung. Sie machten es sich hier ganz behaglich, benahmen sich, als gehöre alles ihnen. Weder fragten sie mich um Erlaubnis, noch halfen sie. Und Annemarie um Gottes Willen, wie habe ich mich in ihr getäuscht.
Sie aß kaum, kümmerte sich nicht um den Haushalt. Tagsüber zog sie mit Freundinnen um die Häuser, abends lag sie mit dem Handy faul auf dem Sofa. Ich kam von der Arbeit, kochte, wusch Geschirr, räumte hinter ihnen auf, während Annemarie lebte wie im Kurort. Nicht einmal ihre eigene Kaffeetasse spülte sie ab.
Einmal schlug ich vorsichtig vor, sie könnten doch etwas dazuverdienen. Kaum wars ausgesprochen, kam Annemaries spitze Antwort:
Wir wissen schon, wie wir leben wollen. Danke für die Sorge.
Ich bezahlte das Essen, Wasser, Strom, Heizung. Von ihnen kam kein einziger Cent. Es war, als sei das selbstverständlich. Kamen Unannehmlichkeiten, wurde gleich ein Drama daraus. Jede kleinste Bitte meinerseits ein Orkan.
Und dann, vor einer Woche. Es war spät, ich lag im Bett und wälzte mich schlaflos. Im Wohnzimmer dröhnte der Fernseher, Michael und Annemarie lachten, unterhielten sich laut. Am nächsten Morgen musste ich früh raus. Ich ging zu ihnen:
Ihr Lieben, könntet ihr langsam schlafen gehen? Ich muss morgen früh raus.
Michael nur: Ach Mama, sei doch nicht so. Dramatisier doch nicht alles.
Annemarie, ohne aufzuschauen: Frau Elisabeth, bloß keine Nerven.
Da riss innerlich etwas. Ich war wie erstarrt.
Packt eure Sachen. Bis morgen seid ihr weg.
Wie bitte?
Ihr habt mich gehört. Geht. Sonst fange ich an, eure Klamotten rauszustellen.
Ich drehte mich um, wollte ins Schlafzimmer gehen, da raunte Annemarie noch irgendetwas vor sich hin. Das war zu viel. Wortlos schnappte ich mir drei große Einkaufstaschen und begann alles, was ihnen gehörte, zusammenzustopfen. Sie versuchten mich noch zu stoppen, flehten sogar aber es war zu spät.
Entweder ihr seid gleich weg, oder ich rufe die Polizei.
Eine halbe Stunde später standen ihre Koffer im Flur. Ich nahm ihnen die Wohnungsschlüssel ab, ohne Tränen, ohne Bedauern nur Bitterkeit und böse Blicke. Aber das war mir egal. Ich schloss die Haustür, drehte dreimal den Schlüssel um und setzte mich erschöpft an den Küchentisch. Zum ersten Mal seit sechs Monaten herrschte Ruhe.
Wohin sie gingen? Ich weiß es nicht. Annemarie hat Familie in Augsburg, Freundinnen hat sie ja auch zuhauf irgendwo würde sie schon unterkommen. Ich bin sicher, sie werden klarkommen.
Bereue ich es? Nein. Ich habe richtig gehandelt. Denn das hier sind meine vier Wände. Meine Festung. Und ich lasse nicht zu, dass jemand sie mit schmutzigen Schuhen betritt nicht einmal mein eigener Sohn.




