Die alte Frau kämpfte sich hoch, um mit ihrer Schüssel voll Brot in den Garten zu gehen.
Mühsam richtete sie sich aus dem Bett auf, stützte sich an der Wand ab und tastete sich zur Tür. In der Küche griff sie nach einer Schüssel mit Brotkrümeln und trat hinaus in den kühlen Morgen.
Als ob ich mich erst wieder einrosten müsste, murmelte sie. Die Hühner gackern schon so laut. Soll ich sie auf den Kohlacker lassen? Abends kriege ich sie nicht mehr zusammen. Ach, was denk ich da nur? Bald steckt mich meine Schwiegertochter ins Altersheim.
Sie öffnete die Tür zum Hühnerstall. Sieben Hennen flatterten heraus, gefolgt von einem stolzen Hahn. Die Alte streute die Krümel auf den Boden und ging ins Haus.
Als sie zurückkam, musterte sie ihren Garten.
Gertrud! rief die Stimme der Nachbarin vom Zaun herüber. Immer noch so fleißig? Du bist doch schon fast neunzig.
Wie soll ich denn sonst sein, Margarete? Die Alte trat näher. Der Kohl und die Möhren warten noch. Zum Glück hat mein Enkel Michael mit seiner Anna schon die Kartoffeln rausgeholt.
Du hast einen guten Enkel!
Es ist schwer für ihn jetzt ohne den Vater. Tränen glänzten in ihren Augen.
Ach, Gertrud, jetzt wein nicht, tröstete Margarete. Dein Sohn leidet nicht mehr. Ein ganzes Jahr konnte er sich nicht rühren. Was glaubst du, wie ihm das gefallen hat? Jetzt sieht er dich vom Himmel aus.
Margarete, er war erst sechzig! Stark, wie er war. Und innerhalb eines Jahres dahingerafft.
Bald bin ich auch bei meinem Sohn.
Beeil dich nicht, Gertrud! Du hast noch Zeit. Leb ein bisschen weiter!
Ja, wie denn? Ein schwerer Seufzer entwich ihr. Ende September, und die Kälte kommt. Wie soll ich hier allein überleben?
Aber du hast doch deine Schwiegertochter und die Enkel.
Ach, Margarete, was redest du da? Michael hat drei Kinder und die Schwiegermutter wohnt bei ihm. Johanna mit ihren beiden Kindern hockt in einer Einzimmerwohnung.
Und Katharina, die Schwiegertochter?
Die denkt nur an meinen Tod. Als die vierzig Tage nach Danils Tod vorbei waren, hörte ich sie zu Johanna sagen, sie wolle mein Haus verkaufen und ihr eine Wohnung kaufen.
Das darfst du nicht zulassen, Gertrud!
Johanna ist meine Enkelin. Sie soll ordentlich wohnen.
Und du?
Dann lande ich halt im Altersheim. Weißt du, Margarete, dort wird sich wenigstens jemand um mich kümmern. Hier habe ich schon Angst, den Ofen anzuheizen. Und Holz habe ich keins mehr. Ich erfriere hier, und niemand merkt es.
Danke, Margarete! Na, ich muss weiter. Sie winkte ab. Die Hühner sind frei. Gleich sind sie im Kohl. Ich hol die Eier!
Die Bäuerin schlurfte zum Stall.
Am nächsten Morgen spürte Gertrud, wie die Kälte zunahm. Sie wollte nicht aus den Decken kriechen. Aber sie musste.
Zitternd stand sie auf, hüllte sich in eine Wolldecke und stapfte in den Garten. Kaum hatte sie die Hühner gefüttert, hörte sie das Auto des Enkels vorfahren. Normalerweise kam er nur am Wochenende heute war Mittwoch. Die Alte spürte, dass sich etwas ändern würde.
Hallo, Oma!
Was ist passiert?, fragte sie misstrauisch.
Es reicht jetzt. Du bleibst nicht länger allein hier. Er deutete zum Himmel. Der Winter kommt.
Und meine Hühner? Der Kohl und die Möhren sind noch nicht geerntet, jammerte sie.
Oma, ich kümmere mich um die Hühner. Und jetzt ernte ich Kohl und Möhren, während du packst. Los, beeil dich!
Gertrud zögerte. Über sechzig Jahre hatte sie hier gelebt, seit Hans sie als junge Braut hierhergebracht hatte. Hier war Daniel geboren worden. Fünfzehn Jahre war Hans nun tot und jetzt auch Daniel. Tränen liefen ihr übers Gesicht.
Langsam rappelte sie sich auf. Durchs Fenster sah sie den Enkel, wie er die letzten Möhren aus der Erde zog und den Kohl schnitt. Eine gute Ernte. Solch prächtige Köpfe. Tief seufzend begann sie, ihre Sachen zusammenzusuchen.
Was nehme ich mit? Alles zurückzulassen tut weh. Aber ich kann nicht alles mitnehmen. Und im Altersheim lassen die das überhaupt zu? Sie griff nach dem Fotoalbum. Damit ich mich erinnere. Und die Papiere. Sie verkaufen das Haus was, wenn etwas fehlt?
Oma, wie lange brauchst du noch?, rief der Enkel. Alles ist geerntet. Am Wochenende verteile ich es.
Er lud ihre Sachen ins Auto und half ihr hinein. Gertrud blickte aus dem Fenster, während das Dorf hinter ihnen verschwand.
Bald tauchten fünfstöckige Häuser auf. Das Auto hielt.
Ach, wir sind bei Daniels Haus, dachte sie verwundert. Will er mich von Katharina verabschieden lassen?
Hallo, Tante Gertrud!, begrüßte Katharina sie strahlend und gab ihr einen Kuss auf die Wange.
Hallo, Katharina!, erwiderte sie und dachte: Sie hat Angst, dass ich ihr das Haus nicht überlasse.
Tante Gertrud, wir haben dir Daniels altes Zimmer freigeräumt, sagte die Schwiegertochter, während ihr die Tränen kamen. Und alles neu gemacht. Sie schob sie ins Zimmer. Neues Bett, neuer Schrank.
Katharina, die Alte verstand langsam. Ich komme nicht ins Altersheim?
Mutter, bitte, hör auf!
Warum weint ihr?
Oma, wer hat dir denn erzählt, wir würden das Haus verkaufen?, lachte der Enkel. Wir machen ein Ferienhaus daraus. Im Sommer sind wir alle dort. Und der Wald ist gleich daneben.
Gertruds Herz wurde leicht. Sie hatte doch gute Enkel.
Und was für eine Schwiegertochter! Wie konnte ich das vierzig Jahre lang übersehen?





