Tagebucheintrag, 12. April
Nach zwölf gemeinsamen Jahren hat meine Frau Emilia etwas Unerwartetes vorgeschlagen. Sie meinte: Ich liebe dich, aber ich glaube, es gibt da noch eine Frau, die dich sehr liebt und sich wünscht, mehr Zeit mit dir zu verbringen. Erst war ich perplex, aber sie lächelte und erklärte weiter: Ich meine deine Mutter. Sie hatte recht. Meine Mutter, Elisabeth, ist seit fast zwanzig Jahren Witwe, und oft kommt sie in meinem hektischen Alltag mit den Kindern und meinem Beruf zu kurz. Ich schäme mich, wie selten ich wirklich Zeit mit ihr verbringe.
An diesem Abend, nach langem Zögern, griff ich zum Telefon. Hallo Mama, hättest du Lust, morgen mit mir essen zu gehen und vielleicht noch ins Kino? Am anderen Ende der Leitung eine überraschte, etwas besorgte Stimme: Ist alles in Ordnung, Ludger? Dass ich so spät anrufe, passiert selten, und sofort befürchtet sie das Schlimmste. Ich versuchte, sie zu beruhigen: Mir gehts gut! Ich dachte nur, wir könnten einen schönen Abend zusammen verbringen. Nach einer kurzen Pause hörte ich sie leise lächeln: Das würde mir gefallen.
Am Freitag holte ich sie direkt nach Feierabend in Osnabrück ab. Mein Magen kribbelte leicht warum war ich so nervös? Als ich schließlich vorfuhr, stand sie schon in der Haustür. Die Haare zu einem ordentlichen Dutt gesteckt, den neuen altrosanen Wollmantel über die Schultern geworfen, und sie trug tatsächlich das grüne Kleid, das sie sich zu ihrem letzten Geburtstag gegönnt hatte.
Weißt du, ich habe heute meinen Kaffeefreundinnen erzählt, dass mein Sohn mich heute ausführt. Die waren ganz beeindruckt!, lachte sie, als sie einstieg. Im Auto spürte ich plötzlich, wie lange es her ist, dass wir so miteinander unterwegs waren.
Wir sind zu einem kleinen, gemütlichen Gasthaus in der Stadt gefahren kein schnöseliges Restaurant, sondern eines dieser traditionellen, mit karierten Tischdecken und vertrauten Gerüchen. Mama hakte sich bei mir ein, ganz würdevoll, als wäre sie mindestens die Oberbürgermeisterin persönlich. Am Tisch musste ich die Speisekarte laut vorlesen, weil die Buchstaben für sie zu klein waren. Während ich las, bemerkte ich, wie sie mich mit einem vertrauten, wehmütigen Lächeln anschaute.
Weißt du noch, wie ich dir immer vorgelesen habe, als du klein warst? sagte sie.
Ich nickte. Jetzt bist du mal dran, dich einfach zurückzulehnen, Mama.
Unser Gespräch beim Essen war leicht und herzlich. Es war kein tiefgründiges Gespräch, sondern einfach Zeit miteinander, über die letzten Wochen, Erinnerungen, ein wenig Klatsch von der Nachbarin. Das Essen zog sich, und wir verquatschten uns so sehr, dass wir erst kurz vor Filmbeginn das Kino erreichten zu spät, um noch reinzugehen. Wir lachten darüber und machten uns nichts daraus.
Als ich sie später nach Hause fuhr, sagte sie: Nächstes Mal lade ich dich ein.
Zu Hause fragte Emilia neugierig: Und, wars schön? Viel schöner, als ich gedacht hätte, gab ich ehrlich zu. Es war, als hätte ich ein Stück Kindheit zurückbekommen.
Drei Tage danach es regnete, als hätte der Himmel es geahnt verstarb meine Mutter plötzlich an einem Herzinfarkt. Keine Anzeichen, kein Abschied.
Wenige Tage später lag ein Brief für mich im Briefkasten. Im Umschlag steckte die Quittung aus dem Gasthaus und ein handgeschriebener Zettel in ihrer verschnörkelten Schrift: Ich habe für unser nächstes gemeinsames Abendessen schon bezahlt. Ich weiß nicht, ob es mir möglich sein wird, ein weiteres Mal mit dir essen zu gehen, aber ich wollte zumindest für zwei bezahlen: für dich und Emilia. Ich kann dir nicht sagen, wieviel mir unser gemeinsamer Abend bedeutet hat. Mein Sohn, ich hab dich lieb.
Jetzt, da ich diese Zeilen schreibe, spüre ich, wie sehr ich diesen Abend gebraucht habe. Manche Gelegenheiten gibt es wirklich nur einmal. Ich werde ihn nie vergessen.




