Neustart nach vierzig
Unter der Woche wacht Birgit meistens vor dem Wecker auf. Nicht, weil sie ausgeschlafen ist, sondern weil in ihr schon der unsichtbare Timer läuft: rechtzeitig aufstehen, schnell duschen, die Haare zum Zopf binden, einen Joghurt runterwürgen, E-Mails checken, während der Tee zieht. In der Wohnung ist ruhig, nur der Kühlschrank brummt leise, und durchs Fenster hört sie, wie unten jemand sein Auto startet.
Birgit lebt mit ihrem Mann Thomas und ihrem Sohn Leo, der als Teenager grundsätzlich später aufsteht und immer mault, wenn man ihn hetzt. Thomas geht früh zur Arbeit, und morgens reden sie fast nur in knappen Sätzen miteinander, mehr Austausch als Gespräch.
Ihr Job klingt auf Papier gut: Projektkoordinatorin. In Wirklichkeit heißt das Excel-Tabellen, Mails, ewiges Abstimmen, Fristen, Erwartungen anderer und das ständige Bedürfnis, gelassen, höflich und erreichbar zu bleiben. Birgit kann ihr Pokerface aufsetzen, kann die Wogen glätten, so antworten, dass niemand Anstoß nimmt. Das wird geschätzt. Das Gehalt kommt pünktlich, alles schön offiziell, Urlaub nach Plan, private Zusatzversicherung, die sie kaum nutzt.
Im Büro riecht es nach Kaffee vom Automaten und dem staubigen Papier der Drucker. Birgit sitzt an ihrem Tisch am Fenster, klappt das Laptop auf und der Tag zerfällt in Aufgaben wie in kleine Zettel. Manchmal schaut sie auf ihre Hände, wie sie auf der Tastatur liegen, und denkt: wie viele Jahre tippen sie eigentlich schon fremde Wörter? Der Gedanke ist albern, aber er haftet. Dann erinnert sie sich an ihr Schulheft wie sie in der fünften Klasse Gesichter und Bäume in die Ränder malte. Die Handarbeitslehrerin sagte einmal: Du hast ein Auge. Das klang damals wie Versprechen, aber im Alltag Prüfungen, Studium, Job, Baufinanzierung hat es sich einfach aufgelöst.
Oben auf dem Küchenschrank liegt immer noch die Aquarellkasten, vor zehn Jahren mal zum Ausprobieren gekauft. So lange steht die da, dass sie schon zum Inventar gehört. Birgit wischt manchmal Staub drumherum, geöffnet hat sie die Schachtel nie.
Die Veränderungen begonnen nicht mit einem großen Knall, sondern kleinen Momenten, die einzeln genommen hätten schnell abgehakt werden können, aber dieses Mal eben nicht.
Erst am Montag ruft der Abteilungsleiter Birgit zu sich. Er ist ein trockener Kerl, spricht leise, aber so, dass sofort alle verstummen. Birgit, Sie haben den Dienstleister wieder nicht genug unter Druck gesetzt. Wir haben zwei Tage verloren. Das war Ihr Bereich. Er wird nicht laut, aber das macht es schlimmer. Birgit erklärt, dass sie zig Mal angerufen und Mails geschrieben hat alles dokumentiert. Er nickt distanziert, schließt aber nur mit: Sie hätten eine Lösung finden müssen.
Als sie wieder an ihrem Platz sitzt, spürt Birgit, wie ihre Finger zittern. Sie starrt lange auf den Bildschirm, sieht aber keine Buchstaben.
Mittwoch ruft dann eine ehemalige Kollegin an, mit der Birgit früher eng zusammen war. Sie erzählt, dass ein gemeinsamer Bekannter, nur etwas älter als Birgit, einen Schlaganfall hatte. Er lebt, aber… Danach folgen Krankenhauserzählungen, wie schnell alles ging. Birgit hört zu, nickt automatisch, obwohl das niemand sieht. Nach dem Gespräch geht sie aufs Klo, schließt die Kabinentür und fängt plötzlich an zu weinen. Nicht weil sie sich so verbunden fühlt. Eher, weil es so leicht ist, sich selbst in der Situation vorzustellen, weil irgendwann so geradlinig zu jetzt werden kann.
Am Freitag zu Hause während des Essens meint Thomas: Meine Firma hält den Bonus nun doch wieder zurück. Ist halb so wild, aber wir sollten grad echt auf die Ausgaben achten. Er sagt es, als würde er das Wetter verkünden. Birgit nickt, weiß aber, dass halb so wild in Wahrheit heißt: keine Lieferdienste, Turnschuhe für Leo erstmal nicht, der Wochenendausflug auf unbestimmt. Und: bloß keinen Fehler erlauben.
Am Samstag trifft sie sich mit ihrer Freundin Heike in einem kleinen Café nahe der U-Bahn. Heike ist Schulpsychologin und strahlt immer so eine Ruhe aus, als hätte sie tatsächlich das Atmen perfektioniert. Sie reden über ihre Jungs, Preise, Rückenschmerzen. Irgendwann schaut Heike Birgit prüfend an und fragt: Wie gehts dir, wirklich?
Birgit will automatisch Passt schon sagen, aber es bleibt ihr im Hals stecken. Sie merkt, dass dieses passt schon einfach gelogen wäre und das tut sie schon zu lange.
Ich bin müde, sagt sie leise. Und ich glaube, ich… bin irgendwie falsch.
Heike versucht nicht, gleich zu beschwichtigen. Sie nickt nur, so als hätte sie das eh geahnt.
Du hast doch immer gezeichnet. Weißt du noch, wie du beim Betriebsfest die Tischdecken bemalt hast, während wir aufs Essen warteten?
Birgit lacht verlegen, fast wie erwischt beim Kritzeln in der Schule. Das war nur Blödsinn.
Und wenn nicht?, fragt Heike und lehnt sich vor. Wann hast du zuletzt irgendwas nur gemacht, weil du es spannend fandest?
Sie weiß es nicht. Ihr fallen nur To-dos ein, die man muss, und manchmal Abende auf der Couch, an denen sie News scrollt, um nichts zu denken.
Ich bin dreiundvierzig, sagt Birgit schließlich. Was für spannend.
Heike zuckt die Schultern: Dreiundvierzig ist kein Todesurteil, nur ‘ne Zahl. Die Frage ist: Was willst DU wirklich noch machen?
Abends im Bett kann sie ewig nicht einschlafen. Thomas atmet schon ruhig, Leo zockt noch mit Kopfhörern. Birgit starrt in die Dunkelheit und weiß: Lass ich alles, wie es ist, wird auch in ein, zwei oder zehn Jahren alles so bleiben. Sie denkt an den Bekannten im Krankenhaus, den Chef, die Prämie, an den Aquarellkasten. Ihr inneres Unbehagen, das sonst wie stilles Brummen unter allem war, wird formuliert: Darf sie überhaupt etwas anderes wollen?
Am nächsten Tag holt sie den Aquarellkasten vom Schrank. Der Deckel knackt, die Näpfchen kleben schon aneinander. Sie findet altes Druckerpapier, stellt Wasserglas dazu und zieht die Farbe übers Blatt. Es wird nichts. Wasser läuft weg, alles krumm und bucklig. Aber Birgit empfindet Erleichterung, als hätte sie sich endlich erlaubt, nicht perfekt zu sein.
Montag schaut sie in der Pause auf der Seite der Münchner Volkshochschule nach. Da ist ein Kurs: Basis Freies Zeichnen & Malerei für Erwachsene. Abends, zweimal die Woche, drei Monate, die Gebühr 240 Euro wäre zu schaffen, wenn sie ein paar Kleinigkeiten spart. Birgit starrt lang auf den Anmelden-Button und fühlt sich, als läge eine Gefahrenwarnung dahinter. Dann schreibt sie ihre Daten, zahlt, bekommt die Bestätigung. Die Hände werden ihr feucht.
Thomas davon zu erzählen, ist schwerer als die Anmeldung.
Ich hab mich für einen Malkurs angemeldet, sagt sie abends beim Essen. Leo daddelt am Handy, Thomas isst schweigend.
Malkurs?, fragt er.
Zeichnen und Malen. Für Erwachsene.
Thomas erstarrt mit der Gabel in der Hand. Warum?
Birgit hat alle Erklärungen zurechtgelegt: Für mich, runterkommen, wollte ich schon immer. Aber in seinem Warum klingt sie gleich wieder wie das Schulmädchen, das um Erlaubnis bittet.
Weil ich es will, sagt sie und erschrickt fast vor ihrer Klarheit.
Thomas legt die Gabel weg.
Gerade ist doch nicht die Zeit für so was Wir haben noch die Baufinanzierung, Leo muss bald Abi machen. Und dein Job ist doch okay. Warum was riskieren?
Leo schaut auf: Mama, wirst du jetzt Künstlerin?
Er meints nicht böse, nur neugierig. Birgit spürt einen warmen Stich, dann wieder Angst.
Ich weiß nicht, sagt sie ehrlich. Ich wills einfach mal probieren.
Thomas seufzt: Probiers aber lass drunter nicht das andere schleifen.
Dieses nicht drunter leiden lassen steht im Raum wie ein Vertragszusatz.
Die ersten Stunden im Kurs erinnern sie an den Kunstunterricht in der Realschule, bloß ohne Notendruck. Es riecht nach Gouache, Papier, Wasserbechern. Verschiedenste Leute sitzen an langen Tischen: Eine junge Frau im roten Pullover, ein etwas älterer Mann mit Bart, eine Dame mit Kurzhaar, wirkt wie Ärztin. Die Dozentin ist energisch, erklärt, wie man locker Bleistift hält, wie man Form sieht, keine Angst vorm weißen Blatt haben muss.
Birgit ist blockiert. Sie klammert den Stift zu fest, die Hand wird lahm. Alle anderen wirken so viel talentierter. Kommt die Dozentin vorbei, richtet Birgit sich automatisch wie zur Lehrerkontrolle auf. Allmählich aber, von Einheit zu Einheit, merkt sie: Die Angst weicht. Wenn sie sich auf die Linie konzentriert, auf das Licht am Apfel im Stillleben, wird es besser.
Zu Hause gönnt sie sich jeden Tag etwas Zeit. Nur eine halbe Stunde nach dem Essen, wenn Thomas Nachrichten schaut und Leo an den Hausaufgaben sitzt. Papier, Wasserglas, Pinsel auf dem Tisch. Manchmal geht Thomas vorbei, wirft einen Blick, bleibt meist still. Ab und zu: Und, wie läufts? da ist dann Neugier und Skepsis zusammen.
Im Büro nimmt sie sich mittags die Zeit, draußen spazieren zu gehen statt am Rechner den Lunch runterzuschlingen. Sie beobachtet Menschen, wie Schulterpartien fallen, wie Licht auf Gesichter fällt und überlegt, wie sie das zeichnen würde. Sie fühlt sich fremd, aber auch belebt. Gleichzeitig kommt das schlechte Gewissen: als klaue sie Zeit von Familie oder Arbeit.
Nach einem Monat kündigt der Chef ein neues Projekt an, jetzt sind Überstunden angesagt. Birgit sitzt im Meeting, während Aufgaben verteilt werden und denkt nur: Dienstag, Donnerstag ist Kurs. Sie hebt die Hand: Ich habe dienstags und donnerstags abends einen festen Termin, kann an anderen Tagen Überstunden machen.
Der Chef guckt, als hätte sie laut etwas Peinliches gesagt. Was für einen festen Termin?
Sie spürt, wie sie errötet. Einen Kurs.
Fortbildung?
Birgit schluckt. Nein. Zeichnen.
Im Raum schnaubt jemand. Der Chef hält kurz inne, sagt dann: Frau Neumann, alle müssen jetzt mitziehen. Private Spielereien stellen wir hintenan.
Das Wort Spielerei trifft tiefer als gedacht. Birgit nickt, innerlich brodelt sie. Nach dem Meeting sagt ein Kollege, noch recht jung, grinsend: Künstlerin, was? Hauptsache die Reports passen trotzdem.
Birgit lächelt, fühlt die Hitze in den Ohren.
Abends geht sie trotzdem zum Kurs. Im U-Bahn sitzt sie da, fragt sich, ob vielleicht der Chef recht hat. Ob das alles eine Laune ist, eine Eskapade. Aber als sie die Staffelei, den einfachen Krug und den Apfel sieht, fällt der Druck langsam ab. Hier erwartet niemand Nützlichkeit, nur dass sie wirklich HINSCHAUt.
Mitte des Kurses schlägt die Dozentin eine kleine Werkschau im Stadtteilzentrum vor. Unverbindlich, einfach ein paar Arbeiten aufhängen, Freunde einladen. Birgit will zuerst absagen. Ihre Zeichnungen zu zeigen, erscheint ihr schlimmer als Überstunden.
Es ist kein Examen, sagt die Dozentin. Nur die Gelegenheit, zu sehen, was ihr geschaffen habt.
Birgit macht schließlich mit. Sucht drei Werke aus: ein Bleistift-Stillleben, ein Aquarell von der Isar und ein Porträt von Leo, das sie heimlich nach Foto gemalt hat. Es ist schräg, aber die Augen sind lebendig.
Genau in dieser Phase trifft das, wovor sie Angst hat. Bei Thomas in der Firma wird noch mal das Urlaubsgeld gestrichen. Er kommt mit dunklem Gesicht heim.
Wir müssen mal unser Budget sortieren, sagt er zu Birgit, als sie allein in der Küche sitzen. Die Rate fürs Haus bleibt, klar.
Birgit nickt, gewöhnt sich schon ans Streichen aller Posten, die entbehrlich sind.
Und vielleicht pausierst du den Kurs nach dem Block erstmal? Dann kannst du ja später fortsetzen.
Birgit spürt so ein leises, aber festes: Nein. Keine Wut, kein Aufbäumen, nur Sturheit.
Der Kurs ist bezahlt und läuft eh in vier Wochen aus.
Mir gehts nicht um Geld, sagt Thomas. Du bist abends spät weg, schlapp. Leo isst oft allein. Ich auch.
Birgit könnte sagen, dass Leo ohnehin schon sehr eigenständig ist, Thomas auch oft für sich lebt und sie immer müde ist. Doch es kommt nichts raus. Ineinander sehen sie, dass der andere eben kein Feind ist. Thomas hat einfach Angst: davor, dass das fragile Gleichgewicht ihres Alltags kippen könnte.
Ich kann auf Teilzeit umsteigen oder mehr Homeoffice machen, platzt es aus Birgit raus. Ich erkundige mich mal.
Thomas hebt die Brauen.
Im Ernst?
Ob sie es ernst meint? Sie weiß es nicht. Aber jetzt, wo es ausgesprochen ist, klingt es wie ein Beschluss.
So weiter geht es nicht mehr, sagt Birgit. Ich will nicht mehr nur funktionieren.
Thomas schweigt. Dann sagt er: Ich versteh dich nicht ganz. Aber ich will auch nicht, dass du es später bereust.
Birgit denkt: Bereuen tut sie längst, aber nicht wegen des Kurses.
Ihr richtiger Tiefpunkt kommt als die Gruppe Gipskopfe zeichnet. Birgit müht sich voll ab, misst alles aus, radiert, zieht wieder neue Linien. Sie glaubt, diesmal klappt es. Die Dozentin kommt; Birgit schaut hoffnungsvoll hoch.
Sie sind sehr genau, Birgit. Aber Sie trauen sich nicht, Fehler zu machen. Deshalb fehlt Ihren Zeichnungen die Form, sie sind zu flach, kein Volumen.
Birgits Kehle schnürt sich zu.
Ich bemühe mich, bringt sie heiser heraus.
Das sehe ich. Aber bemühen reicht nicht. Sie müssen sich erlauben, das Blatt zu versauen. Sonst bleibt es immer ordentlich, aber tot.
Es trifft. Es geht nicht nur um das Blatt. Sie erkennt sich, erkennt Job, Leben, das ewige nicht anecken. Alles, um nur nirgends negativ aufzufallen.
An dem Abend schleppt sie sich heim, bleibt kurz im Flur stehen, geht nicht in die Küche. Im Bad stützt sie sich am Waschbecken ab, schaut in den Spiegel. Eine Frau mit müden Augen und Graphitspuren auf den Fingern blickt sie an. Sie denkt: Was für ein Witz. Hab geglaubt, ich könnte noch mal neu anfangen, aber so sieht es aus. Am liebsten würde sie sofort absagen, alles verstecken, Malsachen weit oben auf den Küchenschrank zurückstellen.
Im Wohnzimmer sitzt Leo und macht Hausaufgaben, Thomas scrollt am Handy. Birgit stellt den Wasserkocher an, holt Tassen, ihre Hände zittern.
Mama, sagt Leo ohne aufzublicken, kommst du morgen zu meinem Spiel? Wir spielen gegen die andere Klasse.
Birgit blinzelt. Ja, ich komm.
Nicht zu spät!, ruft er.
Thomas schaut hoch. Und du? Alles gut?
Birgit will passt schon sagen kriegt es aber nicht raus.
Schlecht, sagt sie. Heute meinte meine Dozentin, alles, was ich mache, ist tot.
Thomas schaut irritiert. Wer?
Kunstkurs. Aber… sie meint nicht nur die Zeichnung.
Nach einer Pause legt Thomas das Handy weg.
Ich versteh dein Malen nicht wirklich, sagt er sanft. Aber ich seh, dass du dabei aufblühst und leide mit, wenn es nicht läuft. Das gehört dazu, bei allem.
Birgit schaut ihn an. Es fällt von ihr ab, nicht, weil er unterstützt, sondern weil er sie gerade nicht als Teil der Kalkulation betrachtet.
Ich hab Angst, dass es nur Spielerei bleibt, dass es nichts Ernstes ist.
Was ist denn schon richtig ernst? Nur auszuhalten zählt nicht. Und du kündigst ja nicht übermorgen.
Birgit merkt plötzlich: Der eigentliche Konflikt ist nicht alles hinschmeißen oder ewig durchhalten. Es geht darum, sich wenigstens ein eigenes Eckchen zu nehmen, anstatt sich ganz zu verstecken.
Am nächsten Tag geht sie zu Leos Spiel und später zur Arbeit danach zum Malkurs. Sie kommt extra früher, breitet Papier und Stifte aus. Als es losgeht, nimmt sie einen neuen Bogen und denkt: Lass es schiefgehen. Lieber hässlich und lebendig als schon wieder brav. Sie zeichnet lockerer, löscht, probiert, entdeckt plötzlich Volumen, noch grob, aber echt.
Eine Woche später steht sie im Personalbüro der Firma, fragt nach Teilzeit oder Hybrid-Modell. Geht nach Absprache mit Chef und Zettel mit Bedingungen: weniger Geld, weniger Sicherheit, aber auch weniger Gefühl, am eigenen Leben vorbeizurennen.
Den Termin mit ihrem Vorgesetzten verschiebt sie lang. Am Ende erwischt sie ihn in guter Laune.
Ich möchte über mein Pensum sprechen. Kann ich auf Teilzeit oder tageweise Homeoffice umstellen?
Der Chef seufzt. Frau Neumann, jetzt ist echt nicht der beste Zeitpunkt.
Versteh ich. Aber für mich auch nicht. Ich brenne gerade ziemlich aus.
Das Wort ausbrennen ist ihr fast peinlich. Sie rechnet mit einem Spruch doch der Chef atmet nur tief.
Okay. Wir probierens. Zwei Tage Homeoffice, drei Monate, wenn Leistung passt, bleibts. Wenns nicht läuft, zurück.
Birgit nickt und muss sich am Türrahmen festhalten, so sehr flattern die Knie. Kein Triumph, aber echte Zwischenerlaubnis.
Beim Kursschaufenster in der Stadtbibliothek ist sie viel zu früh da, hilft aufhängen. Es riecht nach alten Büchern und Bohnerwachs. Die Werke ihrer Leute: mutige Porträts, schüchterne Skizzen, bunte Bilder von Münchner Plätzen. Birgit pinnt ihre Blätter an, schreibt Namen dazu. Ihr Herz hämmert.
Thomas kommt mit Leo. Sie schauen sich die Bilder an, bleiben am Porträt stehen.
Das soll ich sein?, fragt Leo überrascht.
Ja, sagt sie.
Er kommt näher: Krass… sieht aus wie ich, nur ernster.
Birgit will erklären, dass sie die Mimik nie richtig trifft. Tupft ihm aber nur auf die Schulter: Manchmal bist du auch so.
Leo grinst: Cool, Mama.
Thomas schweigt, sieht die Bilder lang an, sagt dann leise: Ist irgendwie… richtig echt.
Birgit guckt auf ihre Arbeiten, sieht nicht nur Fehler, sondern vor allem Zeit, die sie aus der Routine gerettet hat. Sie sieht, wie sie gelernt hat, nicht mehr alles hinter Perfektion zu verstecken. Die Ängste sind noch da. Aber sie sind nicht mehr die einzigen Stimmen.
Nachdem die Besucher gegangen sind, nimmt sie die Bilder ab, legt sie in die Mappe. Die Dozentin kommt vorbei, sagt: Heute wirkten Sie gelöst.
Birgit nickt: Ich glaub, ich hab verstanden, dass ich nicht gleich gut sein muss. Ich muss nur machen.
Die Dozentin lächelt: Genau das ist Arbeit.
Spätabends legt Birgit die Mappe ins Regal zu Leos Büchern nicht oben aufs Schränkchen wie früher. Auf dem Küchentisch liegt das Formular zum Hybridmodell, daneben der Haushaltsplan, den sie mit Thomas jetzt durchrechnet.
Sie schenkt sich Wasser ein, setzt sich ans Fenster und blickt auf den ruhigen Hof. Die Lichter im Mietshaus gegenüber gehen einer nach dem anderen aus. Morgen wieder Büro, E-Mails, Absprachen. Abends steht wieder Kurs an weißes Papier, das sich erst wehrt. Birgit weiß, dass sie Angst hat. Aber auch: Jetzt ist es kein Grund mehr, stehenzubleiben.
Sie nimmt die Zeichnung mit dem misslungenen Gipskopf hervor, dreht sie um und schreibt auf die Rückseite: Sich erlauben, Blätter zu versauen. Dann legt sie das Blatt zurück in die Mappe, wie man eine Zimmertür schließt, zu der man zurückkommen kann.





