Einer Frau widerspricht man besser nicht
Die Schwiegermutter fauchte ins Telefon:
Wenn du mit deinem Mann nicht klarkommst, dann reiche doch die Scheidung ein!
Endlich wird mein Traum wahr, dachte sie wohl. Ich werde dich los
Hildegard war den Tränen nahe:
Frau Schulze, was sind Sie nur für ein Mensch?!
Unsere Familie geht kaputt, ich versuche, meinen Mann da rauszuziehen
Und Sie raten mir ernsthaft zur Scheidung, anstatt zu helfen?!
Seit sieben Jahren hatte Hildegard keinen Kontakt mehr zu ihrer Schwiegermutter Anna Schulze. Und ehrlich gesagt vermisste sie das auch nicht ohne die Mutter ihres Mannes lebte es sich viel entspannter.
Anna Schulze hingegen sah das ganz anders.
Sie war fest entschlossen, ihrer Schwiegertochter regelmäßig mit Anrufen und Nachrichten das Leben schwerzumachen.
So hatte sie auch heute schon zum vierten Mal innerhalb einer Stunde angerufen.
Ihr Mann, Uwe, bekam das natürlich mit.
Wahrscheinlich geht es wieder um den Schrebergarten, murmelte er. Die Saison beginnt ja.
Diese verdammten tausend Quadratmeter! Bestimmt braucht sie wieder Hilfe
Das sind DEINE tausend Quadratmeter, korrigierte Hildegard. Oder eher ihre. Meine sind es definitiv nicht.
Deshalb fühle ich mich auch nicht verpflichtet, dort zu helfen. Ist das klar?
Uwe schwieg.
Einerseits hatte Hildegard natürlich Recht. Andererseits
Seine Mutter, Anna Schulze, war eine energische, laute Frau und besaß ein Grundstück, das eher einem kleinen Gutshof als einem normalen Garten glich.
Und sie führte ihn genauso: mit eiserner Hand.
Das Wort »bitte« konnte sie gar nicht aussprechen. Es gab nur Befehle: »Bring her«, »Hol ab«, »Grab um«, »Ernte ein«.
Nie ein »Könntest du bitte«.
Ihre Kinder und Enkelkinder sah sie ausschließlich als kostenlose Arbeitskräfte an.
Hildegard erinnerte sich an den Tag, der alles veränderte. Das lag ungefähr sieben Jahre zurück. Es war Herbst, sie und Uwe trugen einen Berg von Kartoffeln aus dem Keller.
Der Rücken tat ihnen schrecklich weh ihre Gummistiefel waren ihr zudem drei Nummern zu groß.
Uwe, fertig mit der Arbeit, schaute zu seiner Mutter in den Keller.
Mama, wir fahren dann heim. Geb uns bitte einen Sack Kartoffeln mit, ja?
Der Winter ist lang, die Kinder mögen Kartoffelbrei. Das spart etwas Geld.
Anna Schulze blinzelte nur. Sie hatte ihr ganzes Leben ihr Gemüse auf dem Wochenmarkt verkauft, und jede Kartoffel war für sie vor allem bares Geld.
Ach Kind, weißt du, sie zuckte mit den Schultern. Die sind schon alle versprochen. Ich hab die im Sommer schon an zwei Händler verkauft.
Alle? fragte Uwe entgeistert. Mama, nicht mal einen Sack für uns? Wir haben sie doch selbst angepflanzt! Und geerntet.
Ich hatte euch doch vor drei Jahren ein Netz angeboten. Ihr habt abgelehnt.
Na also, wars wohl nicht so wichtig für euch, drehte sie es hastig. Meine Rente ist klein, das weißt du doch. Jeder Cent zählt.
Willst du Kartoffeln, kannst du sie bei mir kaufen.
Für dich mache ich Sonderpreis. Aber schenken kann ich dir leider nichts!
Uwe schwieg damals. Er nickte nur, nahm Hildegard an die Hand und ging zum Auto.
Auf dem Heimweg sagte er dann bestimmt:
Wir nehmen von ihr nie wieder irgendwas. Und: Ich helfe ihr nicht mehr in dem Ausmaß.
Seitdem hatten sie ihre Arbeit auf wenige Beet-Reihen zur Seelenpflege reduziert.
Die Schwiegermutter verlor damit ihre kostenlosen Arbeitskräfte.
Kartoffeln kauften sie ab jetzt nur noch im Supermarkt. Aus Prinzip. Um nicht um ihr Recht bitten zu müssen.
Doch während das Gartenproblem gelöst war, blieb der schwierige Charakter von Anna Schulze bestehen.
Dass ihre Schwiegertochter sie ignorierte, konnte und wollte sie nicht akzeptieren.
Wieder klingelte das Telefon. Hildegard legte das Küchenmesser weg und sah Uwe an.
Fährst du hin?
Muss wohl, Hilde. Der Zaun hängt schief.
Die Kinder gebe ich nicht mit, sagte sie fest.
Die wollen eh nicht mit.
Die Enkel hatten Angst vor ihrer Großmutter. Für sie war sie keine freundliche Oma mit Kuchen, sondern eine laute, ständig unzufriedene Frau, die ohne Grund mit Ohrfeigen und Gemecker um sich warf.
Und sie konnten es nicht leiden, dass sie ihre Mutter ständig schlechtmachte.
Eure Mutter hat keinen Respekt vor mir, hetzt euch gegen mich auf! schimpfte die »liebe Großmutter«. Sie hält sich für was Besseres! Auf ihren Schrebergarten kann sie ja verzichten.
Sagt ihr, sie ist undankbar!
Die Kinder kamen jedes Mal verstört und launisch zurück das hatte Hildegard schließlich unterbunden.
Also gut, klopfte Uwe leise auf den Tisch. Ich fahr schnell rüber. Bin bald zurück.
Er fuhr los, und Hildegard, die das Mittagessen fertig zubereitet hatte, setzte sich erschöpft hin.
Erinnerungen stiegen auf. Vor allem an jenen Augenblick, als sie begriff, dass Anna Schulze nicht einfach nur schwierig, sondern regelrecht feindlich war.
***
Vor drei Jahren war Uwe plötzlich in ein Loch gefallen. Erst harmlos abends ein paar Stunden am Computer, um sich zu entspannen.
Strategiespiele, Online-Gefechte, virtuelle Welten.
Hildegard schenkte dem erst wenig Beachtung: Soll er doch spielen, dachte sie. So entspannt er sich nun einmal.
Doch bald wurden daraus Nächte. Uwe kam von der Arbeit, aß flüchtig und nahm im Sessel Platz.
Glasiger Blick, einsilbige Antworten auf Fragen, er bekam weder Kinder noch Frau mit.
Am Wochenende saß er 30 oder 40 Stunden am Stück vor dem Rechner.
Hildegard verzweifelte.
Was tun? Wie konnte sie ihren Mann retten?
Sie versuchte es immer wieder mit Gesprächen, aber ohne Erfolg.
Uwe, wir müssen reden, suchte sie den Kontakt. Sieh mich doch an!
Lass mich in Ruhe, ich hab ein Online-Match.
Deine Familie sitzt hier, nicht dein Clan!
Als sie begriff, dass Worte nichts halfen, wagte sie einen härteren Schritt: versteckte Ladegeräte, gab den Laptop zu ihren Eltern, verkaufte den alten PC zum Spottpreis.
Doch das half kaum: Uwe schimpfte sie aus und kaufte sich sofort einen neuen Rechner.
Es war eine echte Abhängigkeit.
Der Mann, den sie liebte, entfernte sich immer mehr sogar die Kündigung im Job stand schon im Raum.
In ihrer Verzweiflung rief Hildegard die Schwiegermutter an.
Sie dachte: Sie ist seine Mutter, wie schwierig sie auch ist, sie liebt ihren Sohn doch.
Sie würde helfen, ihm ins Gewissen reden, Einfluss nehmen.
Sie wählte die Nummer mit zitternder Stimme.
Frau Schulze, es ist schlimm. Uwe ist völlig abgetaucht in diese Spiele…
Er sieht die Familie nicht mehr.
Bitte reden Sie mit ihm, als Mutter, als Erwachsene.
Er hört mich nicht mehr. Unsere Ehe steht vor dem Aus!
In der Leitung trat Stille ein. Hildegard hatte Unterstützung erwartet, vielleicht das Angebot, gleich vorbeizukommen.
Doch der Ton von Anna Schulze war überraschend ruhig, fast triumphierend:
Wenn du nicht klar kommst, lass dich scheiden.
Wie bitte? Hildegard konnte es kaum fassen.
Was du gehört hast. Quäl den Jungen nicht. Er soll seine Sachen nehmen und zu mir ziehen.
Ich hab genug Arbeit. Schrebergarten, das Dach ist undicht
Er ist bei mir wichtiger als bei dir. Dann kann er sich auch von deinem Gezeter erholen!
Hildegard erstarrte vor Entsetzen. Von ihrer Schwiegermutter kam nur Neid und Besitzdenken.
Sie erinnerte sich sofort an deren 70. Geburtstag, etwa zwei Jahre vor diesem Gespräch.
Der Tisch war reich gedeckt, Gäste waren da, auch Hildegards Eltern.
Anna Schulze, schon etwas angeheitert vom selbstgemachten Eierlikör, erhob plötzlich das Glas.
Sie sah in die Runde und sagte, direkt auf Hildegards Eltern blickend:
Ich warte ja nur darauf, dass er zurückkommt. Mein Haus ist groß, hier ist immer Platz für ihn.
Frauen kommen und gehen, aber eine Mutter bleibt.
Ihr werdet schon sehen, er kommt wieder zu mir zurück!
Hildegards Eltern waren sprachlos.
Und Hildegard selbst dachte nur: Was der Betrunkene schon sagt, hat der Nüchterne längst gedacht.
***
Die Hilfe kam aus ganz anderer Richtung, als Hildegard schon fast keinen Ausweg mehr sah.
Ihr ehemaliger Schwager, Dieter, war dem Alkohol verfallen, hatte seinen guten Job, Wohnung und vor allem die Familie verloren.
Seine Frau, Hildegards Schwester, packte die Kinder und zog aus. Sie kam nie zurück.
Für Dieter war das der Wendepunkt.
Er schaffte den Absprung. Wurde ein anderer schweigsam, aber zielstrebig.
Die Familie bekam er trotzdem nicht mehr zurück.
Eine zerbrochene Tasse klebt man nicht, hatte ihre Schwester gesagt.
Dieter lebte mit der Schuld, griff aber nie wieder zum Glas.
Hildegard fand seine Nummer und rief an.
Dieter, hier ist Hilde. Ich brauche Hilfe.
Dieter kam eine Stunde später vorbei. Er fand Uwe, der wortlos und lustlos in sein Handy starrte, in der Küche.
Na, du Zocker, begrüßte Dieter ihn und setzte sich gegenüber hin.
Uwe zuckte, sah hoch.
Was machst du hier?
Ich dachte, ich schau mir mal einen an, der sein Leben gerade in die Tonne tritt.
Früher wars bei mir der Alkohol, bei dir sind’s jetzt die Spiele.
Der Unterschied ist gering.
Das Gespräch dauerte lang.
Hildegard hörte aus dem Nebenraum zu.
Erst versuchte Uwe sich zu rechtfertigen, wurde laut, behauptete, er brauche halt seine Auszeit.
Doch Dieter wurde nie laut.
Glaubst du, du hast alles unter Kontrolle? fragte Dieter ruhig. Das dachte ich auch.
Nur ein Feierabendbier zum Entspannen. Und plötzlich war da eine leere Wohnung.
Das Kinderbett war weg, unheimliche Stille.
Und diese Stille kannst du mit nichts füllen.
Hildegard verlässt dich, Uwe. Sie ist eine geduldige Frau, aber kein Stein.
Sie wird die Kinder nehmen und gehen. Und du sitzt dann mit deinem Laptop auf Mutters Gartenbank.
Willst du das wirklich?
Uwe murmelte etwas, aber viel leiser und unsicherer.
Ich würde heute alles geben, um diesen Tag zurückzudrehen, als meine Frau ihre Koffer packte, sagte Dieter. Um sie aufzuhalten, sie auf Knien zu bitten, mir zu verzeihen.
Aber es ist zu spät! Du aber hast noch eine Chance
Als Dieter gegangen war, saß Uwe lange schweigend in der dunklen Küche.
Dann ging er zu Hildegard ins Schlafzimmer. Sie lag mit dem Rücken zu ihm.
Er legte sich zu ihr und nahm sie in den Arm.
Es tut mir leid, flüsterte er. Ich hab alles gelöscht.
Hilde, ich habs endlich verstanden. Du und die Kinder ihr seid alles für mich
Er hielt sein Wort den Laptop benutzte er nur noch beruflich.
Die nächsten Wochen waren schwer, er war gereizt und nervös, aber Hildegard war da, beschäftigte ihn, ging mit ihm spazieren und redete mit ihm.
Gemeinsam schafften sie es.
***
Uwe kam abends heim.
Und, wie wars? fragte Hildegard beim Tischdecken. Was hast du gemacht?
Den Zaun repariert, das Vordach befestigt. Die Tür vom Schuppen habe ich auch gerichtet.
Und deine Mutter?
Wie immer. Fragte, warum die Enkel nicht da sind.
Und du?
Sagte, sie hätten Termine im Verein. Die Wahrheit hab ich ihr nicht gesagt.
Hättest du aber.
Hilde, sie ist alt, krank
Sie ist verbittert, Uwe, nicht nur alt, unterbrach Hildegard. Du weißt genau, was sie den Kindern über mich erzählt.
Dass ich eine schlechte Mutter bin, den Vater nicht respektiere. Warum sollten die Kinder sich so etwas anhören müssen?
Aber sie ist eben die Großmutter, sagte Uwe plötzlich gereizt. Sie hat das Recht, ihre Enkel zu sehen!
Ich hab versprochen, sie nächste Woche mitzunehmen.
Ich geb sie nicht mit, entgegnete Hildegard ruhig. Willst du hinfahren, mach das alleine. Aber lass die Kinder außen vor! Fang bloß nicht an, mir Vorschriften zu machen.
Uwe verstummte sofort er kannte den Charakter seiner Frau.
Sie redete nie um den heißen Brei wenn sie sagte, sie trennt sich, dann meinte sie das auch.
Dann ist Schluss mit Mamas Bedingungen. Die Kinder bleiben bei ihr. Einer Frau widerspricht man besser nicht.
Im Leben muss man lernen, klare Grenzen zu ziehen und zu sich und seinen Liebsten zu stehen. Nur wer sich selbst treu bleibt, kann auch für andere da sein.





