Mein Sohn, bitte, pass auf deine kranke Schwester auf. Du kannst sie nicht im Stich lassen!, flüstert die Mutter.
Mein Sohn, du wirst ein Zuhause haben. Aber ich flehe dich an, kümmere dich um deine kranke Schwester. Verlass sie nicht! haucht die Mutter mit schwerem Herzen.
Hör mir zu, mein Sohn, sagt sie mit brüchiger Stimme.
Jedes Wort fällt ihr schwer. Die Krankheit zehrt sie erbarmungslos aus. Sie liegt im Bett, abgemagert, durchsichtig. Benedikt erkennt sie kaum wieder. Einst war sie kraftvoll, fröhlich, voller Leben. Jetzt
Benedikt, bitte, verlass Annegret nicht Sie ist zerbrechlich. Sie ist anders, aber sie gehört zu uns. Versprich es mir Die Mutter drückt seine Hand mit überraschender Kraft. Woher kommt diese Stärke, wundert er sich.
Benedikt verzieht das Gesicht. Sein Blick gleitet zu seiner älteren Schwester, Annegret, die in einer Ecke der kleinen Wohnung in Leipzig mit ihrer Puppe spielt. Sie ist schon über vierzig, aber immer noch mit ihren Spielzeugen beschäftigt, summt unverständlich. Sie lächelt, als sei die Krankheit der Mutter ein Fest und kein Abschied.
Benedikts Leben ist geregelt: Er besitzt ein Bauunternehmen, fährt einen teuren BMW X5, hat ein großes Haus am Stadtrand von Leipzig. Doch für Annegret gibt es dort keinen Platz. Seine Kinder haben Angst vor ihr, seine Frau, Gisela, nennt sie verrückt. Dabei ist Annegret ruhig, verspielt, harmlos.
Weißt du ich habe Familie und Annegret ist nun ja, stammelt er und versucht, seine Hand aus dem festen Griff der Mutter zu lösen. Familienspiele
Sohn, das Haus deines Vaters gehört dir Für Annegret habe ich eine Drei-Zimmer-Wohnung hinterlassen. Alles ist in Ordnung.
Woher Geld?! Benedikt und Gisela tauschen einen verblüfften Blick. In ihren Gesichtern glänzt gieriges Staunen.
Ich habe mich um die alte Lehrerin gekümmert brachte ihr Essen, Medizin Sie war gut zu mir. Dass sie mir die Wohnung vermachen würde, hätte ich nie gedacht. Sie ist auf Annegret überschrieben, damit sie immer ein Zuhause hat. Aber du bitte, behüte sie Später kann die Wohnung deinen Kindern gehören. Wer weiß, wie lange Annegret lebt
In jener Nacht stirbt die Mutter.
Annegret scheint nicht zu begreifen, dass sie jetzt Vollwaise ist. Benedikt nimmt sie sofort bei sich auf und beginnt, die Wohnung zu renovieren.
Warum braucht Annegret so viel Platz? Sie kann bei uns wohnen. Wir vermieten die Wohnung, meint Gisela.
Anfangs protestiert Gisela nicht. Annegret stört niemanden: Sie spielt den ganzen Tag, lacht viel. Doch ihre Eigenheiten verstören Gisela. Heute ist sie ruhig, aber was ist morgen?
Hab noch ein wenig Geduld, bittet Benedikt. Doch nach sechs Monaten überträgt er mit Hilfe eines befreundeten Notars das Elternhaus und Annegrets Wohnung auf seinen Namen. Annegret unterschreibt die Papiere, ohne zu wissen, was sie da tut.
Dann beginnt das Unheil. Alltägliches
Solange Benedikt arbeitet, macht Gisela Annegret das Leben zur Hölle: Sie beschimpft sie, sperrt sie ins Zimmer, gibt ihr manchmal sogar Katzenfutter statt Mahlzeiten. Benedikt findet sie schluchzend, voller Angst. Eines Tages schlägt Gisela zu. Annegret ist entsetzt und macht sich vor Angst nass.
Du bist nicht nur dumm, du machst dir auch noch in die Hose? Raus aus meinem Haus!
Sie schmeißt Annegrets Sachen in einen Sack und setzt sie vor die Tür.
Wo ist Annegret? fragt Benedikt abends im Bett.
Weg! schreit Gisela. Sie hat sich eingenässt und ist dann mit ihrer Tasche abgehauen. Ich renne keiner Verrückten hinterher!
Benedikt schweigt. Dann sagt er nur: Na gut, wenn sie weg ist und schaltet den Fernseher ein. Übrigens, ich habe Mieter für die Wohnung gefunden.
Die Nacht ist lang. Er denkt an Annegret. Wo ist sie jetzt? Sie ist wie ein Kind, hilflos. Erst am Morgen schläft er ein, träumt von der Mutter:
Ich habe dich gebeten, mein Sohn, sagt sie aus dem Sarg, drohend mit dem Finger.
Der Traum verfolgt ihn wochenlang. Er hält es nicht mehr aus. Nach zwei Monaten ruft er seine Patentante Helga an:
Was ist, Benedikt, plagt dich das schlechte Gewissen? sagt sie kalt. Gut, dass ich noch bei deiner Mutter vorbeisah. Annegret war verängstigt, ich habe sie zu mir genommen. Ich behalte sie. Ihre Wohnung will ich nicht. Leb du ruhig mit deiner Schande!
Ach, Helga, murmelt er und legt auf. Er fühlt sich erleichtert: Annegret ist in Sicherheit.
Doch sie stirbt zwei Monate später, an derselben Krankheit wie die Mutter. Benedikt erscheint nicht zur Beerdigung er hat dringende Termine.
Zehn Jahre sind vergangen. Jetzt liegt Benedikt selbst krank danieder, geplagt von Schmerzen und Schuld. Gisela lebt mit einem anderen Mann. Die Kinder kommen selten vorbei und murren: Du riechst nach Krankheit
Eines Tages tritt Gisela mit Papieren herein:
Unterschreib, dann ist alles mit der Firma geregelt.
Er unterschreibt. Später begreift er: Es war die Schenkung des Hauses. Dann der Firma. Zu spät. Er erinnert sich an die Mutter und Annegret. Tränen laufen ihm übers Gesicht.
Vergebt mir, flüstert er in die Leere, die ihn verschlingt.




