Deine Sachen stehen am Aufzug. Nimm sie und geh — Dasha, warum hast du dich eingeschlossen? — Er lächelte, aber in seinen Augen blitzte Unruhe auf. — Ich habe das Schloss gewechselt, Roman. — Wieso? — Das Lächeln verschwand aus seinem Gesicht. — Weil ich schlauer geworden bin. Deine Sachen stehen am Aufzug. Nimm sie und geh. Dasha ist sechsundvierzig, ihr “Romeo” einundfünfzig. Eigentlich der perfekte Altersunterschied, beide lebenserfahren, keine rosa Brille mehr. Dasha hat eine Scheidung hinter sich, die sie längst verarbeitet hat, Roman zwei tragische Beziehungen… Sie waren das perfekte Paar. Roman lobte seine Auserwählte immerzu: — Es duftet herrlich, — meinte er, während er ein Stück Apfelkuchen aß. — Du bist eine Zauberin, Dasha. — Ist nur ein ganz normaler Apfelkuchen, — winkte sie ab und errötete. — Iss, solange er noch warm ist. Nur eine Sache störte Dasha an ihrem Mitbewohner: Romans ständige Rückblicke in die Vergangenheit. — Weißt du, für Lucy habe ich auch manchmal gekocht. Immer am Wochenende. Pfannkuchen gebacken. Aber sie sagte immer, ich würde nur das Mehl verschwenden. Kannst du dir das vorstellen? “Roman” — meinte sie — “du bringst nur die Lebensmittel um.” Und später, als wir uns scheiden ließen, hat sie sogar noch die Pfannen mitgenommen. Hat gesagt: “Das war ein Geschenk von meiner Mutter, fass das nicht an.” — Ganz schön kleinlich, — meinte Dasha kopfschüttelnd. — Wegen ein paar Pfannen so ein Theater… — Ach, wenn es nur die Pfannen gewesen wären! — Roman zog verbittert die Mundwinkel runter. — Sie hat alles abgeräumt. Die Wohnung auf sich umgeschrieben, während ich für die Familie unterwegs war, um Geld zu verdienen. Das Auto dem Sohn überlassen, obwohl der erst achtzehn und keinen Führerschein hatte. Ich bin mit einer Sporttasche raus. Wortwörtlich. Unterhosen, Socken und Zahnbürste. Dasha tat er in diesen Momenten schrecklich leid. Wie kann man so sein? Jahre mit jemandem verbringen und ihn dann wie einen räudigen Hund auf die Straße setzen. — Und die zweite? — fragte sie leise, obwohl sie die Geschichte längst kannte. — Bei der Zweiten haben wir schnell gemerkt, dass es nicht passt. Nach vier Jahren war Schluss. Wieder die Schwiegermutter, die sich einmischte. Es gab kaum was zu teilen, nur Schulden und das Kind. Ich bin gegangen und habe alles ihr gelassen. Ich prozessiere doch nicht mit einer Frau! Ich habe Prinzipien. Bin ein Mann, ich kann alles wieder aufbauen. “Männer wie er”, dachte Dasha mit Respekt. Ehrwürdig. Ein anderer würde um jeden Löffel klagen, aber er war mit erhobenem Haupt gegangen! — Meine Wohnung ist groß, da ist genug Platz für uns beide, — sagte sie am Anfang, vor etwa drei Monaten. — Und ich habe auch ein Häuschen außerhalb. Da kann ich Männerhände brauchen. — Dasha, das ist mir unangenehm, — Roman senkte den Blick. — Ich will nicht wie so ein Schmarotzer rüberkommen. Ich such mir was Richtiges und stehe bald wieder fest im Leben… — Red keinen Unsinn. Zu zweit ist alles leichter. Letztlich zog er ein. Viel hatte er wirklich nicht: einen abgewetzten Koffer, zwei Anzüge aus besseren Tagen und ein Laptop. Dasha überschüttete ihn mit Fürsorge. Sie wollte diesen Menschen aufwärmen, zeigen, dass nicht alle Frauen Raubtiere sind. Mit ihrem Ex-Mann Vadim war sie ruhig auseinandergegangen — die Liebe war eben vorbei. Die Wohnung geteilt, verkauft, zwei kleinere dafür gekauft. Vadim zahlte pünktlich den Unterhalt, gratulierte zu Silvester. Nüchtern, aber verlässlich. Roman war anders. *** Der erste Warnschuss kam nach einem Monat Zusammenleben. Eigentlich nichts Großes, Kleinigkeiten, aber … Roman meinte, er müsste kurz in den Baumarkt, Scharniere für den Garderobenschrank kaufen — die Tür hing schief. — Ich bin gleich zurück, — rief er aus dem Flur. — Nur schnell hin und wieder zurück. Vier Stunden später kam er wieder. Ohne Scharniere. — Stell dir vor, überall geschlossen! — erzählte er empört, während er die Schuhe auszog. — Inventur oder so, hab den ganzen Tag den halben Ort abgeklappert, nirgendwo die richtige Größe. Dasha war verdutzt: — Im “BauMarkt”? Am Samstag? Die haben doch rund um die Uhr offen. — Sag ich ja! Chaos pur. Zettel an der Tür. — Komisch, — meinte Dasha und zuckte die Schultern. — Na gut, wir kaufen sie später. Als sie abends den Müll rausbrachte, traf sie die Nachbarin, Frau Waltraud. Die schleppte einen riesigen Sack mit Baumischungen aus genau dem „BauMarkt“. — Ganz schön schwer, oder? — fragte Dasha und hielt die Tür auf. — Und wie! Aber heute gibt’s dort Rabatte, das war voll bis unters Dach! Musste mich richtig durchkämpfen zur Kasse. Dasha blieb stehen. — Wie voller Laden? Ist der nicht wegen Inventur zu? Frau Waltraud schaute sie an, als hätte sie nicht alle Tassen im Schrank: — Welche Inventur? Die machen ganz normal weiter. Ich war vor ner Stunde da. Dasha kehrte nervös in die Wohnung zurück. Warum hatte er gelogen? Hätte er doch einfach gesagt, dass er einen Freund besucht, im Café saß, einfach spazieren gegangen ist! Warum so eine Lügengeschichte? Roman saß auf dem Sofa und zappt durch die Kanäle. — Roman, — sie blieb ruhig. — Ich habe draußen die Nachbarin getroffen. Sie kommt gerade vom Baumarkt. Offen ist alles, sagt sie. Roman drehte sich nicht mal zu ihr um. In seinem Gesicht keine Regung. — Ach ja? Dann haben sie halt wieder aufgemacht. Als ich da war, stand ein Schild „Technische Pause 15 Minuten“. Ich hab ne halbe Stunde gewartet, keiner kam. Ich bin dann zum Baumarkt am Markt, aber auch nichts gefunden. — Du hast vorher gesagt „Inventur“. Und dass du überall unterwegs warst. Jetzt sah er sie an. Und sein Blick war ganz unschuldig. — Dasha, warum hakst du so auf Worten rum? Pause, Inventur — spielt doch keine Rolle! Ich hab es nicht gekauft, fertig. Warum jetzt ein Drama draus machen? Dasha fühlte sich schuldig. Ehrlich, warum nervt sie ihn? Hat er einfach verwechselt oder vergessen. Männer nehmen es eben nicht so genau… Eine Woche später das gleiche Spiel. Roman behauptete, ihn habe ein alter Chef angerufen, es gäbe ein Vorstellungsgespräch. — Eine echt gute Firma, Dasha. Top Gehalt, — der Daumen ging hoch. — Wenn die mich nehmen, hab ich dir schon mal die neue Winterjacke versprochen. Abends kam er missmutig zurück. — Und? — Dasha machte sich gleich Sorgen. — Ach, Betrug! Versprochen klang alles super, in Wirklichkeit ein Hungerlohn und unmögliche Arbeitszeiten. Ich hab gleich gesagt: Sucht euch andere Trottel. — Schade, — seufzte Dasha. — Aber das klappt schon noch. War das Ivan, der dich angerufen hat? — Ivan? — Roman runzelte die Stirn, als wüsste er überhaupt nicht, wovon sie spricht. — Na, du meintest doch, dein Ex-Chef. — Ach so, nee, das war Serge, der stellvertretende Chef. Mit dem hab ich mich immer gut verstanden. Und Ivan ist schon lange in Rente, — sagte er, sah weg und verschwand im Bad. Dasha war sich sicher, erst ein paar Tage zuvor erzählt bekommen zu haben, wie ihm eben jener Ivan bei der Kündigung die Hand gedrückt und versprochen habe, ihn zurückzuholen. „Vielleicht stimmt etwas mit meinem Gedächtnis nicht?“, dachte sie. Als Roman später schlief, piepte sein Handy. Dasha hätte sonst nie auf fremde Telefone geschaut — das war ihr zuwider. Doch das Display leuchtete auf, und die Nachricht war deutlich zu lesen: “Liebling, wann gibst du mir mein Geld zurück? Es ist schon ein Monat vergangen. Ignorieren ist nicht die feine Art.” Die Nummer war nicht eingespeichert. *** Beim Frühstück am nächsten Morgen sprach Dasha ihn an: — Roman, du hast letzte Nacht eine SMS bekommen. Jemand will sein Geld zurück. Roman verschluckte sich. Sein Gesicht wurde schlagartig rot. — Muss sich wohl vertan haben. Spam. Heute gibt’s von den Gaunern ja leider immer mehr… — Da stand aber „Liebling“ am Anfang. Er lachte, aber ziemlich gequält. — Genau die Gauner! Wissen schon, wie sie einen ansprechen. Mach dir keinen Kopf, Dasha. Er schnappte das Handy und löschte hastig etwas. — Hör zu, — begann er schnell das Thema zu wechseln. — Es ist was. Meine Tochter aus erster Ehe, Katharina, hat Probleme. Ihr Sohn ist krank, braucht teure Medikamente. Sie hat angerufen und geweint. Ich kann da nichts abschlagen, ist doch meine eigene Tochter. — Natürlich, — Dasha wurde stutzig. — Wie viel brauchst du? — Fünfzehntausend Euro ungefähr. Bis zum nächsten Gehalt, ich kriege das gerade nirgends zusammen. Kannst du mir helfen? Sobald ich was habe, bekommst du alles auf Heller und Pfennig zurück. Dasha blickte ihn an. — Fünfzehn tausend. Was hat der Kleine denn? — Na ja… starke Allergie. Schock, braucht jetzt eine Kur. — Alles klar. Sie ging zum Kommodenschrank, holte das Geld. — Hier. — Du bist ein Schatz! — Er sprang auf, umarmte sie, gab ihr einen Kuss auf die Wange. — Du bist Gold wert. Katharina wird dir ewig dankbar sein. Aber Dasha ließ das ganze Tag über den Verdacht nicht los — nicht wegen des Geldes, das war nur Geld. Ihr war klar: Roman log. Sie erinnerte sich, dass Roman mal sein altes Tablet zum Laden in der Stube hatte. Damit machte er sonst nichts, alles lief übers Handy. Sie kannte das Passwort — viermal die Eins. Hatte er ihr mal verraten, als sie einen Film für ihn suchen sollte. Sie durchsuchte die sozialen Medien, wurde fündig. Genau die Chatnachrichten mit Katharina Romanowa. Der Tochter. Chats waren knapp. „Papa, wann zahlst du den Unterhalt? Mama droht wieder, zum Amt zu gehen. Wir haben nichts mehr zu essen und du erzählst nur Märchen!“ Gestern gesendet. Romans Antwort: „Katharina, halt durch. Gerade versuche ich, einer dummen Ziege Geld aus der Tasche zu ziehen, dann bekommst du alles. Druck mich nicht so!“ Dasha sackte aufs Sofa: Ihre Beine waren wie aus Gummi. Dumme Ziege… Sie ist gemeint. SIE ist die dumme Ziege. Sie scrollte weiter. Chat mit „Tanja“. „Liebling, wo bleibst du? Ich warte. Du wolltest heute kommen.“ Roman antwortete: „Ich komme, Süße. Habe von meiner Tussi gerade Kohle abgegriffen, angeblich für meinen Enkel. Bin in ‘ner Stunde da.“ Dasha legte das Tablet hin. Die Hände zitterten nicht. Im Gegenteil — sie war eiskalt. Das Puzzle war komplett. All die „bösen Ex-Frauen“, die ihn abgezockt hatten… Weder die eine noch die andere hat ihn ruiniert. Es waren normale Frauen, die wohl einfach genug hatten vom ewigen Lügen. Er war kein Opfer. Sondern ein Schmarotzer. Sie ging in die Küche, holte große schwarze Müllsäcke, in den Schlafraum, öffnete den Kleiderschrank. Anzüge flogen samt Bügel in die Säcke. Hemden, Socken, das ganze „Hab und Gut“. Dasha packte seinen Rasierer, Zahnbürste, Ladekabel — und stellte drei prall gefüllte Säcke an die Haustür. Das Schloss hatte sie innert Minuten getauscht — ihr handwerkliches Geschick war oft nützlich, und ein Ersatzschloss lag noch im Werkzeugkasten vom letzten Umbau. Sie hatte es in zwölf Jahren allein gelernt. *** Roman kam nach drei Stunden, wollte den Schlüssel ins neue Schloss stecken. Vergeblich, er klingelte. Dasha öffnete, ließ die Kette an der Tür. — Dasha, warum hast du abgeschlossen? Das Schloss hakt… — Er lächelte, doch in seinen Augen zuckte Panik. — Ich habe das Schloss getauscht, Roman. — Warum? — Sein Gesicht wurde starr. — Weil die „dumme Ziege“ schlau geworden ist. Roman erstarrte. — Was redest du da? Welche dumme Ziege? — Na die, die du abzockst. Deine Sachen stehen am Aufzug. Nimm sie und geh. — Dasha, bist du verrückt? — Er versuchte Empörung, doch es kam nur dünn heraus. — Wer hat dir denn den Mist erzählt? Ich war doch bei meiner Tochter, habe Medikamente gebracht! — Ich habe die Nachrichten gelesen, Roman. Mit Katharina. Und mit Tanja. Er wurde still. Angst blitzte kurz auf, dann Hass. — Ach, hast du in meinem Tablet geschnüffelt? Dafür hast du kein Recht! Das ist meine Privatsphäre! — schrie er. — Meine Privatsphäre — das ist meine Wohnung und mein Geldbeutel. Du bist ein Dieb und ein Lügner. — Geh zum Teufel! — brüllte er. — Wer will dich schon, alte Schachtel! Ich war nur aus Mitleid mit dir zusammen! Dachte, wenigstens kochen kannst du, aber dein Eintopf ist nicht mal genießbar! — Nimm deine Sachen, Roman. Die fünfzehntausend Euro sieh als Honorar für dein Schauspiel. Günstig davongekommen. Er wollte noch etwas sagen, aber Dasha knallte ihm die Tür vor der Nase zu. Von draußen dumpfe Tritte und wilde Beschimpfungen. Sie ging in die Küche. Auf dem Tisch seine Tasse, abgeschlaffter Teebeutel am Boden. Dasha nahm die Tasse, kippte sie in die Spüle. Dann warf sie die Tasse in den Müll. Danach noch seinen Lieblingsteller. Das Handy vibrierte — Vadim, der Ex, schrieb. “Hallo! Deine Tochter sagte, das Wasser läuft in der Datscha. Ich fahre am Samstag vorbei, soll ich mal nachschauen? Alles ok bei dir?” Dasha lächelte. “Hallo! Komm gern vorbei. Es gibt Apfelkuchen und Tee. Mir geht’s gut. Sogar besser als vorher!” *** Der Schmarotzer ließ ihr noch eine Weile keine Ruhe. Er kam fast jeden Abend, kroch die Treppe rauf, heulte und bettelte, dann wieder trat er gegen die Tür und schrie, drohte, sie „rauszuekeln“. Die Anzeige bei der Polizei brachte Ruhe — Roman ließ sie endlich in Frieden. Und Dasha brauchte nichts mehr. Nur noch eines: Ruhe, Frieden und… Alleinsein.

Deine Sachen stehen beim Aufzug. Nimm sie und geh

Annegretchen, warum hast du abgeschlossen? Er grinste, doch in seinen Augen flackerte Unruhe.
Ich habe das Schloss gewechselt, Wilfried.
Wieso denn? Sein Lächeln erstarb.
Weil ich klüger geworden bin. Deine Sachen stehen beim Aufzug. Nimm sie und geh.

Annegret ist sechsundvierzig, ihr Wilfried einundfünfzig. Eigentlich eine ideale Konstellation beide lebenserfahren, desillusioniert, keine rosarote Brille mehr.

Hinter Annegret lag eine Scheidung, die sie längst verarbeitet hatte, hinter Wilfried zwei Katastrophen… Sie schienen ein schönes Paar zu sein.

Wilfried lobte seine Partnerin ständig:

Das riecht fantastisch, sagte er, als er ins Apfel-Streuselkuchenstück biss. Du bist wirklich eine Zauberin, Annegret.

Nur ein einfacher Streuselkuchen, sie winkte ab und errötete. Iss, solange er noch warm ist.

Nur eines nervte Annegret an ihrem Lebensgefährten: Wilfried schwelgte oft in früheren Zeiten.

Weißt du, für Hannelore hab ich damals am Wochenende auch gekocht. Pfannkuchen gebacken. Aber sie meinte nur, ich würde das Mehl verschwenden.

Stell dir das vor. Wilfried, du machst nur die Zutaten kaputt, sagte sie.

Und als wir dann geschieden wurden, hat sie sogar die Pfannen mitgenommen.

Meinte: Das war ein Geschenk von meiner Mutter, fass es nicht an.

Kleinlich, schüttelte Annegret den Kopf. Wegen Pfannen zu streiten…

Ach, es ging ja nicht nur um Pfannen! Wilfried lachte traurig auf. Sie hat alles mitgenommen.

Die Wohnung auf sich umgeschrieben, während ich auf Montage war und für die Familie gearbeitet habe.

Das Auto dem Sohn gegeben, dabei ist der gerade volljährig, ohne Führerschein.

Ich bin mit einer Sporttasche raus, im wahrsten Sinne. Unterwäsche, Socken und eine Zahnbürste.

Annegret hatte dann immer so Mitleid mit ihm. Wie kann man nur so sein Jahre zusammenleben und dann rauswerfen wie einen räudigen Hund.

Und die Zweite? fragte sie leise, obwohl sie die Geschichte auswendig kannte.

Mit der Zweiten wurde uns schnell klar, es passt nicht. Vier Jahre haben wir uns gequält. Auch dort… Die Schwiegermutter mischte sich ein.

Dann sollte das wenige aufgeteilt werden nur Schulden und das Kind. Ich bin gegangen, hab alles gelassen. Ich klage doch nichts ein! Ich bin ein Mann, ich komme klar.

Ein Mann, dachte Annegret mit Respekt. Ehrenhaft. Ein anderer hätte um jede Gabel gestritten, aber der ging mit erhobenem Haupt!

Ich hab eine große Wohnung, hier reicht der Platz, sagte sie gleich am Start ihrer Beziehung, vor drei Monaten. Ich hab auch einen Schrebergarten. Männliche Hände wären da willkommen.

Annegret, das ist mir unangenehm, senkte Wilfried damals die Augen. Ich bin kein völlig Ausgezogener. Suche gerade wirklich Arbeit, dann steh ich auf eigenen Füßen…

Red keinen Unsinn. Zu zweit ist es leichter.

Nicht sofort, aber er zog ein. Gepäck hatte er tatsächlich kaum: ein ramponierter Koffer, ein paar Anzüge, die bessere Tage gesehen hatten, und das Notebook.

Annegret umsorgte ihn. Sie wollte ihm zeigen, dass nicht alle Frauen Räuberinnen sind.

Mit ihrem Ex-Mann, Götz, hatten sie sich friedlich getrennt die Liebe war eben vorbei. Die Wohnung geteilt, verkauft, zwei kleinere gekauft.

Götz zahlte pünktlich Unterhalt bis die Tochter ihr Studium abschloss und gratulierte zu Silvester. Nüchtern, aber verlässlich.

Wilfried war anders.

***

Der erste seltsame Ton kam nach einem Monat.

Eigentlich eine Kleinigkeit, eine Lappalie, aber

Wilfried meinte, er gehe kurz in den Baumarkt, Scharniere für den Flurschrank kaufen die Tür hing schief.

Bin gleich zurück, rief er aus dem Flur. Nur schnell hin und wieder heim.

Vier Stunden später war er wieder da. Keine Scharniere.

Stell dir vor, geschlossen! schilderte er empört und zog die Schuhe aus. Irgendeine Inventur haben die. Ich bin durch halb Hamburg gefahren, nirgendwo die richtige Größe gefunden.

Annegret runzelte die Stirn:

Im BauKönig? Am Samstag? Die haben doch durchgehend auf.

Genau, echt chaotisch! Da hing bloß ein Zettel an der Tür.

Merkwürdig, sie zuckte die Schultern. Kaufen wir sie eben später.

Am Abend traf sie beim Müllrausbringen Nachbarin Frau Wally die schleppte eine riesige Tüte Farben vom BauKönig.

Ganz schön schwer, was? fragte Annegret und hielt die Tür.

Du glaubst es nicht. War heute Schnäppchentag, ein Gewusel da! Kaum zur Kasse durchgekommen.

Annegret blieb stehen.

Wie ganz viel los? War doch angeblich wegen Inventur zu?

Frau Wally schaute als wäre Annegret verrückt:

Welche Inventur? Offen wie immer. Ich war doch gerade da.

Mit pochendem Herzen ging Annegret nach Hause.

Wozu hat er gelogen? Hätte doch sagen können, war beim Freund, im Café, einfach spazieren warum so eine Geschichte erfinden?

Wilfried saß, zappte durch Programme.

Wilfried, sie bemühte sich ruhig zu sprechen. Ich hab Frau Wally getroffen. Sie war im Baumarkt. Offen, alles.

Wilfried drehte sich nicht einmal um. Sein Gesicht blieb regungslos.

Ja? Dann haben sie halt aufgemacht. Als ich da war, stand da Technische Pause 15 Minuten.

Hab dann eine halbe Stunde gewartet niemand kam. Bin dann auf den Markt, da gabs auch nix.

Du hast noch von Inventur gesprochen. Und dass du durch ganz Hamburg gefahren bist.

Jetzt drehte er sich endlich um, in den Augen reines Unverständnis.

Annegret, warum hakst du so auf Worten rum? Inventur, Pause, ist doch egal. Hab nix gekauft, fertig. Muss man doch kein Drama draus machen!

Annegret fühlte sich schuldig. Wirklich, was machte sie ein Theater? Vielleicht verwechselt, vergessen. Männer und Details, na ja…

Eine Woche später das gleiche Muster. Wilfried sagte, sein ehemaliger Chef hätte angerufen und ein Vorstellungsgespräch angeboten.

Eine große Firma, Annegret. Top-Gehalt, sagte er und machte einen Daumen hoch. Wenns klappt, leben wir bestens. Ich kauf dir einen Wintermantel!

Am Abend kam er düster nach Hause.

Und? fragte Annegret.

Ach, nur Bauernfängerei. Erst große Versprechungen, am Ende Hungerlohn und Sklavenzeiten. Hab denen gesagt: Sucht euch jemand anders.

Schade, seufzte Annegret. Klappt bestimmt noch. Wer hat eigentlich angerufen? Herr Reinhardt?

Welcher Reinhardt? Wilfried runzelte die Stirn, als verstünde er die Frage nicht.

Na, dein voriger Chef, hast doch erzählt.

Ach ja, nein, das war der Herr Küster, der stellvertretende Geschäftsführer, waren immer gut miteinander.

Der Reinhardt ist ja längst in Rente, er wich ihrem Blick aus und ging sich die Hände waschen.

Annegret wusste genau, dass er vor drei Tagen noch erzählt hatte, wie Reinhardt ihn zum Abschied zurückholen wollte.

Vielleicht stimmt mit meinem Gedächtnis was nicht? dachte sie.

Als Wilfried am Abend schlief, summte sein Handy auf dem Nachttisch.

Annegret hätte nie im Leben in fremden Telefonen gestöbert, das war unter ihrer Würde. Aber der Bildschirm leuchtete:

Schatz, wann zahlst du endlich zurück? Ist schon ein Monat. So geht das nicht.

Die Nummer war nicht eingespeichert.

***

Am Frühstückstisch fragte Annegret:

Wilfried, du hast nachts eine SMS bekommen. Jemand will das Geld zurück.

Wilfried verschluckte sich am Brötchen. Das Gesicht wurde schlagartig rot.

Verwechslung. Spam oder so. Heutzutage lauter Betrüger…

Es stand Schatz am Anfang.

Er lachte, der Ton hörte sich aber falsch an.

Betrüger wissen, wie sie an Leute rankommen. Ignoriers einfach.

Er ergriff das Handy und tippte heftig, löschte wohl etwas.

Ach ja, er wechselte das Thema, meine Tochter aus erster Ehe, die Regina, hat angerufen.

Ihr Sohn ist krank, braucht teure Medikamente. Ich kann doch nicht nein sagen, ist doch mein Fleisch und Blut.

Klar, jetzt war Annegret innerlich angespannt. Wie viel braucht sie?

So fünfzehnhundert Euro. Sonst weiß ich nicht, wo ich es herkriegen soll. Hilfst du mir aus?

Wenn ich wieder Arbeit habe, bekommst du alles zurück.

Annegret schaute ihn lange an.

Fünfzehnhundert Euro, wiederholte sie. Und was hat er genau?

Ach, eine schlimme Allergie. Quincke-Ödem, jetzt Reha.

Verstehe.

Sie holte das Geld aus der Kommode.

Hier.

Danke, mein Schatz! Er sprang auf, umarmte sie, gab ihr einen Kuss auf die Wange. Du bist ein Engel. Regina wird dir ewig dankbar sein.

Annegret fühlte sich den ganzen Tag unwohl. Nicht wegen des Geldes. Geld ist ersetzbar.

Sie spürte mit jeder Faser: Wilfried lügt.

Sie erinnerte sich daran, dass Wilfried mal das alte Tablet im Wohnzimmer lud. Das benutzte er kaum, immer war das Handy wichtiger.

Annegret kannte den einfachen Code vier Einsen. Hatte Wilfried ihr mal selbst gesagt, als sie nach einem Film suchte.

Sie öffnete die Messenger-App, scrollte. Ein Chat mit Regina Wilfried.

Kurz und knapp:

Papa, wann zahlst du endlich den Unterhalt? Mama will wieder zum Jugendamt. Wir haben nichts zu essen, und du erzählst Märchen!

Datum von gestern.

Sein Antwort:

Regina, hab Geduld. Hab da gerade eine blöde Gans an der Angel, gibt bald Kohle. Dräng mich nicht!

Annegret sackte aufs Sofa, die Knie wie Pudding. Eine Gans… Sie. Sie war die Gans.

Sie scrollte weiter. Ein Chat mit einer Janine.

Schatz, wo bist du? Ich warte doch! Du wolltest heute kommen!

Wilfried:

Bin unterwegs, Liebling. Hab grade bei meiner Tussi Kohle gebettelt vorgegeben, für den Enkel… Gleich bin ich da.

Sie legte das Tablet auf den Tisch. Ihre Hände zitterten nicht. Im Gegenteil alles wurde eisklar.

Das kreative Puzzle ergab sein Bild. Diese angeblich bösen Ex-Frauen, die ihn ausgenommen hätten. Die Pech-Ehen… Es gab keine Hexen.

Da waren normale Frauen, die offenbar von all dem Lügen einfach müde waren. Wilfried war kein Opfer, er war ein Schmarotzer.

Sie ging in die Küche, holte große Müllsäcke, dann ins Schlafzimmer, öffnete den Schrank.

Die Anzüge flogen samt Bügel in die Säcke. Hemden, Socken, das ganze Hab und Gut.

Sie sammelte Rasierer, Zahnbürste, Ladegeräte und stellte drei prall gefüllte Säcke vor die Wohnungstür.

Sie wechselte den Schließzylinder hatte es in zwölf Jahren selbst gelernt, passendes Ersatzschloss lag noch vom Umbau da.

***

Wilfried kam drei Stunden später, probierte den Schlüssel. Ruckelte, klingelte.

Annegret öffnete, ließ die Kette vor, ganz ruhig.

Annegretchen, warum hast du abgeschlossen? Das Schloss klemmt irgendwie… versucht er zu grinsen, doch die Unruhe ist ihm anzusehen.

Ich habe das Schloss gewechselt, Wilfried.

Wieso? sein Lächeln stirbt ab.

Weil die Gans klüger geworden ist.

Wilfried erstarrte.

Was erzählst du da? Welche Gans?

Die, die du aufwickelst. Deine Sachen stehen beim Aufzug. Nimm sie und geh.

Annegret, bist du verrückt? er versuchte sich zu empören. Wer hat dir was eingeredet? Ich war bei meiner Tochter und hab Medikamente abgegeben!

Ich habe die Chats gelesen, Wilfried. Mit Regina. Und mit Janine.

Er stockte. Für einen Moment Angst in seinen Augen, dann Hass.

Du… Du hast in mein Tablet geguckt? Was fällt dir ein! Das ist meine Privatsphäre! schrie er plötzlich.

Mein Zuhause, mein Portemonnaie. Und du ein Dieb und Lügner.

Ach, geh doch zum Teufel! bellte er. Als ob ich dich nötig hab, alte Schachtel! Aus Mitleid hab ich bei dir gewohnt! Kochen kannst du auch nicht, sogar dein Eintopf ist gammeliger Mist!

Nimm deine Sachen, Wilfried. Und die fünfzehnhundert Euro betrachte sie als Honorar für deine Vorstellung. Ziemlich günstig noch.

Er versuchte noch etwas zu sagen, aber Annegret schlug ihm die Tür vor der Nase zu.

Draußen ein dumpfer Fußtritt, wüster Fluch.

Sie ging in die Küche. Auf dem Tisch stand sein Becher mit kaltem Tee, am Boden ein trüber Satz.

Sie schüttete das Getränk in den Ausguss, warf den Becher hinterher in den Müll. Seine Lieblingstasse gleich noch dazu.

Das Handy vibrierte Götz, der Ex-Mann.

Hallo. Tochter hat erzählt, dass am Wasserhahn in deinem Schrebergarten was tropft. Ich fahr Samstag eh vorbei, soll ich mal reinschauen? Wie gehts dir?

Annegret lächelte.

Hallo. Schau ruhig vorbei. Es gibt Kuchen mit Tee. Mir gehts gut. Sogar besser als gedacht.

***.

Der Schmarotzer ließ Annegret noch lange keine Ruhe.

Er lungerte fast jede Nacht im Treppenhaus, mal jammernd, mal schreiend, mal drohend, sie rauszuqualmen aus der Wohnung.

Die Anzeige bei der Polizei half Wilfried gab auf.

Und Annegret? Sie wollte eigentlich nur noch eines. Ruhe. Frieden. Und… Einsamkeit.

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Homy
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Deine Sachen stehen am Aufzug. Nimm sie und geh — Dasha, warum hast du dich eingeschlossen? — Er lächelte, aber in seinen Augen blitzte Unruhe auf. — Ich habe das Schloss gewechselt, Roman. — Wieso? — Das Lächeln verschwand aus seinem Gesicht. — Weil ich schlauer geworden bin. Deine Sachen stehen am Aufzug. Nimm sie und geh. Dasha ist sechsundvierzig, ihr “Romeo” einundfünfzig. Eigentlich der perfekte Altersunterschied, beide lebenserfahren, keine rosa Brille mehr. Dasha hat eine Scheidung hinter sich, die sie längst verarbeitet hat, Roman zwei tragische Beziehungen… Sie waren das perfekte Paar. Roman lobte seine Auserwählte immerzu: — Es duftet herrlich, — meinte er, während er ein Stück Apfelkuchen aß. — Du bist eine Zauberin, Dasha. — Ist nur ein ganz normaler Apfelkuchen, — winkte sie ab und errötete. — Iss, solange er noch warm ist. Nur eine Sache störte Dasha an ihrem Mitbewohner: Romans ständige Rückblicke in die Vergangenheit. — Weißt du, für Lucy habe ich auch manchmal gekocht. Immer am Wochenende. Pfannkuchen gebacken. Aber sie sagte immer, ich würde nur das Mehl verschwenden. Kannst du dir das vorstellen? “Roman” — meinte sie — “du bringst nur die Lebensmittel um.” Und später, als wir uns scheiden ließen, hat sie sogar noch die Pfannen mitgenommen. Hat gesagt: “Das war ein Geschenk von meiner Mutter, fass das nicht an.” — Ganz schön kleinlich, — meinte Dasha kopfschüttelnd. — Wegen ein paar Pfannen so ein Theater… — Ach, wenn es nur die Pfannen gewesen wären! — Roman zog verbittert die Mundwinkel runter. — Sie hat alles abgeräumt. Die Wohnung auf sich umgeschrieben, während ich für die Familie unterwegs war, um Geld zu verdienen. Das Auto dem Sohn überlassen, obwohl der erst achtzehn und keinen Führerschein hatte. Ich bin mit einer Sporttasche raus. Wortwörtlich. Unterhosen, Socken und Zahnbürste. Dasha tat er in diesen Momenten schrecklich leid. Wie kann man so sein? Jahre mit jemandem verbringen und ihn dann wie einen räudigen Hund auf die Straße setzen. — Und die zweite? — fragte sie leise, obwohl sie die Geschichte längst kannte. — Bei der Zweiten haben wir schnell gemerkt, dass es nicht passt. Nach vier Jahren war Schluss. Wieder die Schwiegermutter, die sich einmischte. Es gab kaum was zu teilen, nur Schulden und das Kind. Ich bin gegangen und habe alles ihr gelassen. Ich prozessiere doch nicht mit einer Frau! Ich habe Prinzipien. Bin ein Mann, ich kann alles wieder aufbauen. “Männer wie er”, dachte Dasha mit Respekt. Ehrwürdig. Ein anderer würde um jeden Löffel klagen, aber er war mit erhobenem Haupt gegangen! — Meine Wohnung ist groß, da ist genug Platz für uns beide, — sagte sie am Anfang, vor etwa drei Monaten. — Und ich habe auch ein Häuschen außerhalb. Da kann ich Männerhände brauchen. — Dasha, das ist mir unangenehm, — Roman senkte den Blick. — Ich will nicht wie so ein Schmarotzer rüberkommen. Ich such mir was Richtiges und stehe bald wieder fest im Leben… — Red keinen Unsinn. Zu zweit ist alles leichter. Letztlich zog er ein. Viel hatte er wirklich nicht: einen abgewetzten Koffer, zwei Anzüge aus besseren Tagen und ein Laptop. Dasha überschüttete ihn mit Fürsorge. Sie wollte diesen Menschen aufwärmen, zeigen, dass nicht alle Frauen Raubtiere sind. Mit ihrem Ex-Mann Vadim war sie ruhig auseinandergegangen — die Liebe war eben vorbei. Die Wohnung geteilt, verkauft, zwei kleinere dafür gekauft. Vadim zahlte pünktlich den Unterhalt, gratulierte zu Silvester. Nüchtern, aber verlässlich. Roman war anders. *** Der erste Warnschuss kam nach einem Monat Zusammenleben. Eigentlich nichts Großes, Kleinigkeiten, aber … Roman meinte, er müsste kurz in den Baumarkt, Scharniere für den Garderobenschrank kaufen — die Tür hing schief. — Ich bin gleich zurück, — rief er aus dem Flur. — Nur schnell hin und wieder zurück. Vier Stunden später kam er wieder. Ohne Scharniere. — Stell dir vor, überall geschlossen! — erzählte er empört, während er die Schuhe auszog. — Inventur oder so, hab den ganzen Tag den halben Ort abgeklappert, nirgendwo die richtige Größe. Dasha war verdutzt: — Im “BauMarkt”? Am Samstag? Die haben doch rund um die Uhr offen. — Sag ich ja! Chaos pur. Zettel an der Tür. — Komisch, — meinte Dasha und zuckte die Schultern. — Na gut, wir kaufen sie später. Als sie abends den Müll rausbrachte, traf sie die Nachbarin, Frau Waltraud. Die schleppte einen riesigen Sack mit Baumischungen aus genau dem „BauMarkt“. — Ganz schön schwer, oder? — fragte Dasha und hielt die Tür auf. — Und wie! Aber heute gibt’s dort Rabatte, das war voll bis unters Dach! Musste mich richtig durchkämpfen zur Kasse. Dasha blieb stehen. — Wie voller Laden? Ist der nicht wegen Inventur zu? Frau Waltraud schaute sie an, als hätte sie nicht alle Tassen im Schrank: — Welche Inventur? Die machen ganz normal weiter. Ich war vor ner Stunde da. Dasha kehrte nervös in die Wohnung zurück. Warum hatte er gelogen? Hätte er doch einfach gesagt, dass er einen Freund besucht, im Café saß, einfach spazieren gegangen ist! Warum so eine Lügengeschichte? Roman saß auf dem Sofa und zappt durch die Kanäle. — Roman, — sie blieb ruhig. — Ich habe draußen die Nachbarin getroffen. Sie kommt gerade vom Baumarkt. Offen ist alles, sagt sie. Roman drehte sich nicht mal zu ihr um. In seinem Gesicht keine Regung. — Ach ja? Dann haben sie halt wieder aufgemacht. Als ich da war, stand ein Schild „Technische Pause 15 Minuten“. Ich hab ne halbe Stunde gewartet, keiner kam. Ich bin dann zum Baumarkt am Markt, aber auch nichts gefunden. — Du hast vorher gesagt „Inventur“. Und dass du überall unterwegs warst. Jetzt sah er sie an. Und sein Blick war ganz unschuldig. — Dasha, warum hakst du so auf Worten rum? Pause, Inventur — spielt doch keine Rolle! Ich hab es nicht gekauft, fertig. Warum jetzt ein Drama draus machen? Dasha fühlte sich schuldig. Ehrlich, warum nervt sie ihn? Hat er einfach verwechselt oder vergessen. Männer nehmen es eben nicht so genau… Eine Woche später das gleiche Spiel. Roman behauptete, ihn habe ein alter Chef angerufen, es gäbe ein Vorstellungsgespräch. — Eine echt gute Firma, Dasha. Top Gehalt, — der Daumen ging hoch. — Wenn die mich nehmen, hab ich dir schon mal die neue Winterjacke versprochen. Abends kam er missmutig zurück. — Und? — Dasha machte sich gleich Sorgen. — Ach, Betrug! Versprochen klang alles super, in Wirklichkeit ein Hungerlohn und unmögliche Arbeitszeiten. Ich hab gleich gesagt: Sucht euch andere Trottel. — Schade, — seufzte Dasha. — Aber das klappt schon noch. War das Ivan, der dich angerufen hat? — Ivan? — Roman runzelte die Stirn, als wüsste er überhaupt nicht, wovon sie spricht. — Na, du meintest doch, dein Ex-Chef. — Ach so, nee, das war Serge, der stellvertretende Chef. Mit dem hab ich mich immer gut verstanden. Und Ivan ist schon lange in Rente, — sagte er, sah weg und verschwand im Bad. Dasha war sich sicher, erst ein paar Tage zuvor erzählt bekommen zu haben, wie ihm eben jener Ivan bei der Kündigung die Hand gedrückt und versprochen habe, ihn zurückzuholen. „Vielleicht stimmt etwas mit meinem Gedächtnis nicht?“, dachte sie. Als Roman später schlief, piepte sein Handy. Dasha hätte sonst nie auf fremde Telefone geschaut — das war ihr zuwider. Doch das Display leuchtete auf, und die Nachricht war deutlich zu lesen: “Liebling, wann gibst du mir mein Geld zurück? Es ist schon ein Monat vergangen. Ignorieren ist nicht die feine Art.” Die Nummer war nicht eingespeichert. *** Beim Frühstück am nächsten Morgen sprach Dasha ihn an: — Roman, du hast letzte Nacht eine SMS bekommen. Jemand will sein Geld zurück. Roman verschluckte sich. Sein Gesicht wurde schlagartig rot. — Muss sich wohl vertan haben. Spam. Heute gibt’s von den Gaunern ja leider immer mehr… — Da stand aber „Liebling“ am Anfang. Er lachte, aber ziemlich gequält. — Genau die Gauner! Wissen schon, wie sie einen ansprechen. Mach dir keinen Kopf, Dasha. Er schnappte das Handy und löschte hastig etwas. — Hör zu, — begann er schnell das Thema zu wechseln. — Es ist was. Meine Tochter aus erster Ehe, Katharina, hat Probleme. Ihr Sohn ist krank, braucht teure Medikamente. Sie hat angerufen und geweint. Ich kann da nichts abschlagen, ist doch meine eigene Tochter. — Natürlich, — Dasha wurde stutzig. — Wie viel brauchst du? — Fünfzehntausend Euro ungefähr. Bis zum nächsten Gehalt, ich kriege das gerade nirgends zusammen. Kannst du mir helfen? Sobald ich was habe, bekommst du alles auf Heller und Pfennig zurück. Dasha blickte ihn an. — Fünfzehn tausend. Was hat der Kleine denn? — Na ja… starke Allergie. Schock, braucht jetzt eine Kur. — Alles klar. Sie ging zum Kommodenschrank, holte das Geld. — Hier. — Du bist ein Schatz! — Er sprang auf, umarmte sie, gab ihr einen Kuss auf die Wange. — Du bist Gold wert. Katharina wird dir ewig dankbar sein. Aber Dasha ließ das ganze Tag über den Verdacht nicht los — nicht wegen des Geldes, das war nur Geld. Ihr war klar: Roman log. Sie erinnerte sich, dass Roman mal sein altes Tablet zum Laden in der Stube hatte. Damit machte er sonst nichts, alles lief übers Handy. Sie kannte das Passwort — viermal die Eins. Hatte er ihr mal verraten, als sie einen Film für ihn suchen sollte. Sie durchsuchte die sozialen Medien, wurde fündig. Genau die Chatnachrichten mit Katharina Romanowa. Der Tochter. Chats waren knapp. „Papa, wann zahlst du den Unterhalt? Mama droht wieder, zum Amt zu gehen. Wir haben nichts mehr zu essen und du erzählst nur Märchen!“ Gestern gesendet. Romans Antwort: „Katharina, halt durch. Gerade versuche ich, einer dummen Ziege Geld aus der Tasche zu ziehen, dann bekommst du alles. Druck mich nicht so!“ Dasha sackte aufs Sofa: Ihre Beine waren wie aus Gummi. Dumme Ziege… Sie ist gemeint. SIE ist die dumme Ziege. Sie scrollte weiter. Chat mit „Tanja“. „Liebling, wo bleibst du? Ich warte. Du wolltest heute kommen.“ Roman antwortete: „Ich komme, Süße. Habe von meiner Tussi gerade Kohle abgegriffen, angeblich für meinen Enkel. Bin in ‘ner Stunde da.“ Dasha legte das Tablet hin. Die Hände zitterten nicht. Im Gegenteil — sie war eiskalt. Das Puzzle war komplett. All die „bösen Ex-Frauen“, die ihn abgezockt hatten… Weder die eine noch die andere hat ihn ruiniert. Es waren normale Frauen, die wohl einfach genug hatten vom ewigen Lügen. Er war kein Opfer. Sondern ein Schmarotzer. Sie ging in die Küche, holte große schwarze Müllsäcke, in den Schlafraum, öffnete den Kleiderschrank. Anzüge flogen samt Bügel in die Säcke. Hemden, Socken, das ganze „Hab und Gut“. Dasha packte seinen Rasierer, Zahnbürste, Ladekabel — und stellte drei prall gefüllte Säcke an die Haustür. Das Schloss hatte sie innert Minuten getauscht — ihr handwerkliches Geschick war oft nützlich, und ein Ersatzschloss lag noch im Werkzeugkasten vom letzten Umbau. Sie hatte es in zwölf Jahren allein gelernt. *** Roman kam nach drei Stunden, wollte den Schlüssel ins neue Schloss stecken. Vergeblich, er klingelte. Dasha öffnete, ließ die Kette an der Tür. — Dasha, warum hast du abgeschlossen? Das Schloss hakt… — Er lächelte, doch in seinen Augen zuckte Panik. — Ich habe das Schloss getauscht, Roman. — Warum? — Sein Gesicht wurde starr. — Weil die „dumme Ziege“ schlau geworden ist. Roman erstarrte. — Was redest du da? Welche dumme Ziege? — Na die, die du abzockst. Deine Sachen stehen am Aufzug. Nimm sie und geh. — Dasha, bist du verrückt? — Er versuchte Empörung, doch es kam nur dünn heraus. — Wer hat dir denn den Mist erzählt? Ich war doch bei meiner Tochter, habe Medikamente gebracht! — Ich habe die Nachrichten gelesen, Roman. Mit Katharina. Und mit Tanja. Er wurde still. Angst blitzte kurz auf, dann Hass. — Ach, hast du in meinem Tablet geschnüffelt? Dafür hast du kein Recht! Das ist meine Privatsphäre! — schrie er. — Meine Privatsphäre — das ist meine Wohnung und mein Geldbeutel. Du bist ein Dieb und ein Lügner. — Geh zum Teufel! — brüllte er. — Wer will dich schon, alte Schachtel! Ich war nur aus Mitleid mit dir zusammen! Dachte, wenigstens kochen kannst du, aber dein Eintopf ist nicht mal genießbar! — Nimm deine Sachen, Roman. Die fünfzehntausend Euro sieh als Honorar für dein Schauspiel. Günstig davongekommen. Er wollte noch etwas sagen, aber Dasha knallte ihm die Tür vor der Nase zu. Von draußen dumpfe Tritte und wilde Beschimpfungen. Sie ging in die Küche. Auf dem Tisch seine Tasse, abgeschlaffter Teebeutel am Boden. Dasha nahm die Tasse, kippte sie in die Spüle. Dann warf sie die Tasse in den Müll. Danach noch seinen Lieblingsteller. Das Handy vibrierte — Vadim, der Ex, schrieb. “Hallo! Deine Tochter sagte, das Wasser läuft in der Datscha. Ich fahre am Samstag vorbei, soll ich mal nachschauen? Alles ok bei dir?” Dasha lächelte. “Hallo! Komm gern vorbei. Es gibt Apfelkuchen und Tee. Mir geht’s gut. Sogar besser als vorher!” *** Der Schmarotzer ließ ihr noch eine Weile keine Ruhe. Er kam fast jeden Abend, kroch die Treppe rauf, heulte und bettelte, dann wieder trat er gegen die Tür und schrie, drohte, sie „rauszuekeln“. Die Anzeige bei der Polizei brachte Ruhe — Roman ließ sie endlich in Frieden. Und Dasha brauchte nichts mehr. Nur noch eines: Ruhe, Frieden und… Alleinsein.
Bei Oma Schura im Dorf ist der Kater gestorben – ein verdienter Kater, der viele Siege über schwache…