Deine Sachen stehen beim Aufzug. Nimm sie und geh
Annegretchen, warum hast du abgeschlossen? Er grinste, doch in seinen Augen flackerte Unruhe.
Ich habe das Schloss gewechselt, Wilfried.
Wieso denn? Sein Lächeln erstarb.
Weil ich klüger geworden bin. Deine Sachen stehen beim Aufzug. Nimm sie und geh.
Annegret ist sechsundvierzig, ihr Wilfried einundfünfzig. Eigentlich eine ideale Konstellation beide lebenserfahren, desillusioniert, keine rosarote Brille mehr.
Hinter Annegret lag eine Scheidung, die sie längst verarbeitet hatte, hinter Wilfried zwei Katastrophen… Sie schienen ein schönes Paar zu sein.
Wilfried lobte seine Partnerin ständig:
Das riecht fantastisch, sagte er, als er ins Apfel-Streuselkuchenstück biss. Du bist wirklich eine Zauberin, Annegret.
Nur ein einfacher Streuselkuchen, sie winkte ab und errötete. Iss, solange er noch warm ist.
Nur eines nervte Annegret an ihrem Lebensgefährten: Wilfried schwelgte oft in früheren Zeiten.
Weißt du, für Hannelore hab ich damals am Wochenende auch gekocht. Pfannkuchen gebacken. Aber sie meinte nur, ich würde das Mehl verschwenden.
Stell dir das vor. Wilfried, du machst nur die Zutaten kaputt, sagte sie.
Und als wir dann geschieden wurden, hat sie sogar die Pfannen mitgenommen.
Meinte: Das war ein Geschenk von meiner Mutter, fass es nicht an.
Kleinlich, schüttelte Annegret den Kopf. Wegen Pfannen zu streiten…
Ach, es ging ja nicht nur um Pfannen! Wilfried lachte traurig auf. Sie hat alles mitgenommen.
Die Wohnung auf sich umgeschrieben, während ich auf Montage war und für die Familie gearbeitet habe.
Das Auto dem Sohn gegeben, dabei ist der gerade volljährig, ohne Führerschein.
Ich bin mit einer Sporttasche raus, im wahrsten Sinne. Unterwäsche, Socken und eine Zahnbürste.
Annegret hatte dann immer so Mitleid mit ihm. Wie kann man nur so sein Jahre zusammenleben und dann rauswerfen wie einen räudigen Hund.
Und die Zweite? fragte sie leise, obwohl sie die Geschichte auswendig kannte.
Mit der Zweiten wurde uns schnell klar, es passt nicht. Vier Jahre haben wir uns gequält. Auch dort… Die Schwiegermutter mischte sich ein.
Dann sollte das wenige aufgeteilt werden nur Schulden und das Kind. Ich bin gegangen, hab alles gelassen. Ich klage doch nichts ein! Ich bin ein Mann, ich komme klar.
Ein Mann, dachte Annegret mit Respekt. Ehrenhaft. Ein anderer hätte um jede Gabel gestritten, aber der ging mit erhobenem Haupt!
Ich hab eine große Wohnung, hier reicht der Platz, sagte sie gleich am Start ihrer Beziehung, vor drei Monaten. Ich hab auch einen Schrebergarten. Männliche Hände wären da willkommen.
Annegret, das ist mir unangenehm, senkte Wilfried damals die Augen. Ich bin kein völlig Ausgezogener. Suche gerade wirklich Arbeit, dann steh ich auf eigenen Füßen…
Red keinen Unsinn. Zu zweit ist es leichter.
Nicht sofort, aber er zog ein. Gepäck hatte er tatsächlich kaum: ein ramponierter Koffer, ein paar Anzüge, die bessere Tage gesehen hatten, und das Notebook.
Annegret umsorgte ihn. Sie wollte ihm zeigen, dass nicht alle Frauen Räuberinnen sind.
Mit ihrem Ex-Mann, Götz, hatten sie sich friedlich getrennt die Liebe war eben vorbei. Die Wohnung geteilt, verkauft, zwei kleinere gekauft.
Götz zahlte pünktlich Unterhalt bis die Tochter ihr Studium abschloss und gratulierte zu Silvester. Nüchtern, aber verlässlich.
Wilfried war anders.
***
Der erste seltsame Ton kam nach einem Monat.
Eigentlich eine Kleinigkeit, eine Lappalie, aber
Wilfried meinte, er gehe kurz in den Baumarkt, Scharniere für den Flurschrank kaufen die Tür hing schief.
Bin gleich zurück, rief er aus dem Flur. Nur schnell hin und wieder heim.
Vier Stunden später war er wieder da. Keine Scharniere.
Stell dir vor, geschlossen! schilderte er empört und zog die Schuhe aus. Irgendeine Inventur haben die. Ich bin durch halb Hamburg gefahren, nirgendwo die richtige Größe gefunden.
Annegret runzelte die Stirn:
Im BauKönig? Am Samstag? Die haben doch durchgehend auf.
Genau, echt chaotisch! Da hing bloß ein Zettel an der Tür.
Merkwürdig, sie zuckte die Schultern. Kaufen wir sie eben später.
Am Abend traf sie beim Müllrausbringen Nachbarin Frau Wally die schleppte eine riesige Tüte Farben vom BauKönig.
Ganz schön schwer, was? fragte Annegret und hielt die Tür.
Du glaubst es nicht. War heute Schnäppchentag, ein Gewusel da! Kaum zur Kasse durchgekommen.
Annegret blieb stehen.
Wie ganz viel los? War doch angeblich wegen Inventur zu?
Frau Wally schaute als wäre Annegret verrückt:
Welche Inventur? Offen wie immer. Ich war doch gerade da.
Mit pochendem Herzen ging Annegret nach Hause.
Wozu hat er gelogen? Hätte doch sagen können, war beim Freund, im Café, einfach spazieren warum so eine Geschichte erfinden?
Wilfried saß, zappte durch Programme.
Wilfried, sie bemühte sich ruhig zu sprechen. Ich hab Frau Wally getroffen. Sie war im Baumarkt. Offen, alles.
Wilfried drehte sich nicht einmal um. Sein Gesicht blieb regungslos.
Ja? Dann haben sie halt aufgemacht. Als ich da war, stand da Technische Pause 15 Minuten.
Hab dann eine halbe Stunde gewartet niemand kam. Bin dann auf den Markt, da gabs auch nix.
Du hast noch von Inventur gesprochen. Und dass du durch ganz Hamburg gefahren bist.
Jetzt drehte er sich endlich um, in den Augen reines Unverständnis.
Annegret, warum hakst du so auf Worten rum? Inventur, Pause, ist doch egal. Hab nix gekauft, fertig. Muss man doch kein Drama draus machen!
Annegret fühlte sich schuldig. Wirklich, was machte sie ein Theater? Vielleicht verwechselt, vergessen. Männer und Details, na ja…
Eine Woche später das gleiche Muster. Wilfried sagte, sein ehemaliger Chef hätte angerufen und ein Vorstellungsgespräch angeboten.
Eine große Firma, Annegret. Top-Gehalt, sagte er und machte einen Daumen hoch. Wenns klappt, leben wir bestens. Ich kauf dir einen Wintermantel!
Am Abend kam er düster nach Hause.
Und? fragte Annegret.
Ach, nur Bauernfängerei. Erst große Versprechungen, am Ende Hungerlohn und Sklavenzeiten. Hab denen gesagt: Sucht euch jemand anders.
Schade, seufzte Annegret. Klappt bestimmt noch. Wer hat eigentlich angerufen? Herr Reinhardt?
Welcher Reinhardt? Wilfried runzelte die Stirn, als verstünde er die Frage nicht.
Na, dein voriger Chef, hast doch erzählt.
Ach ja, nein, das war der Herr Küster, der stellvertretende Geschäftsführer, waren immer gut miteinander.
Der Reinhardt ist ja längst in Rente, er wich ihrem Blick aus und ging sich die Hände waschen.
Annegret wusste genau, dass er vor drei Tagen noch erzählt hatte, wie Reinhardt ihn zum Abschied zurückholen wollte.
Vielleicht stimmt mit meinem Gedächtnis was nicht? dachte sie.
Als Wilfried am Abend schlief, summte sein Handy auf dem Nachttisch.
Annegret hätte nie im Leben in fremden Telefonen gestöbert, das war unter ihrer Würde. Aber der Bildschirm leuchtete:
Schatz, wann zahlst du endlich zurück? Ist schon ein Monat. So geht das nicht.
Die Nummer war nicht eingespeichert.
***
Am Frühstückstisch fragte Annegret:
Wilfried, du hast nachts eine SMS bekommen. Jemand will das Geld zurück.
Wilfried verschluckte sich am Brötchen. Das Gesicht wurde schlagartig rot.
Verwechslung. Spam oder so. Heutzutage lauter Betrüger…
Es stand Schatz am Anfang.
Er lachte, der Ton hörte sich aber falsch an.
Betrüger wissen, wie sie an Leute rankommen. Ignoriers einfach.
Er ergriff das Handy und tippte heftig, löschte wohl etwas.
Ach ja, er wechselte das Thema, meine Tochter aus erster Ehe, die Regina, hat angerufen.
Ihr Sohn ist krank, braucht teure Medikamente. Ich kann doch nicht nein sagen, ist doch mein Fleisch und Blut.
Klar, jetzt war Annegret innerlich angespannt. Wie viel braucht sie?
So fünfzehnhundert Euro. Sonst weiß ich nicht, wo ich es herkriegen soll. Hilfst du mir aus?
Wenn ich wieder Arbeit habe, bekommst du alles zurück.
Annegret schaute ihn lange an.
Fünfzehnhundert Euro, wiederholte sie. Und was hat er genau?
Ach, eine schlimme Allergie. Quincke-Ödem, jetzt Reha.
Verstehe.
Sie holte das Geld aus der Kommode.
Hier.
Danke, mein Schatz! Er sprang auf, umarmte sie, gab ihr einen Kuss auf die Wange. Du bist ein Engel. Regina wird dir ewig dankbar sein.
Annegret fühlte sich den ganzen Tag unwohl. Nicht wegen des Geldes. Geld ist ersetzbar.
Sie spürte mit jeder Faser: Wilfried lügt.
Sie erinnerte sich daran, dass Wilfried mal das alte Tablet im Wohnzimmer lud. Das benutzte er kaum, immer war das Handy wichtiger.
Annegret kannte den einfachen Code vier Einsen. Hatte Wilfried ihr mal selbst gesagt, als sie nach einem Film suchte.
Sie öffnete die Messenger-App, scrollte. Ein Chat mit Regina Wilfried.
Kurz und knapp:
Papa, wann zahlst du endlich den Unterhalt? Mama will wieder zum Jugendamt. Wir haben nichts zu essen, und du erzählst Märchen!
Datum von gestern.
Sein Antwort:
Regina, hab Geduld. Hab da gerade eine blöde Gans an der Angel, gibt bald Kohle. Dräng mich nicht!
Annegret sackte aufs Sofa, die Knie wie Pudding. Eine Gans… Sie. Sie war die Gans.
Sie scrollte weiter. Ein Chat mit einer Janine.
Schatz, wo bist du? Ich warte doch! Du wolltest heute kommen!
Wilfried:
Bin unterwegs, Liebling. Hab grade bei meiner Tussi Kohle gebettelt vorgegeben, für den Enkel… Gleich bin ich da.
Sie legte das Tablet auf den Tisch. Ihre Hände zitterten nicht. Im Gegenteil alles wurde eisklar.
Das kreative Puzzle ergab sein Bild. Diese angeblich bösen Ex-Frauen, die ihn ausgenommen hätten. Die Pech-Ehen… Es gab keine Hexen.
Da waren normale Frauen, die offenbar von all dem Lügen einfach müde waren. Wilfried war kein Opfer, er war ein Schmarotzer.
Sie ging in die Küche, holte große Müllsäcke, dann ins Schlafzimmer, öffnete den Schrank.
Die Anzüge flogen samt Bügel in die Säcke. Hemden, Socken, das ganze Hab und Gut.
Sie sammelte Rasierer, Zahnbürste, Ladegeräte und stellte drei prall gefüllte Säcke vor die Wohnungstür.
Sie wechselte den Schließzylinder hatte es in zwölf Jahren selbst gelernt, passendes Ersatzschloss lag noch vom Umbau da.
***
Wilfried kam drei Stunden später, probierte den Schlüssel. Ruckelte, klingelte.
Annegret öffnete, ließ die Kette vor, ganz ruhig.
Annegretchen, warum hast du abgeschlossen? Das Schloss klemmt irgendwie… versucht er zu grinsen, doch die Unruhe ist ihm anzusehen.
Ich habe das Schloss gewechselt, Wilfried.
Wieso? sein Lächeln stirbt ab.
Weil die Gans klüger geworden ist.
Wilfried erstarrte.
Was erzählst du da? Welche Gans?
Die, die du aufwickelst. Deine Sachen stehen beim Aufzug. Nimm sie und geh.
Annegret, bist du verrückt? er versuchte sich zu empören. Wer hat dir was eingeredet? Ich war bei meiner Tochter und hab Medikamente abgegeben!
Ich habe die Chats gelesen, Wilfried. Mit Regina. Und mit Janine.
Er stockte. Für einen Moment Angst in seinen Augen, dann Hass.
Du… Du hast in mein Tablet geguckt? Was fällt dir ein! Das ist meine Privatsphäre! schrie er plötzlich.
Mein Zuhause, mein Portemonnaie. Und du ein Dieb und Lügner.
Ach, geh doch zum Teufel! bellte er. Als ob ich dich nötig hab, alte Schachtel! Aus Mitleid hab ich bei dir gewohnt! Kochen kannst du auch nicht, sogar dein Eintopf ist gammeliger Mist!
Nimm deine Sachen, Wilfried. Und die fünfzehnhundert Euro betrachte sie als Honorar für deine Vorstellung. Ziemlich günstig noch.
Er versuchte noch etwas zu sagen, aber Annegret schlug ihm die Tür vor der Nase zu.
Draußen ein dumpfer Fußtritt, wüster Fluch.
Sie ging in die Küche. Auf dem Tisch stand sein Becher mit kaltem Tee, am Boden ein trüber Satz.
Sie schüttete das Getränk in den Ausguss, warf den Becher hinterher in den Müll. Seine Lieblingstasse gleich noch dazu.
Das Handy vibrierte Götz, der Ex-Mann.
Hallo. Tochter hat erzählt, dass am Wasserhahn in deinem Schrebergarten was tropft. Ich fahr Samstag eh vorbei, soll ich mal reinschauen? Wie gehts dir?
Annegret lächelte.
Hallo. Schau ruhig vorbei. Es gibt Kuchen mit Tee. Mir gehts gut. Sogar besser als gedacht.
***.
Der Schmarotzer ließ Annegret noch lange keine Ruhe.
Er lungerte fast jede Nacht im Treppenhaus, mal jammernd, mal schreiend, mal drohend, sie rauszuqualmen aus der Wohnung.
Die Anzeige bei der Polizei half Wilfried gab auf.
Und Annegret? Sie wollte eigentlich nur noch eines. Ruhe. Frieden. Und… Einsamkeit.





