**Der Verstoßene Neffe**
Anna, ich diskutiere hier nicht mit dir, ich stelle nur Fakten auf den Tisch! fauchte die Schwiegermutter, Elisabeth Müller, mit einer Stimme, die jeden Wiederspruch ersticken sollte.
Und ich stelle Sie ebenfalls vor Tatsachen, konterte Anna, ihr Ton kühl und unbeeindruckt. Was auch immer Sie sich ausgedacht haben es interessiert mich nicht.
Klaus wird bei euch leben, erklärte Elisabeth kategorisch.
Das wird niemals passieren, entgegnete Anna mit entschlossener Miene. Sie schob eine Schale mit Pralinen über den Tisch, doch diese Geste hatte weniger mit Gastfreundschaft zu tun und war mehr ein Akt höflicher Kühle. Weshalb diese Diskussion, wenn es nichts zu verhandeln gab? Anna und ihr Mann hatten sich nicht freiwillig gemeldet, den Neffen aufzunehmen.
Das werden wir sehen, zischte Elisabeth mit einem kalten Blick, die Zeit wird zeigen, wer hier nachgibt.
Ich sage Ihnen das Ergebnis jetzt schon ich werde nicht nachgeben, sagte Anna, richtete sich auf und traf den durchdringenden Blick ihrer Schwiegermutter. In diesem stummen Duell der Augen war es Anna, die letztlich siegte. Elisabeth wandte sich ab.
Wer soll sich denn um ihn kümmern, wenn nicht ihr?
Oh, vielleicht sein eigener Vater? schlug Anna mit einem spöttischen Unterton vor.
Thomas ist völlig überfordert
Thomas hatte es nicht einmal versucht.
Dann vielleicht Sie, wenn Sie so erpicht darauf sind, schlug Anna vor.
Ein Kind sollte nicht ausschließlich bei seiner Großmutter aufwachsen!
Nun, dann gehen uns die Optionen wohl aus, sagte Anna sarkastisch und zuckte mit den Schultern.
Nein, mit ihr konnte Elisabeth hier nicht gewinnen.
Elisabeth Müller holte tief Luft, als wolle sie erneut ausholen. Sie war eine Frau mit Willenskraft, die selten ein Nein akzeptierte. Sie richtete ihren Fokus nun auf ihren Sohn, Johann, Annas Ehemann, der eher wie ein Schauspieler in einem Marionettentheater wirkte, gefangen zwischen zwei starken Persönlichkeiten.
Johann, mein Junge, du kannst deinen eigenen Neffen doch nicht im Stich lassen!, begann sie und hob beschwörend die Hände. Ihr habt doch schon eure Tochter, Luisa. Solch ein wunderbares Mädchen! Ein zweites Kind das merkt man kaum. Und es wird die Dynamik so bereichern, dass ihr euch bald fragen werdet, wie ihr je mit nur einem Kind gelebt habt.
Anna hatte das bereits früher klargestellt: Wenn sie ein zweites Kind in ihrer Familie wollten, würde sie selbst eines bekommen. Aber noch war die Zeit für diesen Gedanken nicht reif.
Klaus hat Eltern, sagte Johann ruhig, auch wenn seine Fassung durch den Druck seiner Mutter zu schwanken schien. Trotzdem wollte er seinen Neffen nicht dauerhaft aufnehmen.
Elisabeth seufzte theatralisch.
Johann, du weißt doch, dass Katharina… Ach, diese Frau! Sie ist fortgegangen, niemand weiß genau wohin. Sie hat den Jungen Thomas hinterlassen. Und Thomas…. Ihre Stimme bebte leicht, möglicherweise mehr aus Wut als aus Trauer. Er sitzt den ganzen Tag vor seinem Computer! Was für ein Vater soll das sein? Und jetzt, ohne Frau… Er wird das Kind niemals alleine großziehen können.
Anna konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen ja, ohne Frau nun. Allerdings war Klaus schon anderthalb Jahre alt, und in dieser Zeit hatte Thomas sich nie die Mühe gemacht, in die neue Rolle hineinzuwachsen. Alles, von morgens bis abends, hatte Katharina übernommen. Dass sie floh, konnte Anna zwar nicht gutheißen, aber ein kleiner Teil von ihr verstand es trotzdem.
Dann hilf ihm, schlug Johann vor. Sein Vorschlag trug die Last eines Menschen, der bereit war, Verantwortung zu teilen, ohne sie gänzlich auf sich zu nehmen.
Während sich die Diskussion von Anna auf Johann verlagert hatte, betrachtete Anna das Geschehen mit einem Hauch von Ironie. Sie liebte Johann für seine Prinzipientreue, auch wenn sie manchmal fand, dass er zu direkt war. Doch in solchen Momenten schätzte sie seine Beharrlichkeit.
Frau Müller, begann Anna schließlich, als sie spürte, dass Johann sich allein in einem schwierigen Gefecht befand, Johann und ich haben diese Angelegenheit bereits besprochen und eine Entscheidung getroffen. Wir können Klaus nicht aufnehmen. Wir haben Luisa, und wir möchten ihr das Beste bieten, das wir können. Noch ein Kind in die Familie aufzunehmen, ist einfach zu viel. Es tut uns leid, aber es ist so.
Elisabeth hatte ihre eigenen Vorstellungen und ließ sich nicht so leicht entmutigen.
Wer zwingt euch denn? rief Elisabeth empört. Ich flehe euch an, als Familie, als die Nächsten! Ich nehme euch doch nicht euer letztes Geld weg. Ich bitte euch nur darum, meinem Enkel ein Heim zu geben. Soll er denn bei mir, einer alten Frau, groß werden?
Mama, Johann versuchte behutsam, seine Mutter zum Gehen zu bewegen, wir können es nicht. Nicht in unserer gegenwärtigen Situation.
Natürlich spielten auch praktische Erwägungen eine Rolle wäre Luisa älter, oder hätten sie mehr Platz, dann vielleicht
Elisabeth öffnete den Mund, als wolle sie noch etwas einwenden.
Thomas wird Hilfe bekommen, unterbrach sie Johann, und wir sind bereit, dabei zu helfen, wo wir können sei es mit Ratschlägen oder indem wir Klaus hin und wieder ein paar Tage zu uns nehmen. Aber dauerhaft bei uns leben das geht nicht.
Am Ende musste Elisabeth aufgeben, zumindest scheinbar. Sie erhob sich schwerfällig, wie jemand, der für den Moment geschlagen ist, ohne wirklich aufzugeben.
Gut, sagte sie kühl. Wenn ihr so entschieden habt. Aber vergesst nicht: Kinder sind unsere Zukunft. Und manchmal, wenn man etwas ablehnt, verliert man etwas, das man nie zurückbekommen wird. Denkt darüber nach.
Nachdem sie Elisabeth hinausbegleitet hatten, fielen Johann und Anna wie nach einem langen Krieg in ihre Sessel.
Was für ein Charakter, murmelt Anna kopfschüttelnd, während der Nachhall des Gesprächs noch in der Luft lag.
Mach dir keine Sorgen, sagte Johann und nahm ihre Hand in seine, wir haben das Richtige getan. Und Mama sie wird sich wieder beruhigen.
Die folgenden Wochen vergingen. Wie versprochen begann Elisabeth, sich stärker um Thomas und Klaus zu kümmern. Tatsächlich zog Thomas mit Klaus wieder zu seiner Mutter zurück. Elisabeth, selbst in ihrem fortgeschrittenen Alter noch erstaunlich vital, übernahm die volle Verantwortung: Waschen, Kochen, Spazierengehen, Spielen und Vorlesen alles blieb an ihr hängen. Dass sie sich dabei hin und wieder über ihre Erschöpfung beschwerte, war der einzige Hinweis darauf, dass sie an ihre Grenzen stieß.
Thomas hingegen blieb seiner Gewohnheit treu.





